Htrsfel-erTageblatt
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Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 24
Donnerstag, den 29. Januar 1931
81. Jahrgang
Die Agrarkrise im Vordergrund
Landwirtschaftsminister Schiele über die Notmatznahmen des Reichs — Landwirtschaftskammerprasident Brandes weift neue Wege
Schiefer Agrarprogramm
Im Haushaltsausschuß des Reichstages begründe-s heute der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Dr. Schiele, seinen Etat in einer längeren Rede. Er gab einleitend einen Ueberblick über die agrarpolitischen Maßnahmen im letzten Jahr und stellte zusammenfassend fest, daß es zwar wegen der unerhörten Zuspitzung der allgemeinen Krisenzustände im In- und Ausland nicht gelungen sei, dem wachsenden Substanzoerzehr der Landwirtschaft radikal Einhalt zu gebieten, das eine Positive dürfe aber als Ergebnis der Agrarpolitik im letzten Jahre festgestellt werden: Aus den wichtigsten Gebieten sei die Anvahnung einer bauet« haften Ordnung der Produktions- und Avfatzverhältnisfe deutlich erkennbar. Ausführlich behandelte der Minister alsdann die Fragen der Produktions um stellun g und machte Mitteilungen über den in Ausarbeitung begriffenen Reichsbestellungsplan. Der Minister wies darauf hin, daß wir etwa 700 000 Hektar Roggen und 800 000 Hektar Hafer zuviel hätten, das jedoch in Deutschland noch Raum sei für den Anbau von 500 000 Hektar Weizen und 500 000 Hek tat Gerste. Auch Grünland und Futterrüben könnten noch eine Ausdehnung erfahren, nur müsse eine planmäßige Entwicklung angestrebt werden. Die Zukunftsaussichten für die tierische Veredelungswirtschaft hält der Minister für wenig günstig. Hier sehe sich die Regierung vor neue dringende Aufgaben zum Schutze der bäuerlichen Veredelungswirt- schaft gestellt, da es sich um unverzichtbare Notwendigkeiten für unsere gesamte Agrarpolitik und unsere ländliche Sozialpolitik handele.
Zur Zoll- und Handelspolitik erklärte der Minister u. a., daß uns die allgemeine, die gesamt- Weltagrarwirt-
Wsbrr'-.rskMW vor di« zwingende Notwendigkeit stellte, soweit als möglich die Einfuhren zu drosseln, um unserer eigenen Erzeugung den heimischen Markt zu erhalten und ihr darüber hinaus neue Absatzmöglichkeiten innerhalb der deutschen Volkswirtschaft zu erschließen. Bei richtiger Würdigung der innerwirtschaftlichen Aufgaben der Agrarpolitik komme man nichi umhin, did A g r a r z ö l l e als die Wächter der Ordnung an der Schwelle zu dem vor uns liegenden Werke des Wiederaufbaus der deutschen Landwirtschaft auf neuen, dauerhaften und wetterfesten Grundlagen anzuerkennen.
Minister Schiele wandle sich dann den Fragen der Preispolitik zu und verwies dabei auf folgende Ziffern: Im März o. J. habe einem Jndustriefertrgwareninoex von 153 und einem Lebenshaltungsindex von 149 ein Agrarindex von 110 gegenübergestanden. Bis Mitte Januar 1931 fei der Agrarindex auf 107, der Lebenshaltungsindex auf 141 und der Jndustrieindex auf 142 gesunken. Die Spanne habe sich also erst von 30—43 Punkten auf 34—3k Punkte, also noch völlig unzureichend ermäßigt. Der Weg vom Erzeuger zum Verbraucker muß dringend rationalisiert werden, um den gemeinsamen Interessen der Konsumenten, namentlich der Arbeiterschaft, und der Produzenten Rechnung zu tragen. Der Vergleich des Agrarindex mit dem Ernährungsindex im März gegenüber Dezember 193k ergebe das Bild, daß bei gleichgebliebenen Erzeugerpreisen der Index für die Kleinhandelspreise von 145 auf 135 zu- rückgegangen, d. h. also, daß eine Verminderung der Spanne von 35 auf 25 Punkte zu verzeichnen sei.
