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Hersfel-erTageblätt

Hersfelder Kreisbla«

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 0 Montag, den 12. Januar 1931 81. Jahrgang

Monatstcher Begngenteh: durch Öle Pestbyogea 1.50 Reiche-Mark, ausschließlich Vestellgeld, fflt hersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Bbbol« 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von Ludwig Kunks Vuchdruckeret in Herofeld, Mitglied der VVZV.

MWlUUWUtsr 6h ttafoaTHgt PeAtzeNr 15 y finnig, Mt RÄlamyeNr 50 Pfennig. (Grandschrist Korpus). Vel wteSeryvlungen wird ein entsprechender Preis- Vachlafi gewährt. Kür die Schriftleitung oerant- rosmlch r Kranz Zank in yersfeld. ^ Kernsprecher Nr.

Dolenbemonstration gegen Kanzlerreise

DieNotlandung" der Polenslieger eine Provokation Scharfer deutscher Protest in Warschau

4,4 Millionen Arbeitslose!

Im letzten Herbst ist der Reichsfinanzminister jenen Flaumachern" entgegengetreten, die erklärten, daß im bevorstehenden Winter in Deutschland mit 45 Millionen Arbeitslosen gerechnet werden müsse. Die letzten Angaben über den Stand der Arbeitslosigkeit zeigen leider, daß diese Katastrophenziffer tatsächlich um die Jahreswende erreich« wurde. Ein Nachlassen ist vorerst nicht zu erwarten. Dar­aus erklären sich desselben Ministers Aeußerungen in Stutt­gart über die Notwendigkeit außergewöhnlicher Maßnah­men. Voraussichtlich wird sich das Kabinett schon am Dienstag mit der Frage besassen, was zu tun ist, dringend getan werden muß. Im Reichsarbeitsministerium sollen in diesen Tagen Verhandlungen mit Vertretern der Wirt­schaftsverbände und der Gewerkschaften stattfinden gleich­falls mit dem Ziel, einen Ausweg aus dieser beängstigenden Wirtschaftsdepression zu finden. Man wird dabei auch die verschiedenen Vorschläge zu prüfen haben, die in dieser Frage von den verschiedensten Seiten gemacht wor­den sind. Die einen propagieren ein Arbeit?- dienstjahr, das den Jugendlichen etwa im Alter zwi­schen 18 und 25 Jahren zu einer einjährigen Arbeitsdienst­leistung für das Allgemeinwohl verpflichtet. Ausgangspunkt dieser Vorschläge, die ihre prägnanteste Formulierung wohl in dem Buch von Professor Schöpke (Schöpke, Arbeitsdienst­jahr statt Arbeitslosenwirrwarr) gefunden haben, ist die Er- ziehungsfrage. Erst in zweiter Linie soll durch diese Vor­schläge das Arbeitslosenproblem gelöst werden. Das Ar­beitsdienstjahr soll einen gewissen Ersatz für die M i - litärdienstzeit bieten. Es soll die jungen Leute aus allen Schichten und Ständen für eine gewisse Zeit zur ge- _me infamen AMit zusammenfassen. Der nationalen Er­ziehung wie der körperlichen Ertüchtigung soll dies Dienst- jahr dienen. Aber zwei schwere Bedenken erheben sich Wird nicht auch in dieses Zusammenleben die P o l i t i k hin­eingetragen werden? Die Wehrpflicht konnte schließlich alle zu einer gemeinsamen Arbeit zusammenfassen, und die mili­tärischen Zwecke begründeten die eiserne Disziplin, auf der das alte Heer beruhte Wird man das gleiche erreichen, wenn man die jungen Leute heute zu landwirtschaftlichen Arbeiten, morgen zu Ehausseebauten, übermorgen zu an­deren Aufgaben, die ihnen in der großen Mehrzahl fern­liegen, heranzieht? Der zweite Einwand ist der der Kosten. In einem Aufsatz imArbeitgeber" werden bei 500 000 Pflichtigen allein die Kosten für Ernährung und Bekleidung auf 350 Millionen RM. berechnet. Dazu kommen die Auf­wendungen für Geräte, für Schaffung von Unterbringung^ räumen des Erziehungspersonals usw. Produktive Arbeit werden die Pflichtigen nur in sehr bescheidenem Umfang leisten können, da die Möglichkeiten, wenn man den Er- ziehungszweck im Auge behält, sehr gering sind.

