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HersfelöerTageblätt

Hersfelöer Kreisblatt

Amtlicher /inzeiger für -en Kreis Hersfelö

Monatlicher Vezugsprei«: durch öle Post bezogen 1^0 Relchs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Serofeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Bbhol« 1.00 Reichs-Mark. druck und Verlag von Ludwig ZunksBuchöruckerei in HersfelS, MitglieS öeo vdZV.

Nr. 290

Donnerstag, den 11. Dezember 1930

80. Jahrgang

Der Berliner Filmkrieg

Verbot des Remarque-Films3m Westen nichts Neues"? Beschränktes Demonstrationsverbot in Berlin

Stilker KertrauenstriSe

Line beachtliche Mahnung desManchester Guardian"

London, 10. Dezember.

Manchester Guardian" schreibt in einem Leitartikel: Die internationale Lage Westeuropas ist heute schlimmer als zu irgendeinem Augenblick seit der Räumung des Ruhr- gebietes man kann sogar sagen seit dem Waffenstillstand, weil die Schwierigkeiten der früheren Nachkriegsjahre stets durch die Hoffnung erleichtert wurden, daß die Kriegsmen­talität mit der Zeit vorübergehe. Man hatte gedacht, daß mit der Unterzeichnung des Locarno-Vertrages und dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ein neues Ka­pitel beginnen wird. Diese Hoffnung ist enttäuscht worden, und selbst nach der Zurückziehung des letzten Soldaten aus dem Rheinlande ist eine Lage vorhanden, die tief beunruhi­gend ist.

Die Abrüstung und die Behandlung der Minderheiten durch die Siegerstaaten, heißt es dann wörtlich: das sind die beiden Fragen, an Hand deren in den nächsten Monaten die Aufrichtigkeit und der Wert des Völkerbundsrates be­urteilt werden müssen. Das Ergebnis hängt mehr von Großbritannien als von jeder anderen Macht ab. Aber die britischen Vertreter haben sich bisher vollkommen abge­neigt gezeigt, Verpflichtungen von der Art zu übernehmen, wie sie von Deutschland erfüllt worden sind."

Manchester Guardian" unterstreicht dann, daß das Abrüstungsproblem und die Frage der Minderheitsrechte jetzt für eine Regelung reif sind, die nicht viel länger mehr verschoben werden könne.

Wenn im Januar der Völkerbundsrat nid)t einen mög­lichst frühen Zeitpunkt für die Abrüstungsvollkonferenz festsetzt, so wird Europa wissen, daß die Mächte nicht . -MMKM^MKcht. gaben, abzurüftea. wenn oet Vot- kerbundsrak im Januar in der ihm von Deutschland unterbreiteten Frage der Behandlung der Minderheit in Polen nichts unternimmt, wird man wissen, daß die Minderheitenverträge ein toter Buchstabe sind und daß ihre Durchführung nicht durchgesetzt werden kann.

Das Blatt weist darauf hin, daß Polen der Vernunft nicht zugänglich ist, weil es sich stets auf das französische Bünd­nis verlassen könne nicht zum mindesten im Völkerbunds­rat. Zum Schluß verlangt das Blatt, daß, selbst wenn Deutschland einmal ein Moratorium beantragen sollte, dies Ersuchen nicht als ein politisches Manöver bewertet, son­dern objektiv auf seine Berechtigung geprüft wird. Im allgemeinen müsse anerkannt werden, daß Deutschlands Stellung die einer Großmacht ist und nicht die der wichtig­sten der besiegten Mächte. Wie lange könne Deutschland ein Mitglied des Völkerbundes bleiben wollen, an dessen Fähigkeit, Gerechtigkeit zu üben, jeden Tag mehr Deutsche, so schließt das Blatt, den Glauben verlieren, und zwar mit Recht.

