HersfelöerTageblatt
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Nr. 93
Mittwoch, den 22. April 1931
81. Jahrgang
Der Kampf um Preußen
Volksbegehren des Stahlhelm durchgegangen — Nun kommt der Volksentscheid
Zaunloch-Spionage
In der deutschen Oeffentlichkeit hat der von drei französischen Offizieren und einem französischen Konsul verursachte Zwischenfall in Königsberg berechtigtes Aufsehen erregt. Auch die zuständigen Stellen, nicht zuletzt das Auswärtige Amt, halten mit der Meinung nicht zurück, daß hier etwas geschehen ist, was bei der Empfindsamkeit der hier berührten Materie unter allen Umständen hätte vermieden werden müssen. Es kommt dabei gar nicht so sehr darauf an, ob es sich hier um einen Fall vollendeter oder versuchter Spionage handelt. Die Art und Weise, wie das vom Reich den ausländischen Herren bewiesene Vertrauen mißbraucht wurde, ist nicht nur verurteilenswert, sie ist dazu angetan, äußerst bedenklich zu stimmen.
Der Fall ist kurz folgender: Der französische Militärattache bei der Berliner Botschaft teilt dem Reichswehrministerium und dem Auswärtigen Amt mit, daß drei französische Nachrichtenoffiziere das Schlachtfeld von Tannenberg besuchen möchten, wozu das erforderliche Visum erteilt wurde. Darin liegt nichts Außergewöhnliches, besonders nicht dann, wenn bisher kein Anlaß vorlag, hinter einem solchen Besuch irgendeine böse Absicht zu vermuten. Die Herren reisen nach Ostpreußen und besuchen in Begleitung des französischen Konsuls zunächst Königsberg. Sie interessieren sich aber weniger für die Eigenheiten und Schönheiten der Stadt, so >rn für die militärischen Gebäude und für die Festungsanlagen. Auch das ist begreiflich, und nicht ohne weiteres verdammenswert, da ja diese Anlagen vor aller Oeffentlichkeit dastehen.
Nun aber geschieht etwas, was bedenklich und mißtrauisch stimmen muß: Sie treffen ausgerechnet an.jemm Tage in Königsberg ^in mrd besuchen in geeigneten Zeitpunkt gerade die Kaserne, auf deren Hof eine dortige Artillerieabteilung ein neues, dem Ausland gegenüber geheimzuhaltendes Gerät aus - probiert wird. Man muß schon sehr gutgläubig sein, wenn man annehmen wollte, daß das wirklich reiner Zufall gewesen wäre. Auch die Tatsache muß mindestens starkes Mißtrauen erregen, daß der eine der drei französischen Offiziere, der Oberstleutnant Koeltz war, der in dem sogenannten zweiten Büro des französischen Generalstabes, in dem alle Fäden des französischen militärischen Geheimdien st es zusammenlaufen, beschäftigt ist, und der sich gerade mit den deutschen Heeresangelegenheiten zr befassen hat. Und schließlich spricht es nicht gerade für dik „Harmlosigkeit" der vier französischen Herren, daß sie sich hinter einem Bretterzaun aufstellten, um durch ein A st - loch die Ausprobierung dieser technischen Neuerung zn photographieren. Keinem Offizier in der ganzen Welt iß es unbekannt, daß das Photographieren militärischer Einrichtungen ohne Erlaubnis verboten ist. Auch die franzö- . fischen Nachrichtenoffiziere waren darüber bestimmt unterrichtet.
