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HersfelöerTegeblatt

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ln^«^.^rnsp??ch Amtlicher Mnzeiger für den Kreis Hersfelö 5«nfsBuMruderd in gnefelt,tniiglk6^eito^^J

Rr. 57 Montag, den 9. März 1931 S1. Jahrgang

Gemeindefinanzen völlig zerrüttet

Der Gesamtsehlbetrag aller Gemeinden des Reiches beträgt 620 Millionen

Trommeln gehört zum tzandmert

Von Obermeister N i e m i tz, Oranienbaum.

Die bevorstehende Reichshandwerkerwoche bedeutet einen der ganz großen Schritte in die Oeffentlichkeit, den die Wirt­schaftsgruppen von Zeit zu Zeit tun müssen, und so begibt sich das Handwerk damit nicht auf einen neuen, wohl aber auf einen für das Handwerk noch etwas ungewöhnlichen Weg zur Hebung der Handwerksinteressen und wirbt für sich selbst und seine einzelnen Angehörigen.

Wir werben um Lohn und Brot, um die Erhaltung unseres Standes, der Jahrhunderte hindurch das Rückgrat des Wirtschaftslebens gewesen ist und dessen Bedeutung auch in der Jetztzeit mit allen ihren aus­geklügelten Exempeln nicht einfach hinwegsubtrahiert wer­den kann.

Wir werben nicht eines schnöden Ge­winnes halber, den wir aus der Belebung unserer Betriebe zu erzielen beabsichtigen; wir werben allein an­der bitteren Erkenntnis heraus, daß wir uns in einem Stadium der Einschrumpfung unserer Betriebe und unseres Wirtschaftslebens befinden, dem man nicht länger tatenlos zusehen kann.

Die Handwerkswoche kann nicht in dem Maße für das Unternehmen des einzelnen werben. Sie wirbt kollektiv für das Handwerk, für den Handwerkerstand, sie wirbt für die Idee der Handwerksarbeit als Qualitätserzeugnis, sie zeigt, daß ein starker Handwerkerstand, seiner Leistungsfähigkeit imb seiner Position im Wirtschaftsleben unseres Volkes be­wußt, Anspruch auf Beachtung erhebt.

Welcher Handwerksmeister hätte nicht schon mit wehem Herzen seiner Hände Arbeit betrachtet, die er wenig pfleg* samen Kunden einst übergeben ha^? Es gibt sicher "einen, den nicht diese oder ähnliche Empfindungen schon bewegt hätten, und so, wie es mit dem eigenen Erzeugnis ist, so oder noch schlimmer ist es aber mit dem allerempfindlichsten Bau, mit der Werbung, die die Leistungsfähigkeit des Unter­nehmers immer wieder dem Publikum vor Augen führen muß, besonders in einer Zeit wie der jetzigen, in der alte Beziehungen so leicht untergraben werden durch Schleuder­angebote. Der Schaden, der auf solche Weise der handwerk­lichen Arbeit zugefügt wurde, ist in vielen Fällen zurück- zuführen darauf, daß sich der bisherige Lieferant trotz seiner guten Arbeit bei billigster Berechnung dennoch nicht genü­gend eindringlich und nicht oft genug bei seiner Kundschaft in Erinnerung gebracht hat.

Trommeln gehört zum Handwerk! Das Handwerk, das sich zusammensetzt aus der Vielzahl einzelner Betriebe, steht im allgemeinen der Werbung nicht gerade sonders freundlich gegenüber, und es gehört zu den Selten­heiten, daß ein Handwerker seinen Betrieb "'

be'

etrieb öfter einmal

wieder in Empfehlung bringt.

Normalerweise spielt sich die Werbung des Handwerks­meisters so ab: Der junge Meister zeigt, wenn er sich selb­ständig macht,einem geehrten Publikum" ein- oder zwei­mal in seiner Zeitung an. daß erder Neuzeit entsprechend eingerichtet ist und um geneigte Unterstützung bittet". Da­mit ist der Fall meist erledigt, und oft erst dann, wenn der betreffende Meister gestorben ist, erscheint wieder ein In­serat, in dem seine Witweder verehrl. Kundschaft" anzeigt, daß sieden Betrieb mit geschulten Kräften in der bewähr­ten Weise und im Sinne des Verstorbenen weiterführt".

