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hersfelöerTageblatt hersfelüer Kreisblatt Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 296 Donnerstag, den 18. Dezember1930 80. Jahrgang

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Monatlicher Vezagsprrls: durch die Post bwogt» 1J0 Reichs-Mark, ausschließlich VestellaelL, Lr herssrid 1.20 Reichs-Mark bet freier Zustellung, für Abholer 1.00 Velchs-Mark. druck und Verlag von Luvwig Zanks Buchöruckerei in Hersfeld, Mitglied der vdM.

Die Folterkammer von Brest Litowsk

Pilsudskis Gegner mußten furchtbare Martern im Gefängnis erdulden

,OÄerschießen eine uralte preußische Kolonie sagte Marschall Pilsudski!

Kattowitz, 18. Dezember.

Im April d. I. hatte in einer Versammlung der Katto- witzer Korfanty-Partei der frühere Eisenbahnbeamte Fühl enlärt, daß Pilsudski es sich nicht habe träumen lassen, daß OLerschlesien jemals zu Polen kommen würde. Als im Jahre 1919 eine polnifch-oberschlesifche Delegation von Pil­sudski eine finanzielle Beihilfe für die Bestrebungen zur Los- lösung Oberschlesiens erbat, habe Pilsudski erklärt:Also Euch gelüstet es nach Polen? Aber

Öbeeschlefien ist eine uralte preußische Kolonie." Infolge dieser Mitteilung war Fühl wegen Verbreitung fal­scher Tatsachen in erster Instanz zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. In der Berufungsverhandlung vor dem Burggericht gelang es ihm aber, den Wahrheitsbeweis für seine Schr-Aplungen zu erbringen. Der Sejmabgeordnete Sosinski, wie auch der polnische Musikdirektor Lewandowski erklärten unter Eid, daß Pilsudski tatsächlich diese Aeußerung getan habe. Das Gericht sprach nach kurzer Beratung den Dngeklaqlen Fühl frei, da ihm der Wahrheitsbeweis geglückt

In der Beweisaufnahme kamen einige sehr interessante Einzelheiten über den Empfang der schlesischen Delegation durch Pilsudski zutage. So beklagte sich Musikdirektor Seman= dowski darüber, daß Pilsudski die Delegation sehr gerina- schüßig behandelt habe. Der Marschall habe auf dem Sofa filzten als er die Delegation empfing und während der Un- ksredsrrg zuweilen Billard gespielt.

PslLN Verhaftet LKndtagsabgeordneten

Königshütle, 18. Dezember.

Der kommunistische Abgeordnete im Preußischen Land- ^Gaz, -inoorpy-T-u ni ei, wuro« hie«. u-Lgen angeblicher tom- munistischer Umtriebe und kommunistischer Propaganda in­nerhalb der Belegschaft der Königshütte verhaftet.

100. Todestag Simon Bolinars

Gründung einer Boiwar-Humboldt-Stiftung in Berlin.

Berlin, 18. Dezember.

Zur Erinnerung an den 100jährigen Todestag des Be­freiers Simon B o l i v a r wurde eine Feier abgehalten, zu der der Gesandte der Vereinigten Staaten von Venezuela, und die Gesandten der Republiken Kolumbien, Equador, Peru, Bolivien und der Geschäftsträger der Republik Pa­nama geladen hatten. Unter der Führung des Nuntius Orsenigo hatte sich das gesamte Diplomatische Korps einge­funden. Deutscherseits waren in Vertretung des Staats­präsidenten Staatssekretär Dr. Meißner, Reichskanzler Dr. B r ü n i n g, Reichstagspräfident Löbe, Reichsaußenminister Curtius sowie zahlreiche Vertreter der Reichs-, Staats- und städtischen Behörden, der Reichswehr, der Reichsmarine, der Wirtschaft, Industrie und des Handels, der Wissenschaft, der Kunst und der Presse erschienen.

