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hersfel-erTageblatt

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Amtlicher Inzeiger für den Kreis Hersfeld j Sunfe Bu46entfetd In 5<nhU,tniielUMMVl^^

Nr. 122

Donnerstag, den 28. Mai 1931

81. Jahrgang

Bros. Piccards Dorstost in die Stratosphäre

Glatter Start in Augsburg Ueber dem Bodensee 14000 Meter erreicht 3m Alpengebiet gut beobachtet

Um Deutschlands koloniale Freiheil

Aus dem Jahresbericht der Deutschen kolvnialgesellschafl anläßlich ihrer Frühjahrstagung vom 28.30. Mai in Berlin.

Will man das koloniale Ergebnis des Jahres 1930 aus eine kurze Formel bringen, so kann man sagen, dah das Jahr uns zwar keinen Ausweg aus der bisherigen kolo­nialpolitischen Stagnation gebracht hat, doch aber eine Er- starkung des kolonialen Willens im Volke, die günstigere Aussichten auf eine baldige Erfüllung unserer kolonialen Forderungen eröffnet, als es noch zu Anfang des Jahres schien.

Das politische Geschehen des Jahres 1930 gliedert sich in vier große Etappen, deren erste mit der vorläufigen Lösung der Neparationsfrage durch den Poungplan und der Befreiung der Rheinlande einen lang­wierigen und schweren außenpolitischen Kampf der Reichs- regierung zum Abschluß brächte. Vergeblich haben sich die Deutsche Kolonialgesellschaft und die Koloniale Reichsar- beitsgemeinschast bemüht, ihrer Auffassung Geltung zu ver­schaffen, daß der Abschluß eines neuen Reparationsabkom- mens, das das deutsche Volk auf Jahrzehnte zu gewaltigen finanziellen Leistungen verpflichten sollte, die Erfüllung der kolonialen Notwendigkeiten zur Voraussetzung habe, wie sie von der deutschen Sachverständigen-Kommission in Paris in ihrem Gutachten eindeutig und einwandfrei for­muliert waren.

Aber weder auf der ersten noch auf der zweiten Haager Konferenz hat die Reichsregierung es unternommen, die kolonialen Voraussetzungen der Erfüllbarkeit jeglichen Re- parationsplanes zur Erörterung zu stellen, und selbst unser letzter Appell, die Reichsregierung möge wenigstens hinsicht­lich der Frage der Liquidationserlöse deutschen Auslands- und Kolonial-Eigentums dem deutschen Rechtsstandpunkt ohne Kompromisse Geltung verschaffen, hat eine durchaus unbefriedigende Berücksichtigung gefunden.

Ein allerletzter Versuch, bei den Verhandlungen des Reichstages über die Annahme des Uoung-Planes Reichs- .regierung und Parteien davon zu überzeugen, daß die An­nahme der Poung-Gesetze nicht nur eine Sanierung der deutschen Finanzen auf der gegenwärtigen Wirtschaftsbasis verlange, sondern eine Erweiterung der Wirtschaftsbasis durch Erschließung eigener Produktions- und Absatzgebiete in Uebersee, ist in dem Streit der Parteien für und wider den Poung-Plan unberücksichtigt geblieben, trotzdem die Ab­geordneten Dr. Schnee (DVP.), Ulitzka (Ztr.) und Dr. Reichert (DNVP.) die Regierung energisch auf die kolonialen Voraussetzungen der Erfüllbarkeit des Poung-Planes Hin­wiesen.

Die zweite Etappe deutscher Politik im Jahre 1930, charakterisiert durch die Bildung des Brüning-Ka- b i n e t t s und durch das Hindenburg-Programm einer Ge­sundung unserer Finanzen und einer Belebung der ge­samten Wirtschaft, gab uns nur insoweit die Möglichkeit, unseren kolonialen Forderungen Gehör zu verschaffen, als in verschiedenen Erklärungen der Reichsregierung die Not­wendigkeit einer Gesamt-Liquidation des Krieges betont und in einer Entschließung des Reichstages von Zentrum bis zu den Sozialdemokraten die Forderung erhoben wurde, daß in d'en zukünftigen internationalen BeziehungenRaum für die Anerkennung der noch nicht befriedigten Lebens­notwendigkeiten Deutschlands geschaffen werden müsse.

Die Neuwahlen zum Reichstage stellten die dritte Etappe in dem politischen Geschehen des Jahres 1930 dar. Sie standen unter dem Eindruck der tiefen Unzu­friedenheit weiter Kreise des deutschen Volkes mit den bis­herigen Ergebnissen der Reichspolitik.

