Herss elöerTageblatt
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Nr. 255
hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel- Donnerstag, den 30. Oktober 1930
Monatlicher Bezugspreis: durch öle Post bezogen 1.50 Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Nersfeld 1.20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer 1.00 Reichs-Mark. ♦ druck und Verlag von Ludwig Zanks Buchdruckerei In HersfelS, Mitglied d«VVZV.
80. Jahrgang
Ganz Deutschland in gemeinsamer Trauer
Unter großer Auteilnghme des
Auswärtiger Reichstagsausschutz zur Abrüstung
Berlin, 30. Oktober.
In Gegenwart des Reichsaußen- und Finanzministers beschäftigte sich der Auswärtige Reichslagsausschuß am Mittwoch mit den Anträgen zum Reparationsproblem und zur Abrüstungsfrage.
Vor der Sitzung hatte der Reichskanzler Besprechungen mit sämtlichen im Ausschuß vertretenen Parteien außer den Kommunisten. Da sowohl von der äußersten Rechten wie den Kommunisten Anträge auf Einstellung der Noungzahlungen vorlagen, war es möglich, daß der Auswärtige Ausschuß durch Mehrheitsbeschluß einen vollständigen Kurswechsel der Außenpolitik verlangen konnte, da die Regierungsparteien, selbst mit Einschluß der Sozialdemokraten, in diesem Ausschuß in der Minderheit sind. Die Anträge fanden aber dennoch keine Mehrheit, da die Opposition gegeneinander stimmte. Annahme fand schließlich ein Antrag mit allen Stimmen der Bürgerlichen bei Enthaltung der Deutschnationalen und gegen die Linke, in dem festgestellt wird, dah die Bemühungen um die allgemeine Abrüstung keinerlei praktische Erfolge erzielt haben. Die Staaten, die mit der Erfüllung ihrer rechtlichen und moralischen Verpflichtung zur Abrüstung seit Jahren im Rückstand sind, haben bei den letzten Genfer Beratungen nicht einmal zu einem Beschluß veranlaßt werden können, der die schnelle Einberufung der ersten allgemeinen Abrüstungskonferenz sichergestellt haben würde. Der Auswärtige Ausschuh ist der Ansicht, daß der jetzige Zustand im krassen Widerspruch zu dem Grundsatz der Gleichberechtigung steht und daß er eine ernste Bedrohung der Sicherheit Deutschlands und damit des Weltfriedens de 'SflM’M
Aenderung der gefahrvollen Lage hinwirktzunddaßMmn äußerstem Bachdruck darauf besieht, eine Abrüstung der anderen Staaten zu fordern, die nach Umfang und Art der Abrüstung Deutschlands und dem Grundsatz paritätischer Sicherheiten entspricht und daß sie Klarheit darüber herbeiführt, ob die auswärtigen Wächte gewillt sind, diese Forderung entsprechend den im Versailler Vertrag festgelegten Verpflichtungen zu erfüllen.
Alle Anträge zum Reparationsproblem wurden mit wechselnden Mehrheiten abgelehnt.
Preutzeu und die evangelischen Kirchen
Abschluß der Verhandlungen noch nicht abzusehen. Die Bauarbeiten am Mittellandkanal.
Berlin, 30. Oktober.
In der Mittwochsitzung befaßte sich der Preußische Staatsraat mit der förmlichen Anfrage über den Abschluß eines Vertrages mit den evangelischen Kirchen. Das Kultusministerium hatte hierzu mitgeteilt, daß den beteiligten obersten Kirchenbehörden der Vertragsentwurf zugegangen ist, nachdem das Preußische Staatsministerium zu den bisherigen Verhandlungen Stellung genommen hat. Ein Zeitpunkt für den Abschluß der Verhandlungen sei noch nicht abzusehen.
