Hersfel-erTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Muzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 73 Freitag, den 27. März 1931
flltnotO^tt Bqngröttl« durch 6h Mt brnota 1.30 Relchs-Mark, ausschließlich Btft tilgt 16, für SersfelS 1.20 Reichs-Mort bei freier Zustellung, für fibbol« 1.00 Retchs-Mark. ♦ druck und Verlag von Ludwig §«nk» Suchdruckerei in HerefelS, Mitglied dee vvAV.
81. Jahrgang
Reichstagspause bis Mitte Oktober
Wiederzusammentritt des Parlaments am 13. Oktober — Der Reichsfinanzminister ist zuverfichilich
Ergebnis der Woche
Die Sensation der Woche bildete diesmal der d e u t s ch - österreichische Vorvertrag zur Herbeiführung einer Zoll- und Wirtschaftsangleichung. Es handelt sich hier um eine regionale Vereinbarung die im kleineren Ausmaß den Gedanken des wirtschaftlichen Paneuropas Briands Rechnung trägt. Da das Ausland je länger je mehr sich gegen die deutsche Wareneinfuhr abschließt, muß Deutschland zwangsläufig auf eine Erweiterung der Wirtschaft sräume des Jnnenmarktes hinarbeiten. Der in Genf einst von Briand erhobene Ruf: „Sie Zollmauern nie- j der!" soll jetzt zum erstenmal zwischen Deutschland und Oesterreich eine praktische Anwendung finden. Aber kaum waren die ersten Mitteilungen über dieses deutsch-österreichische Abkommen bekanntgeworden, als auch schon von Paris aus ein wilder Propagandafeldzug gegen dieses Abkommen im Ausland eingeleitet wurde unter der falschen Behauptung: Hinter dieser Zollvereinbarung stecke in Wirklichkeit der Anschlußgedanke. Wie weit hier das schlechte Gewissen sich jeder besseren Erkenntnis verschließt, geht aus einer Auslassung des tschechischen Politikers Dr. Kramarsch hervor, der in einem Presseaufsatz geradezu beschwörend u. a. sagt: „Wir müssen die Franzosen, Italiener und Engländer überzeugen, daß es uns um die Existenz des ganzen Friedensvertrages geht, und die Alliierten müssen wissen, daß unsere wirtschaftliche und dadurch politische Selbständigkeit bedroht ist. Wenn Deutschland sein Vorhaben gelingt, wird es die führende Macht Mitteleuropas und der Krieg wäre vergeblich gewesen." *
Diese von Frankreich ausgehende Beeinflussung der öffentlichen Meinung ist also nicht oh... Erfolg geblieben. Nach mehreren Unterredungen des französischen und englischen Außenministers in Paris sind von England in Berlin und Wien Schritte unternommen worden mit dem Verlangen, das deutsch-österreichische Zollabkommen im Hinblick auf die Anleihegarantie des Völkerbundes vom Jahre 1922 dem Völkerbunds rat zu unterbreiten. Man ist sich in politischen und wohl auch in diplomatischen Kreisen vorerst noch nicht ganz im klaren darüber, was England mit diesem Schritt beabsichtigt. Verschiedentlich wird das Vorgehen Hendersons so ausgelegt, daß er Briand aus innerpolitischen Gründen eine goldene Brücke bauen wollte. Sowohl der Reichskanzler wie der österreichische Vizekanzler haben den britischen Beauftragten erklärt, daß sie eine Prüfung des Abkommens durch den Völkerbundsrat unter politischen Gesichtspunkten für unzulässig halten, da das Abkommen rein wirtschaftlichen Charakter trage. Man wird es jedenfalls begrüßen müssen, daß beide Staatsmänner den Versuch Frankreichs und Englands, die rein wirtschaftliche Frag» der Zollunion auf das politische Gebiet zu schieben, energisch zurückgewiesen haben. Man sollte sich eigentlich in Paris selbst sagen, daß es ein unfaires, wenn nicht unfreundliches Verhalten dar- stellt, wenn man Deutschland und Oesterreich eine hinterlistige politische Absicht unterstellt in einem Falle, der, wie erwähnt, begründet ist auf einer Idee, die Briand in Genf selbst leidenschaftlich verfochten hat.
