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HersfelöerTageblatt Reisfelder Kreisblatt Amtlicher MnIeiger für öen kreis Reisfeld

Nr. 3 Montag, den 5. Januar 1931 81. Jahrgang

Monatlicher Vezogsprel»: durch Sie Post bezogen 1^)0 Reichs-Nark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, ffie Abholer 1.00 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des vVZV.

Ruhrkonflikt erheblich verschärft

Schwere Ausschreitungen gegen Arbeitswillige Wieder ein Totesopser, mehrere Verletzte

Bor der Genker Ratstagung

England befürchtet eineAtmosphäre der Gereiztheit-

London, 5. Januar.

In der englischen Presse beschäftigt man sich jetzt ein­gehender mit der bevorstehenden Ratstagung. Man erwar­tet ziemlich allgemein eine sehr bewegte Tagung. Die Times z. B. meint, daß Hendersons Befähigung zum Vorsitzenden vielleicht auf eine schwere Probe gestellt werden würde, wenn, wie in einigen Kreisen gefürchtet werde, die Haltung der deutschen Delegation das Ergebnis der Reichstagswahlen von 1930 widerspiegele. Zwei Fragen der Tagesordnung eien von allgemeiner Wichtigkeit für Europa, und es könne eicht geschehen, daß ihre Erörterung sich in einer Atmo- phäre der Gereiztheit vollziehen werde. Eine dieser Fragen ei die der deutschen Minderheit in Oberschlesien. Die Be- chwerden dieser Minderheit seien Gegenstand von Gesuchen und Aufrufen einiger ihrer Mitglieder und einer Note der Reichsregierung an den Generalsekretär des Völkerbundes gewesen. Die Lage sei weiter kompliziert worden durch Rei­bungen zwischen der polnischen Regierung und dem Vertre­ter des Völkerbundes in Schlesien, Calonder. Eine andere Minderheit in Polen, die wirkliche Beschwerden habe und von antipolrüschen Einflüssen ermutigt wurde, diese Be­schwerden so stark wie möglich an Anbeuten, sei die ukrainische Minderheit Ein Gesuch einiger ihrer par- iamentarischen Vertreter sei dem Sekretariat vorgelegt und fürannehmbar" erklärt worden. Die polnische Regierung fürfte zur Antwort an ihre Kritiker bereit sein, und diese Antwort könnte vielleicht die Form einer Gegenoffisive an- nehmen.

Eine andere Frage von allgemeiner Wichtigkeit werde Den Völkerbundsrat beschäftigen, wenn die Vorbereitende Abrüstungskommission ihm ihren am 9. Dezember fertig- MMep.en^ .,^tf^ werde ein Datum für die Konferenz festsetzen, einen Präsi­denten und einen Vizepräsidenten zu ernennen haben.

In dieser Frage bestehe die Möglichkeit, daß der Erfolg der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen die deutsche Delegation dazu veranlasse, aus die Einberufung der Ab­rüstungskonferenz zu einem früheren Zeitpunkt zu dringen, als anderen interessierten Mächten wünschenswert erscheinen dürfte.

Deutschland im Zerrlviegel Amerikas

Grobe Entstellungen derWashington Post-

Washington, 4. Januar.

Die konservativeWashington Post" bringt einen Leit­artikel unter der sarkastisch gemeinten Ueberschrift Deutschlands Martyrium". In diesem Artikel heißt es: Deutschland sei wie ein Mann, der ein schlechtes Geschäft gemacht habe und nun aller Welt sein Leid klagen möchte Man jammere über die schwere Last der internatio­nalen Verpflichtungen und behaupte, eine Revision des Doung-Plans verlangen zu müssen.

Deutschlands Ausfuhr dürfte fürs vergangene Jahr etwa 1150 Millionen Mark mehr betragen haben als die Einfuhr. Das genüge zur Erfüllung der Reparationsverpflichtungen und lasse noch 300 Millionen Mark Profit aus dem Außen­handel, ganz abgesehen von den Erträgnissen der Schiffahrt, des Fremdenverkehrs und der Zinsen aus den Kapitalan­lagen im Ausland. Unter diesen Umständen klinge der Schrei nach einem Moratorium hohl und unaufrichtig. Deutsch­land gefalle sich offenbar in der Rolle des Märtyrers, und wenn die deutsche Regierung dieses Geschrei auch nicht mit- mache, so tue sie doch nichts, um dieser falschen Propaganda entgegenzutreten. Die einzige Erklärung sei offenbar, daß die Regierung sich nur am Ruder Hallen könne, wenn sie die Märtyrer-Propaganda milmache.

