Hersfel-erTageblaü
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Hersfel-er Kreisblatt
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Nr. 20 Mes Astt)
Gonnabent, den 24. Januar 1931
81. Jahrgang
Abrüstungskonferenz ab 2. Februar 1932
Konferenzort ist Genf — Wahl des Vorsitzenden auf der Maitagung
Sutwilklung des Volkseinkommens
Der Jahrgang 1930 des Statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich bringt zum ersten Male sozusagen amtliche Uebersichten über das deutsche Volkseinkommen. Damit wird ein Fragengebiet allerwichtigster Ordnung der Sphäre der privaten Schätzung endlich enthoben. Die bisher bekannt gewesenen Ziffern wichen leider nur zu oft stark voneinander ab, sie waren auch nicht genügend aufgegliedert, als daß man sich ein wirklich klares Bild über den Wandel im sozialen Aufbau unseres Volkes hätte schaffen können.
Die Statistik bringt in verschiedenen Aufstellungen ein verhältnismäßig klares Zahlenbild.. Zunächst die absoluten Zahlen ohne Rücksicht der Kaufkraftveränderungen der Mark. Danach ist die Summe der Privateinkommen seit 1913 aus das heutige Reichsgebiet umgerechnet von 43,5 auf rund 68 bis 69 Milliarden im Jahre 1929 angestiegen. Interessant sind die in dieser Summe enthaltenen Ziffern aus den einzelnen Einkommensquellen. Während in der Landwirtschaft ein außerordentlich starkes Absinken der absoluten Ziffern von 5 bis 6 Milliarden im Jahre 1913 aus rund 3,5 Milliarden im Jahre 1929 zu verzeichnen ist. Hai sich das Einkommen aus Handel und Gewerbe von 10 bis 11 Milliarden im Jahre 1913 auf rund 13,2 Milliarden im Jahre 1929 erhöht. Das Einkommen aus Vermietungen und Verpachtungen ist um ein Geringes von 1 Milliarde auf 0,8 Milliarden gesunken. Dagegen weist das Absinkender Einkommen aus Kapitalvermögen schon einen höheren Betrag auf, nämlich von 5,9 auf 3,35 Milliarden, wobei unter Einkommen aus Kapitalvermögen zu verstehen ist das Privateinkommen aus Dividenden und Effektenzinsen, Erträge aus Anteilen an Gesellschaften m. b. H., Privathypothken-, Spar- und Depositen- zinsen. Das Einkomm-e.y ^ lichermsise ein Ansteigen auf von 0,4 Milliarden auf rund 2,65 Milliarden. Während demnach das Einkommen der selbständigen Landwirte ganz erheblich zurückgegangen ist und das Einkommen der selbständigen Unternehmer aus Handel und Gewerbe, zu denen hier auch die freien Berufe zählen, nur um ein Geringes gestiegen ist, zeigt die Statistik eine außerordentliche Steigerung des Gesamteinkommens aus Löhnen und Gehältern durch die wachsende Zahl der Arbeitnehmer aller Schichten. Ihr Einkommen betrug im Jahre 1913 noch rund 21 Milliarden, dagegen im Jahre 1929 insgesamt bereits rund 45 Milliarden.
Wesentlich wichtiger als diese absoluten Zahlen über die Höhe des deutschen Volkseinkommens, die an sich leicht Täuschungen über den realen Wert dieser Einkommen hervorrufen können, sind die Umrechnungsziffern, die vom Statistischen Reichsamt über dieKaufkraftderEinkom- m e £ aufgestellt worden sind. Das Statistische Reichsaml versucht, die Schichtung des gesamten deutschen Privatein- kommens nach den verschiedenen Einkommensquellen dadurch auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, daß es in einer Sonderübersicht die Kaufkraft von 1925, über den Lebensunterhaltsindex umgerechnet, als Grundlage wählt. Dann verändert sich das Bild außerordentlich. Danach steht, auf die Kaufkraft von 1925 umgerechnet, einer Gesamtsumme der Privateinkommen von 1925 in Höhe von 53,5 Milliarden für das Jahr 1913 ein Volkseinkommen mit der Kaufkraft von 60,8 Milliarden gegenüber. Auch in den Jahren 1926 und 1927 bleibt noch die Kaufkraft des Volkseinkommens hinter der des Jahres 1913 zurück. Erst im Jahre 1928 wird die gleiche Kaufkraft der Vorkriegszeit erreicht; sie beträgt im Jahre 1929 rund 62 Milliarden.
