HersfelöerTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. W6 Donnerstag, den 7. Mai 1931 81. Jahrgang
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Wieöeranturbelung der Wirtschaft
Der zweite Teil -es Brauns-Gutachtens macht umfassende Vorschläge zur Arbeitsbeschaffung
ArbettsbekchaMng
Der zweite Teil des Brauns-Gutachtens
Die „Gutachterkommission zur Arbeitslosenfrage" legt der Oeffentlichkeit jetzt den zweiten Teil ihres Gutachtens vor. Er trägt die Ueberschrift „Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch Arbeitsbeschaffung". Es wird festgestellt, daß P.ie deutsche Krise sich im Rahmen der Weltkrise durch besondere Eigentümlichkeiten hervorhebt. Deutschland hatte unter dem Weltkrieg und seinen unmittelbaren Folgen mehr als andere Länder zu leiden. Der deutsche Wiederaufbau bedurfte der Hilfe des ausländischen Kapitals. Der Auftrieb, den die deutsche Wirtschaft auf diese Weise erhielt, erzeugte eine Scheinblüte. Sie blendete das Ausland und uns selbst; sie führte im Ausland zur Ueberschätzung unserer Leistungsfähigkeit (Poungplan!) und daheim zu einem Mangel an Disziplin in allen Zweigen der öffentlichen, nicht minder aber auch der privaten Wirtschaft. Als der Kapitalzufluß vom Ausland versiegte, standen denn auch viele Betriebe alsbald vor dem Zusammenbruch. So befindet sich die deutsche Wirtschaft heute in einer Erstarrung. Alle Maßnahmen müssen darauf abzielen, die Erstarrung zu lösen und in Deutschland brachliegende Produktionskräfte wieder in Bewegung zu setzen.
Diese Lage zwingt dazu, der durch äußere Umstände gehemmten Initiative der Privatwirtschaft dadurch zu Hilfe zu kommen, daß durch eine Kapitalwerbung auf Grund öffentlichen Kredits neue Arbeitsgelegenheit geschaffen wird, die ihrerseits ausstrahlt aus Beschäftigung und Absatz bei deutschen Gesamtwirtschaft. Das natiMidje Betätigungsfeld fverder^abe^olweAMH die lieg tat-eine zeutrate
Planung eignen, dauernden volkswirtschaftlichen Wert besitzen und durch ihren Ertrag das aufgewandte Kapital loh nen. Sollen Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung nicht nut eine zeitweilige Milderung der Arbeitslosigkeit, sondern darüber hinaus eine Belebung der Gesamtwirtschaft bringen, die einer wachsenden Zahl von Arbeitskräften zugute kommt, so muh es sich um weitgreifende Pläne und Einsatz großer Mittel handeln.
Da in Deutschland die Aufnahme von Kredit zurzeit in ausreichendem Maße nicht möglich ist, muß Auslandskapital, vorausgesetzt, daß es zu erträglichem Zinsfuß zu erhalten ist, herangezogen werden.
Energiewirtschaft
Nach diesen grundsätzlichen Erörterungen behandelt bas Gutachten im zweiten Abschnitt eine Reihe von Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung. Dabei wird festgestellt, daß die Elektrizitätswirtschaft noch Raum für weitere wirtschaftlich zweckmäßige Investitionen bietet, und zwar nicht nur aus dem Gebiet des Ausbaues von Kraftwerken, sondern auch auf dem des Ausbaues der Leitungsnetze, der nach den Berechnungen von Sachverständigen eine Verbilligung der Gestehungskosten herbeiführen soll. Hierbei würde sich eine wirtschaftlich zweckmäßige Steigerung des Verbrauchs an elektrischer Arbeit und damit eine bessere Ausnutzung der Kraftwerke durch die Elektrifizierung von Eisenbahnstrecken erzielen lassen. Große Entwicklungsmöglichkeiten sind auch auf dem Gebiete der Gaswirtschaft vorhanden, deren Anlagen zum Teil veraltet sind. Hier würde insbesondere eine verstärkte Inangriffnahme der Ferngas- und der Gruppen- gasversorgung zu Erfolgen führen.
