Htrsfel-erTageblatt
Hersfelder Kreisblall
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 87
Mittwoch, den 15. April 1931
81. Jahrgang
Spanien ist Republik!
König Alfons hat für sich und seine Familie dem Thron entsagt
Umsturz in Spanien
Thronverzicht Bisons - Zamora wird Prasideni
Madrid, 15. April.
König Alfons XIII. hat soeben für sich und sein« Familie dem Thron entsagt. Um 17 Uhr versammelt« sich das augenblickliche Kabinett im königlichen Palais, wo die Unterzeichnung der Abdankung durch den Könic erfolgte. Daraufhin hat der abgehende Ministerpräsident Admiral Aznar dem künftigen Präsidenten der RepublU Alzala Zamora die staatlichen Gewalten übergeben. Dieser bildet umgehend eine provisorische republikanisch« Regierung. •
Die letzten Stunden der Monarchie
In der Stadt waren schon früh Gerüchte verbreitet daß der König abgedankt habe. Auf Grund dieser Gerücht, fanden große Demonstrationen der Bevölkerung in Puert« del So! statt, wobei die Menge rief: „Es lebe bii Republik!" Obwohl sich die Gerüchte nicht bestätigten lieh die Polizei die Bevölkerung im allgemeinen gewähren
Wie es heißt, sollen die Polizisten angewiesen worden sein, keinen Gebrauch von der Waffe zu machen. In ver schiedenen Fallen hat sich die Polizei sogar mit der Men schenmenge verbrüdert und ebenfalls Hochrufe auf die Re
publik ausgebracht. Der Freudentaumel der Bevölkerung dauerte bis in die ersten Morgenstunden. In den De- monftrationszügen wurden republikanische Fahnen in Rot- Gold-Biolett getragen.
Erhebung in den Vrovinzstadten
In Madrid eingelroffene Nachrichten bestätigen, daß in Barcelona und in den anderen Provinzstädten mit republikanischer Mehrheit sich republikanische Gemeinderäte gebildet haben, die zur Ausrufung der Republik und hisiung der republikanischen Fahne geschritten sind. In Barcelona hat der aus Paris zurückgekehrte Führer der katalanischen Republikaner Oberst Macia sich an die Spitze der Stadt- und Provinzialverwaltung gestellt.
Madrid, 15. April.
König Alfons XIII. hat um 21 Uhr in Begleitung des Jnfanten Alfonso und des früheren Marinominifters Herzog von Miranda die Stadt verlassen. Das Ziel feiner Reife ist nicht bekannt. Nach der einen Version ist es Cartagena, nach der anderen Cadix. ....... ~ .
Die übrigen Mitglieder der königlichen Familie werden Madrid heute verlassen. Ein besonderes Abdankungsdekret ist nicht abgefaßt worden. Der König hat, wie gemeldet, faktisch auf die Regierungsgewalt verzichtet.
König Alfons hat der Regierungsgewalt überhaupt ent- sagt, und nicht etwa zugunsten eines Mitgliedes seiner Familie abgedankt, was doch wegen der gegenwärtigen Lage für ihn unmöglich gewesen wäre.
Während der König anscheinend noch mit dem Entschluß zur endgültigen Abdankung und zum Verlassen des Landes rang, konstituierte sich das republikanische Regime immer mehr. Da der König auf die Ausübung der Regierungsgewalt verzichtet hat und damit nicht mehr im Vordergrund der Ereignisse steht, ist
eine eigentliche Revolution gegenstandslos geworden.
Die neue Regierung, deren Zusammensetzung noch nicht ganz feststeht, im wesentlichen aber der des revolutionären Komitees vom Dezenrber vorigen Jabres entsprechen dürfte. Hütte
sich im Rakhaus versammelt, wo der Führer der Sozialisten, Fernando de los Rios als Treuhänder des Volkes ihre Vereidigung entgegengenommen hat. Die erste Kundgebung der Regierung der Republik ist die Ankündigung, daß sie alle Maßnahmen ergreifen wird, um die Ordnung zu gewährleisten und das Leben der königlichen Familie zu schützen.
Im Rathaus von Madrid ist die Republik ausgerufen worden. Die provisorische Regierung wird eine Proklamation veröffentlichen, die außer einem Manifest an die Nation auch die provisorische Verfassung in großen Linien enthalten soll, die Geltung haben wird, bis die verfassunggebenden Cortes über die- endgültige Verfassung beschlossen haben. Die erste Handlung der neuen Regierung wird die
Verkündung der Amnestie
sein. Es ist telefonische und telegraphische Anweisung gegeben worden, sämtliche politischen Gefangenen sofort in Freiheit zu setzen. Eine Abordnung von Offizieren hat beim neuen Kriegsminister vorgesprochen und angeboten, sich in Verwaltungsposten zu betätigen, bis die Armee endgültig reorganisiert ist. Die Uebertragung der Befugnisse der bisherigen Regierung auf die neue provisorische Regierung ist durchgeführt worden. Die definitive und offizielle Verkün- dung der Republik soll erst nach endgültigem Ueberokmg der ; Regierungsbefugnisse erfolgen.