Die Ausführungen des Blattes müssen in Deutschland berechtigtes Befremden auslösen. Es ist nicht verständlich, wie ein auf Beachtung Anspruch erhebendes Blatt sich so schlecht über die tatsächliche Lage Deutschlands informiert um so mehr, als die schwere wirtschaftliche Rot schlands in den zahlreichen Vortrügen und Darlegun­gen einer so informierten Persönlichkeit wie der des frühe­ren Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht der amerikanischen Oeffentlichkeit ausführlich dargelegt wurde. Die Un- achlickkeit der Auslassungen des Washingtoner Blattes letzt schon daraus hervor, daß behauptet wird, der Aus­uhrüberschuß von 1150 Millionen RM genüge zur Er- üllung unserer R arationsverpflichtungen und lasse uns noch 300 Millionen RM Profit aus unserem Außenhandel. Bekantlich betragen unsere Reparationsverpflichtungen nicht 800, sondern rund '800 Millionen RM, wozu noch rund 1200 Millione RM an Zinsendienst für private Aus­landsverschuldungen mzukommen. Ueberdies Pnd in dem Ausfuhrüberschuß ü 600 Millionen RM für Reparations- sachlieferungen enth m, die bekanntlich keine Devisen als Gegenwert bringen, sondern mit Reichsmark aus der Re- parationsannuität bezahlt werden.

Vor verschärften Streikversuchen? Verlängerung des Demonstrationsverbotes im Ruhrgebiet.

Wieder ein Todesopfer.

Essen, 5. Januar.

Die Streiklage im Ruhrbergbau war am Sonnabend nachmittag fast unverändert. Ausständig waren im ganzen 13,9 Prozent der Belegschaft.

Auf der Schachtanlage Rhein-Preußen wurde ein Bahn­wärter, der das Zechenlor schließen wollte, von streiken­den Arbeitern erschossen.

Die Art der Verletzung faustgroßes Loch in der Brust läßt annehmen, daß ein Dum-Dum-Geschoß verwen­det worden ist. Die Polizei machte sofort von der Waffe Gebrauch und säuberte die anliegenden Straßen der Zeche. Auf Schacht Friedrich T h y s s e n LV/VIII fanden große Ansammlungen während der Seilfahrt vor dem Zechentor statt, die sich beim Herannahen der Polizei auflösten. In M e i d e r i aj wurde ein Steiger von den Streikenden ver­prügelt. Auf der Zeche Schlägel und Eisen III/IV wurden die zuletzt von der Zeche kommenden Bergleute von 300 Streikenden der Zeche W e st e r h o l t zurückgehalten. Auf der Zeche G r a s M o l t k e III/IV ist die Belegschaft von etwa 100 Streikenden, die unter der Führung von drei Kommunisten in das Zechengebäude eingedrungen waren, an der Einfahrt behindert worden. «Polizei stellte die Ord­nung wieder her und verhaftete die Anführer. Auf der Zeche Rhein-Preußen kam es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Streikenden. Die Polizei griff ener­gisch ein und hat die Umgebung der Schachkanlage von Strei­kenden gesäubert.,

Da mit dem 4. Januar in einer Anzahl von Polizeibe­zirken das Verbot öffentlicher Kundgebungen abläust, be­rieten die Polizeipräsidenten im Rhein-Ruhrbezirk auf einer Tagung in Köln über die Verlängerung des Demonitra-

Aus Bochum wird gemeldet, daß man dort in den nächsten Tagen verschärfte Versuche der Kommunisten er­wartet, eine Arbeitsniederlegung auf den Zechen zu erzwin­gen. Der Polizeipräkident hat für den gesamten Bereich Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel ver­boten.

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Feuerüberfall auf Arbeitswillige

Ein Toter, drei Verletzte.

Dortmund 5. Januar.

