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^ersfelöerTageblatt

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Nr. 83

Hersfelder Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Freitag, den 10. April 1931

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1.20 Retchs-Mark bei fttltt ^osttuung, für Abbott« 1.00 RtiAe-marf. druck nnö Verlag von fuöwin Jnnh Bu^örurftrti tu herafrl», Mltglirö d« Vd-V.

81. Jahrgang

Eine französische Gegenaktion

Die sranzSfische Regierung will den Agrarländern Mittel- und Osteuropas Vorzugstarife einräumen

Ergebnis der Woche

Wenn man in den letzten Tagen die französische Presse verfolgt hat, dann möchte man Frankreich geradezu bemit­leiden. Es scheint jedenfalls von einem Nervenchok in den anderen gefallen zu sein, und zwar durch diebösen, hinter­hältigen" Deutschen. Zuerst erfährt man so von ungefähi von deutsch-österreichischen Zollvereinbarungen, die doch nart französischer Auffassung nichts anderes als den Zusammen­schluß der beiden Bruderstaaten zum Ziele haben können Kaum glaubt man, die Gefahren durch die Mobilmachunx der ganzen Welt und durch die Anrufung aller guten Frie­densgeister gebannt zu haben, da fährt ein neuer Donner schloß auf das arme Frankreich herab und enthüllt die furcht­bare Wahrheit, daß der englische Premierminister den deut- schn Reichskanzler und den deutschen Außenminister zu einer Weekendplauderei nach Chequers eingeladen hat. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß auck dahinter sich wieder eine deutscheSchurkerei" verbirgt, bei die etwas tölpelhaften Engländer zum Opfer gefallen sind Man hat das schlimmste noch zu verhüten verstanden, in­dem man die Zusammenkunft noch vor dem Zusammentritt der Paneuropa-Konferenz und der Ratstagung verhinderr konnte. Denn es wäre ein furchtbarer Gedanke, daß mal sich in Genf über das deutsch-österreichische Zollabkommen unterhalten müßte, nachdem darüber schon vorher Hen- derson, Brüning und Curtius gegenseitig ihre Meinungei ausgetauscht hätten. Dieses Unheil ist an Frankreich vor übergegangen; Henderson wirdunbeeinflußt und völlic neutral" sich in Genf einfinden und nachdem ihm vor­her Briand seinen Besuch gemacht haben wird! die fran zösische Auffassung über den deutsch-österreichischenGauner- bleibt immer noch bedenklich, daß Brü­ning und Curtius Anfang Juni volle geschlagene sechs Tagt sich als Gäste Englands auf englischem Boden befinden unt mit dem englischen Premier- und dem Außenminister über Politik unterhalten werden.

Um so notwendiger ist es, daß Frankreich mobil macht Laval und Briand haben sich am Mittwoch eingehend übet die Lage unterhalten und sind zu der Auffassung gekommen daß etwas geschehen muß, was unter Zusammenfassunc der gesamten Interessen Frankreichs jene Probleme in der Mittelpunkt der internationalen Politik stellt, die für Frank reichs Vormachtstellung in Europa das A und das O be deuten. Man will daher einen Plan ausarbeiten, an welchem das französische Außenamt, das Kriegsministerium Finanz-, Handels- und Landwirtschaftsministerium betei­ligt sein sollen, und der Maßnahmen vorsieht für du wirtschaftliche Hebung Mittel- und O st - e u r o p a s". Man ist fast gerührt von der französischer Fürsorge, die sich danach anscheinend auch Deutschland zu­wenden will nur fragt man sich im stillen, mag damn das französische Kriegsministerium zu tun haben soll Ot ein Aufsatz Sauerweins imMatin" Aufschluß zu geben vermag, erscheint fraglich, obwohl er offenbar vom Quai d'Orsay aus inspiriert wurde. Sauerwein erklärt nämlich wenn zwei Länder sich über Militärfragen aussprechen soll­ten man versteht nicht recht, was die Militärfragen mii der wirtschaftlichen Hebung Mittel- und Osteuropas zu tun haben sollen, dann sollten es nicht England und Deutsch­land, sondern viel eher Frankreich und Deutsch­land sein, denn Frankreichs Interesse sei wichtiger als die Wahlrücksichten der englischen ArbeiterparteiWäre es nicht viel besser", so stellt Sauerwein die Frage,wenn der ganze Teil der Tagesordnung der Abrüstungskonferenz über Land- und Luftabrüstung von deutschen und franzö­sischen Sachverständigen eingehend vorgeprüft würde?" Man kennt sich wirklich nicht recht aus, was da in der französischen Politik vorgeht. Das eine scheint aber sicher zu sein, die politischen Verhandlungen, die in letzter Zeit in London, Paris und Rom geführt wurden, scheinen nicht ganz die Entwicklung genommen zu haben, die man in Paris ge­wünscht hatte.

