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hersfel-er Kreisbla«

Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfel-

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Nr. 84 (erstes Blatt)

Sonnabend, den 11. April 1031

81. Jahrgang

Verurteilung des Völkerbundes

Darpolitische Testament" der Präsidenten der französischen Republik ist eine Absage an den Völkerbund

Politische! ."

Es scheint fast, als ob der in der Natur erwachte Früh­ling auch auf dem Gebiet der großen Politik neue Blüten treibt. In den letzten Tagen sind von den verschiedensten Seiten Nachrichten und Gedanken in die Welt gesetzt wor­den, die erkennen lassen, daß es überall sproßt und blüht. Eine etwas phantastische Nachricht, die stark nach einem ver­späteten Aprilscherz aussieht, leistete sich eine Londoner Nachrichtenagentur mit der Meldung, daß der Gouverneur der Bank von England, Norman, mit der Federal Reserve Bank in New York eine Vereinbarung über ein zweijähriges Moratorium für alle Kriegsschulden erzielt habe Offenbar handelte es sich hier um ein Londoner Börsen- gerücht oder um ein Börsenmanöver. Man wollte damit scheinbar dem Gouverneur der Bank von England, Mon- tague Norman, das Geheimnis über seine New Yorker Ver­handlungen mit dortigen politischen und Finanzkreisen ent­locken. In Wahrheit erzielte man nichts anderes als ein entschiedenes Dementi. Es kann schon sein, daß Montague Norman auch die Frage der Kriegsschulden und der deut­schen Tribute angeschnitten hat bei der Besprechung der in­ternationalen Wirtschafts- und Finanzkrise. Bis zu einer Vereinbarung über ein allgemeines Schuldenmoratorium aber ist das noch ein sehr weiter Weg.

Dieses Problem einer Tributrevision steht aber so irr Vordergrund finanz- und wirtschaftspolitischen Denkens daß nur ganz engstirnige Machtpolitik sich gegen eine Neu­regelung dieser die ganze Welt beschäftigenden Frage weh­ren kann. Der deutsche Außenminister hat in diesen Tagen dem Auslandsredakteur eines norwegische: Mostes, erklärt daß die deutsche Regierung über die Aufrollung des Repa rationsproblems zwar einen Beschluß noch nicht gefaßt habe daß sie aber sehr bald sich in dieser Frage entscheiden werde, was geschehen solle. Deutschland habe dieses komplizierte Problem nicht forcieren wollen, aber, wie sich die wirt­schaftliche Situation entwickelt habe, drückten die Repa­rationen so ungeheuer schwer auf unsere Schultern, daß es nicht weitergehen kann wie bisher. Dr. Curtius hat also damit zum erstenmal zu erkennen gegeben, daß Deutsch­land in der Reparationsfrage Schritte vorbereiten will, die zu einer Neuaufrollung dieses ganzen Problems führen müssen. Es ist unschwer vorauszusagen, daß diese Ankündigung im europäischen Unruheherd Paris neue Auf­regung und neue Gegenaktionen auslösen wird. Frankreich will es aus Gründen, die sich bei der Erörterung des deutsch-österreichischen Zollvertrages recht deutlich gezeigt haben, nicht zulassen, daß endlich einmal dieser unselige Geist von Versailles beseitigt wird.