In dem Vorort Mengede erfolgte am Sonnabend abend bei der Einfahrt der Nachtschicht ein schwerer Zu­sammenstoß. Als sich die Arbeitswilligen zur ZecheHanse­mann" begaben, wurden sie aus dem Hinterhalt zwischen Koloniehäusern durch Kommunisten überfallen und beschos­sen. Von zwei Söhnen, die ihren 60jährigen Vater als Schutz zur Zeche begleiteten, wurde einer durch einen Pisto­lenschuß getötet; der andere erlitt eine schwere Schußver- letzung. Außerdem wurden noch zwei andere Arbeitswillige verletzt, so daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten.

Nach diesem Feuerüberfall ergriffen die Angreifer die Flucht, jedoch konnten zwei Streikende die Schüsse abge­geben hatten festgestellt und einer bereits verhaftet wer­den. Im übrigen Teil des Dortmunder Bezirks ist der Sonn­abend ziemlich ruhig verlaufen. Am Sonntag wurden nur Reparaturschichten eingefahren.

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Rückwirkung auf den oberschlesischen Bergbau

Gleiwitz, 5. Januar.

Die Lohnverhandlungen im oberschlesischen Bergbau, die Ende vorigen Jahres auf heute vertagt worden waren, sind mit Rücksicht auf die Vorgänge im Ruhrgebiet abermals verschoben worden. Sie sollen nunmehr am Sonn­abend, dem 10. Januar, slattfinden.

Kommt es zum Generalstreik?

Bochum, 5. Januar.

Auf der von der revolutionären Gewerkschaftsopposition anberaumten Schachtdelegiertenkonferenz hielt das Haupt­referat das Mitglied der RGO., Söfkow, Esten. Offen er­klärte er, daß der Kampf um die Vernichtung der Gewerk­schaftsbewegung, um die Errichtung eines neuen großen Ein- Heitsverbandes der Bergarbeiter und um die Verwirklichung der politischen Ziele der Kommunistischen Partei und der Roten Internationale gehe. Der Bezirksleiter der Kommu­nistischen Partei für den Ruhrbezirk, Reichstagsabgeovdneter Florin, überbrachte die Grüße der Kommunistischen Partei­leitung, welche die Bewegung unterstützen werde.

Aus den Ausführungen Söfkows ging hervor, daß man heute auf allen Schachtanlagen des Ruhrgebietes mit ver­stärkten Maßnahmen eingreifen werde, um die Streikbewe­gung auf das ganze Ruhrgebiet auszudehnen. Sollte die Po» lizei zum Schutze der Arbeitswilligen die Zechentore besetzen, so würde man den Kampf in die Zechenkl^lonien hinemtra- gen und die Wege zu den Schächten mit Streikschutztruppen besetzen. In den nächsten Tagen werde man versuchen, die Anhänger der verschiedenen Verkehrsoerbände, so die Straßenbahner, Schiffer, Aasen». Eisenbahn- und Gemeinde­

arbeiter und Metallarbeiter mit in die Streikbewegung hin- einzuziehen, um es zu einem

Generalstreik im Ruhrrevier

zu treiben. Weiter wurde von dem Redner erklärt, daß das Endziel des Kampfes die Errichtung eines Sowjetdeutsch- lands fei. Ein besonderer Gruß wurde an das Zentralko­mitee der Kommunistischen Partei und an denFührer des Weltproletariats", Stalin gerichtet. Die Tagung wurde mit dem RufeHeil Moskau" und dem Absingen der kommuni­stischen Internationale geschlossen.

Der Reichsarbeitsminister im Sirerkgebiet

Berlin, 5. Januar.

An den zuständigen Stellen fander^eine Reihe von Be­sprechungen über die Lage im Ruhrgeck^t statt. Reichsar- beitsminister Dr. S t e g e r w a l d hat nach Rücksprache mit dem Reichskanzler sich entschlossen, am Montag morgen nach Dortmund zu fahren, um die Situation an Ort und Stelle anzusehen. Die Reise steht übrigens nicht im Zusammenhang mit den Nachrichten über die Teilstreiks und die Ausschrei­tungen der Radikalen. Diese werden vielmehr in Berlin ziemlich ruhig beurteilt, zumal auch der Verlauf der Konferen­zen der Verbände gezeigt habe, daß die Mehrheit der Arbei­terschaft durchaus besonnen ist. An zuständiger Stelle hat man das radikale Vorgehen der Kommunisten auch erwartet, da es klar war, daß sie die Schlappe, die sie im Berliner Me­tallkonflikt erlitten haben, durch verstärkte Agitation wieder wett zu machen versuchen würden.

