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Hersfel-erTageblatt

Hersftlöer Kreisblatt |^s®s

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö $unfe vuchüruckerei in tzersfel-, Mttgbeö b« VvzÄ | Nr. 22 Dienstag, den 27. Januar lSZl^L Jahrgang

IMiMitb: Mt dnWflgt Pektzette 15 Pstanla, Nt Rwanratüt 50 Pfennig. (Srunöschrtst Korpus). Bei rvleüerhvlsngen wir- ein entsprechender Preis­nachlaß gewährt. Zür die Schriftleitung verant- »»Mchr ZranzZunk in yersfeld.. Zernsprecher Nr.

Monatlicher Vezugsprels: durch 6it Pell bno«n1JO Reiche-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für yrrsfel- 1.20 Retchs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reich s-Mark. druck und Verlag von Ludwig Strafe Suchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VdZV.

Der Bruderzwist im Reich

Bedrohlich mehrt sich die Zahl der blutigen politischen Zusammenstöße in allen Teilen Deutschlands

Der Reichskanzler hat in den letzten Tagen mehrere in der großen Öffentlichkeit im allgemeinen stark beachtete Reden gehalten, die dazu bestimmt waren, eine gewisse Ner­vosität und falsche Einstellung zu den gegebenen Tatsachen zu zerstreuen. Einmal sprach er in Chemnitz vor der sächsi­schen Unternehmerschaft und wenige Tage später in einer Kundgebung der christlichen Gewerkschaften in Köln. In beiden Fällen hat er ziemlich deutlich die Gesamtlage Deutsch­lands vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht gekennzeichnet Sie ist wahrlich nicht rosig, und mancher Unternehmer unt ein großer Kreis von Arbeitern, die durch die Ungunst der Verhältnisse aus dem Produktionsprozeß herausgeschleuder: worden sind, beginnen pessimistisch, verbittert und wohl auch ungerecht zu werden. Diesen Stimmungen und Strömungen versuchte der Kanzler entgegenzuwirken.

Was seine Ausführungen besonders bedeutungsvoll machte, war die Forderung an Reichstag unk Parteien, die Dinge klar und fachlich zu sehen. Er hat davon gesprochen, daß der Reichstag mit seinem Wieder- zusammentritt Anfang Februar vor gewaltige Entscheidun­gen gestellt sein wird. In erster Linie muß nach des Kanz­lers Worten die Grundlage weiterer finanzieller Konsoli­dierung in Reich, Ländern und Gemeinden geschaffen wer­den. Dabei hat er ein Wort geprägt, das zu beachten geradt unseren Behörden wärmstens anempfohlen werden sollte nämlichmit jedem Pfennig, den die öffentliche Hand aus- gibt, genau so zu verfahren wie andere Völker, die nach einem verlorenen Kriege wieder hochgekommen sind, nämlich sich wieder zu überlegen, was der Pfennig wert ist"

An diesem Wort sollte niemand, dem die Sorge um den Wiederaufstieg Deutschlands am Herzen liegt, gMmkenlo- vorübergehen. Es ist leider so, und oft ist es in der Oeffent­lichkeit schon gesagt worden, daß gerade unsere Behörden gleich welcher Art, sich nicht an jene Sparsamkeit gewöhnen können, die einstens die preußische Verwaltung auszeichnete Heute muß jede Behörde im eigenen Prunkhause sitzen; For­derungen der Hygiene und der neuzeitlichen Bauweise wer­den vorgeschoben, um solche Bauten zu begründen. Parkei Gilbert hat einmal in seinem Bericht über den deutscher Haushalt gerade auf diesen Luxus der deutschen Behörden hingewiesen und erklärt, daß solche äußeren Erscheinungen nicht den Eindruck erweckten, als könne Deutschland Die Re- parationslasten nicht tragen. Was von den Reichs- und der Staatsbehörden gilt, trifft leider in vielen Fällen auch vor den Gemeindebehörden zu. In der Zeit, wo wir den Grund- stein hätten legen können für einen Notfonds, haben sich Die einzelnen Behörden, haben sich vor allem die Groß- unt vielfach auch die Mittelstädte gegenseitig Konkurrenz gemach! in der Durchführung von öffentlichen Bauten und Anlagen, die eigentlich über unsere Kraft gingen. Der Pfennig war nichts, und die Millionen rollten.

