Hersfrl-erTageblatt
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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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itlicher Anzeiger für den Kreis Kerskelü ■ $anteBu$6m<trtei In Yn^el», MIItzlte^ütt§dUk
Nr. 121
Mittwoch, den 27. Mai 1931
S1. Jahrgang
Am Aoungplankatastrophe zu verhindern...
ist unter Garantie Englands, Frankreichs und Italiens eine internationale Anleihe von 2 Milliarden für Deutschland geplant
Genfer Arbeitszeitverhandlungen
Von unterrichteter wirtschaftlicher Seite wird uns geschrieben:
Am 28. Mai tritt in Genf die internationale Arbeits- konferenz zusammen, die sich neben anderen Fragen in der Hauptsache auch mit dem Entwurf eines Uebereinkommens zur Festsetzung einer kürzeren Arbeitszeit im Kohlenbergbau zu beschäftigen haben wird. England hat das größte Interesse an dem Zustandekommen einer internationalen Arbeitszeitverkürzung. Die englische Labourregierung muh nämlich Anfang Juli nach Ablauf des Gesetzes von 1926 aus Grund ihrer Wahlkampfversprechungen die Arbeitszeit im Kohlenbergbau auf 7 Stunden nach englischer, auf 7^ Stunden nach deutscher Berechnung verkürzen und hat deshalb das Bestreben, vorher eine internationale Regelung der Arbeitszeit herbeizuführen, die überall die Arbeitszeit entweder auf das Maß der englischen oder aber auch eine geringere Kürzung als die Versprochene mit Berufung auf das internationale Abkommen ihren Arbeitern schmackhaft machen kann. In beiden Fällen-würde jedenfalls eine Beeinträchtigung der Konkurrenzfähigkeit der englischen Kohle vermieden werden.
Es läßt sich unschwer nachweisen, daß die ganze Behandlung der Arbeitszeitfrage im Kohlenbergbau durch Genf in den letzten Jahren langsam aber sicher auf dieses wesentlich englische, teils wirtschafts- teils innenpolitische Ziel hingesteuert worden ist. Demgegenüber kann der deutschen Politik der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie die wirtschaftliche Seite der Angelegenheit wie sie für Deutschland liegt, entweder nicht genügend gesehen, oder sie aus überwiegenden sozialpolitischen Erwägungen und Bestrebungen heraus nicht gebührend berücksichtigt hat. Deutschland ist rein wirtschaftlich gesehen darauf angewiesen, in der Bergbau gegenüber dem Englands und anderer Länder burd die geologischen Verhältnisse ungünstigere Frachtbedingungen, höhere Löhne, Sozial- und Steuerlasten, sowie die Reparation im Wettbewerb erheblich benachteiligt wird. Dazu kommt, daß ein internationales Arbeitszeitabkommen nur in Deutschland mit der hier üblichen Genauigkeit der Kontrolle eingehalten würde, während in anderen Ländern entsprechend ausgebaute und funktionierende amtliche Kontrolleinrichtungen nicht vorhanden sind. Schließlich haben Länder wie England noch die Möglichkeit, eine durch Verkürzung der Arbeitszeit eintretende Erhöhung der Produktionskosten durch eine verstärkte Rationalisierung, für die es im deutschen Bergbau keine Möglichkeiten mehr gibt, sowie durch Preiszugeständnisse auszugleichen, die besonders England durch die enge Verflechtung seines Kohlenbergbaus und seiner Schiffahrt ermöglicht werden.
Die Vertreter des Reichsarbeitsministeriums haben sich gegenüber den Engländern nicht nur auf eine Arbeitszeit von 1% Stunden und jährlich 16 Ueberstunden im Steinkohlenbergbau, sondern auch noch durch andere Zugeständnisse gebunden, während die deutsche Regierung ursprünglich eine Reihe von Forderungen im Sinne der wirtschaftlichen Notwendigkeiten des deutschen Kohlenbergbaus aufgestellt hatte. Nachdem die Vertreter des Reichsarbeitsministeriums sich so weit mit den Engländern eingelassen haben, hat dem Vernehmen nach der Reichsarbeitsminister selbst ein nachträgliches Abweichen von den gegebenen Versprechen im Hinblick auf größere außenpolitische Erfordernisse für unmöglich erklärt.
