HersfelöerTageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 72 Donnerstag, den 26. März 1931 81. Jahrgang
Mobilmachung gegen die Zollunion
Frankreich und England haben beschlossen, die deutsch-österreichischen Vereinbarungen im Völkerbund zu bekämpfen
Auch England läßt intervenieren
Deutliche Antworten der beiden Kanzler.
Berlin, 26. März.
Am Mittwoch hat der britische Botschafter den Reichskanzler wegen der deutsch-österreichischen Vereinbarungen über die Zollunion ausgesucht und ihm mitgekeilt, Herr Henderson halte es im allgemeinen Interesse für erwünscht, daß die Angelegenheit im Hinblick auf das Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1922 gemeinsam besprochen würde und daß Deutschland und Oesterreich bis zur nächsten Sitzung des Völkerbundsrates nicht zu endgültigen Feststellungen schritten.
Der Reichskanzler hat den Botschafter in seiner Antwort darauf hingewiesen, daß die deutsch-österreichische Vereinbarung sich ganz im Rahmen des Genfer Protokolls Halle und somit nach Auffassung der Reichsregierung und der österreichischen Regierung für den Völkerbund kein Anlaß gegeben sei, sich mit der Angelegenheit zu befassen. Wenn von anderen Regierungen eine Prüfung der Rechtsfrage angestrebt werde, so brauchten die deutsche und die österreichische Regierung diese nicht zu scheuen. Eine Prüfung des Abkommens durch den Völkerbund unter politischen Gesichtspunkten halte die Reichsregierung nicht für zulässig, da das Abkommen rein wirtschaftlichen Charakter habe.
Der Reichskanzler erläuterte die Ziele der deutsch-österreichischen Verhandlungen, die natürlich ihren Fortgang nehmen müßten, die aber — wie von vornherein festgestanden habe — mit Rücksicht auf die zahlreich^ 'r zu regelnden techni- schen Einzelheiten nicht vor zwei oder'dtei Mönaten zum Abschluß gelangen könnten.
Wien, 26. März.
Gleichfalls am Mittwoch empfing Vizekanzler Dr. S ch o b e r den englischen Gesandten Sir Eric P h i p p s, der m Auftrage des Staatssekretärs henderson ihm von den Be- orgnissen Mitteilung machte, die beim englischen Staats- ekretär des Aeuheren, Henderson, hinsichtlich des geplanten >euksch-österreichischen Wirtschaftsabkommens entstanden ind. Staatssekretär henderson gebe der Hoffnung Ausguck, daß dem Völkerbundsrak in feiner Maisitzung Gelegen- )eit gegeben sein werde, sich mit der Frage der Vereinbarkeit Des geplanten Wirtschaftsabkommens mit dem Genfer Wirt- fchaflsprotokoll zu befassen.
Vizekanzler Schober erklärte dem englischen Gesandten die rechtliche und fachliche Lage und ersuchte ihn, dem Staatssekretär henderson offiziell mitzuteilen: Die österreichische Bundesregierung ist der Ansicht, daß sich die Vereinbarung der deutschen und österreichischen Regierung ganz im Rahmen des Genfer Protokolls vom Jahre 1922 hält. Sie hat daher nichts dagegen, daß die rechtliche Seite des Ueber- einkommens von den Regierungen, die das Genfer Protokoll seinerzeit unterzeichnet haben, überprüft werde. Line Ueber- Prüfung des Uebereinkommens unter politischen Gesichts- Punkten kommt angesichts seines wirtschaftlichen Charakters nach Meinung der österreichischen Regierung nicht in Betracht. Die österreichische Regierung beabsichtigt nicht, ein fait accompli zu schaffen.
Der Reichskanzler zur Zollunion
Auf dem Deutschen Industrie- und Handelstag.
Berlin, 26. März.
