Einzelbild herunterladen
 

Arsfel-erTageblatt

n^^^^^rutst-rrchenö«^^^^ Hersfelöer Kreisbla«

^^^^^ ^mtli^er /lnzeiger für den Kreis Hersfelö

50

Nachlaß orroahrt^ Mi Sir «chrNleitang vrrant- ^Mchr-«mi-m,k & fittsftl». Zernsprechre Nr. -

WLKWMW!

1.00 Reichsmark. druck und Verlag von Laöwlg Zanke VuchSruckerei in HerefelS, MitglleS »«VVZV.

Nr. SS

Montag, den 13. April 1931

81. Jahrgang

Frankreich knallt mit der Peitsche

Englische Antwort:Keine grötzeren Schranken gegen den Bolschewismus als ein zentraleuropSisches Wirtschasisgebilde"

Washington und Cheguerr

Zwischen London und Paris hat sich seit etwa 8 Tagen ein außerordentlich lebhafter Informationsaustausch ent­wickelt. Es handelt sich dabei nicht nur um Presseinforma­tionen, sondern auch um solche diplomatischer Art. Diplo­maten kommen und gehen, besuchen sich, klären Mißverständ­nisse auf. und in den Ministerstuben schmiedet man neue Pläne und neue Aktionen. Das britische Außenamt will einen hohen Beamten nach Paris entsenden, der Briand ein­gehende Mitteilungen über Grund und Absicht der Einla­dung an die deutschen Minister nach Chequers machen soll. Paris ist verärgert, ist mißgestimmt und droht, die ganze Serie französischer Vasallenstaaten rebellisch zu machen. Wenn nicht alle Anzeichen täuschen, hat man in London bereits den Rückzug vor Paris angetreten und versichert ein über das andere Mal. daß die Einladung an Brüning und Curtius eine reine Höflichkeitsaffäre sei. Das, was MacDonald und Henderson anfänglich mit dem deutschen Kanzler und Außenminister besprechen wollten, wird jetzt, natürlich mit anderer Wirkung, zwischen britischen und französischen Diplomaten und Staatsmännern ausgehandelt. Man hat fast den Eindruck, als ob durch das Zögern der deutschen Regierung auf die englische Einladung hin die Pariser Drahtzieher Oberwasser bekommen haben, so daß sie um so leichter eine Verschiebung der Konferenz von Chequers bis zum Juni zu erreichen vermochten.

Es ist aber noch etwas anderes, was die Oeffentlichkeit in zunehmendem Maße beschäftigt. Das find die Gespräche, die der Gouverneur der Bank von England, Montague N o r m a n . in N e w J o r k und Washington geführt hat. Die Gerüchte wollen nicht verstummen, daß es sich hierbei nicht lediglich um die Frage der allgemeinen Zu­sammenarbeit der Notenbanken gehandelt habe, sondern daß die erschürfte Weltdepression im Vordergrund der ErörtL- rungen stand. Denn Kapitalentwicklung und nationale Wirt- schaftsgestaltung hängen in England genau so zusammen wie in Deutschland oder anderwärts. Die englische Wirtschaft klagt ähnlich wie die deutsche über den Druck der kurzfri­stigen Verschuldung. Der Faktor der Unsicherheit hemmt nicht nur jede gesunde Kalkulation, sondern auch die Spann- und Tatkraft der betroffenen Industrien.