Im übrigen könnte man an zwei solcher weitergreifenden außenpolitischen Pläne denken. Einmal liegt die schon oft erörterte Idee einer allgemeinen wirtschaftlichen Kohlen- verständigung nahe, die kürzlich auch bei den Besprechungen Stegerwalds mit dem englischen Bergbauminister eine Roll« gespielt haben sollen. Demgegenüber muß aber darauf hingewiesen werden, daß ein internationales Arbeitszeitabkommen die Aussichten auf eine wirtschaftliche Kohlenverständi- gung mit England keineswegs vergrößern würde. Denn England hat einfach gar nicht die Organisation, die wie die deutschen Kohlenwirtschaftsorgane als Verhandlungspartner in Betracht käme. Vor allem ist dort der Kohlenhandel völlig frei, kann also durch eine Abmachung mit den englischen Syndikaten, die nur die Produktion nicht aber den Verkauf regeln, nicht gebunden werden. Wenn die deutsche Regierung aber weiter die Hoffnung gehegt haben sollte, daß ein Nachgeben in der Arbeitszeitfrage für den Kohlenbergbau ihr eine Unterstützung der englischen Labourregierung in außenpolitischen Fragen, etwa der der Deutsch-österreichischen Zollunion, oder den deutsch-österreichischen Reparationsfra- gen bringen würde, so hat der Verlauf der Genfer Beratungen darüber gezeigt, daß sie in diesen Erwartungen stark enttäuscht worden ist.
Nie konnte bisher von der deutschen Regierung auch nur ein Grund genannt werden, der im deutschen Interesse für eine internationale Arbeitszeitregelung in der Kohle spräche. Um so mehr ist von der deutschen Regierung zu verlangen, daß sie jetzt im letzten Augenblick in allen Punkten, in denen man bereits der Verständigung zuliebe nachgeben will, die Forderungen vertritt, die im deutschen Interesse vertreten werden müssen Vor allem müssen Sonderregel mgen für andere Länder von vornherein als undiskukabel bezeichnet werden.
15. Internationale Arbeitskonserenz
Anker polnischem Vorsitz.
Genf, 27. Mai.
Die 15. Internationale Arbeitskonserenz, die an Donnerstag beginnt, ist mit einer Sitzung des Verwaltungs rats des Internationalen Arbeitsamts eingeleitet worden Für die Arbeitskonserenz haben sich bis jetzt 45 Staaten angemeldet. Die deutsche Regierung entsendet den früherer Arbeitsminister Dr. Brauns und den Ministerialdirektoi Dr. Silier. Für den Vorsitz ist diesmal Polen an bet Reihe. Die Konferenz dürfte daher den ständigen Vertreter Polens beim Völkerbund, Sokal, zum Präsidenten wählen. Danzig wird auch diesmal wieder fehlen, weil bh Frage der Mitgliedschaft Danzigs zur Internationalen Arbeitsorganisation infolge der zögernden Haltung Polens immer noch unentschieden ist. Die Konferenz wird ungefähi drei Wochen dauern. Die Hauptberatungsgegenstände sink die schon genannte Frage der Arbeitszeit in den Bergbau betrieben und die Frage der Arbeitslosigkeit.
Anleihe statt Revarationrkürzuaz
„Daily Herold" macht darüber sensationelle Mitteilungen.
Das besonnte englische Arbeiterblatt „Daily Herold" irachte von seinem diplomatischen Mitarbeiter bemerkenswerte Mitteilungen die in Berliner politischen und zu- tändigen Kreisen und in der ganzen diplomatischen Welt größte Sensation hervorgerufen haben.
Angeblich erwäge man in internationalen Finanzkrei- en eine internationale Anleihe für Deutschland, die unter Garantie Großbritanniens, Frankreichs und Italiens gegeben werden solle. In einer solchen Anleihe sähe man das nnzige Mittel, um einen Zusammenbruch des Houngplans inb der Bcpgrgfiongm^wng^ verhindern. Der Preis- turz auf den Weltmärkten und die Wirtschaftskrise' in Deutschland hätten eine Lage herbeigeführt, die die Unter- ländler im Haag nicht hätten voraussehen können.
Deutschland zähle tatsächlich ungefähr 30 Prozent mehr als die Summe, die der Doungplan als Grenze seiner Zah- ungsfähigkeit festgesetzt habe, und hierzu komme noch das $u erwartende hohe Defizit. Wenn nichts getan werde, so werde man im nächsten Winter den vollständigen wirtschaftlichen Zusammenbruch Deutschlands erleben.