Im Gegenteil, wenn man die Droh- und Hetzrede Doumergues liest, die er soeben in Nizza gegen Deutschland vom Stapel ließ, dann muß man mit einiger Besorgnis der weiteren Entwicklung der europäischen Poli­tik entgegensehen. Der größte Teil der französischen Presse ist zwar mit den Ausführungen Doumergues zufrieden. Das Echo aber. das vom Ausland zu dieser Rede nach Paris herüberklingt, dürfte Frankreich erneut vor Augen führen, daß die Auffassungen über Frieden und Völkergemein­schaft, über Wirtschaftsverständigung und internationalen Wirtschaftsausgleich in der Welt sich gewandelt haben. Was man in Versailles noch für das Weltheil hielt, wird vielfach heute als das Unheil der Welt angesehen. G= scheint nun, als ob bei den Ausführungen Doumergues die bevorstehende Präsidentenwahl eine große Rolle gespielt hat. Vielfach werden die Auslassungen des französischen Staatspräsiden­ten alspolitisches Testament" angesprochen; man gewinnt aber besonders in Anbetracht des französi­schen Presseechos mehr den Eindruck, daß er mit dieser Nizzaer Rede seinen Wiedereintritt in die aktive Politik Frankreichs anmelden wollte, also sein künftiges politisches Glaubensbekenntnis bekanntgab. Das müßte überschrieben sein:Wirtschaftliche, politische und militärische Mobil­machung gegen Deutschland!" Er sagt damit Briand offi­ziellen Kampf an, den man bisher als den Verständigungs- politiker ansprach und dem man nachsagte, daß er einen Ausgleich mit Deutschland anstrebe. Außerordentlich be- zeichnend für die augenblickliche Gereiztheit der französischen Politik ist eine Auslassung derJournSe industrielle", die er­klärt, daßes eine Erfrischung in dieser ernsten Zeit ist, die Vernunft als die Führerin Frankreichs empfehlen zu hören." Es ist eine eigenartige Vernunft, die nur die Hege­monie Frankreichs kenm und nur eine Sicherheit und nur eine Unabhängigkeit, nämlich die Frankreichs

So sehen die Blüten aus, die der politische Frühling 1931 hervorgelockt hat. Es wird abzuwarten sein, ob nicht mancher Reif noch die eine oder andere Blüte dahinsterben läßt. Denn sonst müßte ein Blütenflor auf der politischen Wiese Europas sich entwickeln, der nicht nur den Augen, sondern auch den Herzen der Menschen wehe tun müßte. ,

Briand gerüffelt

Doumergue gegen Völkerbund und Briands Politik.

Paris, 11. April.

Die Rede des Präsidenten der Republik in Nizza wird von den großen Zeitungen vollauf gebilligt.Iournee Industrielle" schreibt, die sehr deutliche Anspielung des Präsidenten der Republik auf die auswärtige Lage, nämlich das deutsch-österreichische Abkommen, verdiene besondere Erwähnung. Das Blatt verweist auf den Gegensatz zwischen der Aeußerung des Präsidenten und der Stellungnahme gewisser Kreise", die, wie es mißbilligend bemerkt, sich be­mühten zu beweisen, daß ein derartiger Zwischenfall be­deutungslos sei, und daß man sich sogar dazu beglückwün­schen müsse.A v e n i r" erklärt, man werde Doumergue zweifellos das Recht zuerkennen, in voller Kenntnis der Sachlage zu sprechen, da er ja seit sieben Jahren die Ge­schicke des Landes lenke und Zeit und Gelegenheit gehabt habe, die ernstesten Probleme der französischen Nachkriegs- politik kennenzulernen. Man müsse stark bleiben, da einer­seits der Völkerbund sich nur an den guten Willen seiner Mitglieder wenden könne, und andererseits man einige Mit­glieder völlig den Völkerbundsgeist vernachlässigen sehe, um wenn es ihnen gut dünke, zur individualistischen Formel zurückzukehren, ohne sich zu scheuen, das europäische Kon­zert zu stören. Die letzte Geste Deutschlands und Oester­reichs beweise, daß nicht alle Welt offenes Spiel spiele, und es sei symptomatisch, daß sogar Herriot, dessen Friedens­willen man nicht in Abrede stellen werde, sich gegen die Umtriebe" Berlins und Wiens erhebe. Hierüber müßten alle Franzosen einer Meinung sein. Doumergue fordert Frankreich auf, diese Einigung durchzuführen.

