Hersfel-erTageblätt
Hersfelder Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelS
Nr. 14 (Srftes Blatt)Sonnabend, den 17. Januar 1931 81. Jahrgang
MyotMUMkUt die dnftxiBIgt prNtMr 15 Pfennig, w Rtflammfli 50 Pfennig. (Granöschelst Korpus). Bd Wie-eryvlnngen wlrö ein entsprechender Preis» VachlaS g«oShrt. ♦ Zür die Gchrlstleitung verant» »»mich: Kranz Kunk in Hersfeld. ♦ Kernsprecher Nr.
Monatlicher Vezugsvrrl»: durch die Post bezogen 1^a Relchs-Mark, ausschließlich BefleUgtlo, fg, Hersfeld 1.20 Relchs-Mark bei freier Zustellung, für Rdhvl« 1.00 Relchs-Mark. ♦ druck und Verlag von Ludwig Kunks Vuchdrockerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.
Das Reich muß uns doch bleiben!
Inmitten schwerster innerer und äußerer Not begeht das deutsche Volk den 60. Geburtstag der Reichseinheit, deu 18. Januar 1871
60 Jahre Deutsches Reich
Wenn wir am 18. Januar 1931 des Tages gedenken, an dem vor 60 Jahren das Deutsche Reich ins Leben trat, so tun mir das mit einem Gefühl der Trauer und doch des Stolzes, der Sorge und doch des Glaubens. Wir feiern das Fest der Gemeinsamkeit aller Deutschen überall unter dem Zeichen unseres nationalen Staates. Die Reichsgründung von 1871 — das war der Gipfel nach langem Aufstieg, das war der Weg aus dem Düstern in das Licht. Durch wieviel finstere Täler, durch wieviel Qual und Not, Zerrissenheit und Jammer mußte das deutsche Volk gehen, bevor es diese trahlende Höhe erreichte, bevor die Sonne von 1871 hinter o viel dunklen Wolken hervortrat. Die Last der Zeit drückt )eute mit aller Schwere auf unsere Herzen: Wir fühlen den unvergleichlichen Tiefstand deutschen Geschickes ganz, einen Tiefstand, fast unbegreiflich für die, die Zeitgenossen und Erben Wilhelms 1. und Bismarcks gewesen sind. Durch die Folgen des Zusammenbruchs und die innerpolitische Umwälzung von 1918, durch Jahre der Knechtschaft und der Bedrückung hindurch ist eines unverrückbar geblieben: die Tatsache von R e i ch u n d R a t i o n. Es ist für den grübelnden Verstand fast unmöglich, sich heute, da Das Deutsche Reich ohnmächtig unter dem Druck seiner Feinde daliegt, Befreiung, Rettung, Wiederaufstieg vorzustellen) aber der jede Verstandeserwägung besiegende Glaube, daß, um ein Wort Goethes zu gebrauchen, „die Deutschen ihre Bestimmung noch nicht erfüllt und noch eine große Zukunft vor sich haben", dieser heilige Glaube klammert sich immer wieder an die Tatsache, daß uns trotz allem das Reich geblieben ist und daß es nur an uns selbst liegt, es wieder mit neuem Leben zu erfüllen und Deutschland wieder den Platz im D Rate der Völker zu erobern, auf den es ein u serlierbares Recht hat
Allerdings, die Tatsache von Reich und Ration, auf die wir unsere Hoffnung und unseren Glauben aufbauen, ist schwer bedroht. Aber sie besteht, und selbst der ungeheuren Macht und der eisernen Entschlossenheit unserer Feinde wird es nicht gelingen, sie völlig aus der Welt zu schaffen. Sie ist das eigentliche Erlebnis des letzten Jahrhunderts. Da ist eine große Kette unvergeßlicher Güter: da sind die Ideale der Freiheitskriege, der Geist, der dann zur Tat wurde im Jahre 1813, der Geist des Aufstiegs und der Reichssehnsucht, der die Jahre von 1815 bis 1848 durchglühte, der 1860 wie- derkam, der 1866 und 1870 schlug und siegte. Und da ist sein Kind, das Reich von 18 71, jene Erfüllung uralter deutscher Träume, die Verwirklichung der deutschen Einheit, die uns im Gegensatz zu fast allen Ländern Europas die Vorsehung so spät geschenkt hat. Auch Bismarcks Reich hat es nicht vermocht, all die kranken Säfte zu heilen, die jahrhundertelanger Verfall und jahrhundertelange Zwietracht dem Volkskörper einverleibt hatten, aber fein Genius hat alle alten deutschen Lebensgewalten zusammengefügt und zusammengebaut zu seinem neuen Reiche, das noch die Stürme des Weltkrieges überdauert hat.