Zur Lösung des Arbeitslosenproblems bedeutet dieser Gedanke jedenfalls sehr wenig. Deshalb erhebt sich die Frage, ob nicht statt dieses schematischen Dienstjahres, dessen Aufgaben auf einem ganz anderen Gebiet liegen, zur Ueber­windung der Arbeitslosigkeit besser der zweite Vorschlag, die Arbeitsdien st Pflicht, herangezogen würde. Sie würde den Arbeitslosen verpflichten, für seine Arbeitslosen­unterstützung Arbeit zu leisten. In bescheidenem Umfang besteht eine solche Arbeitspflicht auch schon heute: im § 91 des Gesetzes über Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenver­sicherung.' Es handelt sich hier um die Frage der produkti­ven Erwerbslosenfürsorge. Nach dem Bericht der Reichs- anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung sind im Jahre 1929 im Jahresdurchschnitt rund 50 000 Per­sonen in der produktiven Erwerbslosenfürsorge beschäftigt worden. Für ihre Beschäftigung sind seitens des Reiches, der Länder und der Reichsanstalt an die öffentlichen Körper­schaften die diese Arbeiten durchgeführt haben, 185 Mil­lionen RM gezahlt worden. Darin enthalten sind 40 Mil­lionen RM, die Reich und Länder für den Landarbeiterwoh­nungsbau zur Verfügung gestellt haben. 1930 schwankte die Zahl der monatlich Beschäftigten zwischen 19102 im Fe­bruar Und 39 343 im September. Man sieht, daß, um eine im Verhältnis zur Riesenzahl der Arbeitslosen recht kleine Zahl von Arbeitslosen zu beschäftigen, ein sehr erheblicher Aufwand notwendig war. Hinzukommt, daß ein Teil der in Frage kommenden Arbeiten sich in vielen Gegenden Deutschlands, sobald starker Wintersrost einsetzt. überhaupt nicht ausführen läßt. Zudem erfordern alle diese Arbeiten ein erhebliches Kapital. . Trotz alledem muß dieser Weg be- schritten werden. Man muß sich nur darüber klar fein, daß es sich nur um einen bedingten Erfolg handeln kann.

Nun erhebt sich eine andere Frage: wenn der Staat zusätzliche Arbeit schaffen will - denn nichts anderes ist die Durchführung der Arbeitsdienstpflicht und dazu erheb­liche Geldbeträge aufwendet, ist es dann nicht richtiger, diese Aufgabe durch private Unternehmer en zu lassen, die zu ihrer Durchführung Fach- und ange­lernte Arbeiter benötigen, soweit sie sie nicht mit ungelernten Arbeitern ausführen können? Auch dadurch wud der Ur* beitsmarkt entlastet, aber gleichzeitig die Gewähr «ur pro­duktive Arbeit gegeben. Offenbar hat der Gedanie, die Ar­beitslosen möglichst produktiv zu verwenden, den Reichs- finanzminister Dietrich zu seinem Vorschlag der ^vhnhilfe geführt. Auch dieser Vorschlag ist in den verschiedensten

Formen schon gemacht worden. Jedenfalls dürfen uns all, diese Vorschläge nicht von der Erkenntnis abdrängen, da­mit der künstlichen Schaffung zusätzlicher Arbeit das Pro blem nicht zu lösen ist, sondern nur mit jener Umkehr vor der bisherigen Finanz- und Wirtschaftspolitik, mit der ba« Kabinett Brüning begonnen hat, ohne bisher in allen Phaser immer an diesem Gedanken folgerichtig festgehalten 31 haben: Gesundung der Finanzen auf dem Wege der Sem kung der Ausgaben und damit der Finanzen aus den Wege der Senkung der Ausgaben und damit verbunder Senkung der Steuern, Reform der Sozialversicherung unk damit Senkung der sozialen Ausgaben, Lohnabbau, der der Preisabbau zur Folge haben muß.

Polens Frontal-Offensive

Iltis Kampfflugzeugen.

Berlin, 11. Januar

Zu den Grenzüberfliegungen bei Oppeln durch polnische Flieger schreibt dieGermania":

Sollte es nicht mehr als ein Zufall oder ein Versehen sein, daß gerade am Tage des Kanzlerbesuches in Oppeln Drei polnische Militärflugzeuge eine Stunde lang über dieser Stadt kreuzten, die angesichts ihrer geographischen Lage und ihres Umfanges mit keiner anderen Ortschaft auf hundert Kilometer in der Runde verwechselt werden kann.

Betrachten wir getrost diesenFehlflug" als e i n e p 0 l- nische Demonstration gegen Deutschland in einem Augenblick, wo man in Polen eine Frontaloffensive gegen die deutschen Klagen und Beschwerden über die Mißhand­lung der deutschen Minderheit unternimmt. Diesmal hat uns der Zufall das corpus delicti in die Hand gespielt, unk wir werden GelegeuhsU haUr., -Poleus Piloten JUnge in Auge zu fragen, was sie eigentlich immer wieder mit ihren Maschinen über deutschem Boden zu suchen haben. Daß sie nicht als Friedenstauben kommen, ist jedem klar, der die Gesinnung polnischer Militärkreise und die Stimmung an der deutsch-polnischen Grenze kennt.

