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Durch Schuld zum Glück

RUM AN VON HARRY SCHEFF

COPYRIGHT ö Y »BRÜCKENBERG- VERLAG«, Z W l C K A U l. >*, (23. Fortsetzung.)

„Das ist starker Toback. Der eigenen Mutter willst du die Laichen erleichtern! — Na, mir kann'« recht sein. Aber das nw' ich sagen: Du bist ein gelungener Hecht!"

„Die Alte hat Geld," fuhr der Elende erregt fort „Ich weiß, daß sie Geld hat, aber suchen werden wir's müssen, denn sie gehört zu den Leuten, die in ihrer Wohnung sich Hamsternester anlegen. In der letzten Zeit habe ich sie einige« male dabei beobachtet, wie sie vor dem Herd in der Küche gelegen ist und da am Boden unter dem Holz hantiert hat. Durch die Glasscheibe der Tür, die vom Wohnzimmer zur Südje führt, habe ich es gesehen. Und leider hat mich mein verdammter Husten verraten, ich habe ihn nicht unterdrücken können. Und da hat die Alte den Kopf schnell gehoben und ich hab mich schnell zurückziehen müssen, um von ihr nicht überrascht zu werden."

„Du glaubst also, daß die Olle da ihre Pinke hat — na, da können wir ja mal een bisken revidieren. Aber wat die Hauptsache is: Wie kommen wir in die Küche rein?"

„Den Schlüssel zur Haustür hab' ich mir glücklicherweise aus die Reise mitgenommen. Ganz ohne Absicht Ich fand ihn unterwegs plötzlich in meiner Tasche. Jetzt wird er uns gute Dienste leisten."

„Ein Haussckstüssel ist schon etwas, aber nich allens, Max- chen Dürfen wir denn so mir nischt dir nischt in die Wohnung deiner Mutter rin? Wenn wir's ooch zu nachtschlaferürer Zeit unternehmen, eine Begegnung mit deiner Ollen wäre doch höchst unangenehm, denn es soll doch — ne, dat willst du dock ooch jewiß — eene trockene Sache werden "

„selbstverständlich — nur kein Blut Aber laß mich nur ausreden, dann wird dir alles klar werden Die Wohnungs- tür lassen wir rechts liegen. Durch den Hausflur — wir gehen natürlich auf den Socken, um jedes Geräusch zu vermeiden — kommen wir zu einer kleineren Tür, die in den Hof führt. Das Küchenfenster geht auf den Hof hinaus."

„Rollbalken? Holzladen oder Gitterstäbe?"

„Hölzerne Laden."

„Kinderspiel!" entschied Herr Brösicke. „Een Hund im Hause? — Nee — dann wird's sehn wie geschmiert. Und wann?"

„Heute Nacht noch," stieß der erbärmliche Sohn hervor. „Morgen müssen wir die Taschen schon wieder voll Geld haben. Bildest du dir ein, Brösicke, ich möchte das Hunde- 'eben auch nur eine Minute länger führen als unbedingt nötig? Jetzt wird es so ungefähr halb elf sein — in einer stunbe brechen wir auf."

Und mit andächtiger Feierlichkeit bestätigte der Grau- marige diesen Entschluß durch die Worte: „Mit Jott, mein Junge!"

15.

Prinz Egon konnte sich nicht erinnern, die Kleiststraße über­haupt jemals betreten zu haben, und jetzt bog er, in einen angen, pelzgefütterten Mantel gehüllt, da es scharf gegen Mitternacht ^»3-E-dts menschenleLreAZasse ein In Zivil natürlich und ohne jede Begleitung. Doch hatte er in viel- eicht ganz überflüssiger Vorsicht seinen Revolver zu sich ge= teckt Für alle Fälle, schließlich konnte er ja nicht wissen, ob nan ihn nicht in einen Hinterhalt locken wolle

Jedenfalls war Egon fest entschlossen, einer Sache auf den Brund zu gehen, welcher Vilma Hellborn die heißersehnte Rechtfertigung bringen konnte. War es denn so ganz und gar von der Hand zu weisen, daß die Glimmer, die sich ja an enem verhängnisvollen Abend im Souffleurkasten befunden )atte und mithin den blutigen Vorgang auf der Bühne aus unmittelbarer Rache mitangesehen haben konnte, genauere Eingaben über die Person des Täters zu machen in der Lage ei Egon glaubte es, weil er es glauben wollte.

Während er durch das Dunkel der Nacht dahinschritt, um- zaukelten ihn die heitersten Wachträume, rosige Bilder der Zukunft stiegen vor seinem erregt arbeitenden Geist auf.

