yersfelöerTageblatt
hMn Mt ttnftxttat ptfttyflt 15 pjMe, W Mletnntllt 50 Pfennig« (^runüschrtst Äorpue). Bei Mederhvlangtn wird ein entsprechender Pret— Ä «währt. ♦ 5«r die Schrtstleitung verant- t Zran,Z««k in yersseld. ♦ Fernsprecher Nr.
Hersfelder KreisblaU
Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö ................... , II _________ -_____________
Nr. 69 Montag, den 23. März 1931 81. Jahrgang
Brüning u. Geoering bei der Gberschlesienfeier
Grohe Beteiligung an den Feiern — Das Bekenntnis zum deutschen Bolkstum
Sberschlesien feiert den
Abstimmungstag
Zehnkausende drängen sich zu den Feiern.
Beulhen, 23. März.
Ueberall in Oberschlesien ertönten am Sonntag zur festgesetzten Stunde die Glocken, um des Abstimmungstages vor zehn Jahren zu gedenken.
Schon am Sonnabend hatte hier im Rahmen einer Gedenkfeier der Deutschen Volkspartei Reichstagsvizepräsident von K a rd o rff über Oberschlesien gesprochen. Er hatte erklärt: „Was einmal deutsch war, muß wieder deutsch werden." Gewarnt hatte er aber mit Nachdruck vor jeder Kalo- strophenpolitik.
Auf diesen Ton eines würdigenProtestes waren auch die Sonntagsfeiern abgestimmt, zu denen sich auf den freien Plätzen der Gemeinden Oberschlesiens Tausende zusammenfanden. In der Provinzialhauptstadt Ra- t i b o r sprach der ehemalige Führer des oberschlesischen Selbstschutzes, General a. D. von H o e f e r. Er gab einen historischen Ueberblick über die schicksalsreichen Ereignisse Oberschlesiens. „Einen neuen Krieg wollen wir wahrlich nicht", erklärte er, aber auch ein Ostlocarno darf es nicht geben.
In G l e i w i tz versammelten sich vormittags
rund 40 000 Personen
auf dem Platze der Republik. Dort sprach der frühere Ab- stimmungskommissar, Rechtsanwalt Kaffanke. Eine Entschließung wurde angenommen, in der gegen die Teilung Oberschlesiens Protest erhoben und kundgetan wird, daß die oberschlesische Bevölkerung nicht müde werde, dieses Unrecht in die Welt hinauszuschreien. Aehnliche Kundgebungen fanden in Hindenbur g und O p p e l n Wt.
~ Das Hauptinteresse wandte sich"aber nach Beulhen.
Früh setzte hier die Völkerwanderung nach der Hindenburgkampfbahn in Beuthen ein, wo die Abstimmungsfeier stattfinden sollte.
Reichskanzler Dr. Brüning
wurde, als er im Salonwagen eintraf, von den Prominenten, darunter Landeshauptmann W o s ch e k und Prälat U l i tz k a sowie von Minister S e v e r i n g und Generalleutnant Hoefer empfangen und begrüßt. Vor dem Museum nahm der Reichskanzler mit dem General Hoefer die Front des Selbstschutzes ab, dann wurden unter den klängen des „Guten Kameraden" der Kranz der Reichsregierung und weitere Kränze in der Gefallenengedenkhalle niedergelegt.
In der Hindenburgkampfbahn in Beuthen wuchs sich die nachmittags veranstaltete A b st i m m u n g s f e i e r der vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier zu einem machtvollen Bekenntnis der Treue zum deutschen Volkstum aus. Zur Feier waren Reichskanzler Dr. B r ü n i n g, der preußische Staatsminister des Innern. S e d er i n g, Vertreter Oesterreichs und der deutschen Länder erschienen. Nach dem Aufmarsch der Turner des Beuthener Turnvereins zu einer Gruppe, die in einzelnen Buchstaben den Satz erkennen ließ: „O.-S. deutsches Land O.-S." sang der Chor das Bergmannslied „Verlorene Heimat".
Hunderte von Fahnen senkten sich, als nach der Begrüßungsrede des Reichsvorsitzenden der Vereinigten Verbände heimattreuer Oberschlesier das Lied vom treuen Kameraden gesungen wurde. Darauf hielt
sie Gedenkrede.