Verkehrswesen
Auf m Gebiet des Verkehrswesens kann die Komm^- - sion nicht empfehlen, die Anlage von großen innerdeutschen Durchgangsstraßen für-den Fernverkehr, die mit der Eisenbahn in Wettbewerb treten würden, mit öffentlichen Mitteln zu fördern. Ebenso sind Kanalbauten abzulehnen. Dagegen bieten sich bei der Reichsbahn innerhalb des bestehenden Lahnnetzes auch neben der Elektrifizierung noch zahlreiche andere Möglichkeiten wirtschaftlich zweckvoller Arbeitsbeschaffung. Aehnlich liegen die Dinge bei der Reichspost. Ale sörderungswürdig erachtet die Kommission die Verbesserung des alten Straßennetzes.
Meliorationen - WnungswirtWt
Als ein besonders geeignetes Feld für die Arbeitsbeschaffung sieht die Kommission die landwirtschaftlichen Meliorationen an. Die Durchführung der Meliorationen nimmt viel Arbeitskraft, verhältnismäßig geringes Kapital in Anspruch. Unter den Meliorationen muß die Verbesserung des Kulturlands an die erste Stelle gesetzt werden. Die Kommission tritt ferner für zielbewußte Förderung der landwirtschaftlichen Siedlung ein. Ihre Durchführung bringt Arbeitsgelegenheiten bei den Vorarbeiten (Wegebauten, Meliorationen) sowie beim Bau der Gehöfte und befruchtet durch den erhöhten Baustoff- und Gerätebedarf der Siedler die Industrie. Auf dem Gebiet der Wohnungswirtschaft ist ein zu schroffer Bruch mit der früheren Praxis, dem Woh- nungsbau in großem Umfang öffentliche Mittel zuzuführen, zu vermeiden.
Lefsenttiche Mittel
Der dritte Abschnitt erörtert die Arbeitsbeschaffung unter Zuhilfenahme öffentlicher Mittel und unterstützt die Bestrebungen, die zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für öffentliche Arbeiten geführt haben. Die Kommission hat die Frage, ob durch Lohn- und Zinszuschüsse private Unternehmen Subventionen behufs Erweiterung ihrer Tätigkeit erhalten sollten, verneint. Im vierten Kapitel werden „Maßnahmen besonderer Akt" aufgeführt. So hält die Kommission es für erforderlich, daß auch die Gemeinden sich an der Arbeitsbeschaffung für die von ihnen unterstützten Arbeitslosen beteiligen.
Freiwilliger Arbeitsdienst
Die Einführung einer allgemeinen Arbeitsdienstpflicht hält die Kommission nicht für ein geeignetes Mittel zur Entlastung des Arbeitsmarktes. Dagegen empfiehlt sie die Förderung des freiwilligen Arbeitsdienstes zur Milderung der Folgen der Arbeitslosigkeit. Der freiwillige Arbeitsdienst erscheint als ein Weg, der eine mannigfaltige Initiative zur ' Bereitstellung und Leistung oon Arbeit auf sich ziehen könnte und auch in der jüngeren Generation Anklang finden würde.
Existenzkampf der Landwirtschaft i
Vollversammlung des Deutschen Landwirlschaftsrakes.
Berlin, 7. Mai.
Die 61. Vollversammlung des Deutschen Landwirtschafts rates begann im ehemaligen Herrenhause mit einer geschäftlichen Sitzung. Die Wahlen ergaben die Wiederwahl der ; Vorstandes mit Dr. Dr. h. c. B r^n d es als ersten Por-
we x. -wäoenrehrnoen Geh. LandesStonvmierat Mittermeier-Haunersdorf, Regierungspräsident Dr. Kutscher als geschäftsführendes Vorstandsmitglied, und Rittergutsbesitzer Vogelsang-Ebersbach als 2. Stellvertretenden
Der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrate« Dr. Dr. h. c. B r an d e s - Zaupern führte aus, daß sich die Lage der deutschen Landwirtschaft innerhalb der letzten zwei Jahre nicht wesentlich geändert habe. In Anerkennung der Schieleschen Getreidepolitik sei zwar festzustellen, daß die absoluten inländischen Getreidepreise trotz des starken Absinkens der Auslandspreise höher lagen als im Vorjahre, der Roggenrichtpreis von 230 Rm., sei aber noch nicht erreicht. Von diesem Preise hänge jedoch die Existenz weiter Teile der östlichen Landwirtschaft ab. Sehr viel ungünstiger sei die Lage des Viehmarktes, ebenso zeige die Preisentwicklung beim Obst- und Gemüsebau ein sehr trauriges Bild. Am Buttermarkte sei ebenfalls weiterhin rückgängige Konjunktur zu beobachten.