Auf der Tagung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Hannover hat der Präsident, Gouverneur Dr. Seitz, die Forderung erhoben, daß mit der P o l i t i k des Ab - wartens auf kolonialem Gebiete nunmehr endlich Schluß gemacht werde, und daß von der zukünftigen Reichsregierung auch auf k o l o n i a l p o l i t.i s ch e m Ge­biete ein neuer Kurs erwartet werden müsse. Die Deutsche Kolonialgesellschaft wandte sich daher mit einem Appell an alle Parteien des Reichstages, nach Wiederauf­nahme der parlamentarischen Arbeit für eine entschiedene Kolonialpolitik einzutreten und im Reichskabinett in diesem Sinne zu wirken. Die Antworten der Parteien, von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei bis zur Staatspartei, lauteten durchaus im Sinne unserer Forde­rung, und schienen zu dem Optimismus zu berechtigen, daß nunmehr die Parteien den schweren Schritt von der kolo­nialen Einsicht zum kolonialpo itischen Handeln zu machen bereit seien. Eine große Hoffnung lag für unsere kolo­niale Sache in dem Erstarken der entschlossenen nationalen Bewegung und in dem starken Hervortreten der national­gesinnten deutschen No chkriegsgeneration. Der Ruf nach nationaler Erneuerung, der immer stärker von diesen poli­tischen Kreisen ausgeht, begreift auch die Forderung nach der endlichen Wiedergewinnung der kolonialen Freiheit in sich.

In die vierte Etappe deutscher Politik, charakterisiert durch den Versuch einer durchgreifenden Sanierung der deutschen Finanzen angesichts der bedrohlichen

Wirtschaftslage, fiel die vom Arbeitsausschuß deutscher Ver­bände und der Kolonialen Reichsarbeitsgemeinschaft einge­leitete große Aktion der Wirtschafts- und Berufsverbände gegen die englischen Ostafrikapläne, eine Be­wegung, die weit über die verhältnisnn 'zig engen Grenzen der organisierten kolonialen Bewegung hinaus die Mehr­heit des deutschen Volkes erfaßte und ein weithin sichtbares Zeichen dafür war, daß der koloniale Wille in Deutschland im entscheidenden Augenblick eine breite Kampffront zu schaffen fähig ist. Nach allen Mißerfolgen unserer Versuche die Regierung zu einer Aktivität aus kolonialem Gebiete zu bestimmen, darf doch diese Tatsache hoffnungsvoll stimmen, daß noch niemals seit dem Kriege das koloniale Verständnis in der großen Oeffentlichkeit so lebhaft war und der kolo­niale Wille großer Parteien und Verbände so deutlich Aus­druck gefunden hat. Der von Jahr zu Jahr wachsende Wille der Nation zur Befreiung von den Fesseln des Versailler Vertrages wird schließlich auch die Reichsregierung be­stimmen, aus ihrer bisherigen kolonialen Reserve heraus- zutreten und mit den änderen großen Aufgaben einer Re­vision der untragbaren Bestimmungen des Friedensvertrages auch unsere koloniale Forderung in den Mittelpunkt ihrer Außenpolitik zu stellen.

piccards Vorstoß in die Stratosphäre

Augsburg, 28. Mai.

Nach sehr sorgfältig betriebenen Vorbereitungen ist Professor Piccard mit seinem 22 000 Kubikmeter fassenden Freiballon zum Flug in die Stratosphäre am Mittwoch früh wenige Minuten vor 4 Uhr gestartet. Das Wetter war fast windstill. Der Ballon mit der schwarzsilbernen Alumi­niumgondel in Kugelform stieg diesmal ohne SchwierigkLileu. und Zwischenfälle aus. Der Ballon, der nach seinem Start gegen 5 Uhr morgens rasch eine sehr große Höhe erreicht hatte, konnte bis um die Mittagsstunde noch gesichtet werden, und zwar über dem Bodensee bei Lindau.