Die Aufgliederung der Kaufkraftziffern aus den einzelnen schon genannten Hauptquellen zeigt nun aber deutlich genug die große Umschichtung der gesamten soziologischen Struktur, die sich in Deutschland vollzogen hat. Auf der Grundlage der Umrechnung ergibt sich für die L a n d wirtschaft ein Absinken der Kaufkraft von rund acht Milliarden im.Jahre 1913 auf etwa 3,2 Milliarden im Jahre 1929 ein Absinken der Kaufkraft der Einkommen aus Handel und Gewerbe von rund 14,5 Milliarden im Jahre 1913 auf 12 Milliarden im Jahre 1929; ein Absinken der Kaufkraft der Einkommen aus Vermietungen und Verpachtungen von 1,2 auf 0,7 Milliarden; aus Kapitalvermögen von 7,5 auf rund 3 Milliarden; dagegen ein Anziehen der Kaufkraft der Einkommen aus Renten von 0,65 auf 2,4 Milliarden, der Kaufkraft der Einkommen aus Löhnen und Gehältern von rund 28,5 auf 41 Milliarden im Jahre 1929. Diese Zahlen sind ein erschütterndes Dokument für den ungeheuer gesunkenen Anteil derEin - summen aus selbständigem Erwerb gegenüber den Einkömmen aus Löhnen und Gehältern.
Diese wenigen Zahlen können dem Nachdenklichen schon • ausreichenden Stoff für weitere Betrachtungen geben Das Statistische Reichsamt hat darüber hinaus noch Aufrechnungen vorgenommen, die ein weiteres Eindringen in Spezial- fragen ermöglichen. Allgemeine Beachtung verdient vielleicht noch die Zahl, die angibt, um wieviel die Kaufkraft des Einkommens auf den Kopf der Bevölkerung im Reichsdurch- schnitt, auf die Kaufkraft von 1925 umgerechnet, gesunken ist. Dar Statistische Reichsamt gibt hier die Ve 'leichsziffern 1046 für das Jahr 1913 und 895 für das Jahr 1925 an. In PrenHn» $ ein Herolden von 1035 auf 890 zu verzeichnen.
Abrüftungslonkerenz anberaumi
Genf. 24. Januar.
Der Völkerbundsral hak in geheimer Sitzung beschlossen, daß die Abrüstungskonferenz auf den 2. Februar 1932 einberufen wird. Die Konferenz findet in Gens statt.
Der Rat hak rodlet beschlossen, daß der Präsident nicht durch die Konferenz gewählt, sondern durch den Rat be- stimmt wird. Angesichts der Schwierigkeiten, die sich in dieser Frege auf der jetzigen Tagung ergeben haben, wurde beschlossen, die Wahl auf die Maikagung des Völkerbundsrates zu verschieben. Die technische Vorbereitung der Konferenz liegt in Händen des Generalsekretariats und des Berichterstatters.
Die Abrüstungskonferenz findet im Anschluß an die Januar-Tagung des Völkerbundsrates im nächsten Jahre stakt. Diese beginnt am 25. Januar.
Lenkt Zaleski ^n?
Henderson ist optimistisch.
Genf, 24. Januar.