Und in der Zwischenzeit? Da geschieht meist nichts, ob­wohl feststeht, daß es keine Werbemaßnahme gibt, welcher Art sie auch sein möge, die sofort auf einmaligen Anhieb einen greifbaren Erfolg zeigen kann. Der emsig schaffende Meister ist fest davon überzeugt, daß die Qualität seiner Arbeit und seine anerkannt billigste Preisstellung sich herum- spricht und seinen Kundenkreis am besten vergrößern hilft. Gern verzichtet er auch so oft auf all die kleinen Werbe­mittel, als die man eine gedruckte Rechnung, einen Brief­umschlag oder einen Briefbogen mit Aufdruck ansehen muß.

Von der Zeitungsanzeige, die anerkanmerweise die bil- ligste und intensivste Werbung ist und bleibt, hält der Hand- werksmeister auch nicht allzuviel. Jedes Jahr irgend­eines großen Kaufhauses feiner Branche fällt ihm aber tot­sicher auf die Nerven, und in stummer Resignation heißt es dann wohl:Ja, die können das machen, zu den Leuten kommt die Kundschaft gelaufen!"

Er hat recht, aber sie kämen zweifellos nicht gelaufen ohne die Inserate, für die ein ganz fest umrissener Werbe- plan aufgestellt ist, der immer in einem bestimmten Ver­hältnis zum Umsatz steht.

Würde in ähnlicher Weise der einzelne an seiner Stelle mehr als bisher mit dazu beigetragen haben, den Gedanken der Handwerksarbeit zu propagieren, dann wäre der Gr^'g solcher Werbewochen, wie sie die Reichshandwerkswochi ;u werden verspricht, in der wirksamsten Weise unterbaut. Da jedoch an der Vergangenheit bekanntlich nichts mehr zu in- dern ist, möchte ich den Blick auf die Zukunft lenken

Baut durch die Handwerkerwoche eure Werbung auf! Die Trommeln sind da, die Handwerksorganisation rührt die große Trommel. Nun liegt es an dir, Handwerksmeister daß der Ruf der Trommel nicht verhallt in der Oede und der Not der Zeit. Trommele, ganz gleich, auf welcher Trom- 4& ghßx trommele weiter!

Die Lebensfrage der Städte

Die Lawine der Wohlfahrtserwerbslofen bedroht ihre Existenz.

Oberbürgermeister Dr. I a r r e s - Duisburg-Hamborn veröffentlicht einen aufschlußreichen Artikel über die Lebens­frage der Städte. Allein die preußischen Städte mit mehr als 25 000 Einwohnern, so führt Dr. Jarres aus, werden im laufenden Rechnungsjahre in ihrer Gesamtheit mit einem Fehlbetrag von 225 Millionen RM, abschließen. Dieser Fehlbetrag setzt sich aus Mindereinnahmen an Steuern und vor allem aus erhöhten Ausgaben für die Erwerbslosen zusammen.

Die Mehrausgaben gegenüber dem Etatsansatz beiragen bei den Wohlfahrtserwerbslofen im Durchschnitt 80%.

Daneben sind andere Mehrausgaben von insgesamt rund 150 Millionen RM, hauptsächlich auf dem Gebiet der sonsti­gen Wohlfahrtsfürsorge und 55 Millionen auf dem Gebiete der Finanzvermaltung, festzustellen, so daß im ganzen rund 205 Millionen RM Mehrausgaben bei diesen Städten nicht zu vermeiden waren. Diese 205 Millionen schaffen mit den 100 Millionen RM Mindereinnahmen eine Lücke von 305 Millionen RM, die sich durch Ausgabendrosselung von etwa 80 Millionen RM vermindert, so daß für die preußischen Städte mit mehr als 25 000 Einwohnern der Fehlbetrag sich auf 225 Millionen RM belauft. Der Fehlbetrag des Vor­jahres betrug bei diesen Städten 116 Millionen RM, so daß für beide Jahre ein Gesamtfehlbetrag von rund 340 Mil­lionen RM ungedeckt bleibt, mit dem die Städte durchweg auf den schwachen Krücken kurzfristigen Kredites, in das neue Rechnungsjahr eintreten müssen.

DerGesamtfehlbetrag af^c Gemeinden des Reiches be­trug im Jahre 1929 rund 200 Millionen, für 1930 420, insgesamt also 620 Millionen RM am Anfang des

Rechnungsjahres 1931.