*

Der letzte Bericht der Reichsanstalt für Arbeitslosenver­sicherung stellt einen Rückgang der Zahl der Ar­beitslosen um 224 000 Personen fest. Das ist ähnlich wie die Frühlingssonne der letzten Tage ein Hoffnungs­strahl, daß es nun langsam wieder aufwärts geht. Trotzdem sind die 224 000 Arbeitslosen, die jetzt wieder mehr in den Produktionsprozeß eingegliedert werden konnten, noch nichts angesichts der Tatsache, daß der letzte Arbeitslosenstandaus- weis beinahe 5 Millionen Arbeitsloser nannte. Wirtschaft und Regierung haben aber in den letzten Wochen mehrfach erklärt, daß das Tal unseres wirtschaftlichen Niederganges erreicht zu sein scheint, und daß mancherlei Anzeichen lang, sam eine Besserung unserer Wirtschaftslage erwarten ließen Das ist vorerst noch sehr wenig, um so mehr, als diese Besserungsmöglichkeiten von allen möglichen Voraussetzun- gen abhängig sind. Die vor wenigen Wochen von Vertretern der deutschen Industrie in Moskau geführten Verhandlungen über eine systematische Steigerung deutscher Warenlie- f Zungen für Rußland werden in diesen Tagen in Berlin fortgeführt und sollen Aussicht auf einen günstigen Abschluß haben. Man erhofft bekanntlich von diesen etwa«- gen russischen Aufträgen eine merklich« Besetzung der ^deut- schen Produktionsindustrie,

Frankreichs Gegend

Vorzugstarife für mittet- und osteuropäische Staaten.

Paris, 10. April.

Zwischen dem Ministerpräsidenten Laval und den Außenminister Briand hat am Mittwoch eine eingehende Unterredung stattgefunden, die nach einem amtlichen Com- munique den Zweck hatte,

die großen Interessen der Nation zusammenzufassen, um der französischen Auffassung über die Probleme der internationalen Politik eine einheitliche, entschlossene Richtlinie zu geben".

Wie aus Pressemitteilungen ersichtlich ist, steht man in Frankreich auf dem Standpunkt, daß Briand in der Frage der österreichisch-deutschen Zollgemeinschaft eine diploma­tische Niederlage erlitten habe, so daß er jetzt versuche, den Verlust durch die Vorbereitung wirtschaftlicher Oganisations- pläne wieder einzuholen, die seiner Ansicht nach das deutsch­österreichische Abkommen zum Scheitern bringen, oder wenig­stens in seinen gefährlichen Folgen ynjdjränfen sollten

Zu diesen« Zwecke sollen, nach einer Information der Echo de Paris", Vertreter des Außen-, des Finanz- sowie des Landwirtschafts- und des Handelsministeriums in die­ser Woche miteinander Fühlung nehmen. Namentlich würde geprüft werden, ob Frankreich den Agrarländern Mittel- und Osteuropas Vorzugszölle bewilligen könne, auch wenn zu diesem Zwecke mit dem System der Meistbegünstigungs- klausel gebrochen werden müßte. Der Gedanke, der engen österreichisch-deutschen Zollunion eine erweiterte entgegen iufteöen. an der Frankreich teilnehmen würde, sei ein Nebel gebitde, das einer näheren Prüfung nicht standhalte.

Anfang kommender Woche würde die Zollpolitik Frank­reichs sachlich endgsistig festgolegt und amtlich bekanntge­geben werden.

Der Unterredung zwischen Laval und Briand wird jedenfalls größte politische Bedeutung beigelegt. DerMa­tin" erklärt u. a.: Ministerpräsident und Außenminister Hütten auf Grund der Demarchen einer gewissen Anzahl von Abgeordneten und Senatoren sich mit der Prüfung der großen nationalen Probleme und ihren Beziehungen zur internationalen Politik befaßt. Nach demEcho de Paris" gelte es jetzt,die gefährlichen Folgen der deutsch-österreichi­schen Zollunion zu verhindern". Frankreich beabsichtige da­her, den landwirtschaftlichen Staaten Mittel- und Osteuropas zunächst besondere Vorzugstarife einzuräumen, um sie so vor der Anziehungskraft der deutsch-österreichischen Zoll­union zu schützen.