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meraden gesungen wurde. Darauf hi Reichskanzler Dr. Brüning b
Der Tag des Gedenkens, sagte er, sein ein lag des Sieges. Deutschland werde nie vergessen, daß Oberschle- ien sich freimütig zum deutschen Volkstum und zum deutschen Kulturkreis bekannte. Nur als schweres Unrecht konnte deshalb die Losreißung dieses Landes von Deutschland empfun- den werden. Die deutsche Reichsregierung hatte auf das feierlichste Protest gegen diese Entscheidung eingelegt. Die- en Protest lehnte der Oberste Rat ab, aber der damalige Reichskanzler hat in der Reichsratssitzung vom 7. November 1921 festgestellt, daß hierdurch die Rechtsverwahrung des Deutschen Reiches
nicht aus der Welt geschafft wird. Dies gilt selbstverständlich auch heute noch! Feierlich erklärte der Reichskanzler namens der Reichsregierung, daß die oberschlesische Bevölkerung der Hilfe des gesamten Rei- ches und der Dankbarkeit des deutschen Volkes sicher sein
könne. ™ . . , , .
Eine Stafette des oberschlesischen Provinzialverbandes überfrachte dann dem Reichskanzler den S t a f e t t en st a b mit dem oberschlesischen Schwur. Der Schwur wurde von dem Beuthener Schülerchor vorgetragen. Die Turner stellten im Stadion in allegorischer Truppenbildung Kampf und Sieg dar.
Darauf sprach der . ,
preußische Innenminister Severmg.
Auch er würdigte die Abstimmung vor zehn Jahren als Ruhmesblatt in der Geschichte der Provinz. Die Provinz habe mit Hilfe von Reich und Staat alles g e t a n um die Harten der willkürlichen Grenzziehung zu mildern. .
Der besonderen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung Oberschlesiens und der Eigenari einer Gesamt- bevölkerung hat Preußen durch Einräumung von Selb tan- digkeitsrechten auf dem Gebiete des öffentlich, n Schulwesens, der Amtssprache und der Jugendpflege an die Provinz in einem unter dem 25. Juli 1922 ergangenen Gesetz Rechnung getragen.^ $^ ^ ^x^gv»a werden wir. so schloß
Schottland-Expreß entgleist
Acht Tote?
London, 23. März.
Der Schottland-Expreß entgleiste in der Nähe von Leightonx Buzzard. Man nimmt an, daß acht Tote zu beklagen sind, unter ^hnen der Lokomotivführer und der Heizer.
Z- ölf Wagen sprangen aus den Schienen.
Der Schnellzug war der berühmte „Royal Scott" der Midland Aand Scottish Railway. Bis jetzt steht fest, daß sechs Personen getötet worden sind. Man befürchtet aber, daß die Zahl der Opfer sich noch erhöht. Die Unglücksstelle liegt nur wenige Schritte außerhalb des Bahnhofes. Sämtliche Wagen sind entgleist. Die nach der Lokomotive folgenden Waggons sind durch die Wucht des Anpralls gegen die Lokomotive, zum Teil auf die umgestürzte Lokomotive Hin- aufgetrieben worden. Der dritte und vierte Wagen haben sich in den zweiten Wagen hineingeschoben. Geborgen sind bereits der Lokomotivführer und der Heizer, die in den Trümmern der Lokomotive eingezwängt waren und durch ausströmenden Dampf furchtbar verbrüht waren. Sie lebten noch, als sie aufgefunden wurden. Es bestand aber keine Möglichkeit, die schwere Maschine rechtzeitig zu^heben, um ihnen noch Hilfe angedeihen zu lassen. Mehreren^chweroer- letzten, die man nicht so sreimachen konnte, wurde Sauerstoff verabreicht. In einzelnen Fällen schritt man an Ort und Stelle zu behelfsmäßigen Operationen. In einem Falle wurde der Fuß einer Frau, die eingeklemmt war, amputiert.
Severing, nicht ablassen, immer wieder zu fordern, daß die Verhältnisse des oberschlesischen Grenzlandes geordnet werden, unabhängig von der Macht her Gewehre und Diktate. Wir werden — davon bin ich überzeugt — mit dieser Forderung dereinst durchdringen.