Die Ration, in der zwar ein unklarer Drang nach Einheit lebte. die sich aber in Parteikämpfen und Hader verzehrte, hat er mit gewaltiger Faust in das Reich hineingezwungen, und heute noch wirkt er, wie Friedrich der Große es einst getan, in das Gewirr der Gegenwart hinein, wegweisend, wie ein Leuchtturm sein Licht über die Wellen hin- wegstrahlt. Die Form seines Reiches ist zerschlagen, das Gleichgewicht ist zerrüttet, die äußere Macht, auf der sich das Reich aufbaute, ist dahin. Aber dieses Reich, das Bismarck uns geschenkt hat, ist nicht mehr aus der Geschichte der Deutschen, nicht mehr aus der Geschichte der Menschheit'aus- zulöschen und wegzuwischen. Können wir je die Jahrzehnte dieses großen Reiches vergessen, diese 43 Jahre bis 1914, diese 47 bis 1918? Wie sind in diesen Jahren die Glieder des deutschen Volkskörpers ineinandergewachsen, wie ungeheuer ist die Bewährung der deutschen Einheit gewesen im Weltkriege, in dem Aufschwünge von 1914, in der wilden Großartigkeit des Kampfes bis 1918! Ungeheure Leistungen, hinwegragend über alles, was die Weltgeschichte kennt! Kein Reich der Welt war an innerer Gesundheit und Kraft dem Deutschen Reiche vergleichbar. Der Zusammen- bruch vom Winter 1918 war nicht das logische Ende einer langen Krankheit und Schwächezeit wie 1648, nicht das logische Ende eines langen Niederganges, sondern der jähe Abbruch einer Zeit der Fülle und Frische und Kraft, Heroor- gerufen lediglich durch auswärtige Uebergewalt, nicht durch innerliche Verdorrung.
Freilich, täuschen wir uns nicht und wiegen wir uns nicht in falschen Hoffnungen. Wir haben uns daran gewöhnt, zu sagen, daß ein Volk von 60 Millionen nicht untergehen könne, und wir lieben es, dabei auf das Jahr 1807, den letzten und furchtbarsten Tiefpunkt des deutschen Schicksals, zu verweisen, dem dann der Aufstieg so plötzlich folgte. Nun, unsere heutige Lage weist, wenn wir sie ehrlich betrachten, weit mehr auf die Zeit nach dem Westfälischen Frieden hin als auf das Jahr 1807. Auch im Jahre 1648 stand ganz Europa gegen Deutschland, während im Jahre 1807 England und Rußland wie Oesterreich hinter Preußen standen und im Grunde die ganze Welt nur auf den geeigneten Zeitpunkt wartete, das unerträgliche Joch des französischen Volkes und des französischen Kaisers abzuschütteln. Wir haben heute kein England, kein Rußland, kein Oesterreich zu er« warten, ganz Europa starrt in Waffen gegen uns, und nur
unsicher und schüchtern scheinen sich hier und dort Möglichkeiten einer Anknüpfung zu bieten. Wirstehenallein, und je klarer uns das wird, desto besser ist es. Mit zusammengebissenen Zähnen haben wir in den Jahren der Fremdherrschaft und Schmach gelernt, daß im Leben der Völker kein anderes Gesetz als das der Macht gilt und daß für ein Volk Leben gleichbedeutend mit Mächtigsein ist. Noch kreist in unseren Adern der Gifttropfen der Unterwerfung, der Zerrissenheit und eines krankhaften Pazifismus. Aber der nationale Geist wächst, es ist kein Zweifel, von Tag zu Tag. Wir werden noch dunkle Wege zu durchwandern haben, bis uns die Stunde der Befreiung aus eigener Kraft schlägt. Aber daß sie schlagen wird, das wissen wir, und in Dieser Hoffnung und in diesem Glauben gedenken wir heute der Sonne des 18. Januar 1871!
Neue Preissenkungsaktion der Reichsregierung
Preisbindung bei Markenartikeln verordnet. ^^, Berlin, 17. Januar.
Zur Förderung des weiteren Preisabbaues hat dir Reichsregierung eine Verordnung über Preisbindungen bei Markenartikeln erlassen.
