Hersfel-erTageblatt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-
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Nr. 28
Dienstag, den 3. Februar 1931
81. Jahrgang
Nottagung der Landwirtschaft
Scharfe Kampfansage des Reichslandbundes an die Regierung
Gemeinschaftsarbeit, die Anliabe der Stunde
Von Otto T h i e l, M. d. R.
Das deutsche V-lk, sein Staat und seine Wirtschaft befinden sich in einer ungewöhnlich ernsten Lage. Durch keine Macht der Welt kann die Not in wenigen Wochen überwunden werden. Nur eine klare Erkenntnis der gemachten Fehler und die gemeinsame Kraftanstrengung zur Abstellung kann die Not überwinden. Auf das dringlichste ist allen Beteiligten nahezulegen, nichts unversucht zu lassen, was irgend möglich ist, um Arbeitsmöglichkeiten zur Entlastung des Arbeitsmarktes zu schaffen. Es liegt auch im wohlverstandenen Interesse des gesamten Unternehmertums, wenn die einzelnen Arbeitgeber hierbei nicht nur an ihr eigenes betriebswirtschaftliches Interesse denken. Immerhin wird es sich aber bei all diesen Dingen um nur verhältnismäßig geringe Milderungen handeln können. Die Ueberwindung der großen Arbeitslosigkeit heute und für die Zukunft wird nur durch großzügige Sanierungsmaßnah- m e n möglich sein. Der starke finanzielle Druck, unter dem sich die Gemeinden befinden, wird hoffentlich dazu führen daß auch dort endlich mit jener Schärfe der Kampf gegen die seitherige Finanzpolitik geführt wird, die hier unvermeidlich ist. Jedenfalls wird keine Gemeinde damit rechnen können, daß ihr finanziell geholfen wird, wenn sie nicht rechtzeitig die Besoldung ihrer Beamten mindestens der Reichsbesoldung anpaßt und andere Etatposten beseitigt hat die in unserer Zeit die Selbstverwaltung in Verruf bringen. Es wird notwendig sein, den Haushalt der Gemeinden durchzusehen und schonungslos — notfalls mit öf- fentlichen Protestversammlungen — den Kampf gegen alle nicht unbedingt notwendigen Ausgaben unsznnehmen. Er handelt sich dabei um eine soziale Pflicht. Die erste Aufgabe ist die, dafür zu sorgen, daß alles geschieht, um die staatliche-Autorität zu festigen. Dabei wird sich das Parlament endlich zu jener Selbstzucht aufraffen müssen, die dem Ernst der Stunde gerecht wird, oder es darf sich nicht beklagen, wenn man es zum Teufel jagt.
Der Haushalt des Reiches und die Haushalt« der Länder und Gemeinden müssen von Grund aus mit dem eisernen Willen nachgeprüft werden, alles, aber auch rein alles herauszustreichen, was mit der von weiten Kreisen noch lange nicht genügend begriffenen Gefahr für unser Volk nicht mehr vereinbar ist. Niemand soll davor zurückschrecken, auch in einen Gegensatz zu früher eingenommenen Standpunkten zu gelangen. Dabei dürfen unter keinen Umständen immer nur dort Abstriche gemacht werden, wo die geringsten Widerstände infolge eines hohen Maßes von anständiger Gesinnung anzutreffen sind, sondern dort wo es die Gerechtigkeit erfordert.
Die P r e i s p o l i t i k muß unter allen Umständen ohne allzu großen öffentlichen Lärm den Anschluß an die Weltmarktpreise rechtzeitig finden. Die bisherige Preispolitil der Regierung hat keinen größeren Erfolg erzielt, als in anderen Ländern ohne die große PreisabbaupropaganSo der Regierungen erzielt wurde. Die Lohnpolitik muß sich selbstverständlich der Zielsetzung für die Preispolitik an- passen. Auf dem Gebiete der Lohnpolitik müssen die Gegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern am schärfsten aufeinanderprallen. Die gesamte Angestelltenschaft ohne jeden Unterschied der Richtungen, wird sich gegen jeden Versuch zur Wehr setzen, das staatliche Schlichtungswesen bzw. die Möglichkeit der Verbindlichkeitserklärung von Schiedssprüchen zu zerschlagen, bevor eine andere gut funktionierende Einrichtung an seine Stelle getreten wäre.