Präsident Brandes gab sodann eine Schilderung bet Lage der Landwirtschaft im deutschen Osten. Die Stimmung, erklärte er, sei dort verzweifelt. Die Not bleibe aber keineswegs auf den Landwirt beschränkt, vielmehr würden der Kaufmann, der Gewerbetreibende und der Landarbeiter mit hineingezogen. Die Not greife auch über nach Mittel-, West- unb Süddeutschland. Eine Schätzung des Instituts für Konjunkturforschung beziffere den Neltorückgang der Kaufkraft der deutschen Landwirtschaft aus über eine halbe Milliarde Reichsmark.
Der Präsident erwähnte weiter die Wirtschaftsverhandlungen mit Oesterreich, und wies darauf hin, daß der deutsche Landwirtschaftsrat schon seit Jahr und Tag eine enge Verbindung mit den Vertretern der österreichischen Landwirtschaft hergestellt habe, die Durchführung der Zollunions- bestrebungen bedürfe jedoch gründlicher Vorarbeit, wenn Enttäuschungen vermieden werden sollen.
Sodann sprach Professor Dr. W a r m b o l d - Berlin über „Aufgaben und Ziele der landwirtschaftlichen Selbsthilfe". Im Mittelpunkt seines Referats standen drei Leitsätze, die die Voraussetzung für eine Besserung und Gesundung der Landwirtschaft darstellten. 1. Genügenden, den verschärften Wettbewerbsverhältnissen ausreichend Rechnung tragenden Schutz gegen die Einflüsse des Weltmarktes, 2. Hebung des Anteiles der Landwirtschaft an den von den Verbrauchern gezahlten Preisen landwirtschaftlicher Erzeugnisse durch Verbesserung der Absatzorganisationen. Einführung einheitlicher Notierungen abgestuft nach Güteklassen, 3. Senkung der Erzeugungskosten in den landwirtschaftlichen i Betrieben. j
Ueber „Die Verschärfung der Krisis der deutschen Landwirtschaft durch die Not des deutschen Waldes" sprachen Geh. Landes-Oekonomierat Brieger, Hafenprep- p a ch und Hofkammerpräsident von Garnier, Berlin Die Ursache der Krise sei eine Absatzfrage, bedingt durch den Niedergang der Wirtschaft, den Ersatz von Holz durch andere Stoffe * und die Verwendung ausländischer Hölzer.
Zur Behebung der Not des deutschen Waldes sei zu fordern: 1. Schutz gegen die Auslandseinfuhr durch Erhöhung der Holzzölle bzw. Einführung von Kontingenten, 2. Senkung der Frachten für Holz, insbesondere auf Entfernungen bis 300 Kilometer, 3. Verwendungszwang von deutschem Holz bei allen öffentlichen Gebäuden, entsprechend auch einen Verwendungszwang für Papierholz, 4. Einsetzen einer großzügigen Propaganda für deutsches holz mit staatlicher Unterstützung.
Schiele verteidigt seine Politik
In feiner Begrüßungsansprache überbrachte der Reichs- minifter für Ernährung und Landwirtschaft Dr. h. c. Martin Schiele die Grütze des Reichspräsidenten. Er beschäftigte sich dann ausführlich mit den aktuellen Fragen der Agrarpolitik. Er erklärte u. a.:
Das Barometer für die gesamte Agrarpolitik im letzten Jahr war der Roggen. Das Großreinemachen auf dem deutschen Roggenmarkt ist agrarökonomisch mit Erfolg beendet. Angesichts der zunehmenden Angriffe, die diese Politik erfährt, kann ich versichern, daß ich mich nicht durch Versuche, die Getreide- und Brotwirtschaft zu politisieren, irre machen lasse. Es ist selbstverständlich, daß von mir alles geschieht, um die Versorgung des deutschen Volkes mit Brot zu erträglichen Preisen möglich zu machen. Aber es gibt doch auch eine natürliche Grenze der praktischen Möglichkeiten. Diese Grenze sehe ich in einem Roggenpreis, der der Landwirtschaft noch die Existenz gewährleistet. Es wird also an der bisherigen Zollpolitik festgehalten werden müssen.
