Hersfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt fssäs
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfeld | $un!»Bu^öruittrd In QttafM,m»elft»6eit®j
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Nr. 123
Freitag, den 29. Mai 1931
S1. Jahrgang
Der Aufstieg in die Stratosphäre geglückt
16 000 Meter Höhe erreicht — Gute Forschungsergebnisse — Glatte Nachtlandung auf einem Gletscher
BorstoK in die Stratosphäre geglückt
Piccard und sein Begleiter am Leben.
Sölden (Dentaler Alpen), 28. Mai.
Der Vertreter des Süddeutschen Korrespondenz- büros meldet: Nach der soeben bei der Gendarmerie eingelaufenen ersten authentischen Nachricht der Ret- tungsexpedition ist der Stratosphärenflug geglückt. Der Ballon hat eine Höhe von 16 000 Metern erreicht. Die Landung erfolgte glatt am Mittwochabend um 22 Uhr auf dem Gletscherbruch des Gurgler Ferner. Professor Piccard und sein Begleiter sind wohlbehalten und befinden sich zur Zeit auf dem Wege nach Obergurgl. Der Ballon und die Instrumente sind unbeschädigt und werden in Sölden geborgen werden. Die beiden Forscher benachrichtigten soeben ihre Angehörigen telegraphisch von der geglückten Vollendung ihres Unternehmens.
So lautete die Meldung, die über das Schicksal Professor Piccards und seines Begleiters alle Zweifel und Sorgen beseitigte. Bis in den ersten Nachmittagsstunden des Donnerstag war man über den Ausgang des Vorstoßes Professor Piccards in die Stratosphäre noch völlig im Ungewissen. Die Berliner Abendblätter bereiteten bereits auf eine Katastrophe vor. Selbst die Meldung, daß der Ballon oon dem Gastwirt Schaiber in Gurgl am Großen Gurgler Ferner in den Oetztaler Alpen liegend gesehen wurde And die spätere, daß die Insassen des Piccard-Ballons in bewußt-
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Piccards Flug.
losem Zustand geborgen worden seien, konnten die Besorgnisse über einen dramatischen Abschluß des ersten Strato- spyärenfluges nicht ganz beseitigen. Um so größer ist die Freude darüber, daß der abenteuerliche Vorstoß über die Erdatmosphäre hinaus gelungen und die beiden mutigen Forscher der Erde lebend zurückgegeben wurden.
Zwischen hoffen und Langen
Der Vormittag des Donnerstags brächte eine Unzahl von Nachrichten über Beobachtungen und Gerüchte, ohne daß es zunächst möglich wurde, sie im einzelnen nachzu- prüfen. Die letzte Sichtmeldung von dem Ballon stammte vom Mittwochabend 10 Uhr. Seitdem blieb der Ballon verschollen. Die verschiedensten Mutmaßungen tauchten auf: entweder der Ballon war in dem GletscKergebiet der Tiroler Alpen zerschellt oder er trieb noch irgendwo gen Süden, von allen Verbindungen losgelöst. Die Süddeutsche Luft-Hansa setzte morgens mehrere Flrigzeuge ein, die in der Richtung Pisa und Venebig die Gegend südlich des Brenner absuchten.. Ein Eraebnis wurde nicht erzielt, was dadurch zu erklären ist, daß das Gebiet südlich des Brenner stark bewölkt war, so daß Durchblick durch die Wolken nicht möglich wurde. Auch die zahllosen Erkundigungen bei hochgelegenen Gendarmerieposten blieben ergebnislos.
Die erste Meldung wurde schließlich von dem Karabi- uierikommando Meran gegeben, die besagte, daß Piccards Ballon im Schnallser Tal, westlich von Meran an der Süd- front der Oetztaler Alpen gelegen, niedergegangen sei. Diese Meldung war so bestimmt gehalten, daß man sie für zuver- «ssig hielt und die ganzen Beobachtungen auf dieses Alpen- ßebiel erstreckte. Offenbar war der Ballon von der italie- Blfdien Militärstation beobachtet und die Wahrnehmungen direkt dem Karabinierikommando Meran gemeldet worden. Und) die Angaben des Gastwirts Schaiber in Gurgl sind als mverlässig zu betrachten, denn von ihm stammen Einzel- Mien über den Landungsplatz, der etwa drei Stunden von Wkgl entfernt liegt.
Im ganzen italienischen Gebiet südlich der Oetztaler Alpen wurden Karabinieri- und Alpiniabteilungen alarmiert, die sich an der Suche nach dem Ballon beteiligten.
