KersfelöerTageblatt
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Hersfel-er Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für öen Kreis Hersfelö
Nr. 288
Dienstag, den 9. Dezember 1930
80. Jahrgang
Die Moskauer Iustizkomööie
Fünf Angeklagte im Zndustriep
MsÄmer ASßeKkMgSVroretz
3m Moskauer Jnduftrieprozeß wurden fünf Angeklagte zum Tode, die übrigen zu je zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Mit Rücksicht auf ihr umfassendes Geständnis und die Erklärung, daß sie sich von der Richtigkeit des Sowjeksystems überzeugt hätten, hat die Sowjetregierung die Begnadigung der Angeklagten zu zehn bzw. acht Jahren Gefängnis ausgesprochen.
Wie kaum anders erwartet werden konnte, hat der Oberste Gerichtshof der Sowjetunion gegen die Hauptangeklagten im sogenannten Industrieprozeß das Todesurteil ausgesprochen. Man kann sich als westlicher Europäer nicht recht in die Atmosphäre hineinversetzen, die den ganzen Moskauer Industrieprozeß beherrschte. Die Tatsache, daß die Angeklagten restlos ihre Schuld bekennen und alle Einzelheiten ihrer sogenannten Schädlingstätigkeit mit geradezu fanatischer Leidenschaftlichkeit dem Gerichtshof und der großen Oeffentlichkeit unterbreiten, ist ein Vorgang, der nur zwei Begründungen zuläßt: entweder sind die Ange- schuldigten in eine Art politischen Wahnsinn verfallen, der sie zu einer Art Selbstgeißelung treibt, oder daß sie . durch eine furchtbare Folter gegangen sind, durch die man von ihnen „Geständnisse" erpreßte, die die Sowjetregierung notwendig hatte, um das Versagen des sogenannten Fünfjahresplanes zu verschleiern.
Es wird kaum möglich sein, die Wahrheit zu erfahren. Die Proteste, die von englischer wie französischer Seite gegen die Behauptungen der Anklage und gegen die angeblichen Geständnisse der Angeschuldig'ten auf diplomatischem Wege erhoben worden sind, geben selbstverständlich auch keine Klarheit über die Wirklichkeit. Vielleicht kommt man der Wahrheit am nächsten, wenn man npntmmtf,.ba^
erpnoncrge urrv Sabotage von französischer Seite gegen die Sowjetwirtschaft und damit gegen das Sowjetsystem eingeleitet worden ist, die man dazu benutzt hat, um durch sensationelle Aufbauschung das In- und Ausland über die wirklichen Zustände in Rußland zu täuschen. Zu dieser Auffassung kommt man durch die Tatsache der Begnadigung der Verurteilten. Daß wirklich alles die reine Wahrheit wäre, was von den Angeklagten vor dem Obersten Gerichtshof bloßgelegt worden ist, das glauben selbst die nicht, die dem Sowjetsystem nicht ausgesprochen feindlich gegenüberstehen.
Wenn man sich vor Augen hält, daß in anderen Fällen Prozesse mit Dutzenden von Angeklagten ganz im Dunkeln durchgeführt werden, von denen man bestenfalls durch die kurze Mitteilung von dem Schuldigbefund dieser und jener Angeklagten und durch Bekanntgabe der Vollstreckung des Urteils etwas erfährt, im Falle Ramsin und Genossen aber ein ausführlicher Bericht mit Reden und Gegenreden durch die amtliche Sowjet-Telegraphenagentur über die ganze Welt verbreitet wurde, dann kommt man immer mehr zu der Ueberzeugung, daß in Moskau mit dem Jndustriespio- nageprozeß ein Theater vorgeführt wurde, das von bestimmten Vorgängen in Rußland ablenken soll.
Die eigentlichen Hintergründe des Moskauer Prozesses sind die Erkenntnis der Sowjetregierung, daß die gewaltsame Kollektivisierung weit über das Ziel hinausgeschossen hat. Man ist technisch gar nicht in der Lage gewesen, das in Gemeinwirtschaften umgelegte Land oder das Eigentum der vertriebenen Bauern rationell zu bewirtschaften, weil dazu die technischen Voraussetzungen fehlten.