Als typisch für die Wertung der Rede durch die große Presse kann der RSinmellMEcho de Parir" gelten Das Blatt erklärt, die Worte Doumergues hatten keinen Sinn oder sie stellten eine Verurteilung des Völkerbundes dar, der nicht einmal in der Lage sei, einfache Empfehlun­gen zu formulieren. Die Worte Doumergues hätten keinen Sinn oder sie bedeuteten eine scharfe Kritik der Abrüstungs- bemühungen, so wie sie gegenwärtig unternommen würden Wenn der Präsident zu verstehen gebe, daß er in dem Wirt- schaftsanschluß nicht einen vereinzelten Akt erblicke, sondern vielmehr den Beginn einer Reihe von Aeberraschungen, st stelle er damit indirekt fest, daß die politische Anschauung auf der sich die Politik von Locarno aufgebaut habe, ver­fehlt gewesen sei. Allem Anschein nach glaube der Wann der so deutliche Worte brauche, nicht, daß Deutschland siS den bestehenden Verträgen anpassen werde, und auch nicht daß Deutschland damit einverstanden sein werde, sie nur durch ein regelrechtes und friedliches Verfahren zu korri­gieren. Das Blatt erblickt in der Rede, des Präsidenter eine Verurteilung der Briandschen Politik.

Tyrrell beruhigt »ria«d über Cheguers

Die französisch-englische Entente zertrümmert."

Paris, 11. April.

Der englische Botschafter Lord Tyrrell hatte mit dem französischen Außenminister Briand eine Unterredung, die sich auf die in Aussicht genommene Begegnung von Che- quers bezog. Der englische Botschafter habe, so heißt es in einer französischen Meldung, den französischen Außenminister über die verschiedenen Gründe der ursprünglichen Initiative Hendersons unterrichtet. Die französische Presse nimmt auch diesen Anlaß wahr, um bissige Bemerkungen über Deutsch­land zu machen. So heißt es in einem Blatt u. a aller Wahrscheinlichkeit nach habe die engliscye Regierung Wert darauf gelegt, jedes Mißverständnis über den Charakter und die Bedeutung der Einladung an Reichskanzler Brüning und Dr. Curtius zu beseitigen. Uebrigens habe das Miß­verständnis weniger zwischen Paris und London als zwi­schen London und Berlin bestanden, wo man sich einige Illu­sionen über die wirkliche Bedeutung der Höflichkeitsgeste Englands gemacht habe.

Journal zieht aus der Regelung der Ehequerscffäce die Folgerung,daß die französisch-englische Entente, die immer noch die beste Garantie für den europäischen Frieden dar- stelle, nicht zum Vorteil Berlins zertrümmert" worden sei.

New dort dementiert

Keine Schuldenverhandlungen Montague Rormaus.

London, 11. April.

Nach einer Reutermeldung aus New York wird in maßgebenden Kreisen in Wallstreet erklärt, daß während des Besuchs des Gouverneurs der Bank von England, Montague Norman, Fragen erörier: worden seien die mit der verfehlten Behandlung der Goldvorräte der Welt und dem niedrigen Stande bei Silbers sowie den sich daraus ergebenden Wirkungen auf den Welthandel zusam- menhingen.

Es werde nachdrücklichst vekont, daß der Besuch in keiner Weise mit einer vorläufigen oder endgültigen Vereinbarung über die Frage der Schuldenzahlungen Zusammenhänge.

Der Stahlhelm" verböte«

Auf drei Monate für das ganze Reich.

Berlin, 11. April.

Der Berliner Polizeipräsident hat das Bundesorgan des StahlhelmbundesDer Stahlhelm" auf Grund des § 5 Absatz 1 und 13 des Gesetzes zum Schutze der Republik und )es § 1 Absatz 2 und 12 der Verordnung des Reichspräfi- Venten gegen politische Ausschreitungen mit sofortiger Wir­kung auf die Dauer von drei Monaten verboten.

Die Gründe des Verbotes werden in einem Artikel des Bundeskanzlers Major a. D. Wagner, der am 5. April er» schienen ist, erblickt. Dieser Artikel, der die Ueberschrift trägtLöst den Landtag auf", enthält nach Ansicht des Po- üzeipräsidenten insofern schwere Beschimpfungen der preu­ßischen Staatsform und der preußischen Staatsregierung, als u. a. von der Regierung behauptet wird, sie sei nicht geeignet zur Abwehr der polnischen Gefahr an der Ost­grenze. Sie habe die Sabotage des Ruhrkampfes verschul­det und sie sei der beste Verbündete Frankreichs und Polens and stelle eine Bremse der Außenpolitik der Reichsregie- rung dar.