In der Begleitung Professor Piccard befand sich sein Assistent Ingenieur K i p f e r. Die beiden Herren hatten den ganzen Tag vorher an den Vorbereitungen gearbeitet. Abends um 11 Uhr wurde mit der Füllung des Riesen­ballons begonnen, die Gondel war fix und fertig ver­proviantiert und wissenschaftlich ausgerüstet. An Proviant nahmen sie verhältnismäßig wenig mit, nämlich etwas Tee, einige Flaschen Kognak und mehrere Schinkenbröte. Um 3 Uhr morgens war alles startklar, dann verabschiedete sich Piccard und sein Begleiter von der Werksleitung der Rie- dingerschen Ballonfabrik und den wenigen eingeweihten Freunden, die sich zum Abflug eingefunden hatten. Fast regungslos stand der riesige birnenförmige Ballon, der genau dieselbe Füllung wie beim ersten Startversuch erhalten hatte. Die Absperrung um den Ballon war diesmal auf das strengste durchgeführt, so daß selbst die zahlreichen Pressevertreter und Photographen nicht an die Gondel her- ankonnten. Nur die oberste Werkleitung und die aus Schupoleuten und Arbeitern der Ballonfabrik bestehende Startmannschaft waren um die Gondel beschäftigt. Man sah Professor Piccard im grünen Sportanzug und mit einer Zipfelhaube auf dem Kopf die letzten Anweisungen erteilen. Um 3.30 Uhr schlüpfte er mit Ingenieur Kipfer in die Gondel, die alsbald hermetisch geschlossen wurde. Um 3.55 Uhr erfolgten kurze Kommandos. Unmittelbar darauf erhob sich der Ballon unerwartet schnell vor den Augen der ziemlich überraschten Zuschauer in die Lüfte. Erst als er über dem Fabrikgelände schwebte, erfolgte lautes Hände­klatschen. Der Ballon schlug zunächst nordwestliche Richtung ein, drehte sich dann aber in etwa 1000 Meter Höhe nach Südosten und glänzte wie eine weiße Kugel in der Morgen­sonne. Er blieb lange den unbewaffneten Augen sichtbar und schwebte etwa anderthalb Stunden nach dem Start am südöstlichen Horizont in schätzungsweise bereits fünf­tausend Meter Höhe und ungefähr drei Kilometer Ent­fernung. Bis 7.30 Uhr, also dreieinhalb Stunden nach dem Aufstieg, war Professor Piccards Ballon dem unbewaffneten Auge am leichtbewölkten Horizont noch deutlich sichtbar. Dann entschwand er den Blicken.

In die Gondel waren vier Apparate mit Messungs- inftrumenten, u. a. eingebaut. Außerdem wurden 400 Kilo­gran.. . Bleistaub' als Ballast und drei Fallschirme, sowie die für die Atmung der Insassen, notwendigen Sauerstoff­flaschen mitgenommen. Die mutigen Forscher rechneten mit einer Flugdauer von etwa sieben Stunden und wollten bereits dreieinhalb bis vier Stunden nach dem Aufstieg das gewünschte Ziel, die Stratosphäre, in Höhe von 16 000 Me­tern erreichen. In der Kugelgondel befand sich keinerlei Würmevorrichtung.

Die Stratosphäre erreicht?

Piccards Ballon wurde im Laufe des Mittwoch zunächst in verschiedenen schwäbischen Orten in beträchtlicher Höhe als kleine silberne Kugel gesichtet, unter anderem in Kempten und über Lindau am Bodensee.-

Wie die Schweizerische Depeschenagentur meldet, erhielt der Flugplatz in Basel gegen 12.30 Uhr die Nachricht, daß Piccard ungefähr in 14 000 Meter Höhe über dem Boden- see schwebe und in westlicher Richtuna treibe.

Gegen 14.30 Uhr wurde der Ballon Piccard ganz überraschend in der Gegend von Partenkirchen gesichtet Er war in außerordentlich großer Höhe als winziger heller Punkt, zuweilen von Cirruswolken bedeckt, deutlich zu beob­achten. Anscheinend treibt der Ballon in westlicher Richtung. Zuletzt stand er über dem Ettaler Mandl. Um 15.30 Uhr stand Piccards Ballon in zirka 4000 Meter Höhe ungefähr zwischen Oberammergau und Schongau über dem Peißen- berg. Er war von beiden Orten aus deutlich zu beob­achten. Die Flugrichtung war, von Oberammergau aus ge­sehen, ungefähr nördlich, so daß sich der Ballon wieder in Richtung LandsbergAugsburg und offenbar im Sinken befand.

Während des Nachmittags wurde der Ballon im Alpen- zebiet mehrfach deutlich gesichtet. Ab 4 Uhr nachmittags entschwand er den Blicken der Erdbeobachter, da der Himmel fid) mehr und mehr bewölkte. Gegen 5 Uhr konnte er von »er Wettersteinwand aus über Partenkirchen wieder beob- «chtet werden. Man schätzte seine Höhe auf etwa 4000 Meter Höhe.