Der vielbesprochene 5 - Ja h r e s p l a n , der jetzt sogar auf 4 Jahre zusammengefaßt wird, will die I n d u st r i a l i- sierung des großen Reiches'mit Gewalt vorwärtstreiben. Vieles steht ihm im Wege, aber zweifellos sind auch starke Fortschritte gemacht. Der ungeheure Reichtum der Naturschätze kommt schließlich auch diesem Unternehmen irgend einmal zugute. Man sucht z. B. mit gewaltigen Mitteln Sibirien zu erschließen. Durch ein scharfes „Dumping" in allen möglichen Produkten will man die Wirtschaftskrise in den anderen Ländern vergrößern. Durch die billigen Selbstkosten, die niedrige Valuta und die bedürfnislose Bevölkerung wird man in der Lage sein, dem Auslande eine Schleuder-Konkurrenz entge^enzu- stellen. Richt zu verkennen ist aber, daß ^as Sowjet-System die apathischen Massen zur Arbeit gepreßt und durch chlechte Bezahlung zur Sparsamkeit gezwungen hat. Westeuropa wird die Entwicklung Rußlands in wirtschaftlicher und politischer Beziehung mit großer Vorsicht betrachten und sich stets die furchtbare Gefahr des Bolschewismus vor Augen halten müssen.
Alle diese Gesichtspunkte wird man bei der Beurteilung der Moskauer Komödie berücksichtigen müssen. Wenn ein solches System eine Bevölkerung, die zum Teil noch in primitivsten wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen lebt und die etwa ein Sechstel der ganzen Erdoberfläche b - ?t, auf ein völlig neues Denken einstellen soll, muß das zu Schwierigkeiten führen, die zunächst gar n-cht so sehr politisch zu werten sind als psychologisch. Daran !^ eiterte bisher die restlose Durchsetzung der russischen Ber e- rung mit den sowjetistischen Ideen. Und weil die Svl.^-t- regierung diese Schwierigkeiten sieht, ein Versagen des Systems aber nicht zugeben darf, deshalb brauchte sie diesen In- ^us^-Spionageprozeß,---------j
zeh zum Tode verurteilt .... und zu 10
Ä Tsderurteile
Moskau, 9. Dezember.
Der Oberste Gerichtshof fällte am Sonntagabend das Urteil im Prozeß gegen die Mitglieder der Indusiriepartei.
Die Angeklagten Ramsin, Laritschew, Tschar - nowski, kalinnikow und Fedokow wurden zum Tode, Kuprianow, Sitnin und Okschkin zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Die ArteilsdegrüudMg
In der Urteilsbegründung heißt es: Der Uebergang von der Wiederaufbauperiode zur Rekonstruktionsperiode, der einen wachsenden Aufstieg der gesamten Volkswirtschaft der Sowjetunion sowie enorme Erfolge des sozialistischen Aufbaus einerseits, andererseits aber die sich stetig verstärkende Krise des Kapitalismus bedeutete, rief den erbitterten Widerstand der kapitalistischen Elemente der ganzen Welt hervor.
Gegen die Sowjetunion hatten sich alle Kräfte der alten Welt zu einer Einheitsfront zusammengeschlossen. In dieser Situation entstand als konterrevolutionäre Organisation und nahm seine Tätigkeit auf der Verband der Ingenieur- Organisationen. später „Industriepartei", benannt, du Schädlings-Gruppierungen verschiedener Industriezweige in sich vereinigte. Wie in der Beweisaufnahme festgestellt wurde, ist die Ausgestaltung dieser Gruppierung zur Jn- dustriepartei durch den Umstand gefördert worden, daß der Kernstamm ihrer Teilnehmer Mitglieder der 1925 geschaffenen konterrevolutionären Organisation waren, die den Namen „Ingenieurzentrum" trug und an deren Spitze der Gold- und Platin-Industrie erschossene Ingenieur Palt- schinski und der im Schachty-Prozeß verurteilte ehemalige Grubenbesitzer Rabinowitsch standen.
