yersfelöerTageblatt
Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 92 Dienstag, den 2). April 1931 81. Jahrgang
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Die Franzosenspionage in Gstpreusten
Die sranzösischen Generalstäbler filmten die Anwendung eines neuen Zielinstrumeuts
Zollunion und Exportinterelien
Von Professor Dr. Karl D u i s b e r g.
Die europäische Oeffentlichkeit wird zurzeit durch den in Aussicht genommenen Vertrag einer Zollunion zwischen Deutschland und Oesterreich in Atem gehalten. Der ganzen Angelegenheit wird besonders von feiten Frankreichs eine eminent politische Bedeutung beigelegt, die ihr nach der erklärten Absicht der Vertragspartner nicht zukommt. Der Vertrag ist allein und ausschließlich von wirtschaftlichen Gesichtspunkten diktiert. Schon seit 1927 beschäftigt sich der Völkerbund sehr eingehend mit den unhaltbaren europäischen Wirtschaftsoerhältnissen. Er hat zwar unzählige Entschließungen gefaßt und Entwürfe ausgearbeitet, aber all seine Versuche konnten keinerlei praktische Verwirklichung finden. Mir dem Scheitern des Genfer Zollfriedensabkommens haben die Bemühungen des Völkerbundes endgültig versagt. Ungefähr vor Jahresfrist trat dann Briand mit feinem Vorschlag eines paneuropäischen Zusammenschlusses hervor und versandte Fragebogen an die einzelnen Staaten Europas. Bei den diesbezüglichen Verhandlungen in Genf fand Schober mit feiner Formulierung, dieser wirtschaftliche Zusammenschluß Europas müsse durch regionale Zusammenschlüsse vorbereitet werden, allseitige Z u st i m m u n g.
Es berührt daher sehr eigenartig, daß der erste Versuch eines derartigen regionalen wirtschaftlichen Zusammenschlusses, der nach der Ansicht beider Vertragspartner dazu beitragen soll, die wirtschaftliche Organisierung Europas m die Wege zu leiten von demselben Briand aufs schärfste und heftigste verurteilt wird. Der Vorvertrag für den Abschluß der Zollunion awisu-en Deutschland «nb Oesterreich, nimm! sinngemäß Bezug auf die Briandschen Anstrengungen zür Organisierung Europas. Es steht allen übrigen europäischen Staaten frei, sich der Zollunion anzuschließen, und die völlige Unabhängigkeit Oesterreichs und Deutschlands bleibt gewahrt.
Es ist also der erste praktische Versuch, zwei aneinandergrenzende Wirtschaftsgebiete zusammenzufassen und eine Bresche zu schlagen in die unsinnigen Zollmauern der Welt. Die deutsch-österreichische Zollunion kann die Basis sein, um in Mittel- und Südosteuropa überhaupt zu vernünftigen handelspolitischen Verhältnissen zu kommen Für die deutsche und österreichische Wirtschaft ergibt sich die unbedingte Notwendigkeit, von den beteiligten Regierungen zu verlangen, daß sie in jedem Falle, was auch kommen mag, fest bleiben und den klaren Standpunkt des Rechts, das unbedingt zu unseren Gunsten spricht, nicht verlassen. Es ist das erstemal, daß Deutschland und Oesterreich nach dem Kriege eine wirtschaftliche Aktion größeren Ausmaßes gemeinsam durchführen. Es handelt sich jetzt darum, starke Nerven zu behalten und trotz aller Widerstände und Anfeindungen durchzudringen.
Was bedeutet die Zollunion für die deutsche Wirtschaft Sie bedeutet:
1. Erweiterung des Binnenmarktes,
2. eine Brücke' nach dem Südosten und
3. Verstärkung der Position bei Handelsvertragsverhandlungen.
Der deutsche Binnenmarkt erweitert sich nach Abschluß der Zollunion um ein Zehntel. Zweifellos ergibt sichcharaus schon eine gewisse Chance für erhöhten industriellen Export. Gesund fundierten und konkurrenzfähigen Industrien auf beiden Seiten wird es sehr gut möglich sein, aus dem Wegfall Der handelspolitischen Hemmungen Nutzen zu ziehen. Für die deutsche Landwirtschaft zeigen üch die Vorteile der Zollunion insbesondere auf dem Gebiete des Vieh- und Zuckerexports, während umgekehrt Oesterreich einen erhöhten Absatz an hochwertigem Zuchtvieh findet. Wie überhaupt Oesterreich seinen Binnenmarkt um ungefähr das Zehnfache vergrößert. Für die deutsche Exportindustrie kommt als weiteres wichtiges Argument hinzu, daß die deutsch-österreichische Zollunion den Anfang der wirtschaft- lischen Erschließung des südosteuropäischen Raumes bedeutet.