Der Minister kam dann auf die Ernährungspolitik insgemein zu sprechen und erklärte u. a.: Das Gleichgewicht der deutschen Wirtschaft ist in den letzten zwei Jahrzehnten durch politische und wirtschaftliche Vorgänge in der Welt von Grund auf zerstört worden. Seine Wiederherstellung ist für uns bei den gegenwärtigen wirtschaftlichen und machtpoli- tischen Kräfteverhältnissen ohne Anspannung aller Produktivkräfte im eigenen Lande nicht erreichbar. Die in der deutschen Landwirtschaft heute noch vorhandenen latenten Erzeugungsmöglichkeiten sind eine starke nationalwirtschaftliche Kraftreserve. Es ist daher bitter nötig, daß endlich das gesamte deutsche Volk erkennt, daß zwischen Agrarkrise und Arbeitslosigkeit ein unmittelbarer Kausalzusammenhang besteht, und daß zu einer systematischen Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in erster Linie auch ein Wiederaufbau der devastierten Ertrags- und Produktionsverhältnisse der deutschen Landwirtschaft gehört. Andauernde Agrarkrise heißt weitere Entsiedlung des Landes, des Ostens, heißt Anwachsen der Arbeitslosigkeit und des Massenelends in den Großstädten. Deshalb ist für mich Agrarpolitik in unserer heutigen Lage in erster Linie auch ein sozial- und staatspoliti- schrn Erfordernis. In einer Zeit so schweren allgemeinen Elends, wo Millionen deutlcher Volksgenossen in tiefster seelischer und materieller Not ihre Arme zum Staat nach Hilfe ausstrecken, würde ich alles andere tun, als mich zum Wortführer unbilliger egoistischer Berufsinteressen zu machen Ich habe vielmehr mein Amt übernommen und führe es in her Ueberzeugung, daß Agrarpolitik nicht eine einseitige Berücksichtigung eines Volksteiles in einer Zeit allgemeiner Dolksnot ist, saubern daß die Agrarpolitik mehr denn je dazu berufen ist, den Grundstein für eine Volkswirtschaft zu legen, in der dem deutschen Bauen, wieder Gerechtigkeit und dem ganzen deutsch« Volke wieder Arbett m»h Dror gewährleistet ist.
Sie Ursachen der Agrarkrise
Präsident Brandes vor der ostpreußischen Landwirtschaft.
Königsberg (Pr.), 29. Januar.
Im großen Saal des Landeshauses traten in Gegenwart der Spitzen sämtlicher Behörden die Mitglieder der ostpreußischen Landwirtschaftskammer zu ihrer diesjährigen Tagung zusammen. Die Tagung wurde durch den Präsidenten der Kammer, Dr. Dr. e. h. Brandes, mit einer bedeutsamen Ansprache eröffnet. Zur allgemeinen Lage der Landwirtschaft führte er u. a. aus: Es ist eine undankbare Aufgabe, heutzutage in Ostpreußen über die Lage der Landwirtschaft und ihre Zukunftsaussichten zu sprechen. Das Bild, das sich bietet, ist grotesk:
eine Ueberprobuttion und ein Ueberfluß an Nahrungsmitteln und industriellen Erzeugnissen überall in der Welt, und dabei muß sich alles einschränken, viele hungern.
Weshalb? Weil keine Arbeit da ist und deshalb kein Verdienst, keine Kaufmöglichkeit, und die Landwirtschaft kann nicht vielen Arbeit geben, weil die Arbeit in der Landwirtschaft sich nicht rentiert, und so geht es immer we ter bergab. Wollen mit bielem circulus vitiofus entrinnen, so muß der Hebel bei der Urproduktion, der Landwirtschaft, angesetzt werden. Es hat sich eben auch in Deutschland gezeigt, und das sollte man endlich erkannt haben, daß die Landwirtschaft das Schlüsselgewerbe der deutschen Wirtschaft ist. Ich verkenne nicht, daß eine Reihe von Maßnahmen getroffen ist. die für 0>e Landwirtschaft vorteilhaft sind. Sonst stände es noch schlimmer. Aber alles geschieht zu l a n g s a m zu st ü ck w e i s e, oft beinahe widersinnig. Es fällt keinem von uns ein, Unmögliches zu verlangen. Die Grüne Front hat eine ganze Reihe von Maß- na^men„aujAmmeng^teUtL bis sofort und ohne Verletzung der Handelsverträge zum Nutzen der Landwirtschaft ergriffen werden können.