Markenartikel sind solche Waren, die entweder selbst, oder deren Umhüllung oder Ausstattung mit einem ihre Herkunft bezeichnenden Merkmal (Firma, Wort- oder Bildzeichen und Aehnlichem) versehen sind. Der Verkehr mit diesen Waren fällt aber nur dann unter die Verordnung, wenn der Lieferer dem Abnehmer sich durch Verpflichtungsschein (Reverse), durch den Inhalt seiner Geschäftsbedingungen oder auf andere Weise verpflichtet hat, die Ware nur zu einem bestimmten Preise an den Verbraucher weiter zu veräußern. Diese Preisbindungen sollen nach dem Inhalt der Verordnung dann hinfällig sein, wenn der festgesetzte Preis gegenüber dem am 1. Juni 1930 geltenden Verbraucherpreis nicht um mindestens 10 v. H. ermäßigt ist
Soweit eine solche Preissenkung bisher noch nicht erfolgt ist, werden also die an dem Verkehr mit Markenwaren beseitigten Wirtschaftskrise — Erzeuger, Großhändler und Einzelhändler — bestrebt sein müssen, sich binnen kürzester Zeit zur Vermeidung des Verlustes des Rechtsschutzes im gegenseitigen Zusammenwirken über den geforderten Preisabbau zu verständigen.
Nach Ansicht der Reichsregierung soll die Senkung des Verbraucherpreises keineswegs zu Lasten eines der beteiligten Wirtschaftsgebiete gehen, sondern durch Zusammenwirken von Erzeugern, Großhandel und Einzelhandel erreicht werden. Wenn solche Verhandlungen nicht immer leicht sein werden, so wird die Reichsregierung auf Antrag zwischen den beteiligten Wirtschaftsgruppen vermitteln, um einen billigen Interessenausgleich herbeizuführen. Das Anwendungsgebiet der Verordnung ist fachlich auf preisgebundene Markenartikel bestimmter wichtiger Warengebiete beschränkt, die ausdrücklich aufgeführt werden. Zur Abwendung erheblicher wirtschaftlicher Nachteile ist eine allerdings sehr eng gezogene Härtebestimmung ausgenommen.
Zu dieser Verordnung der Reichsregierung haben die zuständigen Ausschüsse des Reichswirtschaftsrates ein einstimmiges Gutachten abgegeben. In der Zusammenfassung der grundsätzlichen Ergebnisse ihrer Beratungen wird anerkannt, daß alle wirtschaftlich möglichen Preisherabsetzungen gefördert und unberechtigte Hemmungen ausgeräumt werden sollten, wie sie auch in Preisbindungen enthalten sein können.
Polens Antwort an Deutschland
Genf, 17. Januar.
Von der deutschen Delegation wird mitgeteilt:
Die polnische Antwort auf die deutschen Roten wegen der Wahlvorgänge in Ost-Oberschlesien wurde der deutschen Delegation vom Generalsekretär des Völkerbundes übermittelt. Die Rote enthält nichts, was nicht in der deutschen und in der Weltpresse bereits behandelt und oft zurückgewiesen worden ist
Eine Stellungnahme der deutschen Delegation in diesem Kampf um die Sicherung des Minderheitenschutzes erübrigt sich vor der Behandlung im Völkerbund.
Polen verwüsten Friedhof im Korridor
Stargard (Weichselkorridor), 17. Januar.
Auf dem evangelischen Friedhof in Frankenfels sind unglaubliche Verwüstungen angerichtet worden. Es wurden sämtliche Gedenktafeln zerschlagen, die Mauerpfeiler wurden umgebrochen, die Tore und Grabgitter gestohlen. Von sämtlichen Bäumen wurde die Rinde abgeschält, so daß die Bäume eingehen werden. Außerdem wurden einzelne Gräber beschmutzt. Es haben also wieder einmal Polen, wie schon so oft, ihr Mütchen an Gräbern von Deutschen gekühlt. Die Nachforschungen nach den Tätern waren, wie üblich, erfolglos.
Die Europa • Konferenz
Dr. Eurtius fordert Prüfung des Gesamtproblems einer europäischen Einigung.
Genf, 17. Januar
Die zweite Europa-Konferenz wurde in Anwesenheit von 27 europäischen Ministern und zahlreicher hoher Re- gierungsbeamter Freitag vormittag eröffnet. Vor Beginn der Sitzung begrüßte der französische Außenminister Briand spontan den deutschen Außenminister Eurtius. Dieser unterhielt sich längere Zeit mit dem italienischen Außenminister Grondi. In seiner Eröffnungsansprache wies Briand, der den Vorsitz führt, auf die weiter fortgeschrittene Zerrüttung der europäischen Wirtschaft hin, die den verantwortlichen Staatsmännern die Pflicht auferlege, gemeinsam nach Mitteln und Wegen zur Wiederherstellung des zerstörten Gleichgewichts in Europa zu suchen.