Der Deutsche Industrie- und Handelstag trat am gestrigen Mittwoch zu seiner 51. Vollversammlung zusammen: zahlreiche offizielle Vertreter der Ministerien und der wirtschaftlichen Verbände waren anwesend. Seitens der Reichs- regierung war neben den Ministern Dr. Stegerwald und von Guerard der Reichskanzler Dr. Brüning erschienen. In seiner Begrüßungsansprache führte Präsident von Mendelssohn u. a. aus: Die deutsche Wirtschaftskrise geht auf das politische Nachkriegsschicksal des deutschen Volkes zurück. Sie geht aber auch zurück auf Fehler der Selbstbestimmung un- seres wirtschaftlichen Schicksals. Der Kapitaldienst wurde allzusehr zugunsten des menschlichen Arbeitslohnes vernachlässigt. Trotz der Tribut- und Fürsorgelast wurde der Kreis der öffentlichen Aufgaben über das durch das Kriegsende bedingte Maß hinaus weit ausgedehnt, heute ist die Wirt- schaftskrise das Schicksal aller Völker, unäbhängio von ihrem Wirtschaftssystem. Eine Lösung bringt nicht der Weg, den das revolutionäre Rußland zu einer universalen Planwirt- schaft eingeschlagen hat. Der Weg einer völlig freien Wirt- schaftsführung stößt, weltwirtschaftlich gesehen, an die treu- nende Abschließung der Völker, die besonders in Europa viel zu viele Behinderungen in allzu engen Wirtschaftsgebieten hervorrief. Daher sollten handelspolitische E i n i - gungen als-Fortschritt auf dem Wege einer besseren Organisation Europas begrüßt werden.
Es fehlt in Deutschland nicht ganz an Anzeichen, daß die deutsche Wirtschaft den Höhepunkt der Krise erreicht hat. Bedarfsstauung, Erleichterung des Geldmarktes, langsame Besserung der Börsenkurse und Ansteigen der Rohstoffpreife
bedeuten Entwicklungsansätze, die man gefährden würde, wenn das vertrauen durch kapitalfeindliche Bewegung wieder gestört würde.
Deutschland sucht wirtschaftliche Zusammenarbeit nach allen Seiten. Aber darüber darf nichts verabsäumt werden, was die Behauptung unserer Kultur und Wirtschaft stützen kann. Wenn man von der Brechung der Zinsknechtschaft spricht, verkennt man. daß der Zins Ergebnis vorgetaner Arbeit ist, die ihren Sinn in notwendiger Zukunftssicherung hat. Man kann auch nicht das Sachkapital wie den kleinen Kapitalbesitz willkürlich von dem Finanzkapital trennen.
Zu den außenpolitischen Kriegslasten führte Herr von Mendelssohn aus, daß sie auch im Ausmaße des 8 o u n g - P l a n s als eine die Leistungskraft übersteigende Belastung, damit auch als tiefe Schwächung der weltwirtschaftlichen Kaufkraft Deutschlands und der weltwirtschaftlichen Entwicklung sich erwiesen hat. Sie setzte eine wirtschaftliche Entwicklung voraus, deren Gegenteil einge- treten ist.
Sie ging aus von einer lebendigen internationalen Zu- sammenarbeit Handels- und finanzpolitischer Art, die nicht zur Tatsache wurde; sie verändert willkürlich den natürlichen Strom internationaler Zahlungsverflechtungen. Aufgabe der Wirtschaft ist es, auch der seelischen Bedrängnis in unserem Volke, soweit immer möglich, abzuhelfen. Gegenseitiges Vertrauen auf dem harten Boden der Erfordernisse dieser Zeit ist das wichtigste Erfordernis des Aufstiegs der Wirtschaft. . '
Nach Präsident von Mendelssohn nahm
Reichskanzler Dr. Brüning
.-505.-S&Mi« - ..—--'
Er hob einleitend hervor, daß es gelungen sei, den Verfall der Staatsgewalt zu verhindern, der in düsteren Wintermonaten zu drohen schien. Für die Reichs- finanzen sei die Grundlage einer Ordnung geschaffen. Das fei eine Leistung, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden dürfe und die zur Hoffnung berechtigte, daß es auch zur Ueberwindung der anderen Schwierigkeiten kommen werde. Die Ziele, die sich die Reichsregierung gestellt habe, wolle sie auch in Zukunft mit vollster Tatkraft weiterverfolgen.
