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HersfelöerTageblatt

Nr. 86 Dienstag, den 14. April 1931 81. Jahrgang

MWMäa

Spanien am Scheideweg

Schwere Wahlniederlage der Monarchisten Der König unter Militarschutz

Kamps um einen Königsthron

Die bisher bekanntgegebenen Ergebnisse der Kommunal- wahlen in Spanien vom Sonntag bestätigen einen über­wältigenden Erfolg der Republikaner. Die Zahlen beweisen, daß die republikanische Welle das ganze Land überflutet hat. Von 47 Provinzhauptstädten, deren Wahlergebnis vor- liegt, haben sich 43 zum Teil mit erdrückenden Mehrheiten für die republikanischen Parteien entschieden. Nach den bis­herigen Zählungen wurden für die Republikaner 95 000, für die Monarchisten nur 34 000 Stimmen abgegeben. Selbst in den monarchistischen Kreisen erklärt man, daß dieser Er­folg der Republikaner alle Erwartungen und Befürchtungen übertroffen habe. Diese Ueberraschung spiegelt sich in den Maßnahmen wider, die von der jetzigen Regierung ergrif­fen wurden, indem in der Hauptstadt Madrid 4000 Mann Bürgergarde zusammengezogen wurden, die im Verein mit den beiden Madrider Husarenregimentern die wichtigsten Punkte der Landeshauptstadt besetzt halten. Andererseits steht fest, daß das flache Land, also die Dörfer, zum größten Teil monarchistisch gewählt hat. Die Erklärung, des Ministers für öffentliche Arbeiten, daß sich unter den neu- gewählten 80 000 Gemeindevertretern HZ Prozent Monar­chisten befinden, scheint auch von den republikanischen Par­teien als richtig anerkannt zu werden.

Trotz allem: die Monarchie in Spanien hat durch die Sonntagswahlen eine schwere Schlappe erlitten. Es läßt sich heute noch keineswegs voraussagen, welche innerpolitischen Auswirkungen diese Tatsache im Ge­folge haben wird. Es ist jedenfalls nicht wahrscheinlich, daß die jetzige Konzentrationsregierung sich wird halten können Vielmehr ist mit einem unmittelbar bevorstehenden Kabi­nettswechsel zu rechnen. Vielfach rechn, mit einem ---Miniskerlum Dantiago Älbä mit tonsrliutionätWscher Un­terstützung. Von größter Bedeutung wird die Entscheidung sein, die König Alfons jetzt nach dem republikanischen Siege treffen wird. Nach einer Londoner Meldung soll er sich vor den Wahlen dahin geäußert haben, daß er sich mit seiner Gattin und seinen Kindern sofort nach London be- geben werde, falls die Wahlen einen Sieg der Republikaner bringen sollten. Eine Bestätigung dieser Meldung liegt noch von keiner Seite vor, sie würde auch dem bisherigen Ver­halten König Alfons' in den rückliegenden Jahren wider­sprechen. Denn schließlich waren alle Maßnahmen des Kö­nigs, die Einsetzung der Diktatur und ihre Beseitigung, der Versuch der Bildung einer Linksregierung und schließlich die Ernennung einer Konzentrationsregierung nichts an­deres als der Kampf um f e i n e n T h r o n. Dabei bleibt es unerheblich, ob dieser Kampf immer mit klarer Ueberlegung und in voller Kenntnis der Stimmung im Lande geführt wurde. Wenn der König nach diesem ersten Erfolg der republikanischen Parteien den Kampf ausgeben wollte, dann hätte er das leichter und früher haben können. Es ist vielleicht für die Beurteilung der Wahlnieder­lage der spanischen Regierung und des Königs nicht ohne Bedeutung, daß der katalanische Separatist Oberst Macia in einer Ansprache am Sonntagabend erklärte: Das beste für den König wäre, wenn er die Koffer packte und aus Spanien verschwände. Macia ist bekantlich jene Persönlich­keit, die im Jahre 1926 den berühmten Einfall von Frank­reich aus nach Katalonien versucht hatte. Schon damals hieß es. daß gewisse französische Kreise nicht ganz unbetei­ligt an diesem Putsch gewesen seien. Tatsache ist jedenfalls, daß König Alfons in Frankreich nicht allzu beliebt ist, und daß gerade vom Gesichtspunkt der französischen Mittelmeer­politik aus ein Umschwung in Spanien den Franzosen ge­rade recht käme. Die Republikaner haben jedenfalls immer die lebhaftesten Sympathien der französischen Kreise gefun­den, und auch jetzt hält die französische Presse mit ihrer Genugtuung über den republikanischen Wahlsieg in Spanien nicht zurück. Den Franzosen war es immer ein Hemmnis ihrer mittelmeerpolitischen Bestrebungen, daß die spanische Politik sich ihre Selbständigkeit zu wahren wußte und daß zwischen ihr und der italienischen Politik mancherlei Berüh­rungspunkte bestanden. Aus den französischen Pressekom­mentaren zu dem Wahlergebnis geht klar hervor, daß man von einer spanischen Linksregierung für Frankreich eine Stärkung seiner Mittelmeerpolitik erhofft. Man weiß auch, daß König Alfons in England nicht nur im Volke, sondern auch in der Regierung viele Freunde hat, und es ist erklär­lich, daß man ebenso wie in Rom so auch in London die jetzig i spanischen Vorgänge wegen ihrer außenpolitischen Wirkung mit großer Spannung verfolgt.

