Arsfel-erTagebtatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für -en Kreis Hersfelö
Nr. 29
Mittwoch, den 4. Februar 193)
81. Jahrgang
Der Reichstag wieder am Werk
Ruhiger Beginn im Parlament — Die Regierung fordert sachliche und rasche Arbeit
Deutscher Reichstag
Ruhiger Beginn - Kleine Borlagen
Berlin, 3. Februar.
Präsident L ö b e eröffnet die erste Sitzung im neuen Jahre mit einem von den Abgeordneten stehend angehörten Nachruf für den verstorbenen Alterspräsidenten Herold (Ztr.) und die Abgg. Dr. David (Soz.) und H o f f m a n n- Kaiserslautern (Soz.).
Vor Eintritt in die Tagesordnung nimmt der Abg. K o h l m a n n (Komm.) zu einer Erklärung das Wort Mit lauter Stimme ruft er: „Wieder sind zwei Arbeiter durch die faschistischen Mordbanden des Dr. Goebbels ermordet worden!" Der Redner verlangt die sofortige Beratung eines kommunistischen Antrags auf Aufhebung des Verbots des Roten Frontkämpferbundes und der Demonstrations- verbote. Der sofortigen Beratung wird widersprochen.
Ohne Aussprache wird der d e u t s ch - t ü r? i s ch e A u s- lieferungsvertrag dem Rechtsausschuß, der Reichsratseinspruch gegen die Ladenschlußbestimmungen für den Weihnachtsheiligabend dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen Der Bericht des Reichshaushaltsausschusses über die Denkschriften des Rechnungshofes zu den Reichshaushaltsrechnungen 1925 und 1926 wird ohne Aussprache genehmigt, ebenso der Bericht über die Reichshaushaltsrechnung 1929.
Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfs über die Entschädigung der gewerbsmäßigen Stel - lenvermittler.
Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald weist daraus hin, daß mit dem vorliegenden Entwurf der Paragraph 55 des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenver- -sickMi^^l u - , wirk li^t- töet'frett-4fHr---tre?' ve fit murr, «rß"d^ gewerbsmäßige Stellenvermittlung vom 1. Januar 1931 ab verboten ist und daß den Stellenvermittlern, die seit dem 2. Juni 1910 das Gewerbe ausgeübt haben, eine angemessene Entschädigung gewährt wird. Die gewerbsmäßigen Stellenvermittler für Artisten, Bühnenangehörige, Chor-, Tanzpersonal und Musiker, bei denen diese Voraussetzung zutrifft, werden für die Aufhebung ihres Gewerbes bar entschädigt. Die Konzertagenten dürfen ihren Betrieb zunächst fortführen. Die übrigen Stellenvermittler, die ihr Gewerbe mindestens seit dem 2. Juni 1910 ausüben, erhalten keine Entschädigung. An deren Stelle tritt die Erlaubnis, ihren Betrieb bis zum 30. Juni 1933 fortzuführen.
Abg. Schröter - Merfeburg (Komm.) bezeichnet die Vorlage als unzureichend.
Die Vorlage wird dem Sozialpolitischen Ausschuß überwiesen.
Die Abstimmung über die Einsprüche der nationalsozialistischen Abg. kafche und Dr. Goebbels gegen Ordnungsmah- nahmen des Präsidenten in der letzten Reichstagssitzung bleibt zweifelhaft, da das Haus im Augenblick der Abstimmung schwach besetzt ist. Gegen die Rechte und die Kommunisten werden die Einsprüche im Hammelsprung mit 26S gegen 203 Stimmen zurückgewiesen.
Das Gesetz über die Erstattung von Kriegs- wohlfahrtsausgaben an die Länder und Gemeinden wird nach kurzer Aussprache unter Ablehnung von Asnderungsanträgen der Deutschnationalen und der Nationalsozialisten in zweiter und dritter Beratung angenommen.
Die Nationalsozialisten setzten für jeden ihrer Aende- rungsanträge die namentliche Abstimmung durch, die zur Ablehnung der Anträge mit 340 gegen 169 und 234 gegen 224 Stimmen führte.
Um 5.45 Uhr vertagte sich das Haus auf Mittwoch, 3 Uhr.
Brüning leitet Etatberatung ein
Berlin, 4. Februar.