Weitere Teilrepubliken in Spanien.
। 3n San Sebastian und Saragossa sind die dort j neugewählten Munizipalbehörden zusammengetreten und haben ihre Territorien zur Republik ausgerufen.
Die Flagge der spanischen Republik ist auch auf dem spanischen Post- und Telegraphenamt gehißt worden.
Die Liste der provisorischen republikanischen spanischen Regierung ist wie folgt abgeändert:
Minister für öffentliche Arbeiten: Marcellino Domingo; Justiz: Fernando de los Rios: Unterstaatssekretäre sind beim Miniskerprästdium Rastael Sanchez Guerra; beim Justizministerium Manuelle Ossorio Gallardo; beim Ministerium für öffentliche Arbeiten Gordon Ordax. Zum Zivilgouverneur von Madrid ist ernannt worden Eduards Ortego Gasset, zum Bürgermeister von Madrid der Sozialist Saborit.
Der Finanzminister der provisorischen Regierung, Prie- to, und eine gewisse Anzahl spanischer Persönlichkeiten, die sich bisher in Paris im Exil aufhielten, sind nach Madrid abgereist. Sämtliche in Frankreich im Exil lebenden Persönlichkeiten sind aufgefordert worden, nach Spanien zurück- zukehren.
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Spaniens neue republikanische Regierung setzt sich wie folgt zusammen:
Ministerpräsident: Alcala Zamora,
Außenminister: Lerroux (Rad.-Rep.),
Kriegsminister: Azana (Republ.),
Marineminister: Cecares Quiroga,
Finanzminister: Prieto (Soz.),
Innenminister: Miguel Maura (Dem.-Republ.).
Minister für öffentliche Arbeiten: Albornos,
Arbeitsminister: Caballero (Soz.),
Wirtfchaftsminister: Barioß,
Minister für Unterricht: Fernando de los Rios (Soz.). ,
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lieber die näheren Umstände, die zu der Bildung eine« republikanischen Regierung in Spanien geführt haben, ver lautet folgendes:
Der König hat feine Machtbefugnisse an die Regierung Aznar übertragen. Der Außenminister, Graf Romanones, begab sich sofort zu Alcala Zamora, um ihm die Regierungsgewalt für die provisorische republikanische Regierung zu übergeben. Die provisorische republikanische Regierung trat sofort bei Miguel Maura zusammen. Alcala Zamora hat den Chef der Zivilgarde, General San Jurgo, beauftragt, dafür zu sorgen, daß die öffentliche Ruhe und Ordnung nicht gestört werde.
Alcala Zamora erklärte noch: Ich habe telephonisch mit Oberst Macia und dem Dichter Ventura Casol gesprochen, die sich in Barcelona aufhalten. Man konnte die Jubelrufe der Bevölkerung auf den Straßen und die Rufe: „Es lebe Katalonien!", „Es lebe die Republik!", „Es lebe SpanienK' durch das Telefon vernehmen. Oberst Macia hat bestätigt, daß die Republik in Barcelona proklamiert worden ist. Allerdings ist zu dementieren, daß es sich um eine separatistische , katalanische Republik handelt. Oberst Macia hat weiter ge- / sagt, daß die auf dem Marsche befindliche Bewegung den | Wünschen Kataloniens Genugtuung geben muß dadurch, daß sie ein größeres und geeinteres Spanien schafft."
Ministerpräsident Zamora hat Oberst Macia gegenüber betont, daß man Zeit gewinnen müsse, um jede Störung der Ordnung und jedes Blutvergießen zu vermeiden. Alles müsse abgeschlossen fein, bevor die Arbeiter sich etwa veranlaßt sähen, die Fabriken zu verlassen.
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Die Straßen in Madrid sind außerordentlich stark belebt. Automobile durchfahren die Hauptadern der Stadt. Sie haben rote Fahnen und republikanische Flaggen gehißt. Der Minister der neuen republikanischen Regierung, Fernando de los Rias, verließ als erster die Sitzung des neuen Kabinetts und erklärte, daß die Regierung um 16.30 Uhr mit dem Exe- । kutivkomit.ee des Allgemeinen Arbeiterverbandes und der I Sozialistischen Partei zusMMMMen wMe,mn Wer die ]
"age zu beraten und den Ereignissen, die sich etwa abspielen könnien, vorzubeugen. Minister Miguel Maura seinerseits betonte, daß alle von der revolutionären Regierung veröf- 'entlichten Erklärungen, als offizielle Erklärungen einer pro« mfonjdjen Regierung ausgegeben werden würden. Innerhalb der provisorischen Regierung berät man bereits über Die Neubesetzung der spanischen Botschaften und Zivilgouverneursposten.
