HersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Nr. 124 (erstes Blatt»
MuasasiKSMMMaMBi
81. Jahrgang
Sonnabend, den 30. Mai 1931
Neue Steuerpläne der Reichsregierung?
Die Krisensteuer kommt für alle festen Einkommen — Beamtengehaitskürzung um 4—6 v. Hundert?
Die Seefchlacht am Slagerral
, 31. Mai 1916.
Es war eine wunderbare, klare Maiennacht, als am 31. Mai, 2 Uhr morgens, Vizeadmiral Hisiper mit den fünf Schlachtkreuzern „Lützow", „Derfflinger", „Seydlitz", „von der Tann" und „Moltke", sowie vier kleinen Kreuzern und drei Torpedobootsflottillen den Jadehafen mit nördlichem Kurs verließ. Um 3.30 Uhr folgte Admiral Scheer mit den drei Geschwadern der Hochseeflotte, dem Rest der Aufklä- rungsstreitkräfte und Torpedobootsflottillen. Als die Sonne strahlend aufging war die ganze deutsche Flotte, die Groß- kampfschiffe in langer Kiellinie hintereinander fahrend und umgeben von den Torpedobooten und Zerstörern auf den Marsch gegen den Feind.
2^ Stunden vorher war auch die englische Flotte in Sel gegangen. Admiral Jellicoe hatte Nachricht von dem beabsichtigten Auslaufen der deutschen Seestreitkräfte erhalten und suchte ebenfalls Gelegenheit zum Kampf.
Die beiden stärksten Flotten der Welt fuhren gegeneinander. Die deutsche Flotte bestand aus 16 Großkampfschif- fen moderner Konstruktion, fünf Schlachtkreuzern, sechs älteren Linienschiffen, elf kleinen Kreuzern und 61 Torpedobooten. Die Engländer fuhren mit 28 Großkampfschiffen neun Schlachtkreuzern, acht Panzerkreuzern, 26 kleinen Kreuzern und 79 Torpedobooten gegen den Feind. Sie waren den Deutschen an Zahl der Schiffe, Geschützen und an Größe der Kaliber erheblich überlegen.
Am Nachmittag gegen 3.30 Uhr kamen während der Untersuchung eines dänischen Frachtschiffes die beiderseitigen Aufklärung?,treitk^äfte in Berührung. Hipper nahm entschlossen den Kampf auf und verwickelte den englischen Admiral Beatty mit seinen Kreuzern in, ein Gefecht. Damit ^MNN die„StuaerrakEcksiaM in drei große Abschnitte zu gliedern ist: 1. den Kampf der Schlachtkreuzer, 2. der Hauptkamvf der Hochseeflotten und 3. das anschließende Nachtgefecht.
Gegen 5 Uhr nachmittags lösten die Kreuzer der englischen und deutschen AufklärungsstreitkrcUte bei einem Ab- stand von zirka 15 Kilometern die ersten Schüsse. Die Deutschen wäre von Anfang an überlegen, sie schössen sich schnell ein, ihre Granaten zeigten eine verheerende Durchschlags- und Sprengkraft. Gleich nach Beginn des Gefechtes wurde der englische Schlachtkreuzer „Jndefatigable" zusammengeschossen und sank mit fast 1000 Mann Besatzung. Immer mehr wurden die Engländer bedrängt, bis ihnen vier Groß- kampfschiffe der „Queen-Elizabeth"-Klasse zu Hilfe kamen. Ihre 38-Zentimeter-Kanonen überschütteten die deutschen Schiffe mit einem Geschoßhagel. Trotzdem schössen diese gegen 5.30 Uhr den zweiten englischen Kreuzer, die „Queen- Mary" in den Grund. Immer erbitterter wurde der Kampf. Da nahte gegen 5.45 Uhr das deutsche Gros. Beatty erkannte die drohende Aernichtungsgefahr und gab Signal zur Kehrtschwenkung und zum Rückmarsch auf die herannahende Hauptflotte. Hipper folgte mit höchster Fahrt, konnte aber die schneller laufenden englischen Schiffe nicht mehr fassen.
Plötzlich erhielten die deutschen Schlachtkreuzer überraschendes Feuer vom Osten. Das 3. englische Schlachtkreuz- geschwader hatte sich überraschend der deutschen rechten Flanke genähert und begann das Feuer. Der kleine Kreuzer „Wiesbaden" wurde dabei manövrierunfähig geschossen und trotz heldenmütigen Kampfes später vernichtet. Inzwischen kam auch — unbemerkt von den Deutschen — Englands „Große Flotte" auf dem Kampfplatz an. Verbissen stritten die Schlachtkreuzer noch immer miteinander. Der Engländer „Defence" flog in die Luft, das Schlachtschiff „Warspite" muhte schwer beschädigt den Heimweg antreten.