Wenn man die politischen Vorgänge in Europa eingehend verfolgt, kommt man — und die Bemerkung von Dr. Kramarsch gibt hierfür einen treffenden Beweis — zu der Erkenntnis daß die Westmächte keine Gestaltung der europäischen Politik dulden wollen, die Deutschland wie überhaupt die europäischen Mittelmächte wieder zu ihrem natürlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluß kommen lassen. Das Wort von Kramarsch erinnert sehr an das Verhalten Englands zu Beginn des Weltkrieges Deutschland wurde ihm wirtschaftlich und politisch zu stark, "das war der eigentliche Grund zur englischen Kriegsbeteiligung. Und heute erhebt England vielleicht aus ähnlichen Befürchtungen heraus Einspruch gegen ein Abkommen das geeignet fein soll, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Deutschlands und Oesterreichs und darüber hinaus der mit ihnen Handel treibenden Länder zu mildern. Gerade in diesen Tagen haben wir den 10jährigen A b st i m m u n g s r a g Oberschlesiens gefeiert. Der Reichskanzler hat in seiner Gedenkrede in Beuchen daraus hingewiesen, daß dieser Tag ein Tag deutschen Sieges ist. Um so größer war das Unrecht der Entente, die eine Zerreißung des Landes "bne Berücksichtigung des Mehrheitswillens der Bevol- kerunq oornahm und damit wesentlich die wirtschaftlichen Erschütterungen veranlaßte, die sich heute nicht nur m Deutschland sondern in gan? Europa fühlbar machen: denn die neue Grenze zerreißt w volle Teile deutschen Gebiets läßt ungeheure Werte an Menschen. an Flache, an landwirtschaftlicher und gewerblicher Produktionskraft ungenutzt versickern". So hat der preußische Innenminister Severing die Rückwirkung des Unrechts gegen Oberschlesien gekennzeichnet.
Mit der allgemeinen Wirtscha ftskrise beschäftigten sich dieser Tage zwei bedeutsame Kundgebungen. Vor dem bayerischen Industriellen-Verband sprach ^ehe'm- rat D u i s b e r a, der u. a. betonte, daß Voraussetzung tür einen durchgreifenden Konjunkturumschwung eine Ziel
bewußte Wirtschaftspolitik sowohl in Deutschland wie in den anderen Staaten der kapitalistischen Weltwirtschaft sei. Er stellte im übrigen die Tatsache fest, daß es gelungen ist, unter schweren Opfern und mit der Kraftanspannung der ganzen Nation den katastrophalen Krisenwinter zu überwinden. In ähnlichem Sinne äußerte sich der Reichskanzler auf der Vollversammlung des Deutschen Industrie- und Handelstages. Von Bedeutung war hierbei seine Erklärung, daß die Regierung unentwegt an dem Grundsatz festhalte, jede neue steuerliche Belastung der deutschen Wirtschaft abzuleh- nen. Diese Erklärung gewinnt in dem Augenblick ein besonderes Interesse, wo der Reichshaushalt seine endgültige parlamentarische Erledigung fand. Man wird der Regierung trotz mancher Kritik an einzelnen Maßnahmen nachsagen dürfen, daß sie mit Mut und Geschick ihre Aufgabe angepackt und. so möchte man hoffen, zum guten Ende geführt hat. Die vom Reichstag auf Antrag der Sozialde- mokraten beschlossenen neuen Vermögens st euern dürften durch Einspruch des Reichsrats ihre Erledigung finden. Der Reichstag hat sich inzwischen bis zum 13. Oktober vertagt, was zweifellos wesentlich zur innerpolitischen Beruhigung beitragen wird. Inzwischen dürften sich bei normalem Ablauf des politischen und wirtschaftlichen Geschehens die Verhältnisse in Deutschland so weit geklärt haben, daß auf neuer Grundlage und mit neuen Zielen die Arbeit zur Sanierung von Reich und Wirtschaft fortgesetzt werden kann. Jedenfalls haben die letzten Wochen sowohl in außen- wie innenpolitischer Hinsicht schwerwiegende Entscheidungen ge= bracht. In der Hand des deutschen Volkes liegt es, sie zum Besten der Allgemeinheit zu gestalten.
Stimmig im Haushalt
Die Bedeutung der Etatsverabschiedung.
' Um A ' Berlin, 27. März.