Ja, ihm würde gingen, was den Bemühungen der Be- wrde bisher unmögkch geblieben Er würde den Mörder Satanders nach der bevorstehenden Unterredung mit der Souffleuse nennen können. Dann würde der häßliche schwarze Flor des Verdachtes, der das geliebte Mädchen noch immer n tiefste Trauer hüllte, abfallen.

Dann aber würde zwischen ihm und der Ersehnten auch )ie letzte Schranke fallen Mit goldig wärmendem Strahl würde die Liebe aus Dilmas jetzt düster umwölkter Seele auf hn fallen, in seine Arme, an feine Brust würde das geliebte Mädchen sinken und sich in keuscher, zärtlichster Hingebung Don ihm forttragen lassen in ein neues, glückbeglänztes Leben )inein.

Da zerstob das heitere Bild jäh und häßlich. Egon trat chnell zur Seite. Zwei dunkle Männergestalten waren ihm auf dem engen Straßenpflaster entgegengestürmt und der vordere von den beiden, der es besonders eilig zu haben schien, war mit solcher Wucht an Eaon angerannt, daß er den Prin­zen zwar nicht aus seinem Geleise gebracht hatte, selbst aber zur Seite flog, über den Rinnstein taumelte und sich mit aller Mühe jenseits desselben aufrecht hielt

Mit einem halblauten Fluch jagte er dann weiter. Sein Begleiter, um vieles älter als er, keuchte ihm kurzatmig nach

Die laufen, als hätten sie kein besonders gutes Gewissen, dachte Egon. Was der Mensch, der gegen mich anlief, für ein angstverzerrtes Gesicht hatte Wie die großen, dunklen Augen stierten, als hätten sie Grauenhaftes gesehen Jung war er, das bleiche, eingefallene Gesicht war von einem auf­keimenden Bart umgeben, ein von Leidenschaft durchwühl­tes Gesicht. 3$ glaube, ich werde es so bald nicht vergessen, dieses plötzlich aus dem Dunkel dicht vor mir auftauchende Haupt

i Egon setzte seinen Weg fort Es wurde ihm nicht leicht, die Nummer des Glimmerschen Hauses festzustellen Die in der Nähe brennende Laterne war von Schneenebel umlagert. Nun aber stand Egon doch vor der Haustüre Zu seinem Er­staunen fand er sie nicht verschlossen, sondern nur angelehnt. Nach einigem Zögern öffnete er und trat ein. Wahrscheinlich war die Tür für ihn unverschlossen geblieben

In- dieser Vermutung wurde er durch den Umstand be­festigt, daß der Flur, in welchem er sich befand, durch eine kleine, in einer Nische stehende Petroleumlampe erleuchtet war

Doch wohin sich wenden? Im Hause herrschte tiefe Stille Niemand kam. der dem nächtlichen Besucher hätte mitteilen können, ob er die Treppe emporsteigen oder hier im Erd- zeichosfe die Glimmer aufsuchen sollte.

Egon räusperte sich einigemale. Auch das verfing nicht Durch keinen Laut, durch feinen Schritt wurde die Todes­stille unterbrochen.

Da entschloß sich der junge Mann, ohne weiteres auf die nächste Tür loszugehen und sie zu öffnen.

Dunkelheit starrte ihm entgegen. Er stieß einen leisen Ruf hervor. Niemand antwortete ihm. Egon begann die Sache unheimlich zu werden. Schon wollte er sich auf der Schwelle des Gemaches wenden und das Haus verlassen, als ein seltener Laut an sein Ohr schlug Ein Röcheln war's. ein leises Stöhnen.

Im nächsten Augenblick zog Prinz Egon ein kleines silber­nes Etui aus der Tasche und ließ ein elektrisches Licht auf­blitzen.

Er machte eine furchtbare Entdeckung.

Eine ältere Frau — er glaubte in ihr die Glimmer zu er­kennen — lag völlig angekleidet auf dem Boden, in der un­mittelbaren Nähe einer geöffneten Tür, die zu einer Küche zu führen schien.

Egon neigte sich über die Frau, welche das rechte Auge fest geschlossen hatte, während das linke weit geöffnet war Eine unnatürliche Verzerrung der Züge, besonders das Her­abhängen des rechten Mundwinkels ließ Egon sofort ahnen, was hier geschehen.

