HersfelöerTageblätt
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ÄNgdgtapetie: dir tfnfoolffge Prtttzelle 15 Pfennig, Me RrNsM^ette 50 Pfennig. (GrunSschrist Korpus). Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Preisnachlaß gewährt. ♦ Zür die Schristleitung verantwortlich : Kranz Kunk in Hersfeld. ❖ Kernsprecher Nr.
Nr. 2T7
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis tzersfelö
Mittwoch, den 26. November 1930
MonatllcherVezugsprels: durch die Post bezogen 1^0 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Neichs-Mark. * druck und Verlag von Ludwig Zunks Buchdruckerei in Hersfeld, Mitglied des VVZV.
80. Jahrgang
Wieder kritische Lage im Reich
Frontwechsel -er Wirtschaftapartei — Bredt zurückgetreten — Sanierungsgesetze durch Notverordnung?
3Ww der Lage
Der Kanzler drängt in seinen Besprechungen mit den Parteiführern auf baldige Klärung der Stellungnahme ihrer Parteien zu dem Regierungsprogramm. In acht Tagen wird der Reichstag zusammentreten, um sich mit dem Gesetzgebungswerk der Regierung zum Finanz- und Wirtschaftsprogramm zu beschäftigen. Dr. Brüning will jedoch schon vor dem Zusammentritt des Reichstages bindende Erklärungen der Parteien, wie sie sich zu den einzelnen Gesetzentwürfen stellen. Sollte sich ergeben, daß eine Mehrheit zu den Grundzügen der gesetzgeberischen Maßnahmen der Regierung in wichtigen Punkten nicht zu erreichen ist, dann scheint der Kanzler entschlossen zu sein, diese Gesetzentwürfe auch ohne Parlament zur Durchführung zu bringen. Der Kanzler hat den einzelnen Parteivertretern eingehend die Gründe auseinandergesetzt, die ihn zwingen, vom Reichstag eine schnelle und positive Entscheidung zu verlangen. Er hat sich dabei entschieden gegen Abänderungen der Gesetzesoorlagen ausgesprochen, soweit sie das Ziel und dem Charakter der Vorlagen im Gesamtrahmen des Regie- rungsprogramms verschieben. Nach den bisherigen Besprechungen haben sich dabei sowohl Schwierigkeiten mit der Sozialdemokratie wie auch mit der Wirtschaftspartei ergeben, die letztere veranlaßten, der Regierung Brüning die Gefolgschaft zu kündigen und ihren ministeriellen Vertreter, den Reichsjustizminister Dr. Bredt, aus dem Kabinett zurückzuziehen.
Es hat niemals ein Zweifel darüber bestanden, daß die Regierung Brüning weder koalitionsgebunden ist, noch nach ihrer Zusammensetzung eine parlamentarische Mehrheit besitzt. Deshalb ändert der Beschluß der Wirtschaftspartei formell und tatsächlich die Lage des Kabinetts Brüning nicht. Der Kanzler hat mehrfach erklärt, daß er nicht bemüht sei, koalitionsmäßig eine Mehrheit im Reichstag zu besitzen, sondern eine sachliche Mitarbeit aller positiv zu Reich und Wirt- JjbߣL4|i|yM£tßllij^yj$4g^|gjj^gj^-wtirie<^ Nie sich nach den Hüsigsten Mitteilungen zwischen Kanzler und Sozialdemokratie ergeben haben, können allerdings den Kanzler veranlassen, von seiner bisher vertretenen Absicht, das Gesetzgebungswerk auf dem geordneten parlamentarischen Weg zur Erledigung zu bringen, abzugehen. Eine endgültige Entscheidung darüber hat er noch nicht getroffen. Es sieht aber nicht so aus, als ob er seine bisherige Arbeit durch einen sachlich unbegründeten Mehrheitsbeschluß des Reichstages in Gefahr bringen lassen wird. Wahrscheinlicher ist, daß der Kanzler sich vom Reichspräsidenten die Ermächtigung geben ließe, die von ihm als lebensnotwendig für Reich und Wirtschaft angesehenen Gesetzesoorlagen durch Notverordnung in Kraft zu setzen.