Aus alledem geht klar hervor, daß Frankreich alle Mit tel aufbietet, um zu verhindern, daß Deutschland in Mittel europa wieder zu einer führenden wirtschaftlichen oder poli tischen Macht sich erhebt. Von der Anerkennung des Grund­satzes der Gleichberechtigung sind solche Bestrebungen aller dings meilenweit entfernt.

Während sie vom Frieden reden...

Präsident Doumergue in Poincares Fußtapfen.

Paris, 10. April.

Der Präsident der Republik hielt in Nizza bei einem Empfang, der anläßlich seines Besuches von den Behörden veranstaltet wurde, eine Rede, in deren Verlauf er auch auf politische Fragen einging. Der französische Patriotis­mus, so führte er aus, fei nicht aggressiv; er sei für nie­manden gefährlich, er strebe nicht danach, Frankreich über alle Länder emporzuheben und den anderen Ländern die Hegemonie Frankreichs aufzuzwingen. Er wolle Frankreich nur den Platz sichern, auf den es ein Anrecht habe. Er wolle die Unabhängigkeit Frankreichs aufrecht erhalten, auf die es nicht verzichten könne, und er wolle die volle Sicherheit, die Frankreich unbedingt brauche, um zu arbeiten, sich im Frieden zu entwickeln und in größtmöglichem Maße an dem Fortschritt und dem Glück der Menschheit mitzuwirken Frankreich habe zu sehr unter dem Kriege gelitten, als daß es nicht den Wert des wohltuenden Friedens schätze. Eir dauerhafter Frieden sei aber nur möglich, wenn die Sicher­heit der Grenzen völlig gewährleistet sei. Frankreich hab« also das Recht, anzunehmen, daß, solange der Völkerbunl keine ausreichende militärische Macht zu seiner Verfügun; habe, um für die Durchführung seiner Entscheidungen 31 sorgen, falls man sich ihnen nicht freiwillig beuge, es selbf wachen, achtgeben und sich nur auf sich selbst verlassen müsse

3n dieser Annahme werde Frankreich noch bestärkt, wei es sich plötzlich einem unvorhergesehenen Ereignis gegen übersetze, dessen Bedeutung in der Gegenwart und besser Folgen für die Zukunft nicht verkannt werden dürften, wei! die Geschichte des Landes, in dem dieses neue Ereignis ein getreten sei, einen Präzedenzfall aufweise, der lehrreich sei und den zu vergessen gefährlich wäre.

Frankreich brauche sich nur vom gesunden Menschen verstand leiten zu lassen, und dieser gesunde Menschenver­stand rate ihm zweierlei an: Ueber den guten Zustand der Finanzen zu wachen, zweitens sich von dem Gedanken leiten zu lassen, daß ein Land, solange es keine starke internatio­nale Streitmacht gebe, nicht zulassen dürfe, daß man feint eigene materielle Streitkraft unter das Niveau herabsetze. das die Sicherheit und Unantastbarkeit des Landes erheische

VariierFvteressen"

Sauerwein verlangt eine deutsch-französische Aussprache.

Paris, 10. April.

Die Presse gibt ihrer Befriedigung über die Verlegunx des deutschen Besuches in London Ausdruck. Die meisten Blätter behaupten, daß damit die deutsch-englisch« Aussprache an Bedeutung verliere.Ma tin" meint, die geplante Begegnung werde schließlich zu einer Wochenend-Veranstaltung zwischen Deutschen und Eng­ländern. Es sei klar, daß nach Genf diese Begegnung kei­nen großen politischen Wert mehr habe. Wenn Brüning und Curtius in England einträfen, seien die Beschlüsse, an die Frankreich denke, bereits gefaßt.

Der Außenpolitiker des Blattes beschäftigt sich mit den bevorstehenden Verhandlungen des Völkerbundsrates, bei denen das Abrüstungsproblem im Hinblick auf die Abrü­stungskonferenz des nächsten Jahres eine besondere Rolle spielen dürfte Sauerwein schreibt: Das Interesse der europäischen Mächte ist offenbar. Man darf nicht durch einen Mißerfolg der Sowjetpropaganda eine wirksame Stütze verschaffen.