Der Vertreter des W. T. B. hat sich von Innsbruck aus mit dem Kraftwagen ins Oetztal begeben. Er kann von Sölden aus als erster authentisch die Landung Piccards auf dem Groß-Gurgler Ferner bestätigen. Der erste Augenzeuge, der den Ballon Piccards auf seiner abenteuerlichen Fahrt ins Oetztal verfolgt hat, ist der Wirt vom Gasthof zur Post in Sölden. Er berichtet, daß der Ballon Piccards Mittwoch abend etwa 20.30 Uhr in genau nördlicher Richtung in etwa 4000—5000 Metern Höhe das Oetztal hinauf in Richtung auf den Gurgler Ferner flog, der von Sölden aus durch den Nölderkogel verdeckt ist. Der Ballon war so deutlich im Mondschein sichtbar, daß man genau die schwarze und die weihe Hälfte der Gondel bei der Drehung im Wind unterscheiden konnte. Kurz nach 21 Uhr verschwand der Ballon unter dem Grat Rölderkogel. Diese Zeitangabe stimmt genau mit der von Vent aus gemachten Beobachtung des Ballons überein.
Es ist demnach anzunehmen, daß die Landung des Ballons zwischen 21 und 22 Uhr am Mittwoch erfolgt ist.
$ro|e||or Piccards erste Mitteilung
Inzwischen liegen die ersten Mitteilungen von Professor Piccard über den Stratosphärenflug und die Landung auf dem Eisfeld des Gurgler ferner vor.
Professor Piccard ist danach von dem Ergebnis seines Vorstoßes in die Stratosphäre befriedigt, da der Aufstiegtag für wissenschaftliche Beobachtungen besonders günstig war. Er habe reichhaltiges Forschungsmaterial sammeln können. Der Ballon sei im allgemeinen fest in seiner Gewalt gewesen. Infolge des außerordentlich klaren Meters fei der Auftrieb des Ballons tagsübtzx so groß gewesen, daß sich eine Landung am Tage nicht bewerkstelligen ließ. Er habe deshalb die Nacht zur Landung gewählt, wobei ihm allerdings keine allzu große Auswahl an Landungsplätzen blieb. Als er das «große Eisfeld des Gurgler Ferner erblickt habe, erschien ihm dies für eine Landung durchaus geeignet. Die Landung fei auch glatt vor sich gegangen, so daß kaum nennenswerte Beschädigungen der Gondel mit ihren Apparaten eingetreten sind.
Nachdem er den Ballon wohlbehalten zur Erde gebracht hatte, überzeugten sich die beiden Insassen davop, daß ein Abstieg in dem ihm völlig unbekannten Gelände während der Nacht nur mit persönlichen Gefahren verknüpft gewesen wäre. Deshalb entschlossen sie sich, in der Gondel zu bleiben. Am anderen Morgen stellten sie die näheren Oert- lichkeiten fest und begannen den Abstieg in Richtung Ober- ä. Kaum auf halbem Wege kam ihm bereits die erste ingsexpedition entgegen. Einige Expeditionsmitglieder geleiteten die beiden Stratosphärenforscher bis Obergurgl, während der Rest zur Landungsstelle vordrang, um den Ballon und die wertvollen Meßinstrumente in Verwahrung zu nehmen. Am Nachmittag trafen dann auch die von München aufgestiegenen Höhenflieger in Obergurgl ein. Von Innsbruck aus wurden österreichische Alpentruppen auf Lastkraftwagen nach Obergurgl beordert, die bei der Ab- montierung und Verstauung des Apparates Hilfe leisten werden.
Am Starttag wird piccard das fünfte Kind geboren.
Wie bekannt wird, schenkte Frau Professor Piccard in Brüssel am Tage des Starts ihres Mannes ihrem fünften Kinde das Leben.
Ein Telegramm Piccards
Bei der Riedinger Ballonfabrik in Augsburg ist folgendes Telegramm von Professor Piccard aus Obergurgl eingetroffen:
„Glücklich gelandet 21 Uhr auf Groß-Gurgler Gletscher. Ballon vorzüglich, konnte gar nicht vorher heruntergebracht werden. Werde in Obergurgl bleiben. Gruß Piccard."
Glückwünsche der Schweiz
Bern, 29. Mai. Unmittelbar nach Empfang der Nachricht von der glücklichen Landung Professors Piccards und seines Begleiters Kipfer richtete Bundespräsident Häberlin an die beiden Forscher folgendes Telegramm:
„Jd) beglückwünsche Sie namens des Bundesrats zu der außerordentlich kühnen, erfolgreichen und bahnbrechenden Tat, auf welche wir Eidgenossen alle mit Ihnen stolz sind." , Der Vorsteher des Eisenbahn- und Postdepartements, Bundesrat Pilet, sandte an Professor Piccard folgendes Glückwunschtelegramm: „Im Namen des Eisenbahndepartements und des Luftamtes dem Erfinder des Stratosphären» luftfahrzeuges, dem genialen Ballonführer und heroischen Forscher und seinem Assistenten herzliche Glückwünsche aus der Heimat."
Todesurteil für italienischen Anarchisten
Rom, 29. Mai.
Der Sondergerichtshof zum Schutz des Staates verurteilte den wegen eines Anschlages auf Mussolini angeklagten Anarchisten S ch i r r u zum Tode durch Erschießen.