Nach dem Gesang des Oberschlesierliedes wurde über dem Nordeingang auf der Hindenburgbrücke die österreichische Flagge gehißt. Ein österreichischer Vertreter übermittelte die Grüße des Landeshauptmanns von Kärnten. Wir Oesterreicher, so führte er aus, erleben das Schicksal Oberschle- siens als unser Schicksal, als unsere eigenste Angelegenheit und Aufgabe. Mit dem gesamten deutschen Volke sind _mir daher einig in dem leidenschaftlichen Protest gegen den Tei- lungsspruch vom Jahre 1921. Jenes unheilvolle Unrecht kann niemals anerkannt werden.
Den Abschluß der eindrucksvollen Gedenkkundgebung des deutschen Volkes bildete der von der Reichswehrkapelle intonierte Große Zapfenstreich, an dem sich der gemeinsame Gesang der dritten Strophe des Niederländischen Dankgebetes anschloß.
Nach der Gedenkfeier im Stadion nahm der Reichskanzler im kleinen Kreise im Hause des Bürgermeisters den Tee ein, während sich die übrigen Gäste im Konzerthaus zusammenfanden, wo die offizielle Begrüßung erfolgte. Oberbürgermeister Neikes, Saarbrücken, erinnerte an das gleiche Schicksal des Saarlandes. Die Saarländer hofften, daß sich bei der Abstimmung eine Mehrheit von 99 Prozent für den Anschluß an Deutschland ergeben werde. Sodann teilte Senator Professor Dr. Tafel von der Technischen Hochschule in Breslau mit, daß der Senat beschlossen habe, dem Oberpräsidenten von Oberschlesien, Dr. Lukaschek, als dem tatkräftigen Verteidiger deutscher Kultur die Würde eines Ehrense- nators zu verleihen.
Reichskanzler Dr. Brüning beglückwünschte als erster den Oberpräsidenten Dr. Lukaschek zu seiner Ehrung. Ober- präsident Dr. Lukaschek dankte in seiner Schlußansprache Dr. Brüning für seine Teilnahme an der Feier. Er bat den Reichskanzler das Herz'des oberschlesischen Volkes nach Berlin zu nehmen und das Bewußtsein, daß Oberschlesien ihm in seinem Wirken und Streben zugunsten des Reiches willig folgen werde.
Deutsch-österreichische Zollunion
3m Aufträge des Reichsaußenministers Dr. Eurtius haben die deutschen Botschaften in London, Paris und Rom die englische, französische und italienische Regierung darüber informiert, daß im Anschluß an die Wiener Aussprache zwischen dem deutschen und dem österreichischen Außenminister jetzt ein Vorvertrag mit Richtlinien abgeschlossen werden soll, der auf eine weitgehende
WirMaftsvereimgung hinausläuft. Am Montag wird ein gleicher informativer Schritt der deutschen Vertretungen bei den kleineren Mächten erfolgen, wobei insbesondere die angrenzenden Staaten, wie die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien, berücksichtigt werden.
Gleichzeitig wird die Oeffentlichkeit über das Ergebnis des Wiener Besuchs des Reichsaußenministers Dr. Eurtius unterrichtet. Man erführt dadurch, daß zwischen den Kabinetten von Berlin und Wien ein Protokoll über die Verhandlungen ausgetauscht worden ist, so daß bem Ergebnis dieser Besprechungen eine rechtlich bindende Form gegeben wird. Der r esentliche Inhalt erstreckt sich auf zwei Hauptpunkte:
1. Auf die Bereitwilligkeit. sofort in die konkreten Ver
handlungen über den Abschluß des Zollunionsvertra- ges einzutreten;
2. Erklären sich beide Regierungen bereit, mit jedem europäischen Land, das den Wunsch dazu äußert, in Verhandlungen über eine gleichartige Regelung ein- zutreten.
In dem Protokoll sind auch bereits die Richtlinien festgelegt, die die Basis des Vertrages bilden sollen. Es handelt sich danach um einen Zollunionsvertrag in der vollen wirtschaftlichen Bedeutung eines solchen Sinnes.
Deutschland und Oesterreich werden einen gleichlautenden Zolltarif und ein übereinstimmendes Aollgeseh ein- führen.