Der Gesandte der Vereinigten Staaten von Venezuela, Minister Dr. Eduardo I. Dagnino Penny zeichnete ein Bild des grasten Menschen Bolivar, dessen Ruhmder ganzen Welt gehört".

Reichsaußenminister Dr. Curtius nahm dann das Wort zu längeren Ausführungen, in denen er die Gesandten der ibsro-amerikanischen Länder Deutschlands tiefe und aufrich­tige Freundschaft versichert, die es mit ihren Ländern, ihrer Geschichte und ihren Geschicken verbindet.

Nach Dr. Curtius entwarf Staatsminister a. D. Dr. Boslitz ein Bild der Persönlichkeit Simon Bolivars. Zum Schluß gab Dr. Boelitz die Gründung einer Bolwar-hum- boldl-Süflung bekannt, deren Aufgabe darin bestehen soll, die kulturellen und freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den bolivarianischen Ländern zu pflegen. Als erster Beitrag sind der Stiftung 10 000 Doller überreif sen worden.

Schweres Eisenbahnunglück in Spanien

I Leon, 18. Dezember.

> Unweit des Bahnhofes von § ankibanez ist ein per- I onWtg mit einem Gütemug zusammengestoßen; mehrere Wagen wurden ineinanderglschoben. Soweit bis jetzt festge- peitt wurde, sind

zehn Personen getötet und 18 verletzt würden, davon sechs schwer. Man befürchtet, daß noch weitere Lote unter den Trümmern liegen.

RegierUNgsstUrz in Guatemala?

New Park, 18. Dezember.

Nach Privalmeldungen aus Guatemala soll dort eine provisorische Regierung gebildet worden sein, als deren Präsident Manuel 0 rellana ausersehen ist.

Der frühere Kriegsminister soll bei dem Umsturz ums Leben gekommen sein. Gegenwärtig herrscht völlige Ruhe. , Der Washingtoner Gesandte von Guatemala, Dr. Re- cinos, erhielt aus Guatemala die Nachricht, die Regierung des Präsidenten Palma, der an Stelle des schwerkranken Präsidenten Chacon die Präsidentenschaft führte, sei gestürzt worden.

Politische ZusammenMe

Bonn, 18. Dezember.

In einer Versammlung des Alldeutschen Verbandes sprachen in der für Nationalsozialisten auf Grund des Ver­botes der Stadtverwaltung unzugänglichen Beethovenhalle u. a. vier Nationalsozialisten über die politische Lage und die Vorgänge in Bonn. Dank der umfangreichen Sicherheits­maßnahmen der Polizei nahm die Versammlung einen ruhi­gen Verlauf. Zu den ersten Morgenstunden kam es jedoch in der Altstadt zu Zusammenstößen und Schießereien. Ein Trupp Nationalsozialisten wurde von politischen Gegnern beschossen, hierbei erhielt ein Nationalsozialist einen Leber­schuß, ein zweiter einen leichten Armschuß. 3n demselben Viertel wurden zwei Studenten von drei Männern über­fallen, wobei ein Student einen Stich in den Unterleib er­hielt.

Httleroortrog in Magdehurg verboten

Folge der Kampfansage des Reichsbanners.

Magdeburg, 18. Dezember.

Die Ankündigung einer großen nationalsozialistischen Kundgebung mit Adolf Hitler als Hauptredner für den 18. Dezember hatte die Reichsbannerleitung veranlaßt, anzu- drohen, daß das Reichsbanner das Auftreten Adolf Hitlers in Magdeburg unmöglich machen werde, wenn kein Dis­kussionsredner des Reichsbanners zugelassen werde. Sowohl gegen die vorgesehene Hitler-Versammlung Gegendemonstra­tionen vorgesehen, die erwarten ließen, daß es zu ernsten Zusammenstößen zwischen den feindlichen Lagern kommen würde.