In Deutschland wird man, ganz gleichgültig wie man zu der politischen Entwicklung in Spanien steht, das eine nicht übersehen wollen und können, daß Spanien mit König Al­fons an der Spitze während des Weltkrieges trotz des starken außenpolitischen' Druckes seine Neutralität bewahrt hat. Spanien war auch eines der ersten europäischen Län­der. chas nach dem Kriege mit Deutschland wieder in nor­male Beziehungen trat und das als erstes Land deutsche Kriegsschiffe in seinen Häfen mit Herzlichkeit und aufrich­tiger Freundschaft begrüßte. Diese Tatsachen lassen sich nicht wegleugnen, und trotz mancher Bedenken, die man über das jahrelange spanische Diktatursystem haben mochte, bleibt für Deutschland die Feststellung unangefochten, daß sich die spanische Nation Deutschland gsaeuüber stets ritter­lich benommen hat.

Kritische Lage in Spanien

Sieg der reputzfikanisch-sozialistischen Koalition.

Madrid, 14. April.

Die spanischen Wahlergebnisse haben in der Haupt ftadt große Erregung hervorgerufen. Ein Regiment ooi Alcala bei Madrid steht in Bereitschaft, um den König nöti genfalls zu schützen. Der Königspalast wird scharf bewacht Man erwartet, daß in Madrid der Belagerungszustand ver hängt wird.

Die Minister beraten fortwährend über das Wahlerged nis. Ein Beschluß soll jedoch nicht vor dem nächsten Ka binettsrat getroffen werden. Ministerpräsident Azuar be riet auch mit König Alfons über die Lage

l Bei den Wahlen ist es zu einigen Zwischenfällen gekom i men. In Madrid stießen spanische Legionäre mit republi konischen Elementen zusammen. Die Polizei mußte ein greifen. Mehrere Personen wurden verhaftet. In dei Provinz Valencia wurden eine Anzahl Wahlurnen zer brachen. In der Stadt Valencia trieb die Polizei einen Um Zug auseinander. Im Verlaufe des Zusammenstoßes wur den mehrere Schüsse gewechselt. In Santander wurde: während eines Fußballkampfes die Spieler wegen politische: Fragen handgemein. Die Menge drang auf den Spielplatz Drei Personen darunter der Schiedsrichter, wurden schwe verletzt.

Die vorliegenden Wahlergebnisse lassen den Sieg dei republikanisch-sozialistischen Koalition unzweideutig erken nen. In den zehn Wahlbezirken Madrids wurden je dre Mitglieder der republikanisch-sozialistischen Koalition, insge samt also 30 republikanisch-sozialistische Gemeinderäte, und ji 2 monarchistische Kandidaten, also insgesamt 20, gewählt O»S.-KAuLSte» .sst-är är- MadridZe wählt: Republikaner: Alcala Zamora, Miguel Maura Ortega y Gasset, Largo Caballero: Monarchisten: Rodri guez Gonzales, Garcia Moro, Garcia Cortez: Sozialisten Garcia Santos.