„Nein, um ein Verbrechen handelte es sich hier nicht, aber Furchtbares mochte der Glimmer widerfahren sein, vielleicht

Sbe, da sie sich bereitgehalten hatte, ihren nächtlichen Be-

r, den sie brieflich zu sich geladen, zu erwarten. Der Schlag hatte die Souffleuse getroffen.

Selbstverständlich begriff Egon sofort, daß er die Unglück­liche nicht sich selbst überlassen durfte, ihr mußte Hilfe ge­bracht werden. War denn kein Dienstmädchen im Hause än- zutreffen, hauste die Glimmer hier ganz allein?

Die Situation war für ihn im höchsten Grade peinlich, feinem guten Rufe vielleicht sogar gefährlich.

Er begann laut zu rufen, in der Hoffnung, daß sich doch ein dienstbarer Geist melden werde. Nun fielen seine Blicke auf die Treppe, die zum Oberstock hinauf führte.

„Sollte die Dienerin der Glimmer dort oben unter dem Dache schlafen?"

Sogleich stieg er die Treppe empor. Seine Taschenlaterne beleuchtet ihm genügend den Weg. Bald stand er vor einer Tür Er klopfte energisch mehrere Male an. „He — Holla! Ist da jemand? — Ein Unglück ist im Hause geschehen, bitte wachen Sie auf!"

Ein Dehnen und Recken auf einer krachenden Bettstelle war die nächste Folge dieser Aufforderung, dann tappte, offenbar durch das hinter der Tür herrschende Dunkel, jemand durch den Raum und eine männliche Stimme fragte: „Was ist denn los? — Frau Glimmer sind Sie es?"

„Frau Glimmer liegt in ihrem Zimmer bewußtlos," ant­wortete Egon, „ich fürchte, ein Schlaganfall hat sie nieder­geworfen. Oeffnen Sie und ich will Ihnen sogleich alles er­klären, auch meine Anwesenheit, in dem mir sonst fremden Haus."

„Nur eine Minute, ich fahre nur in meine Hosen hinein." Und während der Sprechende dieses höchst notwendige Ge­schäft zu besorgen schien, fügte er selbstbewußt hinzu: „Theo- bald Schmirgel kennt keine Furcht. Und wenn der Geist meines seligen Vaters mir wie weiland dem Dänenprinzen erschiene, ich würde ihm zurufen: Steh', verklärter Geist!"

Nun wußte Prinz Egon schon, wer der Bewohner des Dachzimmers war. Theobald Schmirgel, das Faktotum Lud­wig Satanders, in dessen Hause der Prinz oft genug in an­regendem Gedankenaustausch mit dem verewigten Künstler geweilt hatte. Dabei hatte er natürlich auch das Original Schmirgel kennen gelernt. Doch wußte er auch, daß der kleine, verwachsene Komödiant ein ehrenhafter Mensch war

„So, da bin ich — nun verehrter Fremder, sagen Sie mir, woher des Wegs und was ist das für eine Unglücksbotschaft über Frau Glimmer. Was mich selbst anbetrifft — ich bin Schmirgel — kurzweg Schmirgel, das genügt. Sie aber — ab —ah — Blendwerk der Hölle — täuschen mich meine Augen oder--"

Der Kleine, der schnell die Tür geöffnet und mit einer hell- leuchtenden Lampe hinausgetreten war, erstickte alle weiteren Worte, die seinen Lippen entfliehen wollten unter einer tiefen Verbeugung

„Wir kennen uns ja, Herr Schmirgel," antwortete Egon, „deshalb bitte ich Sie, mir alle weiteren Erklärungen vor­läufig zu erlassen. Später sollen Sie wissen, was mich hier­her geführt hat. Jetzt folgen Sie mir, der Zustand der Frau da unten erscheint mir sehr bedenklich."

Bald waren die beiden Männer um die Kranke beschäftigt Schmirgel hatte die große, über den Tisch hängende Lampe angezündet. Bei ihrem hellen Schein ließ sich alles genau überblicken. Es war zweifellos, daß die Glimmer ganz plötz­lich und zwar in dem Moment, in welchem sie sich in die Küche begeben wollte, zusammen gebrochen war Sie hatte eine kleine Lampe getragen, deren Scherben jetzt neben ihr am Boden lagen. Glücklicherweise war die Flamme schnell erloschen. Die Unglückliche hatte sich nicht wieder aufzurich- ten vermocht, sie hatte, wie Schmirgel sofort feststellte, eine rechtsseitige Lähmung erlitten. Da mußte natürlich so schnell wie möglich ein Arzt herbei. Nachdem Egon und der kleine Komödiant die Leidende behutsam aufgehoben und auf den Diwan im Wohnzimmer gebettet hatten, erklärte sich Schmir­gel bereit, einen Arzt zu holen, der in einer nur wenige Minuten entfernten Nebenstraße wohnte. Egon war mit die­sem Vorschlag einverstanden und wollte inzwischen bei der Kranken, die jetzt verzweifelte Anstrengungen machte, mit lallender Stimme Worte hervorzustoßen, zurückbleiben. Aber vor allem sollte doch, meinte der Prinz, Schmirgel Wasser herbeiholen. Man müsse doch die Aermste laben!