Die verschiedenen Maßnahmen der Regierung Brüninx sind auf eine Senkung der öffentlichen Ausgaben und der Produktionskosten gerichtet. Sie haben sich vorerst in der Hauptsache in einer Senkung der Löhne und Gehälter ausgewirkt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der Reichstag von der Regierung Rechenschaft darüber verlangen wird, ob ihre Zusagen der gleichzeitigen und gleichmäßigen Preis­senkung innegehalten' worden sind. Seine Andeutungen in Köln, daß es mit der Lohnsenkung allein nicht getan ist, gibt schon einen Anhalt dafür, daß dieses Versprechen nicht er­füllt wurde, vielleicht nicht erfüllt werden konnte. Die Preissenkungsaktion der Regierung hat sich somit dahin ausgewirkt, daß der Arbeiter und Angestellte jetzt mehr denn je mit dem Pfennig rechnen muß. Und wo bleibt die Pfen­nigrechnung der anderen, wo bleibt sie bis zur letzten Konse­quenz bei den Behörden?

Trotz der bedauerlichen parteipolitischen Zerrissenheit ist das deutsche Volk zurzeit durch die Verhältnisse zu einer Notgemeinschaft zusammengeschlossen, die es erforderlich macht, gemeinsam der Schwierigkeiten Herr zu werden, oder gemeinsam zugrunde zu gehen. Die schönsten Worte vom Sparen und vom Rechnen nützen nichts, wenn sie nicht allgemein beachtet und angewandt werden. Das deutsche Volk muß in seiner Gesamtheit herunter von dem Millionenfimmel, es muß wieder allgemein mit dem Pfennig rechnen undmuß überlegen, was der Pfennig wert ist . Die Erkenntnis davon, daß das deutsche Volk seit einem Jahrzehnt mehr erleidet als je ein anderes, auch daß es Unrecht leidet, setzt sich mehr und mehr auch im Aus­land durch. Wir dürfen nur nicht durch falschen Schein, vor allem nicht durch falsche Maßnahmen verhindern, daß die Erkenntnis sich überall durchsetzt. Die Ueberzeugung, daß man in Deutschland wieder mit dem Pfennig rechnet und mit dem Pfennig geizt, muß nicht nur im Ausland be­kannt, sondern muß dort auch fühlbar werden. Solange wir uns in unserer heutigen schwierigen Lage be,inren, kann es uns niemand verargen, wenn wir auf Wars n e s Auslandes verzichten, die wir uns im Sßnblftnnb leisten konnten. Dort sollten wir nicht nur mit dem Pfennig, sondern mehr noch mit der Mark rechnen. Wenn diese Ueberzeugung Gemeingut des deutschen Volkes wird, dann ist der Zeitpunkt bestimmt erreicht, wo es wieder vorwärts- Letzt.

Ruhe in Ecnf

Genf, 26. Januar.

Die zur Europakonferenz und der Ratstagung versam­melt gewesenen Delegationen und ihre Pressestäbe haben Genf im Laufe des Sonntag sämtlich verlassen. B r i a n d ist in Begleitung seiner Mitarbeiter Leger und Peycelon wieder in Paris eingetroffen. Mit dem gleichen Zuge trai auch der englische Staatssekretär Henderson in Paru ein. Er setzte am Montag seine Reise nach London fort

Preffenachllimge

DieO b e r s ch l es i s ch e V o l k s st i mm e", das maß­gebende Organ der oberschlesischen Zentrumspartei. begrüß! das Ergebnis von Genf als einen vorläufiger deutschen Erfolg gegenüber Polen. Al- wesentlich bezeichnet das Blatt die Feststellung der offizieller Verurteilung Polens wegen Verletzung der Genfer Konven­tion und die Betonung der Notwendigkeit eines System­wechsels in Ostoberschlesien. Damit sei erreicht, daß Die Oberschlesienfrage in der Schwebe bleibe und ihre endgültig, Erledigung nicht durch bloße Versprechungen der polnischer Regierung, wie bisher, sondern nur durch Taten fintier könne. Polen stehe in Zukunft unter dem starken Druö und der Kontrolle des Völkerbundes.

DieOstdeutsche M o r g e n p o st" stellt in der Be­urteilung des Genfer (Ergebnisses mit großer Befriedigung fest, daß durch den Bericht des Rates ein g r o ß e i Fortschritt erzielt worden ist Das Blatt ist der Ansicht, daß durch die Feststellungen über den Charakter oes Ausständischenoerbandes und über die Beziehungen der Behörden zu dieser Organisation die Grundlage für eint Aenderuna des Systems in Ostoberschlesien geschaffen sei,

Polen um so weni^ atistt^rfSrnas;

es auf Grund der ukrainischen Beschwerden im Mai neue Bloßstellungen in Genf zu erwarten habe.