Wir machen durch die Importe von jährlich vier Milliarden landwirtschaftlicher Erzeugnisse und von drei Milliarden industrieller Erzeugnisse den deutschen Arbeiter brotlos und treiben den Bauern von Haus und Hof.
Eine weitere Methode, den Verbrauch inländischer Produkte zu fördern, die durchaus ausbaufähig ist und nicht gegen die Handelsverträge verstößt, ist der Verwendungszwang. Wenn diese Methode sich bei Weizen bewährt hat, weshalb sollte es zum Beispiel bei Kasein Zichorien, Fetten, Wolle, Spiritus nicht auch gehen? Aber auch die Handelsverträge selbst dürften kein Pflänzchen ,.Rühr-mich-nicht-an" werden. Wir müssen von manchen Bindungen loskommen, in die wir jetzt verstrickt sind und die namentlich die Produkte der bäuerlichen Siedlungswirtschaft, Viehzucht, Obst- und Gemüsebau usw. betreffen. Für die Landwirtschaft wäre die Annahme des sogenannten Genfer Handelsabkommens ganz untragbar. Eine Bindung an Zölle bei der jetzigen Weltagrarkrise wäre der verhängnisvollste Schritt, der sich denken läßt.
Eine Abänderung des Versailler Diktats und der Tri- bunasten ist unaufschiebbar.
Das Wesen solcher Tributlasten ist vielfach bekannt. Es ist ein Ausblutungsprozeß. Wenn bisher alle Einzelmaß- nahmen, die für die Landwirtschaft und auch sonst getroffen worden sind, in ihren Endwirkungen versagt haben, so liegt das auch daran, daß die Ausblutung stärker als jede Absatzmöglichkeit ist. Deshalb ist die Frage der Revision von Versailles nicht einzig und allein eine politische Frage, sondern eine wirtschaftlche Frage allerersten Ranges, man müßte sagen: die Wirtschaftsfraae. Der zweite Punkt, wo eingegriffen werden muß, ist äußerste Sparsamkeit als Pa- role überall, und endlich wird eine Revision der Sozialgesetzgebung nötig sein.
Ei« Aeichsbeftelungspla« Absatzfrage für die Landwirtschaft.
Berlin, 29. Januar.
Die Preisberichtstelle beim Deutschen Landwirtschafts- rat verunstaltet mit Unterstützung des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom 27. bis 31. Januar 1931 in Berlin ihren er ten Absatzlehrgang. Dieser will die auf dem Gebiete der Ab atzpolitik tätigen Stellen der Landwirtschaft anregen, künftig neben der Beschaffung neuen Materials zur Beurteilung der Marktentwicklung in vermehrtem Umfange dafür Sorge zu tragen, daß die landwirtschaftliche Praxis über die Marktzusammenhänge so- weit aufgeklärt wird, daß sie das bisher vorliegende Nachrichtenmaterial praktisch und erfolgreich anwenden kann.
Die mehr als 400 Teilnehmer des Lehrganges umfassen nicht nur die zuständigen Referenten der Landwirtschaftskammern und Leiter von Genossenschaften, die sich hauptamtlich mit diesen Fragen befassen müssen, sondern auch Landwirtschaftslehrer und Versuchsringleiter sywie andere Kräfte, die irgendwie in der Beratung der Landwirtschaft tätig sind In der Eröffnungssitzung für diesen Lehrgang erklärte Minister Schiele, daß die Absatzwissenschaft in die landwirtschaftliche Praxis umgesetzt werden müsse. Ohne eine Umstellung in der deutschen Landwirtschaft sei eine Be- MLUtzg der MWN Mitz bKjb^M
Für und gegen Starhemberg
Spaltung der österreichischen heimwehren.
Wien, 29. Januar.
Der Bundesführer der österreichischen Heimwehren, Fürst Starhemberg, legte am Dienstag nach einer ergebnislos verlaufenen, sehr erregten Sitzung den Heimwehrführern der Länder eine Geschäftsordnung vor, durch die der Bundesführung diktatorische Gewalt übertragen und das Recht eingeräumt werden soll, Landesführer ihres Postens zu entheben. Gleichzeitig wurde verfügt, daß Major Fey, Wien, von der Führung des Heimwehrverbandes zurückzu- treten habe und das Reichskommando der Eisenbahnerwehr aufzulösen sei.