DieD. A. 3." weist darauf hin, daß wir uns Jahre hindurch die ständigen Grenzverletzungen durch polnische Mi­litärflugzeuge haben gefallen lassen. Die deutschen Beschwer­den wurden mit Dementis oder mit Ausflüchten beantwor­tet. Es bedeutet eine unerhörte P r 0 v 0 k a ti 0 n ge­genüber dem Deutschen Reiche, zum Besuch des Kanzlers in Oppeln polnische Militärflieger zu entsenden. Es bedeutet aber weiterhin eine Provokation gegenüber dem Völkerbund. Unmittelbar vor dem Zusammentritt des Völkerbundsrates Der über schwere Verletzungen des Rechtes durch Polen ent­scheiden soll, wagt dieser R u h e st ö r e r einen neuen Ueber- griff von so unentschuldbarer Dreistigkeit, daß ihm keine noch so routinierte Lügenmaschine wird umdeuten können.

Von der Reichsregierung aber verlangen wir schärfsten Protest gegen den letzten polnischen liebergriff, der dem Völ­kerbund einen neuen schlüssigen Beweis für die Berechtigung unserer Beschwerden und unserer Warnungen zu geben ge­eignet ist.

Auch derT a g" spricht von einer ungewöhnlich dreisten polnischen Provokation, die beweise, daß die Polen glaubten, sich Deutschland gegenüber so ziemlich alles herausnehmen zu können. Diese neueste Leistung der polnischen £ u s t- I p i 0 n a g e sei ein vorbedachter Akt zynischer Frechheit.

Deutscher Bratest in Warschau

Die deutsche Gesandtschaft in Warschau ist angewiesen worden, schärfsten Protest gegen die neuen Grenzverletzun­gen durch polnische Flieger einzulegen. Wie wir aus Re- gierungskreisen erfahren, ist beabsichtigt, nach Abschluß der Untersuchung weitere Schritte zu unternehmen. Die Ueber- fliegung der deutschen Ostgrenze durch polnische Flieger muß am so mehr befremden und merkwürdig erscheinen, als an den Grenzen der übrigen Anliegerstaaten Deutschlands auch nicht im entferntesten ähnlicheVerfliegungen" vorgekom- inen sind.

Pole« fühlt sich bedroht

Zaleski verteidigt den Rüstungswahnsinn. Die unange­nehme Offreife des Reichskanzlers.

Warschau, 12. Januar.

Im Auswärtigen Ausschuß des polnischen Sejms hielt Außenminister Z a l e s k i seine angekündigte Rede über die Außenpolitik Polens. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise, so sagte Zaleski, habe in den internationalen Beziehungen einen gewissen Unruhestand geschaffen, der sich in gefahrvollen Be­strebungen, äußere Erscheinungen rein wirtschaftlicher Art durch politische Veränderungen heilen zu wollen, auswirke. Die polnische Regierung habe daher beschlossen, den deutsch­polnischen Handelsvertrag dem Sejm zur Ratifizie- rung vorzulegen. Man erhoffe hierdurch, eine Normalisie­rung und Erleichterung des Warenaustausches mit dem west­lichen Nachbarn herbeizuführen.

Zaleski kam dann auf die Frage der Abrüstung zu sprechen. Die Hauptaufgabe des französischen Schrittes zur Herbeiführulig einer Verständigung der europäischen Staaten sei die Verstärkung der Sicherheit, die nach Ansicht Polens eine wesentliche Veränderung, des Rüstungszustandes

angeillyls oes wachsenden agrefjmen Nationalismus der Völ­ker n i cht z u l a s s e. Die Abrüstung bleibe von der Sicher­heit abhängig. Der Entwurf der Vorbereitenden Abrüstungs- kommission bilde für die zukünftige Konferenz die geeigneten Grundlagen.

In der Minderheitenfrage wünsche Polen den internationalen Minderheiten seines Landes volle Bewe­gungsfreiheit auf nationalem, religiösem und kulturellem Ge­biete zu sichern. Mll Entschiedenheit werde aber Polen sich allen Versuchen widersetzen, diese Frage für Nebenziele und staatsfeindliche Bestrebungen mißbrauchen zu lassen, auch an­gesichts des jüngsten Auftretens des westlichen Nachbarn, das nach Form und Mitteln eine Verschiebung dieses Problems von dem rein fachli chenGebiet auf das Feld der allgemeinen Politik zu bezwecken scheine. Polen habe Geduld oft be­wiesen. Aber man dürfe nicht vergessen daß, wenn man auf der einen Seite hetze, es schwer sei von der anderen Seite Liebe zu fordern. In Fortsetzung seiner Bemühungen zur Erleichterung der Beziehungen mit dem westlichen Nachbarn habe er dem Parlament auch den deutsch-polnischen Vertrag, der vor allem für die nationalen Minderheiten große Bedeutung besitze, zur Ratifizierung vorgelegt.