In der Aussprache nahm zunächst der deutsche Außenminister Dr. Eurtius das Wort, der unter Berufung auf das deutsche Memorandum darauf hinwies, daß Deutschland einen gerechten Ausgleich der Interessen auf dem Boden der völligen Gleichberechtigung erstrebe.
Deutschland leide unter der Wirtschaftskrise in besonderem Matze. ya Die Aufgabe der jetzigen Tagung- darin bestehe, einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu finden, sei zunächst die Anhörung des Vorsitzenden der Wirtschaftskonfe- renz, Collijn, notwendig.
Dr. Eurtius skizzierte dann die Aufgaben, die der jetzigen Tagung gestellt seien durch den Auftrag der Völker- bundsversammlung, das gesamte Problem einer euro- - ___ - — . -pälkben Sini^una zu prüfen- . ^ ——-^ _— Dabei sei an der Erweiterung des Büros und an der Frage der Hinzuziehung der europäischen Mitgliederstaaten nicht vorüberzugehen. Er richtete schließlich an den Vorsitzenden die Frage, in welcher Weise er diese Punkte jetzt zu behandeln gedenke.
Italien verlangt allgemeine Abrüstung
Roch deutlicher äußerte sich der italienische Außenminister Grandi, der unter Hinweis auf die italienische Antwort die Europäische Union für unmöglich bezeichnete, solange die gegenwärtige Ungleichheit im Rüsiungsskand der europäischen Staaten vorhanden sei. Es müsse unbedingt die völlige politische und juristische Gleichheit aller europäischen Staaten erreicht werden. Dies sei unmöglich, solange die Staaten der Abrüstungspflicht, wie sie im Völkerbundspakt vorgeschrieben sei, nicht genügten. Italien sei bereit, an der Lösung der Abrüstungsfrage mitzuarbeiten, da hier die einzigmögliche Lösung der Schwierigkeiten liege, unter denen Europa leide. Das sei die vrimäre Seite des Problems der europäischen Einigung. 3m übrigen erwarte er die Einladung der Türkei und Rußlands zu den Verhandlungen.
Im weiteren Verlauf der Aussprache machte der eng« lische Außenminister Henderson den Vorschlag, eine Kommission einzusetzen, welche die in der Diskussion aufgeworfenen Fragen, insbesondere das Arbeitsprogramm für die jetzige Tagung, prüfen solle. Dieser Vorschlag wurde angenommen. In der Kommission, die aus sieben Mitgliedern Der Konferenz besteht, ist auch Deutschland durch Dr. Cur- tius vertreten.
Am Nachmittag nahm die Konferenz den Bericht des Präsidenten der Wirtschaftskonferenz Colijn entgegen.
♦
Der Verlauf der ersten Sitzung der europäischen Konferenz hat den Eindruck hinterlassen, daß die Konferenz durch das Eingreifen des deutschen und des italienischen Delegierten vor die Entscheidung gestellt worden ist, zu den wichtigen Fragen, deren Ausschaltung von gewisser Seite beabsichtigt war, Stellung zu nehmen.
„Italien in Der Lust voran" vor neuen Leistungen der italienischen Luftwaffe.
Rom, 16. Januar.
Mussolini hat an den in Rio de Janeiro eingetroffenen Geschwaderführer Balbo ein Telegramm gerichtet, in dem es heißt: Ich habe mit der Zuversicht, die Du kennst, den großen Flug verfolgt. Die Augen aller Welt waren auf die Schwingen Italiens in einem Kampf gerichtet, wie er in der Geschichte des Flugwesens noch nie gewagt worden ist. Das von Dir geführte Flugzeuggeschwader ist fast oolb ständig an den überseeischen Gestaden eingetroffen. Ich ordne an, daß in einem Tagesbefehl Dir und Deinen Kameraden meine begeisterte Anerkennung ausgesprochen wird. Das italienische Flugwesen und mit ihm das Regime haben zu Beginn des neunten Jahres dank der technischen Vor- bereitung und der Tüchtigkeit einer Handvoll Männer, un- ternehmender Söhne des neuen Italiens, den Ruhm Italiens vergrößert.
Das Telegramm schließt mit der Erwartung, daß im Jahre 10 der Revolution noch größere proben des italienischen Flugwesens abgelegt werden würden.