Entgegen den vielfach unrichtig wiedergegebenen Darlegungen kann ich feststellen, daß nach den Ermittlungen des statistischen Reichsamtes der durchschnittliche Brotpreis im April sogar noch etwas unter dem im Gesetz als Richtlinien festgelegten Ausgangspunkt im Durchschnitt der Monate Oktober 1930 bis März 1931 lag.
Bei Weizen ist durch die neue indirekte Einfuhrkontingentierung eine Vorbelastung unseres Marktes mit ausländischen Weizen ausgeschlossen. Die Weizenpreise sind einer der Eckpfeiler des ganzen Produktionsumstellungs- merfes; deshalb verdient der Weizenmarkt nach wie vor eine besonders pflegliche Behandlung.
Diejenigen die dem LüuLwicl ür seiner unerhörten Not nur die dörre «oft negativer ÄrW zu bieten haben, zerstören die Grundlagen jeden Arbeitens und Schaffens: Das vertrauen auf den Erfolg der eigenen Bemühungen und den Glauben an die Zukunft. Jetzt, wo es darum geht, der Landwirtschaft in ihrer höchsten Not ihr primitivstes und zugleich höchstes Recht, ihr Lebensrecht, zu erkämpfen, wo es gilt, den Grundsatz der Gerechtigkeit auch endlich wieder für die Landwirtschaft durchzusetzen, jetzt kann es nur eine Parole geben: Fort mit dem Parteizwist, wo ihr ihn im eigenen Lager findet. Setzt die gesamte Kraft des letzten Bauern und feiner politischen Führung ein an den Brennpunkten des politischen Geschehens, zur Rettung unseres gesamten Berufsstandes.
Nach dem Reichsernährungsminister sprachen noch der preußische Landwirtschaftsminister Dr. Steiger, der österreichische Vizekanzler Hartleb sowie die Präsidenten der Landwirtschaftskammern Oppeln-Oberschlesien und Sachsen. F r a n z k e und Vogelfang.
Angenommen wurde eine Entschließung, in der wirksamer Preisschutz der Erzeugnisse der Viehwirtschaft und der Edelproduktion, sofortige Verdoppelung des Vulterzolls, Lösung der internationalen Bindungen des Käfezolls, des Eierzolls und der wichtigsten Obst- und Gemüsezölle verlangt werden.
Frankreich ratifiziert die
Handelskonvention
— Aber um fünf Wochen zu spät. —
Genf, 7. Mai.
Das Völkerbundssekretariat teilt offiziell mit, daß Frankreich die Genfer Handelskonvention vom 24. März 1930, durch die ein gewisser Zollwaffenstillstand in Europa herbeigeführt werden sollte, jetzt ratifiziert und die Ratifikationsurkunde beim Völkerbundssekretariat hinterlegt habe.
In hiesigen politischen Kreisen ist man über diese Mit- teilung ziemlich erstaunt. Man erinnert sich, daß die Inkraftsetzung der Genfer Handelskonvention im März d. I. sich endgültig als unmöglich erwiesen habe, und daß die Inkraftsetzung der Konvention, namentlich in der unklaren Haltung Frankreichs unb^ber positiven Weigerung Englands gescheitert sei. Der Vorsitzende der Konferenz hat damals ausdrücklich festgestellt, daß die Konvention hinfällig geworden sei. da ihre Inkraftsetzung bis zum 1. April b. I. nicht habe erfolgen können.
Wenn Frankreich jetzt nachträglich eine Konvention, die nicht mehr existiert, noch ratifiziert, so ist das eine Geste, die als solche auch hier sofort erkannt worden ist. Man hat den Eindruck, daß diese Geste nicht zuletzt mit Rücksicht auf die großen Wirtschafts- und handelspolitischen Auseinander- setzungen, die von der Tagung der Europäischen Stubien- kommission am 15. Mai erwartet werden, erfolgt ist.
Reinisunsrattion in Kumänien?
Paris, 7. Mai.
Der rumänische Ministerpräsident Jorga erklärte, daß er, gestützt auf eine Gruppe entschlossener Leute, in der Kammer eine unerbittliche Reinigung des politischen Lebens ohne Rücksicht auf die Parteizugehörigkeit vornehmen wolle^ Alle politischen Eliquen und viele Emzelpersonlichkei en würden bei dieser Reinigung vernichtet werden, aber eine Reinigung sei unerläßlich.