Sie werde bestrebt fein, die Bildung von Privatkapilal nach Möglichkeit zu fördern. Aus diesem Grunde dürfe die Wirtschaft nicht weiter mit neuen Steuern belastet werden, weil dadurch die Kapitalbildung gehindert würde. Die Reichsregierung muffe sich deshalb auf das entschiedenste gegen neue Steuerbelastungen wenden; denn sie würde sonst die Linie ihrer Politik verlassen.
Uebergehend zur O st h i l f e und Agrarhilfe betonte Dr. Brüning, daß, wenn trotz der Nöte für den Osten rund eine Milliarde eingesetzt wäre, so sei dies geschehen in der Erkenntnis, daß der Osten eines der wichtigsten Wirtschaftsgebiete sei. Es sei zu hoffen, daß der Osten nunmehr einer besseren Zukunft entgegengehen könne.
Schutz und Stärkung des Binnenmarktes feien die erste Voraussetzung für eine Erhaltung der Wirtschaft.
Der Ueberschuß deutscher Produktion würde immer aus den Weltmarkt drücken, um so mehr, je stärker die Kaufkraft im Inlands sinke. Es sei deshalb notwendig, daß d-s Ausland diese Zusammenhänge endlich einmal erkenne. Die Vorbelastung Deutschlands mit Reparationen müsse eine Sonderstellung Deutschlands auch auf handelspolitischem Gebiet rechtfertigen. Ohne Steigerung der Ausfuhr und Drosselung der Einfuhr sei dick Schaffung eines Ausfuhrüberschusses nicht möglich.
Es liege zu einem großen Teil an der Welt selbst, ob und wie lange der neue Reparationsplan, der doch auf diese Punkte Rücksicht nehmen solle, erfüllt werden könne.
Da die Erkenntnis der Zusammenhänge in der Welt nur langsam vorwärtsschreite, müsse die Reichsregierung bestrebt sein, durch eigene Initiative die Entwicklung anzubahnen, die im Bereich des Möglichen liege.
Die deutich-österreichtsche Zollunion
Räch dieser Richtung hin seien die Verhandlungen zu verstehen, die jetzt zwischen Deutschland und Oesterreich ein- geleitet worden wären. Es stehe immer die Frage im Vordergrund, ob und auf welchem Wege es möglich fei, pie einzelnen Wirtschaftsräume zu erweitern, und diese Möglichkeiten müßten unter allen Umständen ausgenuht werden. Deutschland und Oesterreich konnten sich um so leichter ent- schließen, diesen Gedanken zu verwirklichen, als sie dabei durch keinerlei Gegensätze behindert sind. Sie seien von dem Bestreben geleitet, der Wirtschaft beider Länder die Vorteile zu verschaffen, die sich aus der Erweiterung des Wirtschaftsgebietes ergeben.
Diese Vorteile, zu deren Sicherung beide Regierungen Recht und Pflicht hätten, brauchten aber mit den Interessen anderer Staaten in keinem Widerspruch zu stehen. Ueber- dies könne dieses Abkommen durchaus der Anstoß einer Entwicklung sein, die sich auf ganz Europa heilsam auswirken würde. Beide Staaten wären entschlossen, ihren Weg mit
ruhiger Festigkeit zu Ende zu gehen. Entscheidend für die Wiedergesundung der deutschen Wirtschaft sei aber schließlich der Wille der Wirtschaft zur Selbsthilfe. Es sei die Aufgabe der Wirtschaft, Verständnis und sozialen Sinn für die Arbeitslosen zu zeigen. Es sei die Aufgabe, die willigen Arbeitslosen wieder in den Arbeitsprozeß einzu- fügen. Es bedürfe dazu Opfer aller Kreise und Großzügigkeit vor allem der Führenden.
Deutschland braucht Kolonien
Schacht über die Weltwirtschaftskrise.
Bern, 26. März.
Auf Einladung der Volkswirtschaftlichen Gesellschaft des Kantons Bern sprach der frühere Reichsbankpräsident Dr. Schacht hier in einer zahlreich besuchten Versammlung über das Thema „Ursache und Heilung der Weltwirtschaftskrise". In Deutschland habe man versucht, so sagte er u. a., durch eine künstliche Belebung der Konjunktur der Krise beizukom- men. Die Mittel zu dieser Maßnahme habe sich der Staat teils durch, wie Dr. Schacht sich ausdrückte, übertriebene Besteuerung, teils durch ausländische Anleihen, die den Staat außerordentlich schwer belasteten. beschafft.