MötkiMms in der Breit

Die Presse des In- und Auslandes beschäftigt sich noch nicht eingehender mit dem Abschluß des Vorbereitenden Abrüstungsausschusses von Genf. Soweit deutsche Presse­auslassungen vorliegen, stellen sie übereinstimmend das negative Ergebnis der Genfer Verhandlungen fest. Auch in der englischen Presse übt man zunächst noch Zurückhaltung. Neben einer ausführlichen Aeußerung des Manchester Guardian" zum Abrüstungsproblem überhaupt, kommt auchNews Chronicle" zu der Feststellung, daß ein Fortschritt angesichts der Haltung einzelner Staaten nicht erzielt wurde. Das Blatt spricht von einem circulus vitiosus und fragt: Wenn die Alliierten ihre in Versailles übernommene Verpflichtung zur Abrüstung nicht aus­führen, wie lange können sie dann darauf rechnen, daß Deutschland seinerseits die ihm aufgezwungene Vereinbarung halten und militärisch machtlos bleiben wird? Bemerkens­wert ist auch die Aeußerung des WashingtonerStar" zur Rede Gibsons auf der Schlußsitzung in Genf. Das Blatt hebt hervor, daß bisher nur die Abrüstungskonferenzen in Washington im Jahre 1922 und in London 'in Jahre 1930 erfolgreich gewesen seien, für die größtenteils Amerika ver­antwortlich war.

Von französischer Seite liegen offenbar auf Grund eines Wunsches von amtlicher Seite Kommentare noch nicht vor. Nur imOeuvre" findet sich eine Auslassung, in der es heißt: Frankreich muß zur allgemeinen Abrüstungs­konferenz mit positiven Vorschlägen erscheinen, einmal, und zwar vor allem deshalb, weil ein neuer Rüstungswettlauf zum Kriege führen würde, sodann, weil, wenn die von den Signataren des Völkerbundsstatuts eingegangenen Ver­pflichtungen nicht die strikte Bedeutung haben, die Deutsch­land ihnen geben möchte, in ihnen nichtsdestoweniger ein allgemeines Versprechen enthalten ist, das man einhalten muß, endlich, weil die taktische Ver­bindung, die sich diesmal in Genf zwischen dem revisionisti­schen Deutschland, dem bolschewistischen Rußland und dem faschistischen Italien, um nicht von Ungarn, Bulgarien : nd Oesterreich zu sprechen, herausgebildet hat, uns zeigt, daß wir sehr bald in die Verteidigungsstellung gedrängt sein würden, wenn wir uns einfach auf das Abwarten legen wollten.

Am den Aemar«»e-Film

Berlin» 11. Dezember.

Ein Berliner Abendblatt hatte behauptet, daß das Aus- w ä r t i ge Amt die weitere Zulassung des FilmsIm Westen nichts Neues" aus außenpolitischen Gründen befür­wortet habe. Wie hierzu von halbamtlicher Seite mitgeteilt wird, trifft diese Darstellung nicht zu. Es liegt vielmehr Grund zu der Annahme vor, daß das Auswärtige Amt, wenn es bei der bevorstehenden Verhandlung vor der Film- oberprüfstelle nochmals gehört wird, einen durchaus ent­gegengesetzten Standpunkt einnehmen wird.

Inzwischen hat sich der Reichsinnenminister Dr. Wirth den Film in seinem Ministerium vorführen lassen. Da er selbst die Entscheidung über Weiterzulassung oder Verbot des Films nicht treffen will, hat er angeregt, daß das Ge- samtkabinett Gelegenheit erhält, sich selbst ein objektives Ur­teil über den Film zu bilden. Es ist aber anzunehmen, daß die Regierung erst zu einer Stellungnahme kommen wird, wenn die Filmoberprüfstelle am Donnerstag zu dem Film Stellung genommen hat.

Inzwischen mehren sich die Kundgebungen aus dem ganzen Reich gegen die Weiterzulassung des Films. In der Germania" wird es abgelehnt, daß sich Deutschlandzum Tummelplatz wesensfremder Elemente machen läßt" und er­klärt, daßwir uns mit einem Remarque-Film Deutschland bestimmt nicht erobern werden". Auch Bayern und Würt­temberg haben gegen den FilmIm Westen nichts Neues" Antrag auf Widerruf gestellt, ferner haben der Kyffhäuser- Bund, der Stahlhelm, der Deutsche Offizierbund sowie der Christlich-Soziale Volksdienst Protest gegen die Auffüh­rung des Films erhoben.

Der Gesamtvorstand des Schutzverbandes Deutscher Filmtheater E. V. faßte folgende Entschließung:

Der Vorstand des Schutzverbandes Deutscher Filmthea­ter E. V. bedauert das Erscheinen des FilmsIm Westen nichts Neues" in Deutschland schon deshalb, weil dieser Film in der Originalfassung eine antideutsche Tendenz aufweist.