Zu der Anfrage, ob die Einstellung der Bauarbeilen am Mittellandkanal bevorstehe, erklärte die Slaaksregierung, sie sehe keinen Grund zu der Annahme, daß das Reich den Bau des Kanals einstellen werde.
Osthilfe für Niederfchlefien gefordert j
Breslau, 30. Oktober.
Vorstand und Vertreterversammlung des Schlesischen Landbundes haben in ihrer Sitzung vom 29. Oktober eine Entschließung angenommen, die
unter Hinweis aus das Hochwasser
in Schlesien, das als Katastrophe für die betroffene Landwirtschaft bezeichnet wird, sofortige ausreichende Hilfsmaßnahmen fordert, zu denen in erster Linie die Einbeziehung der gesamten Provinz Niederschlesien in die Osihilfe durch sofortige Notverordnung und darüber hinaus die Bereitstellung von Mitteln gehöre, die ein Weiterführen der bisherigen Wirtschaft ermöglichten.
Memeler Birtftnriuin zuröllgetreten
Memel, 30. Oktober.
Der Präsident des Landesdirektoriums des Memelge- biekes, Reisgys, hat nunmehr den Gouverneur in einem Schreiben gebeten, ihn und die beiden Landesdirektoren, Bürgermeister Schulz und Landwirt Sziegaud, von ihren Pflichten zu entbinden.
Dieser Schritt des Präsidenten entspricht den Genfer Vereinbarungen, wonach das unmittelbar vor den Wahlen umgestaltete Landesdirektorium an die Stelle der großlitauisch eingestellten Direktoren Duglus und Czebalka traten die gegenwärtigen, den Mehrheitsparteien angehörender Direktoren Schulz und Sziegaud — gleich nach den Wahlen zurücktreten sollten. Die Entscheidung des Gouverneurs über das Demissionsersuchen des Direktoriums steht noch aus.
Ikes wurden 96 Saarknappen, Helden der
Die Trauerfeier auf Maybach
Der Gottesdienst in der Grubenkapelle
Friedrichsthal, 30. Oktober.
In der Zechenkapelle von Maybach wurde der Trauer- gottesdienst für die Opfer der Grubenkatastrophe abgehalten. Die kleine Kapelle war ganz mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, der Altar mit Blumen geschmückt, der Raum dicht von Leidtragenden und Trauergästen gefüllt. Die Angehörigen hakten die vorderen Plätze, neben ihnen saßen die Vertreter des Reiches. Die Trauermesse wurde durch den Orkspsarrer von Maybach zelebriert.
Dann hielt der Bischof von Trier, Bornewasser, die Predigt. Er erinnerte an das Wort des Hl. Augustinus „Es gibt kein Leid, das so groß ist, daß es uns trennen könnte von der Liebe Jesu Christi" und an das Wort des Propheten Ieremias „Sie kommen zu mir mit Weinen und Klagen, aber ich führe und leite sie auf ebenen Pfaden, daß sie nicht straucheln. Vater will ich sein in Israel." Der Bischof fuhr in seiner Predigt fort:
Vater will Gott Euch sein, Euch Müttern, die Ihr den Sohn begrabt. Euch Frauen, die Ihr den Gatten verlort, den Kindern, die den Vater nicht mehr sehen, Vater auch Euch, den Toten, die wir heute begraben. Ist es nicht eigen, daß Eure Männer und Brüder in den Stunden einsuhren, als man in Alsdors die toten Kameraden begrub? Ob nicht in jener Stunde ihnen Gedanken in die Seele gekommen sind an Gott, Tod und Ewigkeit? Das wäre die letzte große Gnade gewesen, die Gott ihnen gab.
An den katholischen Trauergottesdienst in der Zechen- kapelle schloß sich ein evangelischer Gottesdienst an, bei dem Generalsuperintendent S t o l t e n h o f f eine tiefempfundene Ansprache hielt.