Die Bemühungen des Berichterstatters über die ober ichleiischen Minderheitsfragen, dem Rate einen Bericht übei die deutschen Beschwerden vorzulegen, der die Zustimmuno aller Ratsmitglieder findet, sind noch im Gange. Aus der Umgebung des britischen Außenministers Henderson ver lautet, daß dieser ziemlich optimistisch gestimmt sei, und daß er die Meinung geäußert habe, es werde wahrscheinlich mög- lich sein, sogar schon am heutigen Sonnabend den Bericht dem Rate vorzulegen. 01 sich diese optimistische Auffassung
----Wm, mn, "VvÄetbunssrrersen, daß der polnisch« Außenminister sich nachv rangen schwierigen Verhandlungev bereitgefunden habe, vor dem Rate wesentlichen deutschen Forderungen zu genügen. Er sei bereit, daß in dem Bericht eine ausdrückliche Feststellung erfolgt, daß Polen „in Einzelfällen" die Artikel 75 und 83 der Genfer Konvention ver^hi habe, und daß der Rat hierfür seine Mißbilligung ausspricht.
Weiler soll Zaleski sich bereitgefunden haben, dem Rate aus der Mai-Tagung zu berichten, was gegen die schuldigen Personen unternommen worden ist. Schließlich wolle er keine Einwendungen erheben, wenn der Rat verlange, daß die polnische Regierung die Zusage geben müsse, auf „private Organisationen“ — Zaleski betrachtet den Aufständischenver- band als solche Organisation — einzuwirken, daß sie sich solcher Handlungen, wie sie den Aufständischen zur Last gelegt werden, enthalten. — Dies soll das Ergebn? der gestrigen Tagung gewesen sein. Die Verhandlungen sind aber — wie bereits erwähnt — noch nicht abgeschlossen.
Doumergue sucht einen
Regierungschef
Kabinett republikanischer Konzentration — oder Auflösung der Kammer?
Paris, 24. Januar. '
Der Präsident der Republik, Doumergue, setzte Freitag mittag seine Besprechungen zur Lösung der Kabinettskrise, fort. Vor Sonnabend dürfte er aber kaum die Veriün-
Der große Tag in Genf.
Unser Bild zeigt Aufnahmen von der Sitzung des Völkerbundsrates, in der es zu der Diskussion Curtius-Zaleski kam. Oben von links nach rechts: Reichsaußenminister Dr. Cur- Hus, der italienische Außenminister Grandi und Frankreichs Außenminister Briand. Unten: der japanische Außenminister Yoshishava und Polens Außenminister Zaleski.
lichkeit berufen, der er die Kabinettsbildung zu übertragen gedenkt.
In den Wandelgängen des Parlaments herrscht die Erregung, die eine Ministerkrise stets im Gefolge zu haben pflegt. Es scheint, als ob man in den politischen Kreisen eine Stimmung feststellen kann, die darauf hinausläuft,
einen neuen Konzentrationsversuch
zu unternehmen. Man erklärt nämlich, daß die parlamentarische Lage einen derartigen Versuch notwendig macht; denn man müsse unverzüglich das Budget und auch den Wirtschaftsreformplan zur Verabschiedung bringen. Außerdem sei die Annahme der Kolonialanleihe ein dringendes Bedürfnis. Von Anhängern des linken Flügels der Mittelparteien wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die Betrauung Steezs ja auch keinen anderen Zweck gehabt habe, als den normalen Verlauf des Parlamentslebens sicher zu stellen. Jetzt sei durch einen unglücklichen Zufall das Kabinett gestürzt worden. Aber man habe noch nicht beweisen können, daß ernstliche grundsätzliche Hindernisse ihm nicht einen längeren Bestand garantiert hätten. Aus allen diesen Gründen sei es notwendig, daß die verschiedenen Fraktionen der Mitte ihre persönlichen Ansichten zurückstellten und sich mit den Radikalen zu einer gemeinsamen Aktion vereinigen.
Die aussichtsreichsten Parlamentarier für eine Kabinett- bildung sind z. Z. F l a n d i n, B a r t h o u und L a v a l.
Als Leon Blum nach seiner Unterredung mit dem Präsidenten der Republik das Elysee verließ, erklärte er, er habe dem" Präsidenten
die Auflösung der Kammer vorgeschlagen.