Was bringt die neue
Notverordnung?
heute Kabinettsberatung.
Berlin, 29. Mai.
Wie wir erfahren, hat das Reichskabinett heute vormittag die Beratung der geplanten Finanzierungsmaßnahmen in Angriff genommen. Grundlage der Erörterung ist dar Ergebnis der gestern endgültig zum Abschluß gebrachten sogenannten Chefbesprechungen. Ueber
Einzelheiten des Inhaltes der kommenden Notverordnung läßt sich vor den Beschlüssen des Kabinetts noch nichts mit' teilen. Die Hauptpunkte des Programms sind: Einsparungen, Gehaltskürzung, verbunden mit einer allgemeinen Kri- sensteuer und Sanierung der Sozialversicherung, einerseits, Aenderung der Leistungen, andererseits durch Ausdehnung der Verficherungspflicht
Briand verteidigt
seine Außenpolitik
Paris, 29. Mai.
In der Kammer kam es gestern bei der Debatte über die Außenpolitik zu einer
Auseinandersetzung zwischen Franklin Bouillon
und Außenminister Briand.
Franklin Bouillon erklärte, er habe feine Interpellation ein« ! gebracht, weil das Kommunique im letzten Ministerrat be- | sagte, die Regierung habe Briand einmütig zu den in Genf erzielten Ergebnissen beglückwünscht. Er, Franklin Bouillon, könne Briand kein Vertrauen schenken. Die Kammer habe Briand einmütig den Auftrag erteilt, den Ansch 1 ußzu deLärn-pf^rn Briandsei Mr. HenüLrjan gefolgt, der durchsetzte, daß die Anschlußfrage auf das wirt- schaftliche Gebiet geschoben würde. Briand hätte sagen müssen,
die Anschlußfrage fei w 80 Prozent eine politische Frage.. Der Auftrag, den die französische Kammer Briand gegeben habe, fei nur unvollkommen erfüllt worden.
Außenminister Briand
wies die Verwürfe. die ihm Franklin Bouillon wegen seiner Haltung in Genf gemacht hatte, zurück. Briand erklärte, die französische Kammer habe als Abschluß der Diskussion der Interpellationen über den Anschlußversuch gefordert, die französische Regierung möge dieses Unternehmen verhindern. Die französische Delegation beim Völkerbund habe dic'e Aufgabe in Genf nach besten Kräften erfüllt. Denn Frankreich habe b’e Stimmen aller erhalten. Es ist hervor- gehoben worden, daß man
keinen Unterschied zwischen der politischen und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Oesterreichs
machen könne. Da Oesterreich und Deutschland nicht mü England und Frankreich in juristischer Hinsicht einig gewesen seien, habe man die Angelegenheit vor den Haager Gerichtshof gebracht. Das entspreche der Gepflogenheit und das sei kein Verrat. Schober habe zweimal erklärt, Oesterreich würd« । sich der Fortsetzung der Verhandlungen mit Deutschland enthalten, so lange das Haager Gericht nicht gesprochen habe. Briand erklärte weiter im Hinblick auf die Abrüstungskonferenz,
Frankreich habe im übrigen niemals einen Unterschied zwischen seinen Interessen und den Interessen der polnischen Regierung gemacht. Niemals sei er, Briand, in Genf mit einer solchen Atmoshäre der Herzlichkeit und Sympathie umgeben gewesen wie diesmal. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Italien entwickelten sich nach einer völligen Einigung hin. Er habe angesichts des guten Willens der Nationen die feste Ueberzeugung, daß die Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt werden würden. Briand beteuerte, daß er nicht an feinem Posten klebe. Aber der Staatsmann, der nach ihm kommen würde, könnte nicht etwas unternehmen, was dem zuwiderlaufen würde, was er getan habe. Wenn er als Minister zurückträte, würde er nur im Lande fein« Friedenspolitik verteidigen. Aber man dürfe nicht einen Centime zu viel für unnütze Verteidigungszwecke vergeuden, zumal das Land schon von Steuern erdrückt werde. Alles, was für die Sicherheit notwendig sei, habe er unternommen, ohne deswegen feiner Friedenspolitik zu schaden.
Die Thüringer Negierungskoalition gefährdet?
Weimar. Der auf Antrag der Wirtschaftspartei am Donnerstag im Ausschuß herbeigeführte Beschluß auf Aufhebung des sechsprozentigen Zuschlages zur Mietzinssteuer hat Den Finanzminister Baum zu einer scharfen Erklärung veranlaßt, in der er darauf hinwies, daß die Staats- finanzen einen Steuerausfall von 1 % Millionen» wie er durch den Fortfall des Mietzinssteuerzuschlages entstehen würde, nicht vertragen könnten- Wie verlautet, haben sich aus dieser Annahme des wirtschaftsparteilichen Antrages ernste Meinungsschwierigkeiten innerhalb der Regierungs koalition ergeben.