Ueber der Zugspitze

Garmisch, 28. Mai. Vom Hotel Schneefernerhaus auf dem Zugspitzplatt wird mitgeteilt, daß Piccards Ballon von dort aus schon seit 17 Uhr deutlich zu beobachten ist. Er steht seit dieser Zeit nahezu unverändert ungefähr in der Richtung der Mitte des Zugspitzplatt. Sein Standort dürfte demnach in der Richtung des Jnntales beziehungsweise des Etfch-Tales zu suchen sein.

Starke Schwankungen von piccards Gondel.

Um 19 Uhr ist der Ballon noch immer deutlich von der Sonne hell beleuchtet am wolkenlosen Himmel sichtbar. Er hat inzwischen zirka eintausend Meter an Höhe verloren, dürfte also noch in Höhe von etwa 4000 Metern stehen.

Iraenbvpddie Anzelchen bnfür daß eine Landung unmittelbar bevorsleht, nicht zu erkennen. Der Ballon scheint in der Luftschicht, in der er jetzt schwebt, starke Strömungen vorgefunden zu haben, denn die Gon­del schwankt für das freie Auge deutlich erkennbar in den Luftströmungen hin und her.

Die letzte Beobachtung über Piccards Ballon

Innsbruck, 28. Mai.

Seit Einbruch der Dunkelheit nach 8.30 Uhr des Abends liegen keine Nachrichten mehr über den Standort des Bal­lons Piccards vor. Aus dem bis zu diesem Zeitpunkt vor­liegenden Sichtmeldungen ergibt sich, daß der Ballon bereits südlich des Jnntal-Abschnittes Landeck-Telfs sich befindet mit vermutlicher Flugrichtung Süd. Die letzten Angaben über die Höhe schwanken übej 3000 und 5000 Meter.

Notsignale

Vom Jnnsbrucker Flughafen aus hatte man kurz vor Dunkelwerden Notsignale nach dem Ballon gesandt, kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob sie vom Ballon aus mit einem Signal beantwortet wurden. Die Leitung des Flughafens will heute bei eindeutiger Standortbestimmung des Ballons ein Flugzeug aufsteigen lassen, das den Ballon auf seinem Fluge beobachten soll. Gestern gegen Mitter­nacht herrschte nach wie vor leichter Nordwind.

Luft und Lebensmittel für zwei Tage

Zu den auftauchenden Befürchtungen, daß Piccards Luftvorrat in der verschlossenen Metallgondel nur für etwa 15 Stunden reichen würde, teilt die Ballonfabrik Riedinger auf Anfrage mit, daß Piccard nicht nur Luftvorrat, sondern auch Lebensmittel für mindestens zwei Tage an Bord hat.

Das Ziel Professor Piccards

Am 14. September vorigen Jahres war der erste Start­versuch mißlungen, offenbar weil damals der Ballon zu schwer war. Der Gelehrte ließ sich aber durch diesen Miß­erfolg nicht beirren, sondern er nahm auf Grund der Er­fahrungen, die er damals gemacht hatte, zahlreiche Verände­rungen an dem Ballon vor, die sich offenbar gut bewährt haben Ebenso phantastisch wie das Unternehmen, ist das Ziel, das dieser Columbus der Stratosphäre verfolgt. In 16 Kilometer Höhe ist die Atmosphäre nur etwa ein Zehntel , bis ein Vierzehntel so dicht wie auf der Erdoberfläche. Die f rätselhafte kosmische Höhenstrahlung, die seit Jahren die i Physiker beschäftigt, hat in diesen Höhen eine ungleich größere Intensität als bei uns, da sie ungleich kleinere Ab- iorptionsverluste erleidet. Diese Verhältnisse durch Messun­gen der kosmischen Höhenstrahlung zu klären und damit uns einen großen Schritt weiterzuführen, in der Kenntnis ihrer Entstehungsursachen, die direkt in die Probleme der kos­mischen Energiequellen, des Atom-Jnnern, des Nordlichts und andere astrophysikalischer Erscheinungen sichren, war das Ziel dieses Vorstoßes in die Stratosphäre. Neben dieser wissenschaftlichen erfüllt die Piccardsche Silberkugel noch eine technische Mission: die genaue Erforschung der Witterungsverhältnisse in der Stratosphäre dem zukünfti­gen Luftverkehrsweg der Transallontikflugzeuge und ber Post- und Personenraketen einer > "eicht schon nahen Zu­kunft. Ziele, die wohl den Ein' zweier Menschenleben lohnen. Und daß fiep Menschen s den, die den Einsatz wagen, ist ein helles Ereignis in ' -r trüben Zeit.