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HersfelöerTageblatt Hersfelder Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis hersfelü
Nr. 4 Dienstag, den 6. Januar 1931 ^^ Jahrgang
Zusammenbruch der Generalstreithetze
Starker Rückgang der Streikbetetligung an der Ruhr — Der ReichsarbeitsmInifter hat eingegriffen
Der Reichskanzler in Pommern
Lauenburg, 6. Januar.
Der Reichskanzler ist auf seiner Fahrt in die deutschen Ostgebiete Montag früh hier eingetroffen und wurde am Bahnhof vom Oberpräsidenten der Provinz Pommern, von H a l f e r n , dem Präsidenten des Landesfinanzamts Stettin, Ueberschaer, dem Kommandeur des 2. Wehrkreises, Schniewindt, und anderen Vertretern der Provinz Pommern begrüßt. Der Reichskanzler begab sich darauf in das Landratsam^ des Kreises Lauenburg, wo Oberpräsident von Halfern in einer kurzen Ansprache einen Ueberblick über die Lage der Provinz Pommern gab und anschließend Landrat Kreßmann die schwierigen Verhältnisse des Kreises Lauenburg und des pommerschen Grenzgebiets überhaupt darlegte. Die Notlage wurde durch mehrere Vorträge über einzelne Gebiete des pommerschen Wirtschaftslebens erläutert.
Der Reichskanzler erklärte in seiner Antwort, eine gewisse Verzögerung der Hilfsmaßnahmen für den Osten erkläre sich daraus, daß nach der Auflösung des Reichstags erfol gversprechende Verhandlungen mit ausländischen Kreditiv stituten bis auf weiteres abgebrochen werden mußten. Jetzt sei es nötig, auf schwierigeren Wegen der Eigenhilfe das Möglichste zu erreichen. Es werde in kürzester Zeit alles geschehen, auch diese Schwierigkeiten zu überwinden. Die Landwirtschaft lebensfähig zu erhalten, sei eine Aufgabe, die der Reichsregierung am Herzen liege; denn, die Landwirtschaft stützen, heiße, auch allen anderen Erwerbszweigen das Rückgrat stärken. Der Reichskanzler richtete in eindringlicher Weise an die Versammlung die Bitte, gegen Berichte Stellung zu nehmen, die einer Katastrophenpolitik das Wort redeten. Hier müsse der gesunde S^lbsterhalti^ ^tkieb den Bevölk-- rtrrtfl rmrtfrrrrrr1-^^^^—Mm Mölkt dedlNT^ so" starken Willens und so fester Hoffnungskraft, sich wirtschaftlich mit Unterstützung von Reich und Preußen wieder her- auszubreiten, wie die Grenzmarken.
Gegen 11.30 Uhr setzten der Reichskanzler und die übrigen Teilnehmer an der Ostlandreise mit dem Sonderzug die Fahrt nach Rummelsburg fort.
Senkung der DnngemittelsraMe«
Berlin, 6. Januar.
Zur Unterstützung der Preisfenkungsbestrebungen der Regierung wird die Deutsche Reichsbahn ab 1. 2. 1931 eine Ermäßigung der Frachten für Düngemittel zum Düngen im Deutschen Reich, soweit die Ausnahmekarife 4b, 11 und 11m in Frage kommen, eintreten lassen. Die Frachkermäßi- gung beträgt im allgemeinen acht vom Hundert.
Für Kalkdüngemittel konnte jedoch nyr eine fünfprozen- tige Frachtermäßigung zugestanden werden, da die derzeitige Frachten bereits sehr niedrig sind, so daß schon jetzt zum Teil die Selbstkosten der Eisenbahn nicht gedeckt werden können.
Die Frachtkosten werden sich für eine Tonne ermäßigen: für Stickstoff, Superphosphat und Chilesalpeter bei einer Transportlänge von 250 Kilometern um 61 Rpfg., für Thomasmehl bei 500 Kilometern um 84 Rpfg., für Kalisalze bis zu einem Höchstgehalt von 42 v. h. reinem Kali bei 250 Kilometern um 45 Rpfg., für gebrannten bei 100 Kilometern um 14 Rpfg.