Bedenkt man dann noch, daß nach Abschluß der Zollunion die vereinigten Partner Deutschland und Oesterreich bei Handelsvertragsverhandlungen ein weit größeres Gewicht in die Wagschale zu werfen haben als bei ihrer der- zeitigen Trennung, so sieht man, daß die Vorteile der deutschösterreichischen Zollunion die Schwierigkeiten, die in der Uebergangszeit zweifellos in einzelnen Wirtschaftszweigen sowohl hüben wie drüben auftreten werden, übertreffen. Letzten Endes darf diese Frage ja nicht nur materiell-wirt- schaftlich, sondern sie muß auch ideell gesehen werden. Ich bin überzeugt, daß die deutsch-österreichische Zollunion ein histortscher Wendepunkt im Nachkriegsschicksal Deutschlands und Oesterreichs sein wird.
Die Ereignisse im Südosten werden die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten und Iah- ren noch vor schwere Aufgaben und ernste Nervenproben stellen. Es muß gelingen, in Deutschland zwischen der Industrie und der Landwirtschaft wenigstens in den großen wirtschaftspolitischen Fragen, die mit der Zollunion eingeleitet sind, eine Einheitsfront zustande zu bringen. Weder Landwirtschaft allein noch Industrie allein darf jetzt in Deutschland die Losung fein. j
Frankreichs Gegenplan keine neue Idee.
Paris, 21. April.
Der Plan der französischen Regierung, der die Antwort aus die deutsch-österreichische Zollaugleichung bilden soll, umfaßt nach den bisherigen Mitteilungen in der Hauptsache die Schaffung einer Landwirtschaftsbank und eine vor- zugsbehandlung Oesterreichs. Vorgesehen sein soll die Gründung einer internationalen Landwirtschaftskreditbank mit einem Kapital von 50 Millionen Dollar, das Frankreich zu 10 Prozent zu zeichnen bereit sein soll.
Auch in dieser Meldung findet sich also nur ein Hinweis auf reinlandwirtschaftlicheMaßnahmen des französischen Regierungsplans, die zudem teilweise auch mit den innerhalb des Europastudienausschusses längst beschlossenen Maßnahmen zusammenfallen würden, nämlich insofern als die Gründung einer internationalen Agrarkre- ditbank vorgesehen ist. Es findet sich in der Meldung «bei keine Andeutung über allgemein wirtschaftliche Maßnahmen
Agrariostitut in Baris?
Genfer Tagung der Studienkommission.
Genf, 21. April.
Der Unterausschuß der Studienkommission für die europäische Einigung, der sich mit den bisherigen Ergebnissen der Vorarbeiten für die Errichtung eines Internationalen Agrarkreditinstituts beschäftigt, ist unter dem Vorsitz der französischen Staatssekretär Poncet zusammengetreten. Der Vorsitzende erklärte, daß die französische Regierung alles !vas, K ihren Kräften stehe, Um wird, um das Projekt zur Ausführung zu bringen. Dre Länder Osteuropas, b^iei durch das geplante Agrarkreditinftitut westliches Kapital zuströmen soll, hätten insgesamt eine Bevölkerungszahl vor 100 Millionen Einwohnern, deren Lebenshaltungsnivear noch sehr niedrig sei.
Als Sitz des 3nfernaüone!en Agrarkreditinstituts wurde von den Sachverständigen Paris vorgeschlagen.