Die Städte und Gemeinden selbst, so erklärt Dr. Jarres, haben an diesem Notstand keine Schuld. Von allen Seiten im Stich gelassen, haben sie ihre Steuerquellen und sonsti­gen Einnahmemöglichkeiten bis zum letzten, ja auf dem Steuergebiet über das Erträgliche hinaus geschöpft. Auch die Werke haben vielfach unter Vernachlässigung gesunder wirtschaftlicher Grundsätze ihre letzten Reserven hergeben müssen und sind dadurch in ihrer kommunalen Unabhängig­keit gefährdet.

Die ständig wachsende Lawine der Wohlfahrtserwerbs- loseniasten bedroht, wenn nicht in letzter Stunde Hilfe kommt, die Existenz der Städte und ihrer Bevölkerung.

Dabei waren die deutschen Städte aus eigenem Entschluß und im Wege der Selbstzucht gerade auf dem besten Wege, ihre Kreditverhältnisse durch Konsolidierung der kurzfristigen Schuldenlast, durch Drosselung ihres Anleihebedarfes und Einschaltung neuer Kontrollen beim städtischen Anleihewesen entscheidend zu bessern.

Für den Fortbestand dieses gigantischen Gesetzgebungs- fehlers tragen das Reich und die Länder, nicht die Gemeinden die Verantwortung.

Auf den Gemeinden baut sich der Staat auf. Soll der Zusammenbruch der Staatsordnung, so schließt Dr. Jarres. verhindert werden, so ist außer der Nothilfe in den hoffentlich wenigen Fällen des Kassenzusammenbruchs die Neuregelung der Erwerbslosenlastenverteilung ss dringlich, daß sie mit dem neuen Rechnungsjahr in Kraft treten muß. Für die Aufstellung ihrer Haushaltspläne müssen die Städte die Entscheidung des Gesetzgebers mit aller Beschleunigung ver­langen.

Nach einer Feststellung des Reichsstädtebundes sind von den mittleren und kleinen Städten mehr als zwei Drittel nicht in der Lage, das Rechnungsjahr 1930 ohne Fehlbetrag abzuschließen. Trotz Einführung der neuen Steuern wird in diesen Städten ein Fehlbetrag von durchschnittlich 11,94 Reichsmark je Einwohner ungedeckt in das nächste Rech­nungsjahr übernommen werden müssen.

Kölner Willopat gegen Nationalsozialismus

Köln, 8. März. In derKölnischen Volkszeitung" wird eine vom Erzbischof von Köln und sämtlichen Bischöfen der Kölner Kirchenprovinz unterzeichnete Erklärung veröffent­licht, die sich gegen den Nationalsozialismus wendet. In der Erklärung heißt es u. a., daß die Unterzeichner im Be­wußtsein ihrer Pflicht ihre Diözesanen auf die mit der natio­nalsozialistischen Bewegung für katholisches Den sey und Le­ben entstandene Gefahr aufmerksam machen, mahnend ihre Stimme erheben und mit tiefem Ernst vor dem National­sozialismus warnen, solange und soweit er eine kultur­politische Auffassung kundgebe, die mit der katholischen Lehre nicht vereinbar sei.

Brüning zur Not der Jugend

Ueberschätzt nicht die Berechtigungsscheine!

Berlin, 9. März.

Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens des D e u t s ch e n Studentenwerks e. V., der früheren Wirtschaftshilfe der Deutschen Studentenschaft, fand am Sonntag mittag im Reichstag eine stark besuchte Kundgebung in An­wesenheit des Reichskanzlers und zahlreicher Vertre- ter der Reichs- und Staatsbehörden statt. Der Reichs­präsident hatte eine Begrüßungsadresse ge­sandt, in der er dem Werk für die kommende Zeit Erfolg wünschte.

Der Reichskanzler Dr. Brüning schloß sich den Wün­schen des Reichspräsidenten namens der Reichsregierung an und ging in feinen längeren Ausführungen auf die Notlage der Nachkriegszeit und die Ueberfüllung der akade­mischen Berufe ein, die besonders verhängnisvoll für die Jugend sei, die überall auf verschlossene Türen stoße. Es sei ein Unding, wenn für immer neue Berufe Hochschulbil­dung gefordert werde.

Ex richte mit größtem Nachdruck an alle amtlichen Stellen und an die Führer des Wirtschaftslebens den stärksten Appell, die jungen Menschen auch ohne Berech- tigunasscheine nach ihren Fälligkeiten in das tätige Le­ben einzuführen.