Klassenkampf oder politische Verständigung ist das in- • nenpolitische Problem der kommenden Zeit. Die Führenden aus allen Schichten der Bevölkerung müssen alles daran- etzen, rechtzeitig den Weg zur Verständigung zu finden. In )er Angestelltenschaft gewinnen durch die neuere Entwick- ung die Fragen der Auswahl, Zahl und Ausbildung und Fortbildung des beruflichen Nachwuchses besondere Bedeutung. Der Kampf der Angestelltenschaft gegen die zunehmende Bürokratisierung, gegen die industriellen Großbetriebe, die Unterbringung der älteren Angestellten, die Doppelverdienerfragen, grundsätzliche Fragen des Tarifvertragsund Schlichtungswesens, der Arbeitslosenversicherung, der Arbeitszeit und Entwicklung des Arbeitsvertragsrechtes würde durchaus Möglichkeiten zu fruchtbarer Gemeinschaftsarbeit bieten, soweit die Führer der Arbeitgeber mit einer positiven Einstellung an eine solche Gemeinschaftsarbeit Herangehen würden.
Die Weltwirtschaftskrise kann, so sehr von ihr das deutsche Volk in seiner besonderen Lage heute und sicher | noch auf lange Zeit von schweren Sorgen und Nöten geplagt sein wird, dennoch zum Ausgangspunkt ganz neuer Wege in eine bessere Zukunft werden. Entscheidend dafür, ob Aufstieg oder Niedergang unser Schicksal sein wird, ist ganz allein die Frage, ob das deutsche Volk nun endlich — wenigstens in seinen politisch interessierten Schichten — einsehen gelernt hat, daß nur der ein wahrhaft würdiges Glied seines Volkes ist, der in entscheidenden Stunden mit dem Blick auf die Lebensnotwendigkeiten des Volksganzen feine Jch-Sucyt überwindet.
Kampfruf der Landwirtfchast
Der 10. Reichslandbund-Tag in Berlin.
Berlin, 3. Februar.
Mit der Eröffnung der 6. Grünen Woche treten in der Reichshauptstadt die typischen wettergebräunten und wetter- harten Gestalten des deutschen Landwirts stark hervor. Besonders um die Ausstellungshallen und am Montag in der Umgebung des Zirkus Busch beherrschten die Männer „von Aehr und Halm" das Berliner Straßenbild. Was früher die Tagung des Bundes der Landwirte und die große Landwirtschaftswoche waren, ist jetzt die sogenannte Grüne Woche mit der großen Reichslandbund-Tagung im Zirkus Busch. Sie fand am Montag unter der üblichen „drangvoll fürchterlichen Enge" statt. Aus allen Gauen des Reiches waren die Vertreter des Reichslandbundes erschienen, um in einer gewaltigen Kundgebung die Forderungen der deutschen Landwirtschaft zu vertreten.
Der 10. Reichslandbund-Tag wurde durch eine Ansprache des Präsidenten, Reichstagsabgeordneten Lind, eröffnet. Er erinnerte daran, daß er vor 28 Jahren an der gleichen Stelle als süddeutscher Vertreter die Erklärung abgab:
„Es gibt in der deutschen Landwirtschaft keinen Westen und keinen Osten, sondern nur einen einheitlichen Be
rufsstand, der um seine Existenz sümpft.“
Damals habe der Bund der Landwirte entschiedene Rückkehr zur Bismarckschen Schutzzollpolitik gefordert. Die Landwirtschaft erkämpfte sich bessere Zeiten. Auch heute erkläre er mi! Stolz: „Es gibt keinen Osten und keinen Westen, sondern nur eine im Verzweiflungskampf um ihre Existenz geschlossen kämpfende deutsche Landwirtschaft." Es sei bedauerlich, daß die Industrie sich im Kampfe um den heimischen Markt von der Landwirtschaft trennte und sick- einseitig die ^Industrie- zölle von der ^^»kegieruttg garantieren ließ, währenddem die Landwirtschaft gänzlich ungeschützt blieb. Erst im Jahre 1925 habe man sich zu einem landwirtschaftlichen Zollschutzgesetz aufgerafft, das aber in seinen ganzen Tarifsätzen für die Landwirtschaft unzulänglich gewesen sei. Man habe es auch unterlassen unter Rücksichtnahme auf die Parteiwünsche, die Forderungen des Reichslandbundes in eine der erlassenen Notverordnungen mit hineinzunehmen. Deshalb gebe der Landbund die Parole aus:
Kampf für die Erhaltung auf freier Scholle, für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft, für ein neues Deutschland, in dem ein freies Bauernstand Platz hat.