Verschiedentlich ist in politischen Kreisen die Frage aufgeworfen worden, ob die Reichsregierung verfassungsrechtlich in der Lage ist, auch die Gesetze verfassungsändernden Charakters — und das sind eine ganze Reihe, die sich auf die Finanzgesetzgebung beziehen — mit Hilfe einer Notverordnung auf Grund des Artikels 48 in Kraft zu setzen. Nach Auffassung der zuständigen Stellen, ist diese Frage unter allen Umständen zu bejahen, sofern es sich um Gesetze handelt, die erlassen werden, um einen Notstand oder eine Gefahr für das Reich zu beseitigen. Dieser Weg erscheint für die Regierung um so notwendiger, nachdem sich gezeigt hat, daß in vielen Fällen schon eine einfache Mehrheit nicht zu erreichen sein wird, daß aber von dem Zustandekommen einer Zweidrittelmehrheit für die Gesetze oerfassungsändern- den Charakters wohl überhaupt nicht die Rede fein kann.
Serieia md Segierungsgreoremm
Regierungsprogramm ohne Parlament?
Berlin, 26. November.
Der Kanzler fetzte im Laufe bes Dienstag seine Besprechungen mit den Vertretern der übrigen Parteien fort. Er hofft, diese Verhandlungen bis Donnerstag zum Abschluß zu bringen, so daß sich für ihn dann eine vollständig geklärte Lage über die Stellungnahme der Partei ergibt. Erst dann wird er sich darüber entscheiden, auf welchem Wege die Inkraftsetzung des Finanz- und Wirtschaftsprogramms erfolgen kann.
Untragbare Abänderungsforderungen der Sozialdemokraten?
An der Besprechung des Reichskanzlers mit den sozialdemokratischen Führern nahmen die Abgeordneten Müller, Franken, Dr. B r e i t s ch e i d, Dr. H i l f e r d i n g und Dr. Hertz teil. In mehrstündigen Verhandlungen wurden die Abänderungswünsche der Sozialdemokraten zu den Notverordnungen eingehend besprochen.
Ihre endgültige Stellung zu dem Gesamtkomplex will die Sozialdemokratie davon abhängig machen, wie weit ihre Abänderungswünsche Verwirklichung finden.
Zentrum hinter Brüning
Die Zentrumsfraktion des Reichstags hielt am Dienstag eine Sitzung ab, in der zunächst alle vom Fraktionsvorstand in der Parlamentspause unternommenen Schritte und Maßnahmen einmütig gebilligt wurden. Weiter beschäftigte sich die Fraktion mit einer Reihe von Anträgen wirtschafts- und kulturvolitischer Art. Diese Anträae be
treffen die Preis- und GeHaltssenkung und die Beschäftigung ausländischer Arbeiter. Die Regierung wird ersucht, die vom Gesetz nicht erfaßten Gehälter in öffentlichen und privaten Institutionen, Organisationen und Körperschaften durch geeignete Maßnahmen in angemessener Weise zu senken. Sie wird weiter gebeten, darauf Bedacht zu nehmen, daß die Lohnsenkungen zeitlich mit einer wirksamen Preissenkung verknüpft werden.
Christlich-soziale Abänderungswünsche
Der Christlich-Soziale Volksdienst verlangt, wie in einer Fraktionssitzung festgestellt wurde, nicht die vollständige Aufhebung der Notverordnung, hat aber, wie wir hören, einige Aenderungswünsche. Er wendet sich vor allem gegen die bei den Krankenkassen neu eingeführten Krankenschein- u n d R e z e p t g e b ü h r e n. In steuerlicher Beziehung ist der Christlich-Soziale Volksdienst ein Gegner der Verzehr st euer, während er einer an der Quelle erhobenen verstärkten Biersteuer zustimmen würde. Die Wünsche der Fraktion gehen weiter auf eine sozialere Gestaltung und Staffelung der Bürgersteuer hin.
Minister ®reM Mkilzelreten
Wirkschaftspartei gegen Anlehnung an Sozialdemokratie
Die politische und parlamentarische Lage hat sich seit Dienstag weiter zugsspitzt. Noch bevor die Besprechungen des Kanzlers mit dem Vertreter der Fraktionen zum Abschluß gebracht worden sind, hat der Reichsparteiaus- schuß der Wirtschaftsparte! nach eingehender Besprechung drei grundsätzliche Beschlüsse gefaßt, die eine vollständige Loslösung von der bisherigen Regierungskoalition bedeuten:
Verweigerung weiterer Unterstützung der Regierung Brüning, Zurückziehung ihres ministeriellen Vertreters
im Kabinett, Dr. Bredt,
-tzMWWMK'W Dr. Wirth in^dem Konflikt^Reich— Thüringen.