Etwa um 7.30 Uhr hatten die Engländer ihre Gefechtslinie entwickelt. Admiral „Jellicoe" legte sich quer vor die Spitze der mit nördlichem Kurs heranbrausenden deutschen Flotte, deren Spitze dadurch schwer gefährdet wurde. Trotzdem gelang es noch, den englischen Schlachtkreuzer „Jnvin- cible" zu vernichten. Admiral Hood ging mit seinem Flaggschiff unter. Aber die Lage war für die Deutschen sehr un« günstig Die Engländer hatten bessere Sicht und konnten ihre Breitseiten besser anbringen. Trotzdem war Admiral Scheer entschlossen, die Schlacht durchzuschlagen. Um 7.33 Uhr gab er von seinem Flaggschiff „Friedrich dem Großen" das Signal, im Gefecht nach Steuerbord einzeln zu «enden und die Kielwasserlinie in entgegengesetzter Richtung wieder- Wteilen. Das gefährliche Manöver wurde mitten im
t glänzend durchgeführt. Admiral Scheer bekam damit seine Entschlußfreiheit wieder. Jellicoe blieb über die Absicht der Deutschen im Unklaren, Er beschloß, der deutschen Flotte mit südlichem Kurs zu folgen. Da die englische Flotte nicht sofort nachstieß und Scheer vermeiden wollte, einen Rückmarsch mit allen Nachteilen eines Rückzugsgefechtes anzutreten, er sich außerdem verpflichtet fühlte, einen Versuch zur Rettung der „Wiesbaden" zu unternehmen, setzte er plötzlich die Flotte zum zweiten Stoß an. Wieder mußte die deutsche Spitze dabei in eine ungünstige Laae kommen. Trotzdem glaubte er die Verantwortung überneh- men zu können. 7.55 Uhr erfolgte wieder das Signal zur Gefechtskehrtwendung. Diesmal gegen den Feind. Die deut» gm Spitzenschiffe kamen bald in äußerst ungünstiger Lage, miral Scheer befahl 8.13 Uhr „Schlachtkreuzer rag q&
den Feind, voll einsetzen!" Gleichzeitig erhielten die Linien schiffe Befehl zur Gefechtswendung auf Gegenkurs.
Todesmutig und rücksichtslos fuhren „Derfflinger" „Seydlitz", „Moltke" und „von der Tann" bis auf 10 Kilometer gegen die im Halbkreis die deutsche Flotte umfassenden englischen Schiffe. In ihrem Schutz folgten die Torpedoboote, die ebenfalls gegen den Feind vorstießen. Leidei ohne Erfolg. Dann drehten die deutschen Schiffe ab. Dei Engländer war verwirrt. Admiral Jellicoe verlor die Fühlung mit den Deutschen.
Scheer hatte die Freiheit des Entschlusses wiedergewonnen. Er befahl Kurs auf Hornsriff und dachte an den Rück marsch.in die deutsche Bucht. Vor ihm fuhren die Englän- oer, ebenfalls mit südlichem Kurs, immer noch mit der Absicht, den Deutschen den Rückweg zu verlegen. Inzwischen sank die Nacht hernieder. Es kam wiederholt zu kurzen Kämpfen mit der englischen Nachhut und leichten Streitkräften. Dabei wurde der englische Kreuzer „Black Prince" unk das deutsche Linienschiff „Pommern" sowie der kleine Kreuzer „Frauenlob" vernichtet. Auf deutscher Seite fielen infolge der Gefechtsbeschädigungen in der Nacht noch der Schlachtkreuzer „Lützow" und die kleinen Kreuzer „Elbing" und „Rostock" aus und mußten versenkt werden. Aber um 3.30 Uhr morgens am 1. Juni standen Speers Schiffe nur noch 16 Seemeilen westlich Hornsriff. Der Durchbruch unk Weg in die Heimathäfen war gesichert.
Gegen eine Ueberlegenheit an Großkampfschiffen von 21 zu 37 und an leichten Seeftreitkräften von 72 zu 105 (Angaben des Marinearchivs) haben die Deutschen in der Schlacht vor dem Skagerrak den Kampf mO der englischen Flotte siegreich bestanden. Eine strategische und politische Auswirkung aber blieb leider'aus.
wahrscheinlich aw Sonntag.