Der grotze Trauerakt schlagen und mit schwarzen Florbahnen verhängt wär. Neben den Vertretern der Behörden und Verbände hatte sich die große Zahl der trauernden Angehörigen in diesem Raume versammelt. Etwa ein Drittel des Saales nehmen die Särge ein, vor denen die Kranzspenden niedergelegt waren.
Die Feier wurde eingeleitet mit dem „Pilgerchor aus Tannhäuser", der von einem Bläserchor zum Vortrag gebracht wurde. Dann kam gedämpft aus einem Nebenraum der Gesang des Knappenchors. Bischof Dr. Bornewasser segnete hierauf die Särge, die in fünf Reihen aufgestellt und mit Blumen und Kränzen völlig bedeckt waren.
Nach der Ansprache des Bischofs gab der Koblenzer Generalsupevintendent dem tief empfundenen Beileid der Generalsynoden Ausdruck. Sodann hielt der französische Arbeitsminister, Pernot, eine Ansprache; anschließend sprach der Präsident der Regierungskommission Wilton, der den tiefgebeugten Angehörigen, ihren Witwen und Waisen, ihren Vätern und Müttern, Brüdern und Schwestern und allen ihren Verwandten und Freunden das herzliche Beileid der Regierungskommission aussprach. Die Kommission werde alles tun, was in ihren Kräften stehe, um den Hinterbliebenen über die materiellen Sorgen hinwegzuhelfen. Den Verletzten wünschte der Präsident baldige Genesung. Er hob hervor, daß das Unglück in Maybach weit über die Grenzen des Saargebiets hinaus Teilnahme und Trauer hervorgerufen habe. Zum Schluß rief Präsident Wilton den Toten ein „Glückauf" zur Fahrt in die Ewigkeit zu.
Anschließend ergriff Reichsvc-lehrsminister von G u ö» rard das Wort. Der Minister führte aus: „Schweres Unglück ist hereingebrochen über deutsches Land. Während noch die Totenglocken in Alsdorf ertönten, verbreitete sich die erschütternde Kunde von dem grausigen Geschehen aus Grube Maybach. Fast hundert deutsche Bergleute sind wieder gefallen, Opfer ihrer Pflicht, Helden der Arbeit. Mit Ihnen, den Angehörigen der Dahingeschiedenen, sind vereint in Wehmut und Schmerz der Herr Reichspräsident, die deutsche Reichsregierung und die preußische Staatsregierung. Diese Stunde tiefsten Ernstes zeigt aber auch die unlösliche Verbundenheit des deutschen Bergar- beitersanderSaarmitallendeutschenBerg- l e u t e n, gewiß auch mit denen aller Völker, mit den Bergleuten der ganzen Welt. Sie alle sind verbunden durch gemeinsame Gefahr. Im ganzen deutschen Vaterlande sind heute die Fahnen auf Halbmast gehißt. Vor diesen Särgen hat sich gesenkt des Reiches Panier. Innigstes Beileid und tätige Hilfe allen denen, die weinen an diesen Särgen, die trauern um ihre verlorenen Lieben, in deren Hütten die Trauer eingezogen ist. Möge Gott, der Allmächtige, Ihnen Trost geben! Das ist der Wunsch des deutschen Volkes, das ist auch der Wunsch des Herrn Reichspräsidenten, der deutschen Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung, in deren Namen Kränze des Schmerzes, des Dankes und der Erinnerung dort niedergelegt sind."
Nach der Rede des Reichsverkehrsministers sprach der Reichstagsabgeordneter K u h n e n für den Christlichen Bergarbeiterverband. Er sagte: Man müsse fordern, daß die Untersuchung nach den Ursachen des großen Unglücks genau und gerecht durchgeführt werde, denn es gelle für die Zukunft zu forgen, damit ähnliche Katastrophen vermieden würden.