Da das Verbot auf Grund von Reichsgesetzen ergangen ist, gilt es auch für das ganze Reich.

Für die, Dauer des Verbotes sei die Tatsache maß- Zebend gewesen, daß der Artikel nicht etwa nur eine ein- ielne Beschimpfung enthält, die als einmalige gelegentliche Entgleisung aufgefaßt werden könnte, sondern daß eine Kette planmäßiger, gehässiger und in politischer Hinsicht denkbar schwerwiegendster Vorwürfe gegen die Regierung ünes deutschen Freistaates erhoben werde.

Noch ein Zeituugsoerdol

Der Oberpräsident der Provinz Schleswig-Holstein hat 'uf Grund der Verordnung des ReicbsprAidenreu zur Be­kämpfung politischer Ausschreitungen vom 28. März 1931 nas Erscheinen der in Itzehoe herausgegebenen Tageszei- mngDas Landvolk" für den Umfang der Provinz Schleswig-Holstein auf die Dauer von vier Wochen vom iO. April bis zum 8. Mai d. I. wegen eines am 8. April gebrachten ArtikelsEin glänzender Erfolg des Verwal- mngsapparates. Wie deutsche Substanz verschleudert wird" verboten.

Wieder Putsch in Portugal

Vor der Verkündigung des Kriegsrechts.

, Paris, 11. April.

Aus Lissabon wird gemeldet, daß trotz der optimistische« Erklärungen der Regierung die Lage in Portugal mehr ab ernst sei. Die Garnison Punla-Del Garda und Angra b< hervismo auf den Azoren hätten sich der Aufstandsbewe- gung von Madeira angeschlossen. Die Regierung berate in Permanenz in der Kaserne des dritten Artillerieregimentr und habe die Verkündigung des Kriegsrechts in Lissabon selbst ins Auge gefaßt. Die Post- und Telegraphenämter seien militärisch besetzt.

Nachrichten englischen Ursprungs besagen, daß die Be­hörden, nachdem sie von dem neuen militärischen Staats­streichversuch Kenntnis erhalten hatten, in Lissabon, Oportr und anderen großen Städten ungefähr 30 Personen fest­nehmen ließen. Unter den Verhafteten befinden sich Offi­ziere, mehrere ehemalige Minister und andere hervorragend« Persönlichkeiten. Zahlreiche Patrouillen in voller Ausrü­stung mit Stahlhelm durchziehen abends die Straße Lissa­bons. Das Rathaus, das Telegraphenamt und ander« öffentliche Gebäude haben starke Wachen erhalten.

Daily Mail" weist darauf hin, daß es sich um der 22. revolutionären versuch seit der Verbannung des König« Manuel im Jahre 1907 handelt.

Lissabon, 11. April.

Die Regierung teilt in einer amtlichen Verlautbarung mit, daß sie, um die Entwicklung eines Aufstandsversuches, der die öffentliche Ordnung stören könnte, zu unterbinden, besondere Maßnahmen ergreifen und sie aufrecht erhalten werde, so lange es notwendig erscheine. Die berufsmäßigen Meuterer, die von der Liga in Paris bezahlt wurden, sollten die Schwierigkeiten kennen lernen, die ihnen bei ihren ver­brecherischen Plänen gegen das portugiesische Volk entgegen­gestellt würden. Die Regierung stütze sich auf die bewaffnete Macht, die ruhig und entschlossen die für die Arbeit unerläß­liche Ordnung zu garantieren gewillt sei.

Rationale Einigung in Rumänien?

Titulescu mit der Regierungsbildung betraut.

Bukarest, 11. April.

Der König von Rumänien hat Titulescu mit bet Äe gierungsneubildung beauftragt. Titulescu hat den Auftraz angenommen. Er erklärte nach dem Empfang beim Röntg es sei notwendig, das Menschenmögliche zu versuchen, un eine Regierung der Rationalen Vereinigung zu bilden, ob ein gutes, dauerhaftes und wirksames Werkzeug «m Dienste eines Programms des Wiederaufbaues des Landes sei« würde.