Das einzige, was die deutsche Wirtschaft nicht brauche, sei ausländisches Kapital. Kein Industriestaat dürfe ausländische Schulden haben. Das richtige Mittel zur Behebung der Krise liege in der Auswertung der Absatzmöglichkeiten und der Rohstoffbeschaffung. Die Wegnahme der deutschen Kolonien bezeichnete Dr. Schacht als einen wirtschaftlichen Fehler, der wiedergutgemacht werden müsse, wenn die Welt- mirfithaftstrife Erleichterung finden solle. _______
Eine Exportsteigerung fei für Deutschland eine Notwendigkeit, wenn es seine ausländischen Anleihen verzinsen und amortisieren und seinen Reparationsverpflichtungen nachkommen solle. Allgemein gesprochen, gebe es nur einen Ausweg aus der Krise, die Organisierung der Märkte. Die BJZ. sei für diesen Zweck ins Leben gerufen worden Sie habe aber bisher in dieser Richtung nichts getan. Nicht Deutschland brauche Geld, sondern die Länder, die Rohstoffe erzeugen, und die für den industriellen Absatz erschlossen werden müßten.
Vegen Englands Lktasrilaplöne
Der Gouverneur von Tanganjika lehnt sie ab.
ondon, 26. März.
Der Gouverneur von Tanganjika Sir Donald Came- ron, wurde vor dem gemeinsamen Parlamentsausschuß, der die Frage einer engeren Verbindung der ostafrikanischen Besitzungen und des Mandatsgebiets zu prüfen hat, gutachtlich gehört.
Cameron sprach sich durchaus gegen den Plan einer solchen engeren Verbindung aus und erklärte, daß er in einer solchen Verbindung nicht den geringsten Vorteil erblicken könne. Sollte die Regierung, so schloß Cameron, eine Veränderung aus äußeren Gründen für not.- idig halten, so müßte das britische Schatzamt auch die Kosten übernehmen, nicht aber das Mandatsgebiet.
Europäischer Organisationsausschuß tagt
Berlin, 26. März.
Der Organisationsausschuß für die Europäische Union hat seine Beratungen abgeschlossen. Der Bericht des Berichterstatters, M o t t a, Schweiz, wurde angenommen, allerdings mit dem Vorbehalt Deutschlands und Italiens bezüglich der aufgestellten provisorischen Tagesordnung für die Maitagung der Europäischen Union. Dieser Vorbehalt hat bekanntlich zum Inhalt, daß Deutschland und Italien die Erörterung der Wirtschaftsfragen vor den Organisationsfragen wünschen, wodurch die sofortige Beteiligung von Delegierten Rußlands, Islands und der Türkei gewährleistet wird.
Auf Vorschlag des polnischen Außenministers Zaleski hat der Organisationsausschuß zu Punkt 2 der provisorischen Tagesordnung die Frage der Zulassung Danzigs endgültig geklärt. Was den Zeitpunkt des Zusammentritts des europäischen Studienausschusses, der auf den 6. Mai in Aussicht genommen war, anlangt, hat der französische Außenminister angeregt, man möge doch wegen der französischen Präsidentenwahlen den Beginn der Tagung verschieben und auf den 15. Mai anberaumen.
Minister Frick geht nicht auf Urlaub
Weimar. In einem Teil der Presse wurde die Rachricht verbreitet, Staatsminister Dr. Frick werbe am Freitag seinen Urlaub antreten, von dem ex wahrscheinlich n'cht,»>' rückkehren werde. Weiter wurde gemeldet, daß die Rational- ionaliften offenbar regierungsmüde seien und keinen versuch machten, ihre Machtposition zu vertÄdigen.
wie in einem am Mittwoch abend veröffentlichten Extrablatt der nationalsozialistischen Presse Kierzu mitgeleilt wird denke Dr. Frick nicht daran, aus Urlaub zu gehen. Er werde vielmehr am Sonnabend lediglich zu einer nationalsozialistischen Juristentagung nach Leipzig reisen, um Anfang der Woche wieder nach Weimar zurückzukehren.