Damit geht die Wirtschaftspartei zur ausgesprochenen Opposition über. Sie hat ihre Entscheidungen durch folgende parteioffizielle Verlautbarungen der Oeffentlichkeit bekanntgegeben:
Bereits am 26. September 1930 hat der Reichsausschuß beschlossen, daß sich die Wirtschaftspartei an keiner Regierung im Reich beteiligt, auf welche die Sozialdemokratie. unmittelbar oder mittelbar Einfluß ausübt. Die Ereignisse der letzten Zeit beweisen aber, daß die Regierung Brüning ihre Politik in Anlehnung an die Sozialdemokratie unter Preisgabe lebenswichtiger Interessen des deutschen Volkes und der deutschen Wirtschaft durchzuführen versucht. Nach Ansicht der Wirkschaftspartei können auf diesem Wege die großen Lebensprobleme des deutschen Volkes in der 3nnen- und Außenpolitik nicht gelöst werden. Infolgedessen lehnt die Wirkschaftspartei die weitere Unterstützung des Kabinetts Brüning ab.
Es wird ausdrücklich heroorgshoben, daß dieser Beschluß einstimmig und im Einvernehmen mit dem Reichsjustiz- minister Prof. Dr. Bredt erfolgt ist. Minister Bredt, der sich krankheitshalber in Marburg aufhält, hak unmittelbar darauf dem Reichskanzler sein Rückkrilksgesuch übermittelt, das bereits Dienstagmikkag in der Reichskanzlei vorlag.
Ferner hat sich der Reichsausschuß der Wirtschaftspar- tei bei seinen Beratungen über die weitere Einstellung der Partei zum Kabinett Brüning auch mit dem
Konflikt Reich—Thüringen beschäftigt. Als Ergebnis wurde mitgeteilt:
Der Reichsausschuß der Wirkschaftspartei billigt und vertritt den Standpunkt, den die Thüringer Landtagsfraktion im Sinne aller Thüringer Regierungsparteien eingenommen hat.
Wie verlautet, hat der Reichskanzler nicht die Absicht, dem Reichspräsidenten zu empfehlen, den Reichsjustizminister zum Verbleiben in seinem Amt zu bewegen. Professor Bredt will in der nächsten Woche nach Berlin kommen und sich offiziell vom Reichskabinett verabschieden.
Nach dem Rücktritt Dr. Bredts
Bleibt er im Kabinett? — Konflikt Drewitz — Eolosser beigelegt.
Berlin, 26. November.
Über das Rückkrilksgesuch des Iustizministers Dr. Bredt ist eine Entscheidung noch nicht gefallen. Wie verlautet, will der Reichspräsident die gesundheitliche Wiederherstellung des zur Zeit erkrankten Ministers abwarten, ehe abschließende Schritte unternommen werden.
In parlamentarischen Kreisen hält man es nicht für ausgeschlossen, daß Dr. Bredt sich zum Verbleiben in seinem Amte bestimmen läßt und daß er dann als Fachminister dem Kabinett angehören würde, ohne dadurch seine Partei irgendwie zu verpflichten.
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Wie das Nachrichtenbüro des VDZ. hört, haben die Verhandlungen des Reichsausschusses der Wirtschaftspartei zu einer
Beilegung des HsnfliklW
zwischen dem Abgeordneten Eolosser und dem Parteivorsitzenden geführt.
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Der Christlichsoziale Volksdienst behandelte neben Frak- tionsangelegenheiten die gegenwärtige politische Lage. Die Aussprache ergäbe völlige Einmütigkeit über die Entscheidungen, die angesichts der ernsten Lage zu treffen sind. Außerdem beschäftigte sich die Reichstagsfraktion des Christlich-sozialen Äolksdienstes mit der durch das Vorgehen der Wirtfchaftsparatei geschaffenen neuen politischen Lage. Die hierzu gefaßten Beschlüsse wurden nicht bekanntgegeben.
FiuKuzmmister Dietrich spricht in Bremen
Bremen, 26. November.
Vor den Wahlen zur Bürgerschaft.