„Sogleich — Wasser gibt es ja in der Küche." Schmirgel nahm seine Lampe vom Tisch und verlor sich in den Neben- raum

Plötzlich — es war noch keine halbe Minute vergangen, hörte Egon ihn aufschreien, dann erschien der Kleine mit ganz verstörtem Gesichtsausdruck an der Schwelle.

„Ich weiß alles — ein Einbruch hat stattgefunden, durch das Küchenfenster sind sie hineingekommen — die Glimmer muß ein verdächtiges Geräusch gehört haben — sie wollte nachsehen — als sie die Einbrecher bei der Arbeit erblickte, hat sie vor Schreck und Furcht der Schlag getroffen!"

„Vielleicht hat man die Frau mit einem stumpfen Instru­ment niedergeschlagen, doch da müßte eine Wunde zu sehen fein — Blut — sie dürften recht haben, Herr Schmirgel — Das bloße Entsetzen hat die Glimmer niedergeworfen. Und jetzt erinnere ich mich, daß zwei verdächtig aussehende Kerl« in der Kleiststraße an mir vorüberrannten. Der eine prallte dabei an mich an und kam fast zu Fall. Das Gesicht dieses Menschen hat sich meinem Gedächtnis scharf eingeprägt. Unter taufenden würde ich es herauserkennen!^

Inzwischen hatte Schmirgel für Wasser gesorgt. Er flößte es seiner Hauswirtin ein, sie schluckte mit größter Mühe. Nun lief der Kleine nach dem Doktor. Egon war mit der Lei­denden allein Er fühlte ihre Stirn, gab ihr wieder zu trinken und versuchte durch freundliche Anrede ihre Gedanken wieder halbwegs in Gang zu bringen. Und wirklich, er erzielte einen gewissen Erfolg. Es hatte den Anschein, als ob die Glimmer langsam ein wenig Licht in die Finsternis ihres Gehirns bekäme. Erinnerungen an die letzten Ereignisse stiegen in ihr auf. Und mit einer Energie, die selbst den kranken Körper dieser Frau zu außerordentlicher Anstrengung aufftachelte, stieß sie, allerdings mit schwerer, kaum beweglicher Zunge hervor: „Er — er — mein Versteck — oh — er — er!"

Das klang wie mißlungenes Schluchzen, wie das Winseln eines niedergeschlagenen Hundes. Er? — Von wem mag sie reden? — Egon fand natürlich keine Antwort auf diese Frage.

Schmirgel kam in Begleitung des Arztes, eines kleinen, graubärtigen Herrn, der über die Störung seiner Nachtruhe nicht sonderlich erfreut schien. Das erste, was er Egon, den er übrigens nicht kannte, mitteilte, war, daß Frau Glimmer nicht zu seinen angestammten Patienten gehöre. Sie halte es mit der Homöopathie, kuriere sich und andere — auf das „andere" legte der Doktor besonders grimmig Nachdruck, mit weißen Kügelchen und anderem wertlosen Zeug. Er fei so­gar schon einmal nahe daran gewesen, sie wegen Kur- vfuscherei anzuzeigen. Dabei ging er aber eifrig an die Unter­suchung der Kranken. Schmirgel assistierte ihm.

~ „Apoplexie — rechtsseitige Lähmung — im Augenblick Sprache stark behindert, Denkfähigkeit stark ausgeschaltet, aber keine momentane Gefahr!"

Dann traf er einige Anordnungen, die Schmirgel aus- zuführen versprach, und während er sich in einem herbeige­holten Becken die Hände reinigte, rief er mit schnarrender Stimme:

„Mußte ja so kommen. Wurde täglich fettleibiger, mästete sich förmlich Viel zu geringe Bewegung — werde morgen wieder nachsehen. Wie meinen? Ob die Frau noch einmal gesund werden wird? Denke, sie wird sich erholen — bis zum nächsten Anfall nämlich. — Gute Nacht, meine Herren "

Nun wurde zwischen dem Prinzen und dem ehemaligen Menschendarsteller gleich folgendes besprochen. Schmirgel sollte morgen in aller Frühe eine Pflegerin für die Kranke ins Haus nehmen Auch müsse gleichzeitig die Polizei benach- richtig! werden Sie sollte feststellen, ob die Glimmer erreich­bare Verwandte hätte und ob und wo der Sohn der Schwer­kranken telegraphisch zu verständigen sei. Auch wegen des Einbruches sollte Schmirgel der Polizei Mitteilung machen.