Nach den bisherigen Vereinbarungen zwischen Reichs- regierung und Reichstagspräsidium dürften die eigentlichen Etakberatungen des Reichstages am Donnerstag beim Etat der Reichskanzlei mit einer grundsätzlichen Etalrede des Reichskanzlers eingeleitet werden.
Wie verlautet, wird der Kanzler darin die Hoffnung zum Ausdruck bringen, den Reichsetat auf ordentlichem parlamentarischen Wege zu verabschieden, wobei er mit Genugtuung die Bemühungen des Reichstages unterstreichen wird, durch Aenderung der Geschäftsordnung das Parlament arbeitsfähiger zu machen. Andererseits wird der Kanzler auf die Notwendigkeit hinweisen, den Etat rechtzeitig zu verabschieden. Sollte der Reichstag sich diesem Bestreben der Regierung widersetzen, dürfte der Kanzler Wege suchen, die ihm die Erreichung seines Zieles zu sichern scheinen.
Die große außenpolitische Aussprache wird Dienstag nächster Woche mit einer umfassenden Rede des Reichsaußenministers über die außenpolitische Lage beginnen. Er f wird darin vor allem auch die in Genf behandelten Fragen -T>-ört^T unj den deutschen Standpunkt in der Paneuropa-, Minderheiten- und Abrüstung-frage erneut unterstreichen.
Keine LiWnriervng der D.B.V.
Verständigung zwischen Dingeldey und Brüning
Berlin, 3. Februar.
• Vor Zusammentritt des Reichstagsplenums sank Dienstag eine mehrstündige Besprechung zwischen deu —R^stch^kauziek, > dem Reiches'.r. aujminif'er, dem verspätte! lichen Führer Dr. Dingeldey und dem volksparteilicher Etatsachverständigen Dr. Eremer statt. In dieser Besprechunc ist es gelungen, über die Frage weiterer Abstriche am Ela zu einer Vereinbarung im Sinne der volksparteilichen For derungen zu gelangen. Wie wir aus gutunterrichteten Kreisen hören, basiert diese Vereinbarung auf dem Grundsatz daß keine Ausgabe ohne Deckung bleiben darf.
Sollte sich ergeben, daß im Laufe des Etatjahres durch Mindererträgnisse der Steuer- und Zolleinnahmen der Eiu: sich nicht ausgleichen läßt, so soll der Regierung durch ein Ermächtigungsgesetz die Möglichkeit in die Hand gegeben werden, entsprechende Ausgabenabstriche zu machen. Dabei ist man von der Tatsache ausgegangen, daß sich im Augenblick nicht übersetzen läßt, ob und in welchem Umfange die Einnahmeansätze des Haushaltsvoranschlages nicht erzielt werden. Auf jeden Fall dürfte durch die am Dienstag zustande gekommene Vereinbarung sichergestellt fein, daß die Deckung eines etwa aufkommenden Defizits nicht auf dem Wege neuer Steuern oder Anleihen erstrebt wird.
Reichskabinett wieder auf festerer Grundlage. f Berlin, 4. Februar.
Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei hat der Verständigung zugestimmt, die in der Besprechung in der Reichskanzlei über die Frage etwa erforderlicher Sparmaßnahmen erzielt wurde. Allerdings mit dem Vorbehalt, daß eine endgültige Stellungnahme erst erfolgen könne, wenn das angekündigte Kommunique über die Vereinbarung bekannt ist. Schwierigkeiten werden jedoch nicht mehr erwartet, zumal das Kommunique in Uebereinstimmung mit dem Führer der Deutschen Volkspartei abgefaßt werden dürfte. Damit ist die Entspannung eingetreten, die das Ergebnis der Besprechung beim Reichskanzler erwarten ließ. In politischen Kreisen wertet man die Beilegung des Konfliktes als eine weitere Stärkung der Stellung des Reichskabinetts.
Der neue Ton im Reichstag
Berlin, 3. Februar.