Um das Maß des deutschen Mißtrauens vollzumachen, wird man daran erinnern müssen, daß im Frühjahr 192k der belgische Oberstleutnant Pulinx, Mitglied der Interalliierten Kontrollkommission, seine „Hochzeitsreise" ausgerechnet nach Ostpreußen unternahm. Man hat erst später und zwar von ihm selbst, durch einen ausführlichen Bericht in der Brüsseler Zeitung „Le Soir" erfahren, daß er in Wirklichkeit diese „Hochzeitsreise" dazu benutzte, um nach schweren deutschen Geschützen und sonstigen Grenz- verteidigungsanlagen zu spionieren. Er hat denn auch jene „gefährlichen" Betonunterstände ausfindig gemacht, dit Gegenstand langwieriger diplomatischer Verhandlungen wurden, und die schließlich durch den Machtspruch der Botschafterkonferenz bis auf wenige zerstört werden mußten. Jetzt sind ihm drei „harmlose" Schlachtfeldbesuchei gefolgt,' und diese müssen ausgerechnet das Astloch im Bretterzaun einer Reichswehrkaserne in Königsberg entdecken, durch das man die Reichswehr bei bestimmten Uebungen beobachten konnte. Im Reichswehrministerium prüft man jetzt an Hand der inzwischen vergrößerten Photos, wie weit den französischen Nachrichtenoffizieren ihre Astloch- Guckerei geglückt ist. Die allgemeine Auffassung hier scheint dahin zu gehen, daß ein ausgesprochener Spionagefall nicht vorliegt, daß es sich bestenfalls um einen Grenzfall handeln könne. Nicht darum handelt sich's, was geschehen ist sondern was beabsichtigt war. Es ist anzunehmen, daß unsere zuständigen Stellen nicht alle vollendeten Spionagetaten erfahren; es ist jetzt auch nachträglich nicht festzustellen, was diese drei Herren getan hätten, wenn sie nicht von dem aufmerksamen deutschen Wachtoffizier beobachtet und festgestellt worden wären. Wir hätten nur nachträglich, vielleicht in Form einer französisches Note. davon erfahren, durch welche „gefährlichen" Maßnahmen Frankreichs Sicherheit wieder einmal bedroht worden wäre. Und Herr Oberstleutnant Koeltz hätte eines schönen Tages in irgendeiner französischen Zeitung sich darüber lustig gemacht, wie harmlos die deutschen Stellen doch seien und wie geschickt er und seine Kameraden es angestellt hätten, um hinter die Geheimnisse der Reichswehr zu kommen.
An sich brauchte man sich über diese ganze Affäre nicht Är aufzuregen. Was uns das Versailler Diktat teidigunasmitteln geladen hat, ist so gering, daß es
nicht viel bei uns zu spionieren gibt. Aber dieser „Schlacht feldbesuch" der drei französischen Nachrichtenoffiziere mi Unterstützung des französischen Militärattaches und des französischen Konsuls beweisen uns, wie jedes Winkelcher in Deutschland ausspioniert wird, wo vielleicht irgendeir Handgriff eingeübt werden könnte, der nach französische, Auffassung den „Frieden Europas bedroht". Und erschweren! kommt hinzu, daß sich Frankreich gerade jenen Teil deutsche, Grenzgebiete ausgesucht hat, von dem Polen wiederholt erklärt hat, daß er eines Tages das Polenreich bis zu, Ostsee vergrößern werde. Das französisch-polnische Militärbündnis wird damit aufs neue bestätigt und ebenso das enge Zusammenarbeiten zwischen den beiderseitigen Generalstäben unter Führung Frankreichs. Kürzlich erfand eir polnischer Matrose einen „Ueberfall" auf sein „geschätztes" Leben. Polen sandte demonstrativ zwei Torpedoboote ir den Danziger Hafen. Die polnische Presse schreibt Haßgesänge und polnische Studenten demonstrieren lärmen! vor der deutschen und der österreichischen Gesandtschaft un! verlangen „Rache für Danzig"
Sollten diese Vorgänge und viel, anderenicht irgendwiemitdieserZaunloch - Spionage in Verbindung stehen?
Ein ,.8renrs>ll von Spionage"
Die Untersuchung der königsberger Angelegenheit.
Berlin, 22. April.
Die Untersuchung des Zwischenfalls in Königsberg ist noch nicht abgeschlossen. Die von den französischen Offizieren aufgenommenen Bilder sind im Reichswehrministerium ein- getroffen. Da es sich bei den Amuabm^n um »m »erhält nismätzig kleines Format handelt, müssen erst Vergrößerungen angefertigt werden, um genau die Einzelheiten der Bilder beurteilen zu können.