Hörsings neue Parole
Reichsbanner zum Bundesgruppentag marschfertig.
Magdeburg, 6. Januar.
Der Bundesvorstand des Reichsbanners Schwarz-Rot- Gold erläßt unter der Ueberschrift „Zum Bundesgründungs- tag am 22. Februar marschfertig" einen von Hörsing unterzeichneten Aufruf, in dem es u. a. heißt:
In einigen Wochen jährt sich zum siebenten Male der Tag der Gründung unseres Bundes. Aus Besitztum, das wir während des Krieges mitverteidigten wird seit Jahr und Tag der innere Krieg gegen die deutsche Republik finanziert. Wieder, wie in den verhängnisvollen Jahren 1922/23, nähren auswärtige Mächte die inneren Konflikte Deutschlands. Kommunisten folgen den Moskauer Befehlen, Stahlhelmer und Nationalsozialisten paradieren vor Mussolini. Wir for- dern von unseren Kameraden verschärfte Aufmerksamkeit. Sie dürfen gewiß sein, daß im Falle der Rot mit ihnen gemeinsam Kameraden aus allen Gauen Deutschlands zwischen den Faschisten diesseits und jenseits der Grenze stehen werden. Alle Kraft unseres Bundes mirb aufgeboten, um in kürzester Frist dem Treiben faschistischer und kommunistischer Mordkolonnen im Reiche ein Ende zu machen.
Bis zum 22. Februar, dem Gründungstage unseres Bundes, müssen überall in Deutschland die Schutzformationen „marschfertig" dem Bundesführer gemeldet werden. An die Arbeit, Kameraden, in allen Gauen und in allen Ortsvereinen! Das Heer der deutschen Republikaner steht gerüstet und bereit für alle Aufgaben, die ihm gestellt werden.
Reichsbankpräsident Dr. Luther reist im Laufe des Dienstag nach Königsberg um sich dort dem Reichskanzler aus dessen Oftreife anzuschliehen.
Entspannung im Ruhrlansiitt
f Essen, 6. Januar.
Die am Sonntag auf der Bochumer Konferenz der RGO. (Revolutionären Gewerkschafts-Opposition) angekündigte Verschärfung des Streiks ist nach den bisher vorliegenden Meldungen allem Anschein nach nicht eingetreten. Aus dem Hamborner und Recklinghauser Bezirk wird vielmehr ein Abflauen des Streiks gemeldet. Die Meldungen über die Streiklage bei den einzelnen Zechen lassen einen
starken Rückgang der Streikbeteiligung erkennen. Am Sonnabend streikten bei der Frühschicht 11,96 Prozent der Belegschaft, Montag früh dagegen fehlten trotz der eifrigen Agitation am Sonntag nur 7,10 Prozent. Die- ses Ergebnis läßt darauf schließen, daß mit einem baldigen Erloschen der Streikbewegung gerechnet werden kann.
Nur noch 9073 Bergarbeiter im Streit
Nach den Ermittlungen des Bergbauvereins sind im gesamten Ruhrgebiet zur Frühschicht nur noch 9073 Berg- ieute nicht eingefahren gegen 15 834 in der Frühschicht am L-onnabend. Mit über 50 Prozent sind folgende Zechen am Ausstand beteiligt: „Diergardt 3" 69,9 Prozent (71,73 Prozent am Sonnabend), „Neumühl" 81,81 (75,79) Prozent, „Niederrheinische Bergwerks-A.-G." 56,57 (68,06) Prozent, „Friedrich Thyssen" 3 bis 7" 61,07 (67,22) Prozent, „Friedrich Thyssen 4 bis 8" 72,84 (84,68) Prozent, „Beeckerwerth" 56,43 (87,27) Prozent, „Westfalen" 65,90 (70,11) Prozent.