Es ist Aufgabe des Vorstandes, die Mitglieder des Schutzverbandes auf die mit dem Spiel des Films verbun­denen Schwierigkeiten aufmerksam zu machen. Ganz allge­mein wird vor der Herstellung von Filmen mit einseitiger politischer Tendenz mit Rücksicht auf die Zusammensetzung des Kinopublikums gewarnt und den Mitgliedern empfoh­len, beim Abschluß solcher Filme größte Vorsicht walten zu lassen und genau zu prüfen, ob nicht die Gefühle eines Teiles ihres Publikums verletzt werden könnten." Alle Be­schlüsse wurden einstimmig gefaßt.

Abgeordneter Fabricius vor dem Schnellrichter

Das Berliner Schnellgericht verhandelte am Mitt­woch gegen den nationalsozialistischen Reichstagsabgeordne­ten W. Fabricius, der auf Veranlassung des Kommandeurs der Schutzpolizei, Oberst Heimannsberg, bei den Demonstra­tionen gegen den Remarque-Film am Nollendorfplatz fest­genommen worden ist. Staatsanwaltschaftsrat Dr. Bartels klagte den nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten an, am 9, Dezember durch zwei selbständige Handlungen sich strafbar gemacht zu haben, indem er polizeilichen Anweisun­gen keine Folge geleistet und Polizeibeamte beleidigt habe.

Dr. Fabricius wurde wegen Nichtbefolgung polizeilicher Anordnungen zu 30 Mark Geldstrafe bezw. drei Tagen Haft und wegen Beleidigung zu 150 Mark Geldstrafe bezw. 10 Tagen Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Demonstrationsverbot in Berlin

Berlin, 11. Dezember.

Der Polizeipräsident hat mit sofortiger Wirkung alle Amzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten. Bei der schon erfolgten Bekanntmachung des Verbotes wurde in Aussicht geestllt, daß einige Plätze friedlichen Versamm­lungen offen gehalten werden sollten. Diese Plätze sind:

1. der Lustgarten; 2. die Treptower Spielwiese; 3. der Humboldt-Hain; 4. die Iungfernheide.

Es muß ausdrücklich darauf hingewiefen werden, daß nur auf diesen Plätzen Versammlungen unter freiem Himmel stattfinden dürfen, und die auch nur so lange, als eine un­mittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit nicht besteht.

*

Auf dem Nollendorfplatz herrschte gestern abend Ruhe, zumal ja auch für Mittwoch keine Demonstrationen angekün­digt waren. Die Polizei hatte aber trotzdem die gleichen Maßnahmen zur Sicherung der ungestörten Vorführung des FilmsIm Westen nichts Neues" getroffen, wie an den Tagen zuvor. Auch die Verlegung der Verkehrsmittelhalte­stellen und die verschärfte Bewachung des Üntergrundbahn- Hofs war aufrecht erhalten. Die Besucher des Films wurden wiederum von Beamten der politischen Abteilung in Stich­proben untersucht.

Aeberreichung der Kohelsreise Die Feiern in Stockholm und in Oslo

Stockholm, 10. Dezember.

Die Verteilung der Nobelpreise bekam einen besonders feierlichen Charakter durch das verhältnismäßig seltene voll­zählige Erscheinen der Preisträger. Der feierliche Akt, der nun zum 30. Male heute, am Todestag des Stifters, vor­genommen wurde, vollzog sich in dem traditionellen Rahmen des Konzertpalastes, dessen großer Saal bis auf den letzten seiner 2000 Plätze von einem erlesenen Publikum gefüllt war. Die Mitglieder der Regierung, des Diplomatischen Korps und die hervorragendsten Persönlichkeiten des schwe­dischen Kulturlebens waren erschienen. Nach der Ankunft des Königs und der anderen Mitglieder der Königlichen Familie wurde die Feier durch eine Begrüßungsansprache des Präsidenten der Nobel-Stiftung, Gouverneurs Hammar- skjöld, eröffnet. Nach einem Musikvortrag des Stockholmer Philharmonischen Orchesters ergriff der Vorsitzende des Physik-Ausschusses der Nobel-Stiftung, Prof. Pleijel, das Wort, um in einer kurzen Ansprache die Bedeutung des Werkes des Preisträgers für Physik, Prof. Venkata Ra- man von der Universität Kalkutta, hervorzuheben. Nach­dem dem indischen Professor der Preis, die Urkunde und ; die Medaille vom König ausgehändigt worden waren, und ; nach einem zweiten Musikvortrag wiederholte sich der gleiche Vorgang für den Preisträger für Chemie, Pro­fessor Hans Fischer-München, wobei der Vorsitzende des Nobelausschusses für Chemie, Prof. Soederbaum, die An­sprache hielt. Es sprachen dann der Vorsitzende des Nobel­ausschusses für Medizin, Prof. Hedrdn, über den Preisträger für Medizin, den österreichischen Prof. Landsteiner vom Rockefeller-Institut in Newyork, und der Generalsekretär der Schwedischen Akademie, E. A. Karlseldi. über den Preis­träger für Literatur, den amerikanischen Schriftsteller Sinclair Lewis.