Frankreich investiert Kapital im Korridor

Warschau, 12. Januar.

Nach einer Mitteilung der halbamtlichen Agentur Preß soll der Abschluß einer französischen Anleihe mit der Firma Schneider-Greuzot & Co., im Betrage von etwa 165 Millio­nen Reichsmark zur Vollendung der sogenannten Kohlen- Magistrale von Oberschlesien nach dem polnischen Hafen G d i n g e n bevorstehen, doch ist über die finanziellen Bedin­gungen der Anleihe eine Entscheidung noch nicht gefallen. Der Bau der Bahn, die zweigleisig sein wird, soll im Dezem­ber 1932 Vollender werden. Die Verpachtung der Bahn an die französische Gesellschaft ist für einen Zeitraum von 55 Jahren vorgesehen.

Nichts Neues im Gollastowitzer Lokaltermin

Unbequeme Zeugen lehnt das polnische Gericht ab.

Gollassowitz, 12. Januar.

Der auf Beschluß des Gerichts in Verfolg des Prozesses gegen die Gollassowitzer Dauern abgehaltene Lokaltermin brächte nichts Wesentliches zutage.

In der dann fortgesetzten Gerichtsverhandlung wurden bezeichnenderweise die Zeugen, die das Treiben der aufständi­schen Horden am kritischen Tage hätten beschreiben können, als zur Aufklärung des Falles unerheblich abgelehnt. Auch ist noch keine öffentliche Anklage gegen die Aufständischen wegen Hausfriedensbruchs erhoben worden. Nach den Fest­stellungen des Sachverständigen war nur die Stichwunde am Hals Schnapkas tödlich. Sofortige ärztliche Hilfe Mte viel­leicht Rettung gebracht. Nach einem Z w i f ch e n f a l l, der sich zwischen dem Vorsitzenden und einem Zeugen wegen des religiösen Glaubensunterschiedes ereignet hatte, wurde die Verhandlung vertagt.

Die Wirtschaftskrise i« FramkreichI

Paris, 12. Januar.

Wirtschaftsminister L 0 ucheur hat, nachdem sich be­reits der letzte Ministerrat mit der Wirtschaftslage in Frank­reich beschäftigt hatte, der Presse Erklärungen übergeben, in denen er der Öffentlichkeit die Wirtschaftslage Frankreichs schildert. Die gegenwärtig in Frankreich herrschende Krise sei, so heißt es in den Auslassungen Louchers, zum größten Teile die Folge der Weltwirtschaftskrise. Besonders durch die Krisis betroffen seien die T e x t i l - und die Pariser Luxus- industrie. Im allgemeinen scheine es jedoch, daß die Lage in Frankreich viel besser sei, als in den anderen fremden Ländern, und zwar auch, wenn man die derzeitige Lage in Frankreich mit der vergleiche, wie sie in den anderen Län­dern herrschte, als diese die entsprechende Periode der Krise durchwachten. Die Handelsverträge seien angesichts des ver­steckten Dumpings, das mehrere Länder leider anwendeten, einer schweren Prüfung ausgesetzt. Deshalb müsse die Re­gierung über die Durchführung der Handelsabkommen genau wachen und in gewissen Fällen neue Handelsvertragsver­handlungen einleiten.

Die Verlängerung der Krifenfürsorge

Line Hilfsmaßnahme für die Gemeinden.

Berlin, 12. Januar.

In Anbetracht der starken Belastung der Gemeinden mit Wohlfahrtslasten hat der Reichsfinanzminister gemeinsam mit dem Reichsarbeitsminister um den Gemeinden die durch die Notverordnung verfügten Maßnahmen zu erleichtern, be­stimmt, für Arbeitslose, die am 3. November 1930, dem Zeit­punkt des Inkrafttretens der letzten Neuregelung der Krisen- fürsorge, bereits in dieser Fürsorge standen, die früheren längeren Fürsorgefristen von 39 oder 52 Wochen b i r zum 2 8. März1931 weiter gelten zu lassen.

Durch die Verschiebung der Abblaussrrsten wird den Ge­meinden ein Teil der ihnen sonst jetzt schon aufallertben Fük- sorgelasten noch abgenommen.