Aber das ist nicht allein der ausschlaggebende Faktor. Der innere Zusammenhang zwischen Weltwirtschaft und Tributzahlungen macht sich, abgesehen von Deutschland, kaum fühlbarer und drückender bemerkbar als in England. Nicht zuletzt durch die englische Haltung sind alliierte Kriegsschulden und deutsche Reparationen mitein­ander verflochten. Selbst der Uoung-Plan geht in seinen Revisionsbestimmungen von diesen Verflechtungen aus. Will England von Amerika eine Erleicksterung seiner Kriegs­schulden, so muß es auch für eine Minderung der deutschen Reparationslasten eintreten. Man behauptet, und sagt es trotz aller Dementis immer wieder, daß Herr Norman in New Park und Washington in diesen Zusammenhängen von einem allgemeinen Schuldenmoratorium gespro­chen habe und dasBeamte, die an den Besprechungen mit Norman teilgenommen hätten, andeuteten, endgültige Vor­schläge würden wahrscheinlich sein, und zwar in Verfolg der Konferenzen MacDonalds über die europäische Lage". In Londoner Norman nahestehenden Kreisen hält man es nicht für ausgeschlossen, daß er auf die wohltuende Wirkung hin­gewiesen habe,die eine leichte finanzielle Politik in Mittel­europa haben würde". Danach scheint es, daß man minde­stens in London die Möglichkeit nicht von der Hand weist, daß Normans Besprechungen in Amerika sowohl das deutsch-österreichische Zollabkommen, als auch die angekün­digte deutsch-englische Konferenz in Chequers mit zum Gegenstand hatten. Es sind dort sehr wahrscheinlich endgül­tige abschließende Entscheidungen nicht getroffen worden, wohl aber scheint der Gedanke einer internationalen Kon­ferenz über die Fragen der Tribute, Zollmauern, Kriegs­schulden und der alliierten Finanz- und Wirtschaftsprobleme erörtert worden zu sein. Es ist kaum ein Geheimnis, daß sich die amerikanischen Finanz- und Wirtschaftssachverstän­digen ebenso wie die Leiter der amerikanischen Politik für alle Fragen lebhaft interessieren, die sich auf die Befrie­dung Europas und auf die Gesundung der Weltwirtschaft beziehen. Wenn es Montague Norman gelungen sein sollte, die Amerikaner von den wirtschaftsheilenden Wirkungen einer Neugestaltung des Schulden- und Reparationspro- blems zu überzeugen, dann kann man erwarten, daß die Washingtoner Besprechungen nicht ergebnislos bleiben werden

, Wesentlich wird dabei aber sein, ob es gelingt, auch Frankreich davon zu überzeugen, daß mit der Befrie­dung und wirtschaftlichen Gesundung Mitteleuropas seine Widerstandsfähigkeit gegen das Gift des Bolschewismus zu- fammenhängt. Die Verhältnisse in Deutschland sind in jeder Hinsicht dazu angetan, Frankreich zu warnen, den Bogen machtpolitischer Bestrebungen zu überspannen. Diese War­nung muß aber von jenen Staaten ausgehen, die ein poli­tisches und vernunftgemäßes Interesse daran haben, die Wirtschaftsgestaltung Europas in die alten ruhigen Bahnen zu lenken. Und es sieht fast so aus, als ob die Gespräche von Washington nicht ganz ohne Beziehung sind zu der Konferenz, zu der MacDonald die deutschen Minister ein- geloben hat.

Englische Einsicht

London. 12. April.

In einem Leitaufsatz beschäftigt sichDaily Expreß" mit der durch die österreichisch-deutsche Zollunion geschaffenen Lage. Frankreich, so heißt es darin, ist ärgerlich, Deutsch­land und Oesterreich hätten die Unverschämtheit gehabt, eine Zollunion anzuregen. Das abgemagerte Ueberbleiblel der alten Habsburg-Monarchie sollte an der kommerziellen Wie­derbelebung des besiegten, aber entschlossenen Deutschland- teilnehmen. Briand sagte nein. Die Zentralmächte legten dar, daß man ihnen, um die Zahlung von Repara­tionen zu ermöglichen, alle Möglichkeit geben sollte, ihre Handelsbeziehungen zu stärken. Briand sagte nein Es wurde angeregt, daß die Vorkämpfer der Zollunion nach London kommen sollten, um die Sache mit dem britischen Premierminister zu besprechen. MacDonald sagte ja, Briand sagte nein.

Die öffentliche Meinung Englands ist der Ansicht, daß die Zentralmächte nicht nur in ihrem Rechte sind, sondern daß es keine größeren Schranken gegen das Uebergreifer des Bolschewismus gibt als ein starkes zentraleuropäisches Wirtschaftsgebilde. Frankreich knallt mit der Peitsche. Aber wie lange müssen wir alle noch zu kreuze kriechen?