DieK a t t o w i tz e r Zeitung" schreibt in ihren Kommentar über den Ausgang der Genfer Ratstagung u. a. daß die Entscheidung geeignet sei, das Vertrauen der Min­derheit zum Völkerbund wiederherzustellen.

DerO b e r s ch l e s i s ch e Kurier" schreibt, die Gen­fer Entscheidung werde in allen Kreisen der deutschen Min­derheit mit um so größerer Befriedigung ausgenommen werden, als sich zum ersten Male eine minderheitenfreund- lichere Tendenz des Völkerbundsrates bemerkbar gemach! habe.

Nach dem Genfer Korrespondenten des Daily Tele­graph gebührt Henderson das Hauptverdienst an der vor­läufigen Beilegung der oberschlesischen Frage, der deshalb auch von allen Seiten beglückwünscht worden sei. Derselbe Korrespondent schreibt: Es sei stark beachtet worden, daß der italienische Außenminister sich an der Session aktiv betei* ligte, und daß die italienische Presse eingehende Berichte veröffentlicht habe. Dies werde hier als ein Zeichen dafür ausgelegt, daß Mussolinis Haltung gegenüber dem Völkerbund sich geändert habe.

Nach demDaily Herald" bedeutet der Bericht über Die Terrorisierung der Deutschen in Oberschlesien eine strenge Verurteilung der polnischen Behörden. DieMorningpost" meint, der Bericht des Völkerbundes sollte in Deutschland eine Befriedigung heroorrusen, ohne Polen deshalb zu ver­letzen. DieTimes" behandelt das Ergebnis der Tagung in einem Leitauffatz. Darin wird u. a. gesagt, daß der Kurs, den Dr Curtius zu steuern hatte, besonders schwie­rig war. Die Mehrheit der politisch interessierten Deutschen hätte einenErfolg" erwartet, andererseits den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund gefordert. Dr. Curtius hätte verstanden, für sein Land eine wertvollere Genug­tuung zu gewinnen, als die Niederlage feines polnischen Gegners.

Die Pariser Presse sieht in der Entscheidung des Völ­kerbundrates in der Oberschlesienfrage eine Verurtei­lung der polnischen Methoden. Selbst der T e m p s muß zugeben, daß dem polnischen Außenminister nichts anderes übrig geblieben sei, als unter dem Gewicht des von deutscher Seite beigebrachten erdrückenden Mate­rials sein Ableugnen aufzugeben. Damit gibt auch der Temps den polnischen Agitatoren, die auf die wohlwollende Beihilfe gewisser polnischer Regierungsstellen rechnen könn­ten, unrecht. Was die indirekten Verantwortlichkeiten an» betrifft, so werde der polnischen Regierung aufgegeben. Maßnahmen zum Abbruch der Beziehungen zu ergreifen, die zwischen den Behörden und den eine politische Tätigkeit gegen die nationalen Minderheiten ausübenden Verbänden bestehen Diese Anordnung betreffe vor allem den Verband der schlesischen Aufständischen. Deutschland, so erklärt die R s pu b l i q u e, erlangte die offizielle Anerkennung des Minderheitenschutzabkommens von 1922, einen indirekten Tadel gegen den Wojewoden in Schlesien, eine Desavouie- rung des Zusammenwirkens der polnischen B Förden mit dem Verkmud der polnischen Insurgenten, und -berdies be­schäftige sich ja der Völkerbund noch weiterhin mit der An­gelegenheit.

Bor der Kabmettrsitzung

Bericht über Geu! Weilerberatung der Osthilfe.

Berlin, 27. Januar.

Das Reichskabinekt nimmt he^ den Bericht des Außen­ministers über Genf entgegen. In diesem Zusammenhang wird festgestetlt, daß man das Ergebnis der Genfer Verhand- langen in politischen Kreisen als einen persönlichen Erfolg des Ministers ansieht. Unter diesen Umständen werden auch die vor einigen Tagen aufgetauchten Gerüchte, daß die Stel­lung des Außenministers gefährdet sei, allgemein als über­holt beurteilt.

Im Reichstag wird voraussichtlich in der zweiten Fe­bruarwoche eine außenpolitische Debatte stattfinden, in der die Genfer Tagung zur Sprache kommt. Es ist anzunehmen, daß Dr. Curtius auch bei dieser Gelegenheit seinen Stand­punkt mit aller Energie vertreten wird.