Ende des Jahres 1927 setzte unter Einfluß des Handelsund Industriekomitees, das seinen Sitz in Paris hatte, und aggressiver imperialistischer Kreise Frankreichs eine Vereinigung aller konterrevolutionären Elemente aus den technischen und Jntellektuellen-Kreisen der Sowjetunion zum Kampfe um die Macht ein. Ihrer verbrecherischen Tätigkeit legte die Industriepartei das Programm der Vernichtung der Sowjetmacht und der Restauration der kapitalistischen Guts- bssitzermacht durch Aufrichtung der Militärdiktatur zu Grunde, als deren Haupt der weißgardistische General Lu-" komski oder der Leiter der Industriepartei Paltschinski in Aussicht genommen wurden.
Die Urteilsbegründung beschäftigt sich sodann mit den angeblichen Tätigkeiten der einzelnen Angeklagten und stellt fest, daß die Pläne der Industriepartei gescheitert seien.
Die Bernrteitten begnadigt!
Das Zentralexekutivkomitee der Sowjetunion beschloß, die im Jnduftrieprozeß zum Tode verurteilten Angeklagten Ramsin, Laritschew, Tscharnowski, Kalinikow und Fedotow zu zehnjähriger Gefängnishaft zu begnadigen. Den zu zehnjähriger Gefängnishaft verurteilten Angeklagten Lokria- now, Sitnin und Okschkin werden zwei Jahre Strafhaft erlassen, so daß sie nur acht Zähre zu verbüßen haben.
PreffeMmmeu zum Urteil
London, 9. Dezember.
Das Urteil im Moskauer Prozeß wird in der gesamten Presse viel besprochen und löst bei den Blättern, die sich bisher dazu äußern, Empörung aus.
Times nennt den Prozeß eine „t r a g i s ch e F a r c e" und bemerkt: Von Anfang an war es klar, daß der Prozeß keine rechtliche Untersuchung, sondern eine große politische Kundgebung sein sollte. Die Hauptwirkung auf die öffentliche Meinung des Auslandes ist die Vergrößerung des Abscheus, der überall für die GPU. und alle ihre Werke empfunden wird, sowie die Bestätigung der Ueberzeugung, daß eine Oligarchie, die derartige Methoden verwenden muß, um sich aufrechtzuerhalten, verzweifelte Furcht haben muß, daß ihr die Macht aus den Händen gleitet. Es kann sein, daß die Leute, die die eingehende Detektiv- g e s ch i ch t e gebraut hah,en, die den Gegenstand des Prozesses bildete, es für ratsam hielten, die öffentlicks Meinung für einen auswärtigen Krieg vorzub-^-iten als möglichen Ausweg aus den Schwierigkeiten, in die sie sich verwickelt haben. Das Blatt ist der Ansicht, diese Möglichkeit dürfe keineswegs außer Betracht gelassen werden, und schreibt: Alle Umstände im Zusammenhang mit dem Prozeß zeigen, daß einer seiner Zwecke war, die fremdenfeindliche Stimmung zu schüren. Der Hauptzweck war jedoch nach Ansicht des Blattes, Sündenböcke für die öffentliche Unzufriedenheit wegen der Nichtdurchführung des Fünfjahresplanes zu finden.
Daily Telegraph spricht von der phantastischen Sowjet-„Gerechtigkeit" und M o r n i n g P o st von einem „Schock für das Gewissen der zivilisierten Welt".
Jahren Gefängnis begnadigt!
Pensionskürzungsgesetz an den Reichstag gelangt
Berlin, 9. Dezember.
Zu den Gesetzentwürfen, die durch die Notverordnung nicht erledigt werden konnten, weil sie verfassungsändernden Charakter tragen, gehört auch das Pensionskürzungsgesetz, das jetzt zur parlamentarischen Erledigung an den Reichstag gelangt ist.
Begründet wird es damit, daß es von vielen Seiten immer wieder in die Debatte geworfen wird. Es handelt sich hierbei um die Kürzung der Bezüge von Ruhegehaltsempfängern, die im Privatdienst beschäftigt sind. Vor allem wird von den Organisationen darüber geklagt, daß die Ruhe- gehaltsempfänger eine starke Konkurrenz au dem Stellungs- markt bilden, da sie in der Lage sind, billiger zu arbeiten als die anderen Angestellten, die dadurch um die Möglichkeit gebracht werden, wieder in Lohn und Brot zu kommen.
Weiter Unruhe am Nollendorfplatz
Berlin, 9. Dezember.