Die Reise des Reichsarbeitsministers gilt dem Ziel, die Mittwoch-Verhandlungen des Schlichters mit den beiden Parteien vorzubereiten.

Die Krise im englischen Kohlenbergbau

VerWÜllmt^^ÜaeDomüdL. -

London, 5. Januar.

Aus der Bergbaukonferenz haben die Bergarbeiter die Vorschläge der Arbeitgeber zur Beilegung des Konflikts end­gültig abgelehnt. Die Konferenz wurde hierauf abgebrochen.

Nach dem Abbruch der Verhandlungen erklärte der Schriftführer des Bergarbeiterverbandes, C o o k, der Ver­band bemühe sich, eine sofortige Unterredung mit Mac- Donald herbeizuführen. Er hoffe, daß sie heute zustande kommen werde.

Dr. Brünings Ruf an Oberschlesien

Gleiwitz, 5. Januar.

Zu dem bevorstehenden Besuch des Reichskanzlers Dr. B r ü n i n g in Oberschlesien veröffentlicht das oberschlesische Zentrumsorgan, derOberschlesische Volkswille" einen Gruß des Kanzlers an Oberschlesien in dem es wie folgt heißt:

Unsere ganze deuffche Vergangenheit lehrt uns daß un­sere nationale Kraft in der Einigkeit steckt. Nur im starken Zusammenhalten können wir aller Gefahren Herr werden, die uns von innen und außen drohen. Für einander ein­stehen ist deshalb auch der Leitgedanke, von dem' aus die Reichsregierung sich entschlossen hat, mit erhöhten Kräften für den gefährdeten Osten einmtreten. Ein starker wirtschaft­lich und kulturell gesicherter Osten ist zugleich ein sicheres Bollwerk für das übrige Deuffchland. Die Grundlage hier­für ist in dem Osthilfegesetz gelegt worden. Die dort gegebe­nen Möglichkeiten zu prüfen und auf ihnen weiter aufzu- bauen, ist der Zweck der jetzigen Reise nach dem Osten Deutschlands. Sie soll mich mit allen Bevölkerungskreisen zusammenführen, um in engster Fühlungnahme mit ihnen und ihren berufenen Vertretern die Mittel und Wege durch- zuberaten, die geeignet sind, den Osten zu stärken und zu fördern und seinen Einwohnern eine friedliche und gesicherte Zukunft zu bereiten.

Nach Oberschlesien führt mich der Besuch zu einem Zeit­punkt, der als die zehnjährige Wiederkehr des Abstimmungs- tages ein Denkmal ist für treue deutsche Gesinnung und ihre Stärke und Widerstanoskraft gerade in schwerster Zeit. Die zehn Jahre, die seit der Volksabstimmung verstrichen sind, haben mit der allgemeinen auf Deuffchland liegenden Not auch für Oberschlesien keine Erleichterung, sondern sogar noch weitere Belastungen gebracht. Mit Stolz blickt deshalb das deutsche Volk auf diesen Landesteil, der sich trotz seiner Zer­stückelung und feiner wirtschaftlichen Bedrängnisse den un­gebeugten Lebenswillen bewahrt hat. Mit dazu beizutragen, diesen Lebenswillen zu stärken und ihn vertrauensvoll auf die Zukunft zu richten, gilt mir als besonders wichtige Aufgabe.

Die Erde hebt auf dem Peloponnes

Häuser und eine Kirche eingestürzt.

Athen, 5. Januar.

E i n st a r k e r, sieben Sekunden dauernder E r d st o ß, der von derselben Stelle ausging, an dem sich der Herd des Erdbebens von 1858 im Peloponnes befand, . richtete in Korinth gewaltigen Schaden an. Die von Alt- Korinth übriggebliebenen Häuser stürzten ein. Die Ein­wohner wurden von einer Panik ergriffen und flüchteten ins Freie. 3tn Dorfe Kalamata stürzten die Kirche und zehn Häuser ein. Ferner entstand durch einen Erdsturz Schaden am Jsthunus von Korinth.

Auch in Tripolis, Sparta und Kalamata wurde das Erdbeben wahrgenommen. "