Die Truppen bleiben weisungsgemäß in ihren Kasernen, um iebe Berührung mit den politischen Ereignissen zu vermeiden. Ganz Madrid ist mit republikanischen Fahnen und Abzeichen beflaggt. Die Umzüge und Kundgebungen für Die Republik dauern an..
Die portugiesische Revolte
Die Aufständischen löschen die Leuchtfeuer.
Lissabon, 15. April.
General Ferraz ist als Generalinspekteur des Heere, zurückgetreten und durch den früheren Minister Silva Baste ersetzt worden.
Ueber die Operationen auf Madeira und den Azoren wird berichtet, daß der Oberbefehlshaber der dortigen Re- gierungstruppen, Oberst Borgos, die Zensur eingeführt uni erklärt habe, jeder der sich den Entscheidungen der Behörden widersetze und den Aufständischen moralische und materiell« Hilfe angedeihen lasse, würde als am Aufstand beteiligt angesehen werden.
Die Aufständischen der Azoren-Jnseln Terceira und San Miguel haben die Leuchtfeuer gelöscht und damit den völkerrechtlichen Bestimmungen zuwidergehandelt. Die Regie rang hat die Blockade der Häfen Angea, Madeira und Paulo Delgada verfügt, die inzwischen auch wirksam geworden ist
Außerdem sind zwei weitere Kreuzer ausgelaufen. Die portugiesische Regierung erklärt, daß weder im europäischen Portugal noch in den portugiesischen Kolonien sonstig« Zwischenfälle zu verzeichnen wären.
Frankreichs Bürgermeister Kreisen
Paris, 15. April.
Wie dem „Matin" aus Eherbourg gemeldet wird, haben die Bürgermeister von 22 Gemeinden in Nordfrank- reich beschlossen, dem Innenministerium ihre Demission zu übermitteln, weil sie sich außerstande sehen, die Sozialve?- sicherungsgesehgebung zur Anwendung zu bringen.
Neue Flottevdifferenzen
Wer sollte übertölpelt werden?
London, 15. April.
Die italienischen Mitglieder des Ausschusses für Ab fassung des Wortlautes der französisch-italienischen Flotten vereinbarung sind in London eingetroffen. In Londonei Kreisen nimmt man an, daß die Delegierten nicht sofort bis Differenzpunkte aufgreifen, sondern, daß sie zunächst ander, Teile des geplanten Abkommens behandeln werden. Bekanntlich hat Frankreich einen neuen Vorschlag ausgearbeitet der aber in der Hauptsache bezweckt, die Regelung der strittigen Kapitel aufzuschieben. Henderson und die englischer Sachverständigen scheinen aber an eine Kombination zr denken, die Frankreich auf der einen Seite die Ueber- legenheit über Italien, andererseits Italien die sogenannt, Parität mit Frankreich geben würde. Nach einer Auslassunx Leon Blums vertritt die französische Admiralität den Standpunkt, daß die Frankreich durch das englisch-französisch-italienische Abkommen zugesprochene Tonnageziffer noch un eine gewisse Ersatztonnage erhöht werden könnte, unter bei Voraussetzung, daß die neuen Schiffe nicht vor dem 1. Januar 1937 in den Dienst gestells würden.
Das würde in Wirklichkeit darauf hinauslaufen, dar Gleichgewicht, das durch das Abkommen bis zum 31. Dezember 1936 festgelegt wird, unmittelbar nach diesem Termin wieder zu beseitigen. Dieses Unternehmen hatte um gelingen können, wenn einer der Unterzeichner sich in bis Rolle des Uebertölpelten gefunden hätte. Man glaubt aber nicht, daß Massigli auf die neuen französischen Forderungen eingehen wird, vielmehr wird damit gerechnet, daß er vor- schlagen wird, die Frage bis nach Beendigung der Abrüstungskonferenz im nächsten Jahre offen zu lassen.
Dr. Sahm Berlins Oberbürgermeister
Berlin, 15. April.
In der Berliner Stadtverordnetenversammlung wurden bei der Wahl zum Oberbürgermeister insgesamt 222 Stimmzettel abgegeben, davon 13 unbeschrieben, so daß 209 gültige übrigblieben. Die absolute Mehrheit betrug demnach 105. Dr. Sahm erhielt 110 Stimmen, der Kommunist Pleck 52, der Deutschnationale Steiniger 46 und der Deutschnationale Springfeld eine Stimme. Dr. Sahm ist damit gewählt.