Wie schon an den vorhergegangenen Tagen, sammelten sich auch am Montag abend wieder größere Menschenmengen am Nollendorf-Platz an. Größere Trupps zogen unter Absingen nationalsozialistischer Lieder hin und her. Die Straßen-, Omnibus- und Untergrundbahnhaltestellen waren aufgehoben, um die Ansammlungen nicht zu unterstützen. Polizei, zum Teil beritten, mußte immer wieder die Ansammlungen zerstreuen. Gegen 21.30 Uhr sammelten sich Nationalsozialisten am Wittenberg-Platz, die unter Führung eines Lautsprecherautos durch die Straßen zogen. Das Auto und die Nationalsozialisten wurden schließlich zwangsgestellt.
Ki« einzelnen Demonstrationszüge zogen mit entblößten Häuptern und erhobenen Händen an Dr. Goebbels vorbei, der eine kurze Ansprache hielt. Er kündigte weitere Protestkundgebungen gegen den Film „Im Westen nichts Neues" an, und zwar so lange, bis der Einspruch Sachsens, Thüringens und Braunfchweigs zur Wirkung gekommen sei. Hierauf lösten sich die Züge, an denen sich 30- bis 40 000 Personen beteiligt haben sollen, auf. Insgesamt wurden 27 Sistierun- gen vorgenommen.
Botriarch Peter in Sibirien gegarten
London, 9. Dezember.
Wie Morning Post aus privater russischer Quelle erfährt, ist Patriarch Peter, das Haupt der russischen orthodoxen Kirche, in der Verbannung in Sibirien gestorben. Vor fünf Jahren war Patriarch Peter nach dem Tode des Patriarchen Tychon durch Testament zu dessen Stellvertreter ernannt worden. Die Sowjetregierung sandte den Patriarchen Peter aber in die Strafanstalt auf der Solowek- ski-Insel. Patriarch Peter hatte es ständig abgelehnk, die Autorität der Sowjetregierung anzuerkennen.
Die Settern «an Brest-Litowsk
Wie Pilsudskis Anhänger die Opposition abwürgken
Warschau, 10. Dezember.
Der „Robotnik" enthält einen aufsehenerregenden Aufsatz des sozialistischen Senators und Schriftstellers Andreas Strug über die Behandlung der politischen Oppositionsführer im Militärgefängnis von Brest-Litowsk. Der Artikel enthält geradezu schreckenerregende Mitteilungen über die Behandlung, die den oppositionellen Führern, zu denen Persönlichkeiten wie der ehemalige Ministerpräsident W i - losch, Professor B a rl i cki, Dr. ßiebermann. Dr. Kiernik und K o r f a n t y gehören, zuteil geworden ist. In dem Aufsatz heißt es wörtlich:
„Die Gefangenen wurden sämtlich zwei Monate lang einer systematischen Hungerkur unterzogen. Man reichte ihnen mit Absicht eine ungenießbare und ekelerregende Kost und diese noch dazu in sehr spärlichen Rationen; außerdem erhielten die Häftlinge nur ein Drittel der militärischen Brokportion. Viele Gefangene haben von Hunger gepeinigt, die Halme ihres Strohsacks gekaut. Erst am 9. November besamen die eingekerkerten Politiker die normale Soldatenkost. Fast alle wurden geschlagen und gemartert, die meisten unter ihnen sogar mehrfach; manche unter ihnen sind auch systematisch in abscheulicher Weise gepeinigt worden. Die meisten erlebten den Schrecken einer Hinrichtungsnacht. Sie wurden nackt ausgezogen, mit dem Gesicht zur Wand gestellt, um so auf den Tod zu warten. Dann ertönte plötzlich ein Schuß und eine Revolverkugel schlug neben ihrem Kopf in die Wand ein. Sie lebten in steter und tiefster Erniedrigung."
Als Schuldige bezeichnet Senator Strug die verschiedenen polnischen Offiziere, die im Brester Militärgefängnis den Beschließerdienst ausgeübt hatten. Das Schicksal der Gefangenen wäre aber in den Händen des Iustizministers, Staatsanwalts und des Untersuchungsrichters gelegen. Senator Strug verlangt strengste Bestrafung aller Schuldigen. — Das Blatt wurde wegen der Veröffentlichung dieses Aufsatzes sofort beschlagnahmt. ,