Berlin, 30. Mai.
Das Reichskabinett trat Freitagvormittag zusammen um sich zum ersten Male mit den Vorschlägen zu beschäftigen, die der aus Kanzler, Reichsfinanz- und Retchsarbeits- minifter bestehende Kabinettsausschuß für die neue Notverordnung gemacht hat. Die Beratungen werden sich auch über den ganzen Sonnabend ausdehnen und wahrscheinlich frühestens am Sonntag zum Abschluß gebracht werden. Er wird von zuständiger Seite erneut bestätigt, daß die endgültigen Pläne der neuen Notverordnung noch vor der Abreise des Kanzlers nach Chequers verabschiedet werden sollen. Die Veröffentlichung der Notverordnung dürfte dann in den ersten Tagen des Londoner Besuches erfolgen, weil nach der Verabschiedung der einzelnen Vorlagen erst die Drucklegung der Notverordnung erfolgen muß.
Auch jetzt werden zuständigerseits über den
Inhalt der neuen Notverordnung keinerlei Andeutungen gemacht; man begründet das damit, daß die Endgestaltung sich erst nach Abschluß der Beratungen ergeben könnte. Ein Berliner Abendblatt, das dem Reichs- 'inanzminifter nahe- steht, glaubt mitteilen zu können, daß der Sanierungsplan folgende Maßnahmen vorsieht:
1. Einführung einer erhöhten Einkommensteuer unter dem Namen einer „Krisensteuer", deren Sätze entsprechend der Einkommenhöhe von 1 bis 6 v. H. gestaffelt werden, und zwar neben der bisher erhobenen normalen Einkommensteuer und neben dem fünfprozentigen Einkommensteuerzuschlag auf diejenigen Einkommen, die über 8400 Mark liegen. Die Grenze dieser Krisensteuör wird wesentlich unter 8400 Mark liegen. Der Ertrag wird auf etwa 400 Millionen Mark geschätzt.
2. Kürzung der Beamtengehälter, gestaffelt nach der Einkommenshöye von 4 bis 8 v. H. Ertrag: 60 bis 70 Millionen Mark.
3. Abstriche an den Sachausgaben des Haushaltsplans, darunter 50 Millionen Mark am Reichswehretat, 40 Millionen an dem Fonds für politische, kulturelle, wissenschaftliche Zwecke usw., 20 bis 30 Millionen Mark an kleinen Einzelposten, so daß sich hier ein Gesamtertrag von 110 bis 120 Millionen Mark ergibt.
4. Fortfall der Kriegsbeschädigtenrenken für die geringeren Grade der Kriegsbeschadlgung (20 bis 30 v. H. Schädigung der Erwerbsfähigkeit) und Kürzung der Reichsaufwendungen für die Krisenfürforge durch Einführung einer Bedürftigkeitsprüfung. Gesamtertrag: 130 Millionen Mark.
5. Erhöhung der Zuckersteuer, die bisher 150 Millionen Mark erbringt, um ungefähr 120 Millionen Mark.
6. Neuordnung der Besteuerung von Benzin und Tabak (Wiederherstellung des Einzelverkaufs von Zigaretten und stärkere steuerliche Belastung der Zigarren zu Gunsten, der Zigaretten). Gesamtertrag beider Maßnahmen etwa 100 Millionen Mark.
Das Gesamtprogramm des Kabinetts würde einen Ertrag von 920 bis 940 Millionen Mark erbringen. Zur Deckung des Fehlbetrages, den man aus Mehrausgaben md Mindereinnahmen zur Zeit errechnen kann, sollen allerdings nur 730 Millionen erforderlich fein. Man sei aber Der Auffassung, daß es notwendig sei, vor allem auch mit
Rücksicht auf die kommenden außenpolitischen Verhandlungen und mit Rücksicht auf etwaige unerwartete neue Ereignisse, den Reichsfinanzen eine finanzielle Bewegungsfreiheit zu sichern, so daß gewisse Reserven über das im Augenblick errechenbare Defizit hinaus vorhanden sein müssen.
Falls der Sanierungsplan im Kabinett nicht noch wesentliche Aenderungen erfährt, würde er also die Deckung des gesamten Defizits und darüber hinaus die Schaffung von Reserven in Höhe von etwa 200 Millionen Mark ermöglichen.