Die meisten der Aufnahmen enthalten Gebäude der Festungsanlagen, hauptsächlich Festungslore. Auf zwei Aufnahmen sind übende Truppen zu sehen. Die Aufnahmen der Gebäudeteile sind zweifellos nicht zu beanstanden, da es sich um offene, an den Straßen liegende Anlagen handelt. Hinsichtlich der beiden Aufnahmen der übenden Truppen müssen die Einzelheiten der Vergrößerung abgewartet werden. Räch dem bisherigen Untersuchungsergebnis kann man von einem Grenzfall von Spionage sprechen. Sollte das endgültige Ergebnis der Untersuchung wirklich ergeben, daß die Offiziere Spionage getrieben haben, so werden, wie in unterrichteten Kreisen verlautet, alle Folgerungen gezogen werden, die gezogen werden müssen.
Die Festnahme der französischen Offiziere, die in Zivil waren, erfolgte von einem Offizier des Kasernendienstes, Der sofort der Division Meldung erstattete. Auf Anordnung Der Division wurden die Festgenommenen wieder frei- gelassen.
Deutschseindliche Demonstrationen
Warschau, 22. April.
Einige hundert nationalistische Studenten hielten abends eine Versammlung ab, um gegen die „chauvinistischen und unerhörten Methoden" des Danziger Senats zu protestieren.
Dann marschierten die Studenten zur deutschen Gesandtschaft. Da aber die Straße, in der sich das Gesandt- schaftsgebäude befindet, durch Polizei abgesperrt war, begnügten sich die Demonstranten damit, vor dem Polizeiriegel deutschfeindliche Rufe auszustoßen.
Daraus zogen sie weiter vor die österreichische Gesandtschaft, um dort lärmend gegen den Anschluß zu protestieren. Damit hatte die Kundgebung ihr Ende erreicht.
Mundtot gemachte Verteidigung im Brester Gefängnisprozeß.
Lemberg, 22. April.
Die im sogenannten ersten Brester Prozeß erwartete Sensation ist nicht eingetreten. Man hatte der Verteidigung zu verstehen gegeben, daß jeder Versuch, die Vorgänge in der Festung Brest zur Sprache zu bringen, vom Gericht unterbunden werden würde. Von den acht Verteidigern wurde nur einem das Wort zum Plädoyer erteilt.
In den letzten Tagen wohnten auch der Gerichtspräsident Hasel sowie ein Vertreter des Justizministeriums den Verhandlungen bei. Der in Brest interniert gewesene Abgeordnete Liebermann hatte gleichfalls im^Zufchauerraum Platz genommen.
Auslösung eines ukrainischen Gymnasiums
Das staatliche ukrainische Gymnasium in Tarnopol wurde von den polnischen Behörden aufgelöst. Von den 500 Schülern ist nur ein kleiner Teil von anderen Schulen übernommen worden. Von dem Lehrkörper sind nur die polnischen Lehrkräfte in anderen Schulen untergebracht worden; die ukrainischen Lehrer sind pensioniert oder entlassen worden.
Volksbegehren durchgegangen
Berlin, 22. April.
Das Bundesamt des Stahlhelm erklärt, daß nach seinen bisherigen Feststellungen das Volksbegehren durchgegangen ist. Die Eintragungen für das Volksbegehren hätten die für das Gelingen erforderliche Mindestzahl von 5,27 Millionen roeif überschritten. Genauere Zahlenmeldungen werden erst am heutigen Mittwochabend folgen können.
Nach Ablauf der Eintragungsfrist für das Volksbegehren werden die Listen durch die Gemeindebehörden abgeschlossen. Es wird bescheinigt, wie viele Personen sich eingetragen haben, daß sie stimmberechtigt und in dem Orte wohnhaft sind. Außerdem werden etwaige Beanstandungen und Zweifelsfälle vermerkt. Die Listen gehen dann sofort an die Beauftragten des Stahlhelm, die sie über die unteren Organisationen an die Landesverbände weiterreichen. Diese übermitteln sie der Bundesleitung, die die Listen ordnet, durchnummeriert und addiert und dann in Der vorgeschriebenen Form dem Landeswahlleiter übergibt. Er prüft die Listen noch einmal nach und teilt dem preußischen Innenminister das Gesamtergebnis der Eintragungen und die Zahl der Stimmberechtigten mit.