Daraufhin hat der Polizeipräsident von Magdeburg sämtliche Kundgebungen und Gegenkundgebungen verboten, und zwar sowohl solche unter freiem Himmel als auch in ge- schlossenen Räumen. Weiter sind zur Sicherung des öffent­lichen IxisL-W alle ;ä ^d WMÄuagW unter freiem Himmel vom 18. Dezember ab bis zum 5. Januar nächsten Jahres grundsätzlich untersagt worden.

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Polizeipräsident Bärensprung begründet das Verbot.

In der Begründung des Verbotes sämtlicher politischen Veranstaltungen ab 18. Dezember weist der Polizeipräsident von Magdeburg, Dr. B ä r e n s p r u n g , auf eine vor eini­gen Tagen abgehaltene Konferenz hin, zu der er die Vertreter der Nationalsozialisten, des Reichsbanners und der Kommu­nisten geladen hatte. Die Kommunisten waren nicht erschie­nen. Der Versuch, mit den Nationalsozialisten und Reichs­bannervertretern Mittel und Wege zu besprechen, auf welche Weise der friedliche Verlauf dieser Veranstaltungen gewähr­leistet werden könne, habe zu keinem Ergebnis geführt. Der behördliche Vorschlag, die Veranstaltungen örtlich und zeitlich zu trennen, wurde abgelehnt.. Aus der Haltung der Führer war zu entnehmen, daß diese ihre Gefolgschaft nicht fest in der Hand haben, daß sogar mit der Möglichkeit zu rechnen ist, daß sie teilweise nicht einmal den Versuch zu unterneh­men beabsichtigten, beruhigend auf ihre Leute zu wirken. Nationalsozialisten, Mitglieder des Reichsbanners und der Kommunisten wollten also zu gleicher Zeit auf einem engen Raum demonstrieren, nachdem lange vorher in der Presse und in den Versammlungen zu gegenseitigen Terrorakten aufgerufen war und die Ereignisse der letzten Zeit bewiesen haben, daß Ausschreitungen an der Tagesordnung sind.

Geschwaderflug nach Brasilien.

Unter Führung des italienischen Luftfahrtministers, General Jtalo Valbo, sind zwölf Flugzeuge geschlossen zu einer Staf­fel vom Orbetello-See an der westlichen Küste Italiens- ge­startet, um in Etappen nach Brasilien zu fliegen. Unser Bild zeigt den Start.

Unterhaus für die Regierung

London, 18. Dezember.

Das Unterhaus hat den von der Regierung vorgelegten Antrag, die vom Oberhaus beschlossene Verlängerung der Farbstoffakte um zwölf Monate abzulehnen, angenommen. Die Liberalen stimmten für den Regiemngsaalrag.

Brest-LitSMsl...!

Wie Pilsudskis Gegner mürbe gemacht wurden.

Warschau, 18. Dezember.

Im Sejm, der sich bis Mitte Januar vertagt hat, wurde in der Schlußsitzung von den Abgeordneten der zentrolinken Partei eine Interpellation eingebracht, in der die furchtbare Behandlung der im Militärgefängnis von Brest-Litowsk eingekerkerten oppositionellen Politiker geschildert wird. Die Interpellation betont, daß die oppositionellen Führer ohne Gerichtsbefehl auf Grund einer schriftlichen Verfügung des Innenministers, General Skladkowski, verhaftet worden sind.

Der sozialistische Führer Dr. Liebermann wurde auf dem Wege nach Brest bei Siebke von ihn begleitenden Polizisten und Gendarmen so lange geschlagen, bis er das Bewußtsein verlor.

Etwas später blieb das Auto in einem Walde stehen, und Liebermann wurde mit Kolbenstößen aus dem Wagen in den Wald getrieben. Im Walde schlug ihn ein Polizeikom- missar zweimal ins Gesicht, so daß er zu Boden stürzte.

Liebermann wurde entkleidet und nochmals derart furchtbar mißhandelt, daß er über zwanzig blutige

Wunden davontrug.