Leider gehen die gleichen Mächte, die durch dieses ge­meinsame Interesse verbunden sind, in andern Punkten nicht zusammen. So streben Deutschland und seine frühe ren Alliierten an, die durch die Verträge ihnen aufgezwun­gene militärische Lage abzuändern. Es ist ein guter Ge danke, mit den Deutschen zu verhandeln, um, wenn mög lich, einen folgenschweren Konflikt während der Konferenz selbst zu vermeiden oder wenigstens dessen Gefahr zu be­grenzen. Aber wenn zwei große Länder sich über militä­rische Fragen zu unterhal en haben, dann sind das nicht England und Deutschland, f- dern Frankreich und Deutsch­land. Zra-^LLÜHr ZVlLttsie-steht-auf dem Spiele. Di« Gründe hierfür gehen bei weitem über das Schicksal der englischen Arbeiterpartei bei den Wahlen hinaus. Unser Verhältnis zu Deutschland auf militärischem Gebiet ist ein hc ^ft wichtiges Kapitel für unsere Sicherheit. Wäre es nicht be :r. wenn die auf der Taqes-.dnung stehenden Fragen der Rüstungen zu ~ de und 5~ der Luft von deutschen und französischen Sachvc^st" Uyen auer geprüft würden?

Reichlich fettlos

Frankreichs Presse wird von England gerüffelt.

London, 10. April.

In britischen Kreisen hat offenbar die Art, in der die französische Presse sich gegen die Einladung MacDonalds an Brüning und Curtius gewandt hat, äußerst unangenehm berührt In verschiedenen Betrachtungen der Londoner Presse tritt übereinstimmend eine Zurückweisung der fran­zösischen Einmischung zutage, wie man sie in dieser scharfen Form bisher Frankreich gegenüber nicht beobachtet hat. Man stellt sich dabei auf den Standpunkt, daß Deutschland den gleichen Anspruch an Höflichkeit und Achtung erheben darf wie jede andere Großmacht. Das wird wörtlich im Daily Telegraph" ausgesprochen und dabei heroorgehoben, daß französische Staatsmänner so häufig Gelegenheit zu rein 1 privaten« Meinungsaustausch mit britischen Staatsmännern hätten, daß sie den führenden Persönlichkeiten anderer Län­der das gleiche Recht schwerlich streitig machen können. Im New Chronicle" sagt J. A. Spender u. a.: .^Henderson hat kürzlich Rom und Paris besucht und es ist durchaus natür- lich, daß Dr Brüning und Dr. Curtius nach London oder Chequers kommen werden. In der Tat ist niemand besser geeignet als Henderson, Reibungen zwischen den Deutschen und den Franzosen zu beseitigen, und es darf erwartet wer­den, daß er seinen Einfluß nach Möglichkeit in dieser Rich­tung geltend machen wird." Das ArbeiterblattDaily He­rold" schreibt:

Die Bemerkungen der französischen Presse über den bevorstehenden Besuch der deutschen Minister in London sind reichlich taktlos gewesen. Die Auffassung, Frankreich sei berechtigt, sich durch einen deutschen Besuch in London beleidigt zu fühlen, ist wirklich etwas stark."

Das Blatt erklärt, derartige Ansprüche brächten Paris nur Schaden und riefen in England eine Verstimmung her­vor. welche die Franzosen schwerlich hätten erregen wollen.

Madeira isoliert

Sperrung der Häfen durch Portugal.

Berlin, 10. April.

Durch ein Dekret der poctugiesifchen Regierung sind die Häfen der Inselgruppe von Madeira für Schiffahrt unk Handel gesperrt und jede Verbindung der Einwohner mit der Außenwelt verboten, abgesehen von dem vom Sonder delegierten der Regierung anzuerkennenden Notfall, daß Schiffe ein- oder ausfahren müssen, um fremden Staats­angehörigen Zuflucht zu geben oder sie im Falle einer Eva­kuation aufzunehmen.

Das Dekret ordnet für den Fall der Verletzung bei vorstehenden Bestimmungen ein Schnellverfahren vor dem Bord-Gericht der Schiffe an, die an den militärischen Opera­tionen teilnehmen; ebenso verhängt es eine besondere Strafe für den Handel mit Waffen oder Munition.