3n Groß-Berlin 13 Prozent Eintragungen.
Berlin, 22. April.
Am letzten Tage des Volksbegehrens haben sich in Berlin 65 473 Personen eingetragen; das ist die höchste an einem ^age erzielte Zahl. Die Gesamtzahl der Eintragungen er» höht sich damit auf 438 7.45, das Pad etwa 13 Prozent derM StlmNdrrechkgte«.
Endergebnis: 32 614 Eintragungen.
Erfurt. Mit den Eintragungen am Dienstag, dem letzten Einzeichnungstag, von 3 140 stellt sich das Gesamtergebnis für Erfurt auf 32 614. Bei rund 100 000 Stimmberechtigten beträgt also die Beteiligung 32 Prozent.
Kassel. Am Montag haben sich 3114 Personen in die Listen für das Volksbegehren eingetragen. Am letzten Tage zeichneten sich 3106 Personen ein. Damit haben sich in Kassel insgesamt 20 087 Personen eingetragen, was bei 122 400 Stimmberechtigten einer Beteiligung von 16,2 % entspricht.
Weitere Ergebnisse der Eintragungen:
Hann. Münden: 2088 = 24,5 % (8520).
Göttingen: 11 039 = 40 % (28 853).
Marburg (Stadt) -. 6550
Rotenburg (Stadt): 348 = 39 °/o (2431).
Bebra: 1150 = rd. 90 % (1356).
Melsnugen: 833 = 27 % (3049).
Severing spricht in Dresden
Dresden, 22. April.
Im Rahmen einer von den sozialdemokratischen Organisationen, den Arbeitersportvereinen und dem Reichsbanner verunstalteten antifaschistischen Kundgebung sprach auf der Jlgen-Kampfbahn der preußische Minister des Innern, S e - vering. Er führte u. a. aus: Daß das Stahlhelmoolks- begehren in Preußen zum Erfolg geführt habe, sei ein Be- weis dafür, unter welcher inneren Zerrissenheit das deutsche Volk gegenwärtig zu leiden habe. Im Vordergrund stehe aber die Lösung des Arbeitslosenproblems und der großen Wirtschaftsnot. Die republikanischen Organisationen seien bemüht, im Ausland Verständigung für die wirtschaftliche Not Deutschlands zu wecken. Die Sozialdemokratie vertrete mit ihrer Außenpolitik die Interessen der Nation mehr als diejenigen, welche dauernd die Worte „Vaterlandsliebe" und „Patriotismus" im Munde führten. Damit lehne aber die Sozialdemokratie ihre internationale Einstellung nicht ab. Der Minister schloß mit dem Hinweis darauf, daß uns die nächsten Monate noch vor große Aufgaben stellen würden.
Cortes-Wahlen im Juni?
Das Wahlalter soll herabgesetzt roertfen.
Wadrid, 22. April.
Die Aufstellung von Wahllisten ist angeordnet worden Man hofft sie in etwa 114 Monaten fertiggestellt zu Haber und dann sofort die Cortes-Wahlen vornehmen zu können Es wird der Gedanke erwogen, das Wahlrecht allen Personen zu verleihen, die das 21. Lebensjahr vollendet haben Bisher betrug das Wahlalter' 25 Jahre.
König Alfons in London eingetroffen.
London, 22. April.
König Alfons ist hier einoetroffen. Eine große Menschenmenge hatte sich auf dem Bahnhof und vor dem Bahnhofsgebäude eingefunden und bereitete dem König einen sehr herzlichen Empfang. Ein großes Aufgebot von Polizeibeamten hielt die Ordnung aufrecht. Der König bestieg unter begeisterten Zurufen der Menge sein Automobil und begab sich in ein Hotel.