Zur Begründung für die Wahl dieses Ortes wird angegeben, daß es für das geplante Institut von Wichtigkeit sei, in ständiger Verbindung mit einem Geldmarkt erster Ordnung unt in vertrauensvollen Beziehungen zu einem Mittelpunkt internationaler Kapitalinvestition zu stehen. <-M
Frankreichs Abrüktmgssabotage
England befürchtet Verzögerung der Genfer Konferenz.
London, 21. April.
In Londoner politischen und zuständigen Kreisen ist man über die Entwicklung in der Frage der Flottenverhand- [ungen außerordentlich beunruhigt. In der Presse wird ganz rückhaltlos der Meinung Ausdruck gegeben, daß Frankreich nicht nur auf eine Vertagung der britifch-fran- chsisch-italienischen Flottenvereinbarungen, sondern auf eine Verzögerung der allgemeinen Abrüstungskonferenz überhaupt hinarbeitet. Der Pariser Korrespondent der „Times" ;. B. weist auf Grund seiner Pariser Informationen darauf hin, daß die französische öffentliche Meinung in Abrüstungs- rragen neuerdings unnachgiebiger geworden sei, „ein Stimmungswechsel, der von den nationalistischen Elementen Frankreichs eifrig gefördert und von maßgebender Seite nicht gerade entmutigt worden ist". Bekanntlich wurde vor kurzem in der Pariser Presse behauptet, die britische Regierung lege keinen großen Wert auf einen baldigen Abschluß Der Verhandlungen. -> b -
3m „News Ehronicle" wird der ernsten Besorgnis Aus- rruck gegeben, daß die französische Regierung der vorläu- igen Flottenvereinbarung einen vernichtenden Schlag ver etzt habe. Obwohl Frankreich die mächtigste und leistungs- jähigste Armee der Welt besitzt, so heißt es hier in einem Leitaufsatz, fürchtet es sich noch immer vor dem zu Wasser and zu Lande so gut wie wehrlosen Deutschland. Auf jedes Zeichen politischer Erholung in Deutschland antwortet Frankreich mit dem Rufe nach größerer militärischer Sicherheit. Um dieses Trugbildes willen scheint Frankreich bereit zu sein, eine große Abrüstungskonferenz zunichte zu machen and Verwirrung und Verzweiflung über Europa zu bringen. Wenn Frankreich es aber England unmöglich macht, seine Rüstungen zu vermindern, dann wird nichts, was in seiner Macht sieht, Deutschland am Aufrüslen verhindern sannen
In der Frage der Verhandlungen über das Schicksal des Flottenpaktes in Rom sollen die französischen Gegenvorschläge nach englischer Darstellung darauf hinaus- .aufen, daß Frankreich nur die Teile des Abkommens unterschreibt, die sein Floi-mbauprogramm nicht beeinträchtigen, und daß alle anderen Streitfragen bis nach der allgemeinen Abrüstungskonferenz vertagt werden. Frankreich will also sowohl im Unterseebootbau wie auch in der Frage der früheren Aufnahme der Ersatzbauten völlig freie Hand behalten.
3m „Observer" wird deshalb der Auffassung Ausdruck gegeben, daß England nunmehr gezwungen sein durfte, von der Revisionsklausel des Washingtoner Abkommens Gebrauch zu machen, so daß Amerika und Japan gezwungen würden, dasselbe zu tun.
Also doch Spionage! Der Zwischenfall in Königsberg.
Berlin, 2. April.
Zu dem Zwischenfall in Königsberg, wo, wie gemeldet, französische Offiziere Aufnahmen im Kasernengelände gemacht hatten, wird berichtet, daß es sich bei den drei Offi- Zieren um französische Generalstäbler handele, die der zweiten Abteilung des Kriegsministeriums, also der Spionageabteilung, angehörten, und daß die Bildaufnahmen, die sie bei einer Uebung der Reichswehrartillerie gemacht haben, sicherlich einen ganz besti mten Zweck dienen sollten.
Die Vorgänge, die die französischen Offiziere im Ka- iernenhof verfolgten, und die sie durch ein Gitter, das die Kaserne von der Außenwelt abschließt, filmten, stellten eine Uebung über die Anwendung eines neuen Ziel- instruments dar, das auf den Geschützen aufgesetzt wird und eine bessere Zielmöglichkeit schaffen soll. Die Aufnahmen haben, wie weiter berichtet wird, offenbar den Zweck gehabt, Art und Verwendung dieses Zielinstrumentes kennenzulernen. Die beschlagnahmten Filme sind in Königsberg bereits entwickelt worden und befinden sich auf dem Wege nach Berlin.