Wenn sie in Kraft getreten sind, werden an den Außengrenzen beider Länder dieselben Zollsätze gelten und auch im übrigen einheitliche Zollvorschriften angewandt werden. An der Binnengrenze werden dann grundsätzlich keine Ein- und Ausfuhrzölle mehr erhoben und auch keine Ausfuhrverbote mehr bestehen. Für eine gewisse Uebergangszeit werden für wenige Waren Zwischenzölle vorgesehen, die in einem noch zu bestimmenden Zettraum degressiv abgebaut werden. Dadurch soll der österreichischen Industrie die Möglichkeit einer Anpassung gegeben werden. Nach Schätzungen unterrichteter Kreise erstreckt sich die Zollunion aber gleich bei ihrem Jn- kraftreten bereits auf mehr als 90 Proz. aller Positionen.
Für die staatsrechtliche Konstruktion der Union sind neue Wege gesucht worden. Es wird kein gemeinsa - mes Zollparlament errichtet. Oesterreich schließt sich auch nicht einseitig einer deutschen Führung an, sondern die handelspolitische Selbständigkeit beider Länder bleibt gewahrt mit der Maßgabe, daß beide Staaten ihre Handelsvertragsverhandlungen mit an- ^M», Länder» w Httkur-fl in enger Fühlungnahme untereinander führen. Diese Verhandlungen müssen sich natürlich im Rahmen der einheitlichen Zollgesetzgebung halten. Wie in allen modernen Verträgen ist ein
Schiedsgericht
vorgesehen, das bei Meinungsverschiedenheiten über Aus- legungsfragen und in den Fällen entscheidet, in denen nicht ein übereinstimmender Beschluß der beiden Regierungen bzw. Parlamente zu erzielen ist. Der Vertrag ist für drei Jahre unkündbar und kann dann von beiden Seiten mit einer Frist von einem Jahr gekündigt werden, aber nur mit Zustimmung des Parlaments.
Endoertzandlungen gleich nach Ostern
Es ist anzunehmen, daß die Verhandlungen über den endgültigen Vertrag sofort nach Ostern beginnen. Durch die Vorbesprechungen sind sie bereits so weit gefördert worden, daß man auf die Unterzeichnung in etwa zwei bis drei Monaten rechnet.
Es wird dann noch einige.Zeit für die Notifizierung, die technischen Vorbereitungen und die notwendigen Um? stellungen erforderlich sein, so daß der Vertrag etwa Anfang des nächsten Jahres in Kraft treten kann. Natürlich ist es notwendig, die Handelsverträge Deutschlands und Oesterreichs mit den übrigen Ländern untereinander ab- zustimmen. Das wird sich in der Weise vollziehen, daß im wesentlichen Oesterreich sich bemühen wird, in unsere Handelsverträge einzutreten. Eine besondere Aufgabe ist auch noch die
Anpassung der Abgaden und Steuern
hierunter fällt das österreichische Tabak- und Zündholz-Monopol, das deutsche Branntwein- Monopol, die Anpasmng der Biersteuern, der Umsatzsteuer und ähnliches.
Unter den Gründen, die zu der Vereinbarung geführt haben, ist vor allem maßgebend gewesen, daß die Wirtschaftskrise in beiden Ländern dazu drängt, neue Wege zu gehen. Durch die Vereinbarungen wird der innere Markt Deutschlands um 10 Prozent, der Oesterreich; natürlich in lehr viel stärkerem Maße vergrößert.
Interalliierte Demarche in Wien
Zollunion Deutschland-Österreich verstößt gegen das Genfer ' Wien, 23. März.
Am 21. März erschienen im Laufe des Tages die diplomatischen Vertreter Frankreichs, der Tschechoslowakei und Italiens beim Bundesminister für auswärtige Angelegen- heiten, Vizekanzler Dr. Schober, mit der Mitteilung, daß bk in den Zeitungen vom 17. März. d. I. veröffentlichte Nach- richt über den Abschluß einer Zollunion zwischen Oesterreich und Deutschland ihre Regierungen veranlaßt hat, der österreichischen Bundesregierung zur Kenntnis zu bringen, daß der Abschluß einer solchen Zollunion gegen das Genfer Protokoll vom 4. Oktober 1922 verstoßen würde. Die genannten diplomatischen Vertreter wurden bom Vizekanzler entsprechend aufgeklärt.