Sadotageatte
Auf dem Schacht „Wilhelm" der Zeche „Pluto" in Wanne-Eickt-i rn,»-^»» ^— ^"""‘~-„ ■
l)en Äosturz der Wagen ist die Förderung au[5etben Schächten unterbrochen, so daß die Belegschaft voraussichtlick bis zum Freitag mit der Arbeit aussetzen muß. Mit diesen Sabotageakten will man offenbar versuchen, die noch nicht am Streik beteiligte Belegschaft der Zeche „Pluto" zur Arbeitsniederlegung zu zwingen. Im übrigen hat die Polizei im Bezirk Recklinghausen im Hinblick auf die Beschlüsse der RGO. alle Vorkehrungen getroffen, um die arbeitswilligen Bergleute vor Belästigungen zu schützen. Zusammen mit der Kriminalpolizei wurde ein besonderer Streifdienst organisiert; die gesamte Polizei befand sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Schnellwagen fuhren durch die Straßen, um sofort eingreifen zu können. Diese Maßnahmen, zusammen mit dem Umzugs- und Versamm- lungsverbot des Recklinghauser Polizeipräsidenten, haben bewirkt, daß die Tätigkeit der Mitglieder der RGO. eine starke Einschränkung erfahren hat, die sich dann auch in günstigem Sinne auswirkte.
161 StreWosten verhaftet
Da das Hauptzentrum der Kommunisten das bisher wenig bestreikte Bochumer Gebiet darstellte, hat die Polizei in der Rächt zum Montag im kommunistischen Parteibüro in Bochum 101 kommunistische und Erwerbslosen-Streik- posten verhaftet und festgesetzt. Die Belegschaften der anliegenden Zechen konnten fast vollzählig einfahren.
Severing über den Ruhrkonflikt
Berlin. 6. Januar.
Gestern abend hielt der preußische Innenminister Dr. Severing im Berliner Rundfunk einen Vortrag über die Lage im Ruhrgebiet. Der Minister lehnte es ab, zu den Differenzen zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer des Ruhrbergbaues Stellung zu nehmen. Dagegen äußerte er sich in längeren Darlegungen über die Entstehung der Differenzen. Die Arbeitgeber beharrten in den Schlichtungsverhandlungen auf der Forderung eines zwolf- prozentigen Lohnabbaues, während die Gewerkschaften höchstens vier Prozent zugestehen wollten. Am 7. Januar 1931 sollen nun neue Schlichtungsverhandlungen versucht werden, nachdem die Arbeitgeber inzwischen den Belegschaften zum 15. Januar'1931 gekündigt haben, da der Lohntarif nur bis zum 31. Dezember lief. Der Redner kam sodann nach einer Schilderung des schweren Loses der Bergarbeiter auf die großen Gefahren zu sprechen, die in der radikalen politischen Agitation im Gefolge derartiger Streiks verborgen liegen. Die großen Bergarbeiterverbände lehnen zwar einen Gene- ralstreik entschieden ab. bekämpfen auch mit allen Mitteln die hier und da ausbrechenden wilden Teilstreiks, so daß von einer akuten Streikgefahr im Ruhrgebiet im Augenblick kaum die Rede sein kann, aber immerhin haben die Mitten im Ruhrrevier schon blutige Opfer gefordert und in ber pte.fe war schon davon die Rede, er. der Minister, werde sich demnächst zu Jnformationszwecken ins Ruhrgelnet begeben. Diese Nachrichten sind durchaus falsch und schaden dem Ansehen der Polizei. Wenn der Chef einer großen Polizewer- waltung sich beim Ausbruch von Unruhen erst informieren müßte, um Weisungen vorbereiten oder erteilen zu können, so würde dies bedeuten, daß es in der Organisation der Polizei nicht richtig klappt. Aber in Wirklichkeit klappt es mit unserer Polizei nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in Preußen uber= Haupt! Die Polizei ist Herr der Situation, tue Ordnung und Sicherheit ist im Ruhrgebiet nicht gefährdet!
Eins allerdings kann die Polizei nicht — sie vermag feine Kohlen zu fördern. Wer also den wirtschaftlichen Frä
sen im muyrrevier wteoer betitelten will, der muß für eine Verständigung zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer eintreten, und für den darf es kein einseitiges Diktat geben.