Briands Bedingungen

Der englische Botschafter Lord Tyrrell, der, wie ge­meldet, am Donnerstag mit dem Außenminister Briand eine ziemlich eingehende Besprechung hatte, ist nach London gereift. Man nimmt an, daß Lord Tyrrell das Foreign Office darüber unterrichten will, welche Vorschläge die fran­zösischen Deligierten am kommenden Dienstag bei Wieder- aufimtzmeber Siesten?,a!tr'?^ und italienischen Delegierten über die noch strittigen Punkte unterbreiten werden. Wahrscheinlicher ist, daß der englische Botschafter der englischen Regierung eingehend Bericht er­statten wird über die unfreundliche Aufnahme, die er bei Briand wegen der Einladung ap' Dr. Brüning und Dr. Curtius erfahren hat. £

Darauf deutet jedenfalls eine Agenturmeldung aus Lon­don, nach der in unterrichtetem englischen Kreisen erklärl werde, daß möglicherweise ein hoher Beamter des Foreign Office nach Paris kommen werde, um Briand eine ins Ein­zelne gehende Aufklärung über die Bedeutung der Einladung an Reichskanzler Dr. Brüning und Reichsaußenminister Dr. Curtius zu geben.

Reparationsproblem akut

Eine Unterredung mit dem deutschen Außenminister.

Oslo, 12. April.

In dem führenden norwegischen BlaktTidens legn wird eine Unterredung wiedergegeben, die der Auslands­redakteur des Blattes u! dem deutschen Außenminister hatte. Dr. Curtius beantwortete dabei die Frage, ob die > deutsche Regierung beabsichtige, das Reparationsproblem im herbst zu erneuter internationaler Erörterung aufzurollen, u. a. dahin, daß die Regierung darüber noch keinen Be­schluß gefaßt habe, aber kurz nach Ostern die Frage be- handekn und dann wahrscheinlich entscheiden werde, was geschehen soll. Die Regierung habe dieses komplizierte Pro­blem nicht forcieren wollen, aber die wirtschaftliche Situation habe sich so entwickelt und die Reparationen drückten so un- geheuer schwer auf das deutsche Volk, daß es so nicht weiter­gehen könne.

Weiter äußerte sich Dr. Curtius über den deutsch-öster­reichischen Zolloertrag und erklärte auf die Frage, ob Deutschland bereit sei, ein gleiches Abkommen auch mit Frankreich abzuschließen, wie folgt:Nichts würde mir lieber sein. Auch hier ist Deutschland zu Verhandlungen be­reit. Eine Zollunion zwischen Frankreich und Deutschland würde einen außerordentlichen Gewinn für das wirtschaft­liche Leben ganz Europas bedeuten. Selbstverständlich wird eine solche Zollunion gewisse Uebergangsprobleme schaffen, denen ich durchaus nicht blind gegenüberstehe. Aber diese Uebergangsprobleme, gegen die es Abhilfe geben wird, sind nichts gegen die großen Vorteile, die man auf die Dauer von einer Zollunion haben wird. Es ist meine große Hoff­nung, daß eine solche Union verwirklicht werden wird."

Die Aussichten ber -"bstjährigen Abrüstungskon­ferenz beurteilte Dr. Curtius im allgemeinen optimistisch. Er sagte, daß man die Abrüstungskomödie, wie sie in den letzten 3ahren nespielt wurde, nicht länger forksetzen werden könnte. Es sei unmöglich, unaufhörlich nur von Deutsch- 'and Leistungen zu verlangen, aber selbst nichts zu tun. Die Franzosen müßten verstehen, daß sie jetzt an die Reihe kommen. Einmal müßten auch sie mit der Abrüstung begin­nen. Er glaube bestimmt, daß die Abrüstungskonferenz Er­folg haben werde. Sie müsse Erfolg haben, denn, wenn sie ergebnislos verliefe, fei es aus mit dem Völkerbund, und Europa gehe dem Chaos entgegen.

Die Umgruppierung der europäischen Wirtschaftskräfte

Schweden tritt dem Osloer Abkommen bei.

Stockholm, 13. April.

Beide Kammern des Reichstages haben die Regierungs­vorlage über den Beitritt Schwedens zum Abkommen von Oslo gebilligt, durch das eine wirtschaftliche Annäherung zwischen Schwegen, Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien herbeigeführt wird.