Gleichzeitig rief man ihm zu: Du hast es gewagt, Czecho- wicz anzuklagen! Du hast es gewagt, deine Stimme gegen den Herrn Marschall zu erheben!" Im Gefängnis wurden die Gefangenen von den wachthabenden Offizieren und Gen­darmen geduzt und mit den gemeinsten Schimpfworten be­legt. Gleichzeitig hielt man sie zu den schwersten Arbei­ten an.

Liebermann, Professor Präger und der ehemalige Mi­nisterpräsident Witos mußten mit Lappen oder mit einem kurzen, kleinen Besen, also fast mit bloßen Hän­den, Aborte reinigen und Fußböden scheuern.

Dr. Liebermann erhielt bei dieser Arbeit einen Herzanfall. Wenn die Abgeordneten die Gefängnisordnung irgendwie verletzten, sperrte man sie in finstere Zellen ein, in denen nicht einmal Kübel für die natürlichen Bedürfnisse standen. Das Lager bestand aus einer Bettstelle ohne Strohsack, mit voneinander abstehenden Holzleisten.

Als Nahrung erhielten die Gefangenen nur etwas Brot und warmes Salzwasser.

Zur Revision wurden die Häftlinge in einen halbfinsteren Raum geschleppt und dort vollständig entkleidet. Dabei wurden sie von den revidierenden Wärtern beschimpft. Der Abgeordnete Popiel wurde in der Nacht vom 10. zum 11. Oktober auf Befehl eines Hauptmanns in einen dunklen Raum gesperrt. Als er die Schwelle überschritt, wurde er von zwei Gendarmen gepackt und auf einen Tisch geworfen.

Dann legte man dem Abgeordneten ein nasses Tuch auf den Rücken und versetzte ihm mit eisernen Stäben etwa

30 hiebe. Popiel verlor dabei die Besinnung.

Als die Exekution abgebrochen wurde, erklärte ihm der Hauptmann, der die Mißhandlung beaufsichtigte: Du kannst froh sein, so wenig erhalten zu haben. Das nächste Mal wird Marschall Pilsudski befehlen, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen." Dann sperrte man Popiel einige Tage in den Keller ein. Ebenso wie Popiel sind auch noch Korfanty und der Bauernabgeordnete Baginski verprügelt worden.

Während des prügelns wurde stets ein Motor in Be­wegung gesetzt, der das Wasserwerk bedient, um durch sein Geräusch die Schreie der mißhandelten Opfer zu übertönen.

Bezeichnend ist eine Aeußerung des Festungskommandan» ten, Oberst Biernacki, gegenüber Dr. Liebermann, der er» klärte: Alle Gefangenen find vom Befehl Marschall Pil­sudskis abhängig; der Marschall wird über Ihr Schicksal entscheiden." Diese Auffassung bestätigte auch noch ein an­derer Offizier, der noch hinzufügte: Wenn der Marschall befiehlt, die Gefangenen zu töten, so würden sie getötet werden, und wenn er befiehlt, sie zu verstümmeln, so würden sie verstümmelt werden."

Die Dringlichkeit der Anträge, die eine Aufklärung der Vorgänge fordern, wurde von der Mehrheit verneint, und das Haus ging in die Ferien . . .!

Einheitriroot gegen das LentsHtn»

Kattowitz, 18. Dezember.

In letzter Zeit machen sich innerhalb der Korfanty-Par­tei Strömungen bemerkbar zu einer Aussöhnung mit der Regierungspartei. Schon vor der zweiten Plenarsitzung des schlesischen Sejm fanden Verhandlungen der gegenwärtigen Führer der Korfanty-Partei mit den Führern des Regie- rungsblockes statt, bei denen die ausschlaggebende Rolle der Bischof Adamski spielte.

Der Regierungsblock forderte eine vollständige Entfer­nung Korfantys aus dem politischen Leben. Es wird allge­mein der Standpunkt vertreten, daß Korfanty, wenn er aus der haft entlassen wird, vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Die Aussöhnung beider politischer Parteien wird mit nationalen Belangen motiviert; vor allem sei eine starke polnische Einheitsfront gegen das Deutschtum in Ostober­schlesien erforderlich.