Reichsfinanzminister Dietrich äußerte sich Donnerstag mittag vor Vertretern der Presse über die Bedeutung der soeben erfolgten Verabschiedung des Reichshaushalts durch den Reichstag. Der Minister wies darauf hin, daß in der Erledigung des Etats vor dem 1. April, also vor Beginn des neuen Etatsjahres, ein großer Fortschritt zu sehen sei. Die Mehrheiten bei der Abstimmung seien so gewesen, daß sie auch dann ausgereicht hätten, wenn die Rechtsopposition im Hause gewesen wäre. Mit der ordnungsmäßigen Verabschiedung des Etats sei ein weiterer Schritt zur Wiederherstellung des Vertrauens getan.
Daß der Reichstag sich entschlossen hat, der Regierung die Ermächtigung zu geben, unbeschränkt zu sparen, wenn die Ausgaben zwangsläufig steigen oder die Einnahmen weiter sinken sollten, sei nicht nur ein Vertrauensbeweis, sondern ein Akt größter Entschlußkraft des Parlaments.
Der Minister kam dann auf die Erhöhung der Einkommensteuer zu sprechen, von der er hofft, daß der Reichsrat sie nicht gutheißen werde. Die Erhöhung der Tantiemen- fteuer bezeichnete er als eine Maßnahme, die auf die Dauer nicht zu Einnahmesteigerungen, sondern zu Einnahmeausfällen führen würde.
Die große Frage ist, so führte der Minister weiter aus, wie sich das neue Jahr entwickeln wird. Der Etat ist absolut abhängig von der Entwicklung der Wirtschaft. Steuern und Zölle sind in einem Maße konjunkturempfindlich wie kaum zuvor. So ist das Problem tatsächlich ein wirtschaftliches, und alles hängt davon ab, wie die Wirtschaft sich gestaltet und wieweit dadurch die Arbeitslosen aufgesaugt werden. Für die Gestaltung der inneren Wirtschaft ist neben der Kavitalbildung entscheidend das Vertrauen in die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung. Es wird wohl jetzt niemand mehr daran zweifeln, daß die Reichsregierung und die Länderregierungen, nachdem wir durch den fürchterlichen Winter gekommen sind, jede Gewähr dafür bieten.
Vertrauen aber bedingt Belebung. Und was dies wiederum bedeutet, sieht man, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Verbesserung in der Vermögenslage der Wertpapiere besitzenden Bevölkerung allein dadurch eingetreten ist, daß die festverzinslichen Papiere und Aktien eine bedeutende Kursverbesserung erzielt haben. Noch wichtiger aber ist die Belebung deswegen, weil mit ihr sofort eine Anzahl Reichseinnahmen sich bessern, vor allem die beiden Kon- sumsteuern, Tabak und Bier, die mit der Zeit nahezu zwei Milliarden Mark erbringen sollen, sodann aber die Umsatzsteuer und die Lohnsteuer, die beide in gleichem Schritt mit dem Gange bet Wirtschaft gehen. Zu der Besserung im Innern muß aber auch eine Belebung des Außenhandels treten. Und hier sieht es leider, nachdem das Genfer Zollabkommen gescheitert ist, nicht besonders vertrauenerweckend aus.
Obwohl man sich bei dem Reuen plan völlig darüber im klaren ist, daß Deutschland nur in Ordnung kommen und nur dann Reparationen zahlen könne, wenn man ihm eine Ausweitung seines Außenhandels ermöglicht, habe niemand von unseren Vertragsgegnern dazu bisher irgendwelche Anstalten getroffen. 3m Gegenteil befinden wir uns in einer umgekehrten Entwicklung, die — sofern sie anhalten sollte — allerdings zu großen Besorgnissen und Folgerungen Veranlassung geben sollte.
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Der Reichstag vertagt
lMlsegesetz verabschiedet
Berlin, 26. März.
Präsident Löbe eröffnet die Sitzung um 10. Uhr. Das Haus tritt zunächst in die dritte Beratung der Osthilfegesetze ein. Die Abstimmungen werden zurückgestellt.
Es folgt die dritte Beratung des Zolländerungsgesetzes.
Abg. hepp (Landvolk) befürwortet den Schutzzoll, der ein unentbehrliches Schutzmittel für die Landwirtschaft sei und gleichzeitig auch alle erforderlichen inneren Umstellungs- maßnahmen bedinge.
Abg. Freybe (Wirtschaftspt.) erklärt, das Genfer Handelsabkommen passe zu dem vorliegenden Zollermächtigungsgesetz wie die Faust aufs Auge. Die deutsche Wirtschaft könne bei der hohen Vorbelastung ohne einen gewissen Protektionismus nicht auskommen.