In der Ueberfüllung der Berufe liege einer der Gründe für den steigenden Radikalismus. Jedes Mal, wenn man vor scheinbar unlösbaren Schwierigkeiten stehe, suche man Ret­tung in dem vagen Begriff der Diktatur. Der Reichs- kanAer gab die Versicherung ab, die schwere Arbeit der j Reichsregierung werde von der Sorge und dem tiefsten Mit­gefühl mit der Jugend beeinflußt.

1 Christliche Gewerkschaft gegen Lohn-Abbau

Ausführunaen des Reichsarbeitsministers.

Münster, 9. März.

Zur Kundgebung der christ^hen Arbeiterbewegungwa- ren etwa 4000 Delegierte aus ai. i Teilen der Provinz West­falen, vornehmlich aus dem Münsterlande und aus Minden- : Ravensberg erschienen. Gauleiter H i ck e vom Christlichen i Textilarbeiterverband betonte, daß der bisher durchgeführte Abbau der Akkord- und Tariflöhne das zulässige Maß be­reitsüberschritten habe. Die Arbeiterschaft erwarte von der Regierung, daß sie die Angriffe auf die durch Lohnaubbau und Kurzarbeit schon viel zu weit herabgedrückten Löhne der Arbeiter energisch abwehre.

Reichsarbeitsminister Dr. S t e g er w a l d erklärte: Erste Voraussetzung für die Milderung der deutschen Wirt- schaftskrisis sei, das verwirtschaftete Vertrauen wieder zurück- zugewinnen. Wir sind immer von einem Extrem ins andere getaumelt. Unsere Wirtschaft befindet sich weitgehend in einem Zustand der Ueberorganisatioa Mb der Desorganisa- tion. Vielfach sind es die gleichen Jttttye, die unwirtschaft­liche Preisbindungen und hohe Zölb» für aanz in Ordnung halten, die aber gleichzeitig ttriinftfwL daman bei zirka fünf Millionen Arbeitslosen die menschLch« Aickeitskraft dem freien Spiel der Kräfte überantwortet. Mb« die Lohnfrage herrscht heute die größte Verwirrung. Lbv» rodet heute viel­fach über Reallohn, ohne zu durchdenD«^ daß bei fünf Mil­lionen Arbeitslosen individueller fReaOota und korporativer Reallohn, d. h. der Lohn, der an dir töWbnehTner im gan­zen bezahlt wird, nicht ein und ders^D» find. Auch kommt es nicht auf den Stundenlohn, als vielm»^ darauf an, was die Arbeiter und Angestellten an Utonati" bzw. Jichreslohn er­halten. In dieses Chaos suchte das Oosieruugsprogramm der Reichsregierung allmählich OrdMW» ttneinzubringen. Erstens müssen die Etats des Reichs dm ÄW>er und Ge­meinden unter allen Umständen in Ordmmg gebracht wer­den. Das ist im Augenblick nicht möglich durch eine Erhö­hung der Einnahmen. Mithin muß es durch Ausgabenkür- zungen geschehen. Die zweite Erwägung war: die deutsche Ausfuhr muß konsolidiert werden, sonst kommen wir in eine immer größere Versklavung gegenüber dem Ausland. Es ist Illusion, daran zu glauben, daß in Deutschland in kurzer Zeit an Stelle des privatkapitalistischen Wirtschaftssystems ein anderes Wirtschaftssystem gesetzt werden könne. Dann hat es aber auch keinen Zweck, daß sich Arbeitgeber und Ar­beitnehmer ständig als zwei feindliche Heerlager gegenüber* stehen. Bei einem Rückblick auf die letzten zehn Jahre müs­sen wir feststellen, daß die Menschen, die in der Produktion stehen, mit am schlechtesten weggekommen sind.

Bericht über Wien

Berlin, 9. März.

Reichsaußenminister Dr. Curtius und Staatssekre­tär Dr. P ü n d e r erstatteten am Sonnabend vormittag dem Reichskanzler Bericht über den Verlauf der Beratungen in Wien. Im Anschluß hieran hielt am Nachmittag der Reichsaußenminister dem Herrn Reichspräsidenten Vortrag über das Ergebnis der Verhandlungen mit der österreichischen Bundesregierung.

Im Laufe dieser Woche wird das Reichskabi» nett zu dem Bericht des Reichsaußenministers über die Wiener Reise Stellung nehmen.