Holland und das Zollabkommen.

Haag, 13. April.

Die seit einigen Monaten bestehende staatliche Kommis­sion zur Verbesserung der Handelsverträge hat sich auch mit dem geplanten deutsch-österreichischen Zollabkommen befaßt. Ein endgültiges Urteil über den Einfluß der deutsch-öster­reichischen Vereinbarungen auf den holländischen Handels­verkehr wurde vorläufig aufgeschoben.

Die Teilnehmer an der Sitzung waren jedoch einstimmig der Meinung, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen Pro­bleme in der letzten Zeit für Holland Anlaß sein müsse, aus dem für das Wirtschaftsabkommen von Oslo eingeschlagenen Wege des Abschlusses zweiseitiger Verträge fortzuschreiten.

Ferner beschloß man die Frage zu untersuchen, ob der jetzige Zeitpunkt zum Abschluß eines endgültigen umfassenden Handelsvertrages mit Frankreich auf der Grundlage des Meistbegünstigungsprinzips günstig sei.

De«tsch-mmö«ische Verhandlungen

Vor positiven Ergebnissen.

"V Berlin, 12. Wru.

Die deutsch-rumänischen Verhandlungen sind nach einer Osterpause in Wien wiederaufgenommen worden.

In unterrichteten Kreisen wird damit gerechnet, daß sie Anfang Mai zum Abschluß kommen. Ihr bisheriger Ver­lauf berechtige zu der Erwartung, daß dieser Abschluß mit positiven Ergebnissen zusammenfallen werde. Das Abkom­men werde auf der Gewährung von Präferenzzöllen aufge­baut sein und sich logisch eingliedern in die Bemühungen um regionale europäische Wirtschaftsverständigung, die mit dem deutsch-österreichischen Zollunionsvertrage ihren Anfang genommen hätten.

Doch werde das Abkommen mit diesem letzteren Ver­trage in keinem direkten Zusammenhang stehen.

Das albanische Kabinett zurückgetreten

Tirana, 13. April.

Der albanische Justizminister hat wegen Meinungsver­schiedenheiten mit dem Parlament seine Demission einge- reicht. Die albanische Regierung hat daraufhin die Gesamk- demission des Kabinetts beschlossen mit der Begründung, daß die gegenwärtigen Meinungsverschiedenheiten charakteristisch seien für die andauernde feindselige Haltung des Parlaments gegen die Regierung, der es dauernd ernste Schwierigkeiten bei der Ausführung ihrer Aufgaben mache.

Umringtes neue Legierung

Die voraussichtliche Zusammensetzung des Kabinetts.

Weimar, 13. April.

Die Vertreter der Wirtschaftspartei und der Landvolk­partei dürften, soweit bis jetzt festgestellt werden kann, der Deutschen Volkspartei folgende Ministerliste oorschlagen:

Baum (Inneres und Finanzen), Dr. Kästner (Justiz, Wirtschaft und Volksbildung), Staatsräte: Döbrich, M. d. R., Landoolkparlei (als Vertreter für Meiningen); Mackel- dey, Landvolkpartei (als Vertreter für Weimar); Gastwirt Kretzschmar, Wirtschaftspartei (als Vertreter für Reuß); Krause, Wirtschaftspartei (als Vertreter für Alkenburg); Bauer, Deutsche Volkspartei (als Vertreter für Sonders­hausen).

Keine Kriegsgefahr in Europa?

Kellogg als Bewunderer Briands.

Paris, 13. April.

Der frühere amerikanische Staatssekretär Kellogg, der gegenwärtig in Paris weilt und heute nach dem Haag rei­sen wird, wohin ihn sein Amt als Mitglied des Internatio­nalen Gerichtshofes ruft, hat bei einem Empfang von Presse­vertretern erklärt, er sei einer der größten Bewunderer Briands und betrachte ihn als den heroorragend- sten Anwalt des Friedens. Briands Einfluß fei ungeheuer, und zum großen Teil -dank dieses Einflusses gäbe es keine Kriegsgefahr in Europa. ....,