In der Besprechung über eine Reform der Geschäfts- ordung des Reichstages, die der Reichskanzler im Beisein des Reichstagspräsidenten Löbe und des Vizepräsidenten Esser mit den Führern der hinter der Regierung stehenden Parteien führte, hat man sich zunächst auf vier Punkte geeinigt:
1. Die Behandlung von Vertrauens - und M iß- trauensanträgen wird grundsätzlich geändert durch die Feststellung, daß eine amtierende Regierung ohne weiteres das Vertrauen des Parlaments besitzt, wenn es ihr nicht ausdrücklich entzogen wird. Eine grundlegende Aenderung kommt dadurch zum Ausdruck, daß künftig die Entziehung des Vertrauens ausgesprochen werden soll. Außerdem wird bestimmt, daß alle Anträge, die sich auf die Person eines Ministers oder des Kanzlers beziehen, nur in der Vollversammlung des Reichstages zulässig sind. Sogenannte fingierte Vertrauensanträge sollen in Zukunft nicht mehr zugelassen werden.
2. Eine Verschärfung der Disziplinarmaßnahmen soll dadurch eintreten, daß man in den Paragraphen 90 der Geschäftsordnung eine Bestimmung eingefügt, wonach ein Redner, dem das Wort entzogen worden ist, in der gleichen Sitzung nicht noch einmal sprechen kann.
3. Vorlagen, die sich mit Finanzfragen beschäftigen, sowohl Regierungsvorlagen, wie auch Initiativanträge der Parteien, gehen in Zukunft sofort an den zuständigen Ausschuß. Soweit Anträge aus dem Parlament neue Ausgaben vorsehen, können sie nur bei Zustimmung der Regierung angenommen werden und sie sind nur zulässig, wenn sie g l e i ch ; e i 11 e i n e D ? ck u n or 1 Ä K e enthalten. Dabei kann über einen Antrag aus Erhöhung der Ausgaben und über den Deckungsvorschlag nur gemeinsam, nicht getrennt, abgestimmt werden. Als Deckung im Sinne dieser Bestimmung gilt es nicht, wenn in einem Antrag die Einnahmen aus einer bestimmten Steuerquelle einfach höher geschätzt werden, als die Regierungsvorlage vor- sieht. Ob es sich um eine Finanzvorlage handelt oder nicht, entscheidet der Reichstagspräsident.
4. Die Zulässigkeit von Interpellationen, also Anfragen über bestimmte Tatbestände, werden künftig davon abhängig gemacht, daß sie nur Tatsachen, die der Klärung bedürfen, enthalten, nicht aber „Kritik und Angriffe" auf die Regierung. ((»parlamentarische Aeußerungen in Interpellationen sind unzulässig, und der Reichstagspräsident hat in einem solchen Falle das Recht, die ganze Interpellation zurückzuweisen, wobei der Aeltestenrat als Revisionsinstanz gilt.
Zu diesen vier Vereinbarungen müssen nunmehr die einzelnen Reichstagsfraktionen Stellung nehmen. Wenn sie den Vorschlägen zustimmen, wird zunächst der Aeltestenrat und der Geschäftsordnungsausschuß sich damit zu beschäftigen haben.
Arbeiterpartei will am Ruder bleiben j London, 4. Februar.
MacDonald hielt in einer Sitzung der Unterhausfraktion der Arbeiterpartei eine Rede, aus der heroorgeht, daß die Regierung es selbst dann ablehnen würde, zurückzutreten, wenn wichtige Abänderungsanträge der Liberalen zur Ge- werkschaftsvorlage angenommen würden. Die Regierung würde sogar bereit sein, ganz auf die Vorlage zu verzichten, und nur dann zurückzutreten, wenn ein unzweideutiger Mißtrauensantrag gegen sie angenommen würde. Man nimmt an, daß Mac Donald eine solche Haltung einnimmt, weil Arbeiterpartei und Liberale glauben, daß die Konservativen siegen würden, wenn jetzt Neuwahlen stattfänden.
Hindenburg besucht die Grüne Woche.
Reichspräsident von Hindenburg besuchte die große Landwirtschafts- u. Forst- ausstelluna am Kaiserdamm. Unser Bild zeigt: Reichspräsident von Hindenburg bei der Ankunft (links). Rechts: Bei der Besichtigung der Ausstellung.
Neue Reichswehr-Inspekteure.
Links • Oberst Hopff, der ueue Inspekteur der Pioniere. Mitte: Oberst Freiherr von Hirschberg der neue Inspekteur der Kavallerie. Rechts: Oberst von Hammerstein-Equord, der neue Inspekteur der Infanterie.