Das Programm, dessen finanzielle Einzelheiten er- S werden durch Maßnahmen auf dem Gebiet der Ar- osenverficherung, soll zur Grundlage der außenpolitischen Besprechungen gemacht werden, die, in Cheque» beginnend, das Ziel einer Revision der Reparationrver- pflichkungen verfolgen.
keine Beiträgesenkung für die Arbeitslosenversicherung.
Die Meldung eines Blattes, das Reichskabinett beabsichtige, die Beiträge für die Arbeitslosenversicherung um 2 Prozent zu senken und einen Ausgleich durch Einbeziehung der bisher nicht versicherten höheren Einkommen (über 8400 Mark) zu schaffen, ist, wie von unterrichteter Seite Erklärt wird, falsch. Es sei völlig ausgeschlossen, durch die Einbeziehung der höheren Einkommen nicht nur die * Sanierung der Arbeitslosenversicherung, sondern auch eine | Herabsetzung der bisherigen Beiträge zu ermöglichen.
Sozial-emokrat» erneut beim Kanzler
Berlin, 30. Mai.
Das Reichskabinett hat die Beralmw. der No«ne«ab—>-*-»---««^ ■rowr'fertscfcfct. U wirdsr-z»- emt~Mu»t* —
nettssitzung zusammengetreten. Um 6 Uhr abends empfing der Reichskanzler Dr. Brüning die Führer der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, Dr. Dreitscheid und Dr. Hertz, zu einer erneuten Besprechung. Sie hatten offenbar den Wunsch, sich vor ihrer Abreise nach Leipzig über den Stand der Dinge unterrichten zu lassen.
Senfung der »rotpreiser
Erfolgreiche Bemühungen der preußischen Regierung.
Berlin, 3». Mai.
Nachdem es auf dem Wege verbilligter Abgabe von Roggen aus den Beständen der Deutschen Getreidehandels» gesellschaft gelungen ist, den Brotpreis in Berlin herab» zusetzen und auch in Leipzig auf die Gestaltung des Brot- preises Einfluß zu nehmen, sind von der preußischen Staats- regierung im Zusammenwirken mit dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft mit den lokalen Stellen Verhandlungen über eine Ausdehnung der Aktion auf industrielle Gebiete mit einer starken Arbeitslosenzahl eingeleitet worden.
In Köln wird in allernächster Zeit von den Brotfabriken und von den Konsumgenossenschaften der Preis für Graubrot von 50 auf 47 Pfennig, für Schrotbrot von 36 auf 34 Pfennig herabgesetzt werden. Eine gleiche Herabsetzung der preise durch die Kölner Bäcker ist zu erwarten. In weiteren industriellen Städten Rheinland-Westfalens, der Provinz Sachsen und in Frankfurt a. M. erfolgen entsprechende Einwirkungen auf die Gestaltung der Brotpreise. Ueber das Ergebnis der Bemühungen wird in allernächster Zeit die Oeffentlichkeit unterrichtet werden.
FranMche Gbeguers-Sorgen
Paris, 30. Mai.
Die bevorstehende Zusammenkunft deutscher und englischer Minister in Chequers bereitet den französischen Machtpolitikern um so größere Sorgen, je näher der Taa der Besprechungen rückt. Bezeichnend dafür ist eine gehässige Auslassung des „Temps". Die These Deutschlands, so schreib: das Blatt, ist, die Reparationen seien das Hindernis für jed« Erholung der deutschen Wirtschaft. Gleichviel in welcher Weise man das Problem ins Auge fasse, man stoße immer wieder auf die Forderung nach Revision des Noung-Planes weil man darauf abziele, und weil man andere Lösungen nicht einmal prüfen wolle. Um Deutschland aus der Lage in die es sich selbst gebracht habe, zu retten, sollen feine Gläubiger neue Opfer bewilligen; denn Deutschland verlange, daß man seine Reparationsverpflichtungen erleichtere Das wäre wirklich zu bequem. Selbst wenn es wahr wäre vaß die allgemeine Krise, die man bei der Annahme der Uoung--Planes nicht voraussehen konnte, eine tatsächlich« 30prozentige Erhöhung der deutschen Schuld zur Folge gehabt hätte und zwar wegen des Rückganges der Kaufkrasi des Goldes, dann würde man immer noch das Recht haben sich zu fragen, was die Deutschen in gutem Willen getar hätten, um diesen Zustand zu verhüten.
In Frankreich kann oder will man anscheinend nicht erkennen, daß Europa vor einer ernsten Wendung steht: Laß es Deutschland wirtschaftlich zusammenbrechen, dann muff er sich nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Rückwirkungen bedenklichen Ausnmhes für ganz Europa ergeben .