Abg. Herbert-Franken (Bayrische Volksp.) weist darauf hin, daß die Zollmaßnahmen nicht etwa durch spekulative / Boreindeckung unwirksam gemacht werden dürften. Die Vorlage sei zu begrüßen, weil sie auch der bäuerlichen Ver- edelungsw-rtschaft den so dringend notwendigen Schutz bringe.
Abg. Dr. Drees (Z.) tritt für den Kompromißantrag zu l Artikel III ein.
Abg. Dr. Schneider-Dresden (D. Vp.) erklärt, man dürfe die Bedeutung des Gesetzes nicht unterschätzen, mit dem mitten in einer schweren Wirtschaftskrise der Landwirtschaft geholfen werden solle. Im übrigen stimmt der Redner der « Vorlage zu.
In der Schluhabstimmung wird der Gesetzentwurf in -der äLmpromißfasivp^ mit 285 gegen 82 Stimmen der Wirtschaftspakte! und ser Kommunisten eaogüiii^-LLLüL. schiedet.
Es folgen die Abstimmungen zum Osthilfegesetz.
Das Osthilfegesetz wird in der Schluhabstimmung mit 309 gegen 65 Stimmen der Kommunisten und das Gesetz zur Förderung der landwirtschaftlichen Siedlung wird in der Schluhabstimmung endgültig angenommen.
Zum Industriebankgesetz
findet zunächst ein Antrag der bürgerlichen Parteien Annahme, der die Aufgaben der Bank auch auf die Gewährung von Krediten für allgemeine Zwecke der Wirtschaft ausdehnt. Auch dieses Gesetz wird in der Schluhabstimmung gegen die Stimmen der Kommunisten endgültig angenommen.
Zur Verhandlung stehen dann etwa 30 Anträge von Justizbehörden auf Erteilung'der Genehmigung zur Strafverfolgung von Reichstagsabgeordneten. Es handelt sich in der Hauptsache um nationalsozialistische und kommunistische Abgeordnete. U. a. soll die Genehmigung zur Vollstreckung von Ersatzfreiheitsstrafen in Höhe von insgesamt einem halben Jahr Gefängnis gegen den Abg. Koch-Ostpreußen (Nat.- Soz.) erteilt werden. Abg. Rauch-München (Bayr. Vp.) beantragt, den Fall des Abg. Koch-Ostpreußen und einige andere kleinere Fälle dem Ausschuß zu überweisen und die übrigen Anträge auf Strafverfolgung zu genehmigen. Der Antrag wird angenommen. Damit ist die Tagesordnung erledigt.
Präsident Löbe teilt mit, daß der Aeltestenrat eine län- gere Vertagung des Reichstags bis zum 13. Oktober vor- schlägt. (Hört! Hört! b. d. Komm.) Abg Torgler (Komm.) weist darauf hin, daß die Regierung Brüning eine solche Vertagung verlangt habe. Es gebe keine parlamentarische und auch keine sachliche Begründung für diese lange Vertagung. Der Redner beantragt, die nächste Sitzung des Reichstags bereits am 14. April abzuhalten. Abg. Esser (Z.) widerspricht dem Vorschlag des Abg. Torgler. Die Regierung müsse Ruhe haben, um die ihr obliegenden wichtigen Aufgaben erfüllen zu können.
Präsident Löbe hebt hervor, daß die Arbeiten des Reichstags ja trotz der Vertagung nicht aufhören, da zahlreiche Ausschüsse Sitzungen abhalten würden.
Der Reichstag beschließt darauf mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Kommunisten Vertagung bis zum 13. Oktober.
Abg. D. Dr. Kahl (D. Vp.) gedenkt als Alterspräsident am Schluß der Bedeutung der verflossenen Reichstagstagung. Er dankt dem Reichstagspräsidenten Löbe für die geschickte Führung der Geschäfte Wenn es gelungen sei, eine große Reihe wichtigster Aufträge zu erledigen, so sei das neben der Festigkeit der Re^sregierung und dem großen Fleiß und Arbeitswillen des Reichstags und feiner Ausschüsse in erster Linie der Pflichterfüllung und Hervorragen, den Verhandlungsleitung Des Vrö identen des Reichstags zu danken. (Lärm b. d Komm.) Der Redner spricht dem Präsi- denten dafür seinen tiefsten herzlichsten Dank aus. (Lebh. Beifall.)
Präsident Löbe oanft dem Redner und verweist auf die Mitarbeit auch der übrigen Mitglieder des Vorstandes des Reichstags. Samü schließt die Sitzung. f .