Die Vertreter der Wiener, der Tiroler, der Vorarlberger und der Burgenländer Heimwehr sowie der Eisenbahnerwehr, die die Tagung verlassen hatten, weil Starhemberg einen von ihnen eingebrachten Geschäftsordnungsantrag nicht zur Abstimmung gebracht hatte, stellten daraufhin in einer besonderen Sitzung fest, daß die Starhembergsche Geschäftsordnung undiskutabel fei und sie daher die Verhandlungen abbrächen. Ferner beschlossen sie, sich bis zum Rücktritt der jetzigen Bun -sführung zu einer Arbeitsgemeinschaft zusam- menzuschließen und die weiteren Verfügungen Skarhembergs nicht mehr anzuerkennen.
Die Heimwehrführer von Niederösterreich, Steiermark und Salzburg erklärten sich dagegen für Starhemberg und für die durch ihn vertretenen Ziele des Heimatblocks, eine strenge Scheidung zwischen der Heimwehr als überparteilicher militärischer Formation und dem Heimatblock als politischer Gruppe vorzunehmen. Der Führer der Heimwehren hätte sich nun zu entscheiden, sein Nationalratsmandat niederzulegen, falls er weiter Führer der Heimwehren bleibt.
General Bertholet f
Paris, 29. Januar.
General Berthelot, der während des Krieges eine Zeit lang Heerführer und später Chef der französischen Wi- litärkommission in Rumänien war, ist nach längerer Krankheit am Mittwoch gestorben.
Offensive Frankreichs in der Abrüstung?
Paris, 29. Januar.
Der Aktionsausschuß der Vereinigung für den Völkerbund beschloß, im Jahre 1931 in der französischen Oeffentlich- keit nachdrücklich für den Plan zu werben, daß Frankreich auf der kommenden Abrüstungskonferenz die Initiative für eine wesentliche Herabsetzung der Bewaffnung ergreifen möge und andererseits die Grundlage für die internationale Solidarität zu erweitern versuchen.
Verwaltungsrat des Genfer Arbeitsamts tagt
Genf, 29. Januar.
Der Vörwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes, beschäftigte sich gestern zunächst mit dem Programm der internationalen Arbeitskonferenz 1932 und beschloß die Frage der Invaliden-, Alters- und Hinterbliebenenversiche- rung auf die Tagesordnung dieser Konferenz zu setzen.
Sodann beschäftigte sich der Verwaltungsrat mit der internationalen Konvention über die Nachtarbeit der Frauen, deren Revision im Hinblick auf Schwierigkeiten, die sich in der Durchführung ergeben haben, beabsichtigt ist. Der Verwaltungsrat ehrte in einer eindrucksvollen Kundgebung sodann seinen Präsidenten Fontaine (Frankreich), der seinen 75. Geburtstag begeht und mit unverwüstlicher Frische die Verhandlungen leitet.
Die Wohnungswirtschaft in Preußen
Berlin, 29. Januar.
Der Hauptausschuß des Preußischen Landtages schloß am Mittwoch abend die Beratung des Abschnittes zum Wohl- fahrtshaushalt über das Wohnungs- und Siedlungswesen ab.
Minister Dr. H i r t s i e o e r erklärte, daß auch er die Verzögerung der baupolizeilichen Genehmigungen bedauere; es sei dies aber eine Angelegenheit der Selbstverwaltung. Im vorigen Jahr wären wir mit 140 000 nichtfertigen Wohnungen in das neue Jahr hineingegangen. In diesem Jahre betrage der Uebergang nur 90 000. Eine weitere Streckung der Hauszinssteuer sei nicht möglich. Nach Lage der Dinge müsse gefordert werden, daß zusätzliche Mittel für den Hausbau zur Verfügung gestellt würden.
Es fanden eine Anzahl von Anträgen Annahme. Sie fordern insbesondere die Förderung des Baues von Eigenheimen, die Neuregelung der Rechtsverhältnisse der Bausparkassen, die Herabsetzung der hohen Gebühren in Bausachen und die Senkung der Änliegerbeiträge.
Neue Zuchthausrevolte in Amerika
Annandale (New Jersey), 29. Januar.
Im hiesigen Zuchthaus griffen 400 Sträflinge die Wächter an. Bei dem sich entfpinnenben heftigen Kampf wurden neun Sträflinge verwundet, sieben konnten,aus dem Gefängnis ausbrechen. M