Reichsfinanzminister Dietrich hielt hier eine Rede, in der er einleitend auf die Bedeutung der bevorstehenden Bürgerschaftswahlen verwies, durch die nicht nur die Stadt, sondern auch der Staat sich seine Vertretung gebe. Die Wahlen hätten deswegen eine Bedeutung, weil Bremen, wie auch sein Nachbarstaat Hamburg, neben seinen eigentlichen staatlichen Aufgaben noch die große Aufgabe erfülle, als Ein- und Ausgangstor des deutschen Reiches zu dienen, durch welche die Fäden der ganzen Welt liefen. Der Geist der Verantwortung sei in den Hansestädten immer schon groß gewesen, und während die preußischen Gemeinden erst unter dem Freiherrn vom Stein ihre Rechte erhielten, sei das Bürgertum der Hansestädte schon seit Jahrhunderten der Träger der Politik seiner Heimat. Der Redner verteidigte sodann seine B e - amtenpoli
lei-rrnö-tsle^eirreswegs zu einer Dreinrsderer in den Landern und Gemeinden auf die Dauer führen soll. Auch die Frage der R e a l st e u e r n, die in Bremen keine besondere Rolle spiele, sei in erster Linie unter dem Gesichtspunkt zu sehen, daß man allenthalben mit den Augaben bremsen müsse und keinesfalls die Belastung weiter steigern dürfe. Er fei sich darüber klar, daß der gegenwärtige Zeitpunkt denkbar ungeeignet sei, den Schlußstein auf die Tabaksteuer zu setzen und nur die äußerste Rot und die Tatsache, daß ein anderer Weg, den Haushalt des Reiches zu balancieren, nicht gegeben sei, habe die Reichsregierung gezwungen, diesen Vorschlag der Deckung zu machen. Die Frage der indirekten Belastung hänge im übrigen intensiv mit der Frage der Reparationen zusammen. Zum Etat des Reiches wies der Minister darauf hin, daß der ursprünglich vorgesehene Weg, Bier und Branntwein aufzuteilen, nicht möglich gewesen sei. Man werde wohl oder übe' dabei bleiben müssen, diese beiden Verbrauchssteuern beim Reich zu erhalten und dann stärker als bisher das Einkommen aufzuteilen. Von dem Verhalten des Reichstages, der am 3. Dezember zusammentrete, und von dem Geist, in dem er seine Verhandlungen führe, werde es abhängen, ob der Gesundungsprozeß vorwärts gehe oder die Gefahr sich mehre.
Die Landwirtschaft
und der Preisabbau
Minister Schiele spricht über agrarpolitische Fragen.
Berlin, 26. November.
Reichsernährungsminister Schiele sprach am Dienstag abend im Rundfunk über das Thema: „Agrarpolitik und Preisabbau". Der Minister ging auf die Preisabbaubemühungen der Reichsregierung ein und betonte, daß der Preisabbau verhindern wolle, daß die notwendig gewordene Kürzung der Gehälter und Löhne die allgemeine Kaufkraft schwäche. Die vornehmste Aufgabe der deutschen Landwirtschaft sei aber die Stärkung der Kaufkraft. Die Landwirtschaft habe ein eigenes Interesse daran, daß die Preisabbaumaßnahmen nicht zu ihren Lasten gehen. Der Preisbbau dürfe nicht bei den Lebensmitteln allein stehen bleiben, sondern er müsse sich auf die gesamte Lebenshaltung erstrecken. Ein jeder wisse, daß es sich bei diesen Fragen der Preissenkung nicht allein um innerdeutsche Angelegenheiten drehe, sondern daß diese innerdeutschen Fragen endgültig nur zu lösen seien im Zusammenhang mit dem Reparationsproblem. Zum Schluß appellierte der Minister an die Opferwilligkeit der Bevölkerung, denn nur eine tatkräftige Mitwirkung des Volkes in diesem Ringen um die Scholle könne die Reichsregierung befähigen, den Kampf erfolgreich zu bestehen.
Senat vertagt die politische Aussprache
Paris, 26. November.
Am Donnerstag sollte im Senat die Aussprache über die Interpellation des Senators Hery über die allgemeine Politik der Regierung beginnen, in deren Verlauf Ministerpräsident Tardieu das Wort ergreifen sollte. Da der Senat jedoch die Jnterpellationsdebatte über die Reform der Gemeindefinanzen nicht zum Abschluß gebracht, sondern auf Donnerstag vertagt hat, so dürfte die Jnterpellationsdebatte über die allgemeine Politik der Regierung auf später vertagt werden.