Wie wir erfahren, ist soeben eine Weisung der fraazö- j fischen Botschaft in Berlin an die in Ostpreußen befindlichen I französischen Offiziere ergangen, daß sie so schnell wie möglich Ostpreußen und Deutschland zu verlassen haben.
Die Untersuchung gegen die französischen Offiziere und Beamten ist noch im Gange. Sie wird angesichts der Wichtigkeit, die die Angelegenheit anzunehmen scheint, mit aller Sorgfalt weitergeführt. An den maßgebenden deutschen Stellen kann man sich kaum oorstellen, daß die Offiziere auf derartig plumpe Weise spioniert haben sollten.
Sollte sich aber aus den Photographien ergeben, daß der verdacht gerechtfertigt ist, so würden von deutscher Seite die nötigen Konsequenzen gezogen werden, d. h. die französische Regierung würde ersucht werden, den Königsberger Konsul und den ebenfalls in die Angelegenheit verwickelten Hilfsattache an der französischen Botschaft abzuberufen.
Stahlhelm-Zeitungsoerbot gemildert
Berlin, 21. April.
Die Bundespressestelle des Stahlhelm teilt mit, daß das Bundesamt durch den vierten Strafsenat des Reichsgerichts folgende Nachricht über seinen Einspruch gegen das Verbot der Stahlhelmzeitung erhalten habe:
„Die Beschwerde wird mit der Maßgabe verworfen, daß die Verbotsdauer auf die Zeit bis zum 1. Mai 1931 einschließlich beschränkt wird."
Mißglückte Revolution
Wirtschaftsdepression verursacht in Honduras Rebellion.
New Pork, 21. April.
Durch eine infolge der wirtschaftlichen Depression unt i der Arbeitslosigkeit verursachte revolutionäre Bewegung [ führte zu einem Zusammenstoß zwischen den Revolutionären ' die Tela auf Honduras angreifen wollten, und Regierungs truppen. Die Rebellen wurden jedoch zurückgeworfen unt auch in anderen Städten niedergeschlagen.
Die Revolution begann im Tale des Flusses, wr mehrere Fruchtgesellschaften große Lagereien besitzen. Etwc 800 Revolutionäre hatten sich der Ortschaft Ceiba bis aus 30 Meilen genähert. Die Regierung der Vereinigten Staa- | ten hat auf die Meldung von der Revolution in Hondurar hin dem leichten Kreuzer „Memphis"" Befehl erteilt, vor Puerto Cabezas in Nicaragua nach der Nordküste von Honduras abzugehen. In amerikanischen maßgebenden Kreisen betrachtet man die Revolution in Honduras alr eine rein politische, durch die wirtschaftliche Depression unt die Arbeitslosigkeit entstandene Bewegung. Demgemäß werden die amerikanischen Streitkräfte strikte Neutralität beobachten.
Die Hölle polnischer Gesängnisse
Hungerstreik ukrainischer Gefangener in Polen.
Lemberg, 21. April. 3m Untersuchungsgefängnis der wegen politischer vergehen Verhafteten sind 40 Ukrainer unter ihnen die Abgeordneten Paliew und Lisczynski, die schon in Brest in Haft waren, in den Hungerstreik getreten. Sie fordern Beschleunigung des Untersuckungsver fahrens, Rückkehr der nach der Strafanstalt Wronke (Posen) übergeführten ukrainischen Häftlinge und eine bessere Behandlung.
Aus Przemysl wird berichtet, daß der frühere Kommandant der Festung Brest, Oberst Biernacki, der für die schlechte Behandlung der dort gefangen gewesenen Abgeordneten verantwortlich gemacht wird, schwer erkrankt ist. An seinem Aufkommen werde gezweifelt. Der Oberst hat ein Krebsleiden, das sich in den letzten Wochen sehr verschlim- ! mert hat, so daß er täglich mehrere Morphiumspritzen erhält.