Der Verfasser des Aufsatzes gibt weiter seiner Erwar- ung Ausdruck, daß Dr. Curtius und Dr. Brüning während ihres Londoner Besuches -bie Frage der Möglichkeü uner Revision des Doungplanes aufrollen und darauf dringen würden, daß die vormaligen alliierten Mächte, nachdem Die Verwirklichung des Planes der Zollunion angehalten worden sei, jetzt Deutschland helfen müßten, einen anderen Ausweg zu finden. Der Verfasser erinnert1 daran , daß Deutschland das Recht habe, selbständig den Transfer der rngeschlltzten Zahlungen einzustellen, und meint schließlich, )aß Deutschland, wenn bis zum Zusammentritt der Völker- iundsversammlung im.September keine Entscheidung er» o!ge. ein Moratorium erklären werde.
In politischen Kreisen ist man der Auffassung, daß ein« derartige Anleihe keineswegs die geeignete Möglichkeit zm Lösung der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und zur Regelung der Reparakionsfragen wäre. Deutschland braucht kein« neue Anleihe, um seine Reparationsschulden weiter bezahlen tu können, sondern es braucht eine definitive Herabsetzung der Reparationszahlungen. Auch die Hereinziehung des Völkerbundes in diesen Fragenkreis hält man in politischen Kreisen für nicht opportun. Der Völkerbund könnt« wohl in der Lage sein, in weniger bedeutenden Fällen eine wirtschaftliche Hilfe zu organisieren, aber für die Lösung des Reparationsproblems ist er nicht geeignet.
In unterrichteten Kreisen glaubt man, daß diese Frage in den Beratungen des Reichskabinetts im Hinblick auf die bevorstehende Zusammenkunft in Chequers gleichfalls eine Rolle spielen wird.
„Revision der Vertrüge"
Paris, 27. Mai.
Die Aeußerung des Kriegsministers Maginot vor der Vereinigung ehemaliger belgischer Frontkämpfer, auch er halte die Friedensverträge nicht für unantastbar, jedoch müßten sie sich zunächst auswirken, wird von einigen Blättern hervorgehoben. Gustave Herve schreibt in seiner „Victoire": Der Kern der Rede Maginots stört mich nicht. Zum erstenmal hat meines Wissens ein im Amt befindlicher Vkinister so klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, daß .4 die Verträge nicht für unantastbar hält. Aber Maginot fügt hinzu: Wir beschränken uns auf die Forderung, daß man für den Augenblick nicht an den Verträgen rührte, damit sie sich erfolgreich auswirken können, namentlich auf dem Gebiet der Sicherheit, das uns mehr als jedes andere interessiert.
Dieser Vorbehalt bringt mich in Wallung, denn er kenn- utdjnef allzusehr das in unseren parlamentarif :?n Kreisen herrschende Unverständnis für die wirkliche Lage Wie kann vnser Kriegsminister glauben, daß die Zeit auf dem Gebiet her Sicherheit für uns arbeitet, u nm man b‘e Revision der Verträge vertagt?
Rücktritt der polnischen Regierung
Warschau, 27. Mai.
Gestern nachmittag fand eine Sitzung des Ministerrake« statt, in der der Beschluß gefaßt wurde, daß die Gesamtregie rung die Demission einreichen wird. Der Staatspräsident Hai die Demission des Gesamtkabinetts angenommen. Di« bisherige Regierung wurde beauftragt, die Geschäfte bis zm Bildung des neuen Kabinetts weiter zu führen.
Die Gründe für die Demission.
Warschau, 27. Mai.
Der plötzlich erfolgte Rücktritt der Regierung des Obersten S I a w e t, die seit dem 4. Dezember vorigen Jahres in Amte steht, hat hier nicht überrascht. Schon seit Wacher wußte man in eingeweihten Kreisen, daß sich Slawek mit De- missionsabsichten trage, um die Leitung des Regierungs- blockes im Sejm zu übernehmen.