Franklin Bouillon, der im Anschluß daran empfangen wurde, erklärte, er habe dem Präsidenten den Wunsch seiner Freunde zum Ausdruck gebracht, ein Kabinett zu bilden, da» eine Politik republikanischer Versöhnung durchführl. Anz»- üchts de^gespalrerWi Kammer sei eine derartige Politik nicht
Mkegneb dieser'KamMer durchgeführt.worden. Daher müsse einem Senator die Kabinettsbildung Übertrager "^en. Der leeianetfte Mann hierfür sei Pierre Laval. (Es fällt übrigens auf, daß für diese Ansicht anscheinend eine starke Strömung vorhanden ist. D. Red.)
Am Abend sah man in politischen Kreisen allgemein B r i a n d als den geeignetsten Politiker für die Uebernahme der Kabinettsbildung an, da er infolge seiner Autorität und seiner Erfahrung die Schwierigkeiten der gegenwärtigen politischen Lage am besten meistern könnte.
Der erste Tag der Ministerkrise hat also kein Ergebnis gezeitigt, aus dem man bestimmt schließen könnte, welche Persönlichkeit der Präsident der Republik mit der Kabinettsbildung zu beauftragen gedenkt. Aber wie bereits berichtet, haben im Laufe des Nachmittags die verschiedensten Fraktionen getagt und Versuche unternommen, um entweder den Burgfrieden von 1928 wieder herzustellen, was besonders der Wunsch der Rechtsgruppen ist, oder den Weg zu einer Konzentration der Mitte vorzubereiten.
Die Bezeichnung des Nachfolgers für den gestürzten Ministerpräsidenten Steeg dürfte nicht vor heute Nachmittag zu erwarten sein.
Präsidentschaftsvorwahl in Finnland
Helsingfors, 24. Januar.
Als Vorspiel zu der am 16 Februar stattfindenden eigentlichen Wahl des neuen Staatspräsidenten für die nächsten sechs Jahre wurden 300 Wahlmänner für die Präsidentschaftswahl gewählt. Die Wahlmännermandate verteilen sich folgendermaßen auf die verschiedenen Parteien:
Konservative Sammlungspartei, Kandidat Ministerpräsident Svinhufvud, 64 Mandate; Liberal-fortschrittliche Partei: Kandidat der frühere Präsident Stahlr^g, 52 Mandate; Landbündler: Kandidat Kammerpräsident Kallio, 69 Mandate; Sozialdemokraten: Kandidat Direktor Tanner, 90 Mandate; Schwedische Volkspartei: 25 Mandate. Ueber- rascht hat der große Erfolg der Partei Stahlbergs.
Die Arbeitsmarktlage im Reich
Mit Riesenschritten zur fünften Million.
Berlin, 24. Januar.
Nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung wurden Mitte Januar aus Mitteln der Arbeitslosenversicherung rund 2 396 000, aus der Krisenfürsorge rund 739 000 Arbeitslose unterstützt. Gegenüber dem vorigen Stichtag-bedeutet das eine Zunahme um rund 230 000 bzw. rund 62 000.
Unter den am 15. Januar bei den Arbeitsämtern verfügbaren Arbeitssuchenden befanden sich — nach Abzug der noch in Stellung oder in Notstandsarbeit befindlichen Arbeiter — rund 4 765 000 Arbeitslose.
Zu ihnen gehören außer den Unterstützungsempfängern noch die von der öffentlichen Fürsorge Betreuten — Wohlfahrts- erwerbslose —, ferner zahlreiche Arbeitslose, die am Stichtage die Wartezeit für die Arbeitslosenunterstützung durch- zumachen hatten, oder die auf Grund der starken Fluktuation des Marktes sich im Uebergang zwischen verschiedenen, zum Teil kurzfristigen Beschäftigungen befanden.
Die Witterung machte im weiten Umfange die Außenarbeiten unmöglich. Dem entspricht der starke Zugang an Arbeitsuchenden aus dem Baugewerbe und aus den mit ihm zusammenhängenden Berufsgruppen und Rohstoffindustrien sowie die zunehmende Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft der Bezirke Schlesien, Brandenburg, Hessen und Sachsen.