Im weiteren Verlauf feiner Rede ging Minister Seve- ring auf
die kommunistische Agitation
unter den Bergarbeitern des Ruhrgebietes ein und zeigte, daß es diesen Agitatoren in erster Linie darauf ankomme, den politischen Massenstreik zu provozieren. Die Radikalen hoffen, bei diesen Lohn- und Tarifkämpfen die Bergbauarbeiterschaft des Ruhrgebietes vor den Wagen ihrer politischen Ziele spannen zu können. Bis heute sind diese Versuche kläglich gescheitert, die Masse hat einen politischen Massenstreik abgelehnt, sie ist den tarifwidrigen Parolen nicht gefolgt. Alle Nachrichten melden einen sehr schwachen Besuch der von der Revolutionären Gewerkschaftsopposition einberufenen Belegschaftsversammlungen. Alle Bemühungen der Kommunisten werden an der Festigkeit der Mehrheit der Arbeiter und an der Macht der staatlichen Sicherheitsorgane scheitern.
Severing schloß mit dem Wunsche, daß Arbeiter sowohl wie Unternehmer nicht Heißspornen, sondern der Stimme der Vernunft Gehör schenken werden, denn eine Störung im Produktionsprozeß des Ruhrgebietes würde nicht nur die Bergarbeiter, sondern auch alle Gemeinden an der Ruhr treffen, die schon heute schwer zu ringen haben, um ihren Aufgaben gerecht zu werden.
Die Streiklage im Dortmunder Bezirk.
Dortmund, 6. Januar.
Im Dortmunder Bezirk ist der Streik völlig abgeflaut. Auf allen Zechen des Polizeipräsidialbezirkes ist die Mittagsschicht voll eingefahren. Zu weiteren Zwischenfällen ist es
StMmald verhandelt
Dortmund, 6. Januar.
Die unverbindlichen Parkeibesprechungen im Ruhrbergbau vor dem Schlichter Professor Dr. Brahn, denen der Reichsarbeitsminister Dr. Slegerwald beiwohnt, haben begonnen und dauern noch an. Die Besprechungen sollen im Laufe des Pages zum Abschluß gebracht werden.
Die Tagung der Ruhrstreik-Funktionäre.
In Bochum fand eine Delegiertentagung der kommunistischen Streikenden statt. Links: Blick auf die Zuhörermassen. Rechts: Ein Redner spricht. (Im Hintergrund das Bild Lenins.)
Zur Festnahme der „Erwerbslosenstaffel" in Bochum. Bochum, 6. Januar.
Vom Polizeipräsidium Bochum wird zu der Festnahme der kommunistischen Erwerbslosenstaffel berichtigend mitgeteilt, daß sich unter den Festgenommenen entgegen anders- lautenden Meldungen kein Reichstagsabgeordneter der KPD, wohl aber einige bekannte Kommunistenführer, Stadtverordnete usw. befinden. Auch ist kein erwerbstätiger Bergarbeiter unter ihnen, wie überhaupt die Zahl der erwerbslosen Bergleute unter den Festgenommenen sehr gering ist.
Auch in Amsterdam blutige Erwerbslosendemonsirationen. Amsterdam, 6. Januar.
An verschiedenen Stellen der Stadt, insbesondere auf dem Dan, dem großen vor dem Schloß liegenden öffentlichen Platz, kam es gestern zu Zusammenstößen zwischen größeren Arbeitslosentrupps, die Schilder mit aufreizenden Inschriften trugen, und der Polizei. Die Polizei mußte mit blanker Waffe gegen die Demonstranten vorgehen. Mehrere Demonstranten wurden verletzt. Einige Beteiligte wurden verhaftet.
Lohnsenkung in der Dürener Metallindustrie.
Düren i. Rhld., 6. Januar.
In dem Lohnstreit der Dürener Metallindustrie fällte * der Schlichter einen Schiedsspruch, durch den das Lohnab- fommen vom 25. Oktober 1929 ab 12. Januar wieder in Kraft tritt. Die darin angeführten Löhne werden um sechs Prozent gekürzt. Das Abkommen läuft unkündbar bis zum 31. Juli 1931. Die Erklärungsfrist der Parteien bis zum 10. Januar.