Die schwere finanzielle Lage des Staates sowie die Schwierigkeiten innerhalb des Kabinetts in der ^rage der ' Kürzung der Beamten- und Offiziersgehälter zu einer Einigung zu gelangen, haben zweifellos die Amtsmüdigkeit Sla. weks gesteigert. Als
vermutlicher Nachfolger Slaweks gilt der bisherige Handelsminister Oberst P r y st o r, der ebenso wie der zurückgetretene Ministerpräsident zum Kreis« der engsten Vertrauten des Marschalls P i l s u d s k i zählt. Oberst Prystor, der in früheren Regierungen das Portefeuille für soziale Fürsorge innegehabt hat, hat nach dem Maium- stürz bei der Neuorganisierung der polnischen Armee dem Marschall Pilsudski als Personalreferent des Heeres hilfreich zur Seite gestanden.
Iusammengebrochene Weltflugpläne der Aero Postale.
Paris, 27. Mai.
In der Oeffentlichkeit erregte ein offener Brief des Präsidenten der Aero Postale Bouillaux-Lafont im „Amt du Peuple" einiges Aufsehen, der an Dr. Eckener gerichtet ist und von dem Zusammenbruch der französischen staatlich subventionierten Luftverkehrsgesellschaft Aero Postale aus» geht. Bekanntlich hat Dr. Eckener vor kurzem in Paris Verhandlungen geführt, die sich mit der Einrichtung eines Europa-Südamerika-Atlantik-Postdienstes befaßten. Aus dem offenen Brief des Herrn Bouillaux-Lafont erfährt man, daß diese Verhandlungen nicht ganz aussichtslos zu sein scheinen. In dem Brief heißt es u. a.: „Sie sind nach dem Eintritt unserer Schwierigkeiten nach Frankreich gekommen, um hier die Ermächtigung für die Schaffung eines Stützpunktes zu erlangen, der notwendig ist, um durch Ihre Zeppeline Europa mit Nordamerika zu verbinden. ©
Wir hatten die Hoffnung, Ihnen zuvorzukommen, als wir die Flugzeuglinie Paris—New Park über Lissabon und die Azoren und die Bermuda-Jnseln schaffen wollten. Zu diesem Zwecke hakten wir Ihnen in Portugal das Luftfahrt- monopol vorweggenommen, das uns die Schlüssel zum Atlantischen Ozean auslieferte."
Weiter erörtert Bouillaux-Lafond, wo und wie die Interessen seiner Gesellschaft mit denen Dr. Eckeners außerdem zusammengestoßen seien, besonders in Argentinien. „So also", fährt der Verfasser fort, „hatten wir Ihnen die Wege über den Nordatlantik wie über den Süd- rtlantik versperrt, und wir glaubten schon die Partie gewonnen zu haben, als der Boden unter unseren Füßen plötzlich nachgab. Durch politische Umtriebe, Rachsucht, Ehrgeiz und Eifersucht ist eine Katastrophe entstanden, die in wenigen Tagen die Aero Postale um die Frucht ihrer Leistungen gebracht hat." Er kommt dann zu der Schluß- wlgerung, daß das Deutschland für die Erfüllung des youngpianes bewilligte Geld dem Zeppelinbau zugute 6omme und diesen in die Lage versetze, dem französischen Flugwesen Konkurrenz zu machen (!).
Aus einer privaten Erklärung Eckeners geht hervor, daß er bei seinem letzten Besuch in Frankreich mit dem französischen Luftfahrtministerium gerade eingehend die Frage besprochen hatte, ob sich nicht die „Aero-Postale" an den drei für dieses Jahr geplanten Südamerikafahrten des „Graf Zeppelin" beteiligen könnte. Der französische Luft- sahrtminister hat eine eingehende Prüfung zugesichert. Die übrigen von Herrn Bouillaux-Lafont aufgestellten Behauptungen sind ebenso schief oder überhaupt unrichtig dargestellt. Eckener bzw. die Deutsche Luft-Hansa hat wesentlich früher, nämlich schon im Jahre 1921, mit der argenti- . Nischen Regierung über einen Luftschiffdienst über den Südatlantik verhandelt, und erst volle fünf Jahre später wurden ähnliche Verhandlungen von französischer Seite eingeleitet.
Revolution in Portugiesisch-Ostafrika?
Kapstadt, 27. Mai.
Aus Lourenco-Marques kommt die Meldung, daß in Portugiesisch-Ostafrika die Revolution ausgebrochen sei. Genaueres ist nicht zu erfahren. Ebenso wenig läßt sich die Richtigkeit dieser Nachricht bisher feststellen.