In der Provinz haben die Monarchisten nach den bis- her vorliegenden Meldungen in folgenden Städten die Mehr­heit erhalten: Cadiz: 40 M., keine R.; Pamplona: 17 M. l1 R.; Avila: 12 M-, 7 R. Die Republikaner haben in fol­genden Städten die Mehrheit: Oviedo 25 R 15 M-: Lc Cornua 34 R., 5 M.; Granada 11 S-, 16 R., 10 M.: Ponte- vedra 10 R., 3 K. und 3 M., womit zum ersten Male ir Spanien Kommunisten gewählt sind: Cuenca 11 R., 8 M. Caceres 14 R., 10 M.; Almeria 20 R., 9 M-: Tarragonc 19 R., 9 M.; Santa Colona de Farnes 8 R., 4 M.; Geronc 15R., 8 M.; Vittoria (eine ausgesprochen klerikale Stadt 15 R., 9 M.

An weiteren Ergebnissen wird bekannt: San Sebastian 28 R. und S., 6 M.; Orense 11 R., 11 M.; Burgos 13 R. 17 M.; Alicante 29 R., 10 M.; Linares 32 R-, 10 M: Al- bacete 22 R., 11 M; Ceuta 20 R., 2 M. Eine große repu­blikanische Mehrheit wird aus Bilbao, Mala, Alcoy, 61 Ferrol und Cartagena gemeldet.

In einer großen Anzahl kleinerer Provinzstädte haben die Linksparteien sämtliche Sitze erobert, in vielen die Mehr­heit errungen. In anderen kleinen Städten, namentlich in der Provinz Cordoba, sollen die Monarchisten starke Mehr­heiten erlangt haben.

Drohende Sprache gegen Alsonr

In Barcelona wurden 25 Kandidaten der katalanischen republikanischen Linken (Führer Oberst Macia), 13 radikal« Republikaner und 12 Monarchisten gewählt. Oberst Macia hielt bei der Verkündung des Wahlergebnisses eine An­sprache, in der er erklärte, angesichts des Triumphes der Republikaner bleibe dem König nichts übrig als abzudanken. Sonst würde er gezwungen sein, eine Diktatur einzuführen, die einen blutigen Verlauf nehmen würde, denn das Volk würde sich erheben. Die Könige, die nicht ihrem Volke ge­horchten, müßten auf das gleiche Schicksal wie Ludwig XVI. gefaßt fein.

Auswirkung der spanischen Wähler

Die Republikaner fordern die Republik.

Madrid, 14. April.

verschiedene republikanische und sozialistische Persönlich­keiten veröffentlichen folgende Erklärung:

Die Abstimmung in der spanischen Hauptstadt und in den städtischen Hauptzentren hat die Bedeutung eines für Me Monarchie ungünstigen, für die Republik günstigen Plebiszits. Sie trägt gleichzeitig die Merkmale eines Schuldspruchs ge­gen den höchsten Träger der Regierungsgewalt. Dir for- der» sämtliche zivilen und militärischen Institutionen des Staates auf, die Entscheidung des Volkes zu respektieren. Wenn die Machthaber nicht dem Wunsche des Landes nach­kommen sollten, würden wir vor der Ration und der interna­tionalen öffentlichen Meinung die Verantwortung für das, was unvermeidlich eintreten wird, ablehnen. Im Ramen Spaniens, das wir vertreten, da wir die Mehrheit besitzen, erklären wir öffentlich, daß wir energisch vorgehen werden, um dem Wunsche der Ration durch Errichtung der Republik in Spanien Genugtuung zu geben!

Diese Erklärung ist unterzeichnet von Alcala Zamora, Fernando de Los Rio, Easares, Miguel Maura, Largo, Caballero. Alhorno;. Berrour und Arana.

Der Ministerrat hat vier Stunden über die durch das Ergebnis der Gemeindewahlen geschaffene Lage beraten, ohne zu einer Entscheidung gelangen zu können, da sich dir Auffassung der Liberalen und der Konservativen scharf ge- genüberstanden.

Die Konstitutionalisten geben bekannt, daß die Lösung der Regimefrage durch die verfassunggebenden Cortes nicht mehr nötig sei, denn das Land habe es bereits getan. Sie würden deshalb nicht die Regierung übernehmen, auch wenn sie ihnen angeboten werden sollte.