Das Hauptreferat hielt der Präsident des Reichslandbundes Graf oon Kalckreuth. Er stellte einleitend fest, daß das Kabinett Brüning manches für die Erhaltung der deutschen Landwirtschaft getan habe; der Erfolg aber sei ihm versagt geblieben. Zwei Aufgaben habe die Reichsregierung in diesem Abwehrkampfe zu erfüllen: Fernhalten des Druckes der ausländischen Schleuderkonkurrenz und Ausgleich von Angebot und Nachfrage in dem innerwirtschaftlichen Absatz. Der Redner wandte sich dann gegen den Reichsverband der Deutschen Industrie, der anscheinend unter dem Einfluß einseitiger Exportinteressen in den letzten Wochen kein Mittel unversucht gelassen habe, der Landwirtschaft Steine auf den Weg zur Rettung zu legen. Von dem Leben oder Sterben der Landwirtschaft hänge aber das Leben und Sterben großer Industrien und des ganzen Volkes ab.
Der sogenannte Genfer Zollfrieden müsse ebenso wie der polnische Handelsvertrag von Deutschland abgelehnt werden.
Die Händler- und Großstadtpresse werfe der Landwirtschaft vor, daß sie ohne Rücksicht auf die Notlage des Volkes Preise fordere, die in einem völligen Mißverhältnis zu den Agrar- preisen im Auslande stünden. Ueber das Mißverhältnis zwischen Gestehungskosten und Erzeugerpreisen aber gehe sie großzügig hinweg. Die deutsche Landwirtschaft erhalte für die von ihr auf den Markt gebrachten Waren nur etwa 10 bis 11 Milliarden, der Verbraucher aber zahle für dieselben Waren 25 Milliarden Rm. In dieser ungeheuren Spanne lägen noch starke Verbilligungsmöglichkeiten, die im Interesse der armen Schichten ausgewertet werden könnten. Jedes Ost Hilfegesetz bedeute einen Schlag ins Wasser und Vergeudung von Mitteln der Allgemeinheit, wenn es nicht begleitet wäre von grundlegenden Maßnahmen zur Wiederherstellung der landwirtschaftlichen Rentabilität. Noch einmal habe die grüne Front die für Wiederherstellung der Rentabilität notwendigen Maßnahmen der Reichsregierung vorgelegt und in mehrtägigen Verhandlungen mit dem Reichskanzler durchberaten. Hinter diesen Forderungen stehe der Reichslandbund und damit also die gesamte Landwirtschaft. Vier große Aufgaben müßten sofort der Lösung entgegengeführt werden, wenn nicht Deutschland rettungslos der völligen Katastrophe entgegentreiben solle:
i. Rettung der Landwirtschaft vor dem völligen Erliegen. Mit Lösung dieser Aufgabe werde auch die heute vordringlichst erscheinende Aufgabe der Wiedereinschaltung der fünf Millionen Arbeitslosen in den Produktionsprozeß am meisten gefördert werden.
2. Befreiung der deutschen Wirtschaft von den Fesseln des Poungplanes.
3. Abbau der die Hälfte des Arbeitsverdienstes des deutschen Volkes aus ' rrnden Ausgaben der öffentlichen Hand.
4. Umstellung der gesamten sozialen Fürsorge aus ihrer heutigen Form, in der sie nicht nur einen Anreiz, sondern
geradezu in vielen Fällen einen Zwang zur Arbeitsenthal- tung bedeute.
Der Redner glaube nicht, daß die Regierung Brüning in ihrer jetzigen Zusammensetzung und nach ihrer bisherigen Arbeitsmethode eine dieser Aufgaben wirklich lösen werde. Sie habe es nicht verstanden, nach den Wahlen zum 14. September die stark auflodernde nationale Bewegung in ihrem nationalen Willen und ihrer Opferfreudigkeit für das Vaterland zu erfassen, um in ihr eine Stütze für notwendige aber zwangsläufige unpopuläre Gefundungs- mahnahmen zu suchen. Eine zielklare Lösung der großen Aufgaben sei nur möglich unter einem völligen Bruch mit der nachrevolutionären Jllusionspolitik. Der Reichsland- bund werde feinen Kampf um die Rettung der Landwirtschaft ohne Bindung an Parteien durchführen. Bis dahin müsse der einzelne Landwirt sich privatwirtschaftlich so einstellen:
Erhaltung seiner und seines Betriebes Existenz, bis nach errungenem Siege die wiedergewonnene Aussicht auf Rentabilität ihm neue Möglichkeiten zu wirtschaftlicher Entfaltung gebe.