Die Kabinettssitzung wird auch die Fragen der Osthilfe weiterbehandeln, nachdem inzwischen die Referenten der be­teiligten Stellen die Entwürfe weiter gefördert haben. In unterrichteten Kreisen rechnet man aber nicht damit, daß die Kabinettsberatungen über die Osthilfe heute schon zum Abschluß gebracht werden können.

Immerhin steht über die in Frage kommenden Mit­tel bereits fest, daß für dieses Jahr im ganzen etwa 260 Mil­lionen Mark zur Verfügung stehen, davon 50 Millionen von der Rentenbank, 25 Millionen von der Preutzenkasse. Wei­tere 50 Millionen sind im Etat vorgesehen. Dazu kom­men 100 Millionen Ablösungsscheine, die in fünf Jahren zu tilgen sind und 35 Millionen für die innere Umschuldung. Wie weit die Jndustriebelastung herangezogen werden kann, darüber sind die Verhandlungen noch im Gange.

_ Laval stößt auf Schwierigkeiten

Radikale und L MfoteötHiiiiifeet^

Paris, 27. Januar.

Die zweite Sitzung der Radikalen schloß mit dem ein stimmigen Beschluß daß die Radikalen dem Senator

Laval ihre Mitarbeit versagen und alle Fraktionsmitglieder gezwungen sind, diesen Be­schluß zu achten, was jede Stellungnahme einzelner Radi­kaler zugunsten eines Ministeriums Laval im voraus mit dem Ausschluß ahndet.

Dalimier erklärte nach der Unterredung den. Iourna- liften: Wir haben Senator Laval unser Bedauern darüber ausgedrückt, daß mir nicht mit ihm Zusammenarbeiten kön­nen, obgleich wir im Interesse einer Versöhnung der Par­teien noch über die Grenzen hinausgegangen sind, die uns die Kongreßbeschlüsse auferlegen.

Kurz darauf erschien der Abgeordnete Deligne von der Radikalen Linken im Arbeitsministerium, um Laval eine Entschließung seiner Fraktion mitzuteilen, in der Laval auf- gefordert wird, trotz des Beschlusses der Radikalen die Be­mühungen um die Bildung eines Ministeriums fortzusetzen.

Die Sozialrepublikaner sollen ihre Haltung gegenüber einem Kabinett Laval von der Haltung der Radikalen ab­hängig gemacht haben. Sie sollen gewillt sein, Laval ihre Unterstützung zu verweigern, falls die Radikalen ihm nichr die ihrige gewähren.

Nach der Ablehnung der Radikalen hat Laval um 21.30 Uhr die Abgeordneten und Senatoren zu sich gerufen, die er in sein Kabinett aufzunehmen gedenkt. Unter den ersten, die bei ihm eintrafen, befanden sich T a r d i e u und M a - g i n o t

Henderson hofft auf Entspannung

als Ergebnis der Genfer Arbeiten.

London, 27. Januar.

Außenminister Henderson erklärte hier, er sei überzeug­ter als je, daß eine erfolgreiche Abrüstungskonferenz mehr, als alles andere dazu beitragen werde, die Wohlfahrt wieder herzustellen und die politische Stabilität in Europa zu sichern. Sowohl.im Völkerbundsrat als auch bei der Tagung der 27 Außenminister, die Briands Plan zur europäischen Zusam­menarbeit erwogen, habe die englische Delegation zahlreiche Beweffe dafür erlangt, daß die Wirtschaftskrise die Mehrzahl der europäischen Länder ebenso schwer betroffen habe wie Großbritannien. Die Tatsache, daß kein vernünftiger und gut unterrichteter Mensch einen Krieg befürchte, vermindere nicht die Notwendigkeit, das Werk der Abrüstung rasch und wirksam vorwärts zu bringen. Er glaube nicht, daß die Welt den vollen Vorteil von allem, was zum Wiederaufbau Europas getan worden sei, ernten werde, bis zum mindesten das vom Vertrag von Versailles beabsichtigte Maß der Ab­rüstung herbeigeführt sei. Henderson schloß: Ich sehe die oberschlesische Regelung, die der Rat am letzten Sonnabend zustandegebracht hat, als ein Ergebnis von der größten Be­deutung und als ein bemerkenswertes Zeugnis für die zu­nehmende Macht des Völkerbundes an. Diese Regelung wird viel dazu beifragen, eine der ernstesten Ursachen der Reibun­gen in Osteuropa zu beseitigen.

In Sonderburg ist unter zahlreicher Beteiligung vor Gästen aus dem abgetretenen Gebiet und von südlich der Grenze das Schulhaus der neuen höheren deutschen Schule eingeweiht worden.