„Sie sagen, die Frau hat einen Sohn?" fragte Egon, „er muß natürlich sofort in Kenntnis gesetzt werden von dem Unglück, das seine Mutter betroffen. Erfuhren Sie denn nicht, wohin er gereift ist?"

„Angeblich nach dem Süden," antwortete der Kleine, „ich sagte angeblich, Hoheit, denn zu trauen und glauben ist weder der Mutter noch dem Sohne. Eine höchst verdächtige Gesell­schaft, und die Affenliebe der Alten für ihr völlig mißratenes Produkt war mir in letzter Zeit geradezu widerwärtig."

„Der Sohn der Glimmer ist mißraten?"

„Ein Müßiggänger, Hoheit, mehr als das, ein ausgemach­ter Lump — Da steht ja am Bett der Alten," sie hatten die Leidende in das Schlafzimmer getragen und auf ihr Bett niedergelegt, „da steht ja auf dem Nachttisch Mäxchens wohl­gelungenes Porträt — ein Blick auf die Visage dieses Pracht- söhnchens wird Ihnen meine Behauptung bestätigen Nicht wahr, Hoheit, ein an Echtheit nichts zu wünschen übrig lassen­des Zuhältergesicht."

Der Prinz nahm die eingerahmte Photographie. Er neigte das Haupt zurück und schaute ernst zu Schmirgel hinüber. „Hier hat sich ein erschütterndes Drama abgespielt," rief er dem Kleinen mit erregter Stimme zu. „Die Glimmer hat in dem Einbrecher ihren eigenen Sohn erkannt, das warf sie nieder Ich aber könnte beschwören, daß ich diesen Menschen" — er warf das Bild wie etwas Unreines auf den Tisch nieder — „heute Nacht in der Kleiststraße vor mir auftauchen sah. Und sein Gesicht war entstellt von einem großen Grauen "

„In diesem Falle," sagte Schmirgel überlegend, „müßte der Halunke heimlich in die Residenz zurückgekehrt sein, mög­lich ist alles. Na, ich werde der Polizei jedenfalls den Tip geben, sich für Mäxchen zu interessieren."

„Und nun sollen Sie auch erfahren, Herr Schmirgel, was mich in dieses Haus geführt hat. Es muß Ihnen doch auf­fallen, daß ich. der Neffe des Großherzogs, der keineswegs in bestem Rufe stehenden Frau Glimmer zu mitternächtiger Stunde einen Besuch abstatten wollte."

Schmirgel rief mit einer ablehnenden Handbewegung: „O, bitte sehr, Hoheit, in solchen Angelegenheiten gibt es keine Konfidenzen "

Der Prinz lachte. „Sehen Sie, Sie sind natürlich auf ganz falscher Fährte, vermuten natürlich auch, daß mich eine Wei­bergeschichte hierher geführt. Aber, lesen Sie bieten Brief, der mir gestern abend sehr geheimnisvoll zugestellt wurde "

Der kleine Komödiant hatte kaum die wenigen Zeilen über« flogen, mit denen die Souffleuse Prinz Egon zu einer Unter­redung eingeladen hatte, als er sich mit beiden Händen durch seinen roten Schöpf fuhr und erregt ausrief: „Und eines solchen Zweckes willen hätte ich mich von der Glimmer in die Hölle einladen lassen und wäre gekommen Von Ihnen. Hoheit, ist es aber eine edle und großherzige Tat, daß Sie sich überwunden haben und in diesen Sumpf hinabgestiegen sind Um der Wahrheit willen, Hoheit! Um den Mörder des großen, unvergeßlichen Ludwig Satander festzustellen'"

„Das war in der Tat mein einziges Bestreben, als ich hierher kam Doch, wie es scheint, ist jetzt jede Aussicht, eine wertvolle Enthüllung zu empfangen vernichtet Wußte die Glimmer wirklich Positives über die Verübung des Mordes anzugeben, so ist mit dem Schwinden ihrer Denkkraft alles in undurchsichtiges Dunkel hinabgeiunken " (Forts folgt.)