Die neue Aufgabe der produktiven Umstellung und der systematischen Absatzregelung dürfe nur dann mit voller Kraft von der Landwirtschaft ausgenommen werden, wenn ihr die geforderten Sicherheiten geboten seien. Deswegen werde jeder Landwirt, der seine Kreditmöglichkeiten erschöpft sehe, sich, ehe er sich der letzten Barmittel durch Steuerzahlung beraube, die Frage oorlegen müssen: „Kannst du dann auch noch die zur Fortführung deiner Wirtschaft notwendigen Barmittel bis zur neuen Ernte sicherstellen." Wenn nicht, dann sei es Pflicht jedes Landwirts, im Rahmen der gesetzlich zulässigen Mittel alle Hebel anzusetzen, um nicht durch Steuerzahlung sich der Möglichkeiten der Erhaltung seines Betriebes zu begeben.
R^ch ^em Schlußwort des Reichslandbundpräsidenten Bauernhofbesitzer BetHgl'der das deutsche Landvolk zum
Kampf gegen das bisherige System und gegen tue
Reichsregierung
aufforderte, wurde eine Entschließung angenommen, in der unter Zusammenfassung der Gesichtspunkte der vorgetragenen Referate u a: gesagt wird: „Den Gegenkräften hätte eine Reichsregierung nur dann im Sinne des Hinden- burg-Auftrages erfolgreich begegnen können, wenn sie sich vom ersten Tage an auf die Kräfte gestützt hätte, die bereit waren, das Tributproblem anzupacken, den Schutz der deutschen Arbeit als sicherste Lebensgrundlage des deutschen Volkes aufzurichten und sich von den marxistischen Mächten, die gegenwärtig Preußen und von da aus die Reichspolitik beherrschen, gelöst hätte.
Die Reichsregierung hat durch ihr Versagen das deutsche Landvolk aufs schwerste entkäuscht und tiefstes Mißtrauen erweckt. Die Verhandlungen der letzten Tage über neue Agrarmaßnahmen können an diesem Urteil um so weniger etwas ändern, als die von der Regierung in Aussicht genommene Methode der Durchführung zu Halbheiten und Mißerfolgen führen muß. Tönende Worte und halbe Maßnahmen lehnt die Landwirtschaft ab. Sie hat ein umfassendes Sanierungsprogramm vorgelegt. Der Reichs-Landbund kämpft um eine Reichsleitung, die sich frei macht von den bisherigen schädlichen Einflüssen und Abhängigkeiten und fordert daher den Rücktritt einer Regierung, die nicht sofort und ungeschmälert diese Forderung zur Tat macht.
Hindenburg auf Der Grünen Woche
Berlin, 3. Februar.
Reichspräsident von Hindenburg stattete der Grünen Woche seinen Besuch ab. Er wurde dort von dem Reichs- minister für Ernährung und Landwirtschaft Dr. h. c. Schiele empfangen und mit folgenden Worten begrüßt: „Die gesamte deutsche Landwirtschaft begrüßt Sie an der ' Schwelle der 6. Grünen Woche und dankt aufrichtig für den persönlichen Besuch. Die deutsche Landwirtschaft erblickt darin erneut den Beweis des wärmsten und regsten Interesses des Herrn Reichspräsidenten an dem Geschick des so schwer geprüften Berufsstandes. Die deutsche Landwirtschaft hat das Vertrauen zu dem Herrn Reichspräsidenten, daß er mit allen ihm zu Gebote stehenden und durchführbaren Mitteln dieses Geschick zum Resten zu wenden bemüht ist." Reichspräsident von Hindenburg antwortete darauf: „Da s verspreche ich Jhne n." _ Der Reichspräsident besichtigte darauf eingehend die Ausstellung.
Der Bruderzwist im Innern
Nürnberg, 3. Februar.
In einer Versammlung der Sozialdemokratischen Partei in Feucht (Bayern) sollte Pfarrer Kleinschmidt von Eisenberg über das Thema „Faschismus, Christentum und Sozialdemokratie" sprechen. Es kam zu einer schweren Schlägerei zwischen Nationalsozialisten und Sozialdemokra- ten, in deren Verlauf sieben Sozialdemokraten und drei Nationalsozialisten Kopfwunden davontrugen. Vier Verletzte wurden in das Nürnberger Krankenhaus eingeliefert. Die Streitenden wurden durch die Gendarmerie getrennt und der Ort später durch eine aus Nürnberg herbeigerufene Hundertschaft der Landespolizei geräumt. Die Versammlung konnte nicht stattfinden.