Bei der Aushändigung jedes Preises zeigten schwedisch« I Studenten, die im Säulengang hinter der Tribüne standen, die Fahne der Nation des betreffenden Preisträgers. Die ' Feier endete mit dem Vortrag der schwedischen National­hymne.

Zur Stunde des Stockholmer Festaktes wurden in Oslo auch die Nobel-Friedenspreise für 1929 und 1930 den Preisträgern in Gegenwart des Königs und des Kron­prinzen im Nobel-Institut überreicht. Premierminister Mo- winckel hob in einer Ansprache die Verdienste Kelloggs und Erzbischof Soederbloms hervor. Kellogg betonte in sei­ner Dankrede, daß er in den Zeichen der Zeit nichts sehe, was auf einen weiteren Krieg hindeute, sondern das größte Vertrauen zu der Menschheit hege, daß alle Schwierigkeiten mit friedlichen Mitteln gelöst werden würden. Die Haupt­sache sei, die Menschen darüber aufzuklären, daß es bessere Mittel zur Beilegung von Streitigkeiten gebe als das Mit­tel des Krieges. Erzbischof Soederblom betonte in sei­ner Rede, er habe die Empfindung, daß der Friedenspreis ihm als dem Vertreter der ökumenischen Bewegung für die größere Einigkeit der christlichen Kirchen verliehen wor­den sei.

Amerikanische Initiative gegen Arbeitslosigkeit

! Fünftägige Arbeitswoche soll eingeführt werden.

Washington, 11. Dezember.

Der neue Arbeitsminister D o a k erklärte sich in seiner ersten offiziellen Aeußerung für die Einführung der Surz- woche zur Behebung der Arbeitslosigkeit und ist zur Zeit be­müht, die Eisenbahnerorganisation, der er angehört, mit der Federation of Labor, die bekanntlich gegen ihn als Nichtmit- glied agitiert hatte, zu einem gemeinsamen Programm für die fünftägige Arbeitswoche zu veranlassen.

Hoover im Konflikt mit den Demokraten

Washington, 11. Dezember.

Nach übereinstimmigen Berichten der Demokratischen Presse haben sich alle feierlichen Ankündigungen über eine Zusammenarbeit zwischen Demokraten und Republikanern bei der ersten Kraftprobe als haltlos erwiesen. Der Kongreß habe am Dienstag, eine Stunde nachdem Hoover in der Pressekonferenz in einem formellen, gedruckten Kommunique gegen die übermäßigen Bewilligungen für die Farmernot­hilse protestiert und die Annahme des Nachtragbudgets in der von der Regierung eingebrachten Form gefordert hatte, in beiden Häusern seine Weisungen ignoriert.

Im Senat bewilligte man 60 anstatt 25 Millionen Dollar zur Farmerhilfe, darunter für den Nahrungsmittelankauf für arbeitslose Farmer, was die Regierung als verschleierte Ar­beitslosenunterstützung abgelehnt hatte. Im Unterhaus strich ma,n 40 Millionen Dollar an den von Hoover für andere Zwecke geforderten Posten. In beiden Häusern wurde Hoover von den demokratischen Fraktionsführern angegriffen, die ihm mangelnde Kenntnis der wahren Notlage vorwarfen, während Hoover in der erwähnten Äußerung behauptete, die Parteiführer seien seiner Ansicht.Baltimore Sun" erklärt, der Kongreß habe sich durch Hoovers Zurechtweisung ver­letzt gefühlt und ihn deswegen desavouiert.