Die Sozialistische Partei ist der Auffassung, daß das Er­gebnis der Gemeindewahlen klar und deutlich den Willen des Volkes zum Ausdruck bringt und daß die Verwirklichung dessen, was das Volk will, nicht verzögert werden darf. Sollte ein Versuch gemacht werden, den Willen des Volkes zu brechen, so würde die Sozialistische Partei entsprechend ihrer Pflicht und in Uebereinstimmung mit dem Allgemeinen Arbeiterverband und den republikanischen Parteien Mittel und Wege suchen, den berechtigten Wünschen der Arbeiter­schaft und der spanischen Demokratie Genugtuung zu ver­schaffen.

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3n politischen Kreisen verlautet, daß ein plötzlicher Rück­tritt des Königs nicht ausgeschlossen erscheine. Ein solcher Entschluß würde von dem Gedanken eingegeben sein, die Mo­narchie unter Aufopferung der Person des Monarchen zu retten. Eine Entscheidung ist jedoch noch nicht gefallen. Auch liegt eine Aeußerung des Königs in diesem Sinne nicht vor.

Wiedereinführung der Zensur?

Paris, 14. April.

Havas meldet aus Madrid:

-. Die I°Msthe« ausländischer Ksrrefpsndenien,^die-wich- tige Nachrichten über die Vorgänge in Spanien enthalten hätten, sollen von den Behörden angehalten worden sein. Man frage sich, heißt es, ob die Zensur wieder hergestellt worden sei. Die verschiedenartigsten Gerüchte liefen fortge­setzt in Madrid um.

FrankreichsFreunde"

Außenpolitische Rede des französischen Handelsminister».

Paris, 14. April.

Bei der Eröffnung der Internationalen Messe in Lill« hielt Frankreichs Handelsminister Rollin eine Rede, in der er sich gegen die Handelspolitik verschiedener Länder, darunter auch gegen das russische Dumping, wandte und am Schlüsse zur deutsch-österreichischen Zollangleichung bemerkte, Frankreich habe in Mitteleuropa Freunde, die gegenwärtig große Schwierigkeiten durchzumachen haben. Er wünsche, ihnen in stärkerem Maße zu Hilfe zu kommen, damit sie ihre Lage verbessern und ihre Kaufkraft erhöhen können, so daß Frankreich in ihnen nicht nur Freunde, sondern auch aus­gezeichnete Kunden finde.

Frankreich werde aber nicht auf Worte oder auf den Schein hereinfallen. Es werde nicht dulden, daß unter dem Deckmantel einer Zollunion und unter Mißachtung der -eierlichsten internationalen Verpflichtungen mehr oder min­der versteckte politische Absichten verborgen werden, die den Weltfrieden gefährden. Der Weltfriede sei die Frucht des Sieges Frankreichs. Frankreich werde nicht zulassen, daß dem Abbruch getan werde. Die Einigung der Franzosen, wie mich schon Präsident Doumergue in Rizza erklärt habe, müsse das Vorspiel für die Einigung der Völker sein.

Regierungskrise in Japan

Das Kabinett hamagutchi zurückgetreten.

Tokio, 14. April.

Das Kabinett hamagutchi ist zurückgetreten. Der Kriegs­minister, General Ugafi, begab sich in Vertretung des Mini­sterpräsidenten zum Palast und unterbreitete dem Kaiser das Rücktrittsgesckch des gesamten Kabinetts.

Man erwartet, daß der frühere Ministerpräsident W a k a t f u k i, der die japanische Delegation auf der Lon­doner Flottenkonferenz führte, die Bildung des neuen Ka­binetts übernehmen wird. Hamagutchi ist immer noch sehr i eidend. Die Folgen des schweren Attentats hat der jetzt ' rus dem Amt scheidende Ministerpräsident noch nicht über- nunben.

Lobe in der Interparlamentarischen Union

Genf, 14. April.

Der Verwaltungsrat der Interparlamentarischen Union hat beschlossen, die nächste Interparlamentarische Konferenz am 1. Oktober in Bukarest abzuhalten. Der Rat hat in den Exekutivausschuß an Stelle von Professor Schucking, der nach seiner Wahl zum Richter beim Internationalen Haager Gerichtshof sein Amt zur Verfügung gestellt hat, den deut- schen Reichstagspräsidenten Lobe gewählt.