Auch der Vertreter der freien Gewerkschaften Schwarz
Arbeit, zur letzten Ruhe gebettet
sprach den Hinterbliebenen der Opfer die herzlichste Anteilnahme der freien Gewerkschaften aus und forderte stärkeren Schutz für die Bergarbeiter. Hierauf rief der Obmann der Sicherheitsmänner der Grube den toten Kameraden den letzten Scheidegruß nach.
Sodann bildete sich der Trauerzug. Die 99 Särge wurden nach Ortschaften zusammengestellt und unter Geleit ihrer Anverwandten und Mitbürger in die Heimatdörfer übergeführt, wo die Bestattungen stattfanden.
Die Lage im üBurmrenier
Aachen, 30. Oktober.
Im Wurmrevier hat sich die durch die kommunistische Agitation geschaffene Lage bisher nur wenig geändert. Auf „Anna I", der Schwestergrube von Anna II", sind die benötigten Belegschaften voll zur Stelle.
Bei den Gruben in den Nachbarorten ist ebenfalls ein Streikrückgang zu verzeichnen. Auf „Karl Alexander" in Baes- weiler sind etwa 20 Mann mehr eingefahren als am Vortag. Auf der am stärksten streikenden Zeche „Carolus- Magnus" in Palenberg sind etwa 150 Mann mehr eingefahren.
Auf der Grube „Eschweiler Reserve" haben die Kommunisten, die von der Nothberger-Seite aus zum Wetterschacht führende einzige Inde-Brücke besetzt. Die Eschweiler Polizei ging mit dem Gummiknüppel vor und räumte in einer halben Stunde den Platz. Jetzt herrscht wieder vollkommene Ruhe. Im Streik befinden sich lediglich 42 Mann. Die Arbeitswilligen werden jetzt nicht mehr gehindert, doch werden die aus der Umgegend anfahrenden Straßenbahnwagen vorsichtshalber noch von Polizeibeamten begleitet.
Sie Notlage der Landkreise
Empfang beim Reichskanzler
Berlin, 30. Oktober.
-------------->■■<’—->'- . -D- V- o .. i n n ->IWfM eine Abordnun g des deutschen Landkreistages Fnprnnlj als PMMN» ten Dr. von Stempel. Die Abordnung gab einen Ueberblick über die gesamte Finanzlage der deutschen Landkreise, wobei das Problem der Wohlfahrtserwerbs- losen besondere Berücksichtigung fand. Es wurde die Ansicht vertreten, daß für die dadurch entstehenden Lasten das Reich in erhöhtem Maße aufkommen müsse. Als dringendstem Sorge der Landkreise wurde bezeichnet, daß in dem kommenden Finanzprogramm der Regierung die Maßnahmen getroffen würden, die die finanzielle Selbständigkeit der Landkreise in vollem Maße gewährleisten, wobei Einzelheiten der Landesgesetzgebung überlassen bleiben könnten, die Wünsche der Landkreise nach Wahrung ihrer Interessen in den bevorstehenden Steuergesetzen wurden erörtert.
Frieden in Rio
Einigungsverhandlungen der revolutionären Führer
Newyork, 30. Oktober.
Hauptmann Iuarez Taoore, der die Revolution in den nördlichen Staaten von Brasilien organisiert und zum Erfolg geführt hat, ist in Rio eingetroffen und erklärte sich damit einverstanden, daß Dr. Getulio Vargas provisorisch das Amt des Staatspräsidenten übernehme.
Außer Vargas befinden sich jetzt alle revolutionären Führer in Rio de Janeiro. In der Hauptstadt herrscht
Ruhe.
Die Vorhut der aufständischen Streitkräfte ist in Sao Paolo einmarschiert. 10000 Aufständische, größtenteils Gauchos, werden die Stadt besetzen.
Wie jetzt bekannt wird, waren bei den Kämpfen am Brückenkopf von Sengues zwischen dem 15. und 20. Oktober 1000 Tote zu verzeichnen. Vor 14 Tagen stürzte ein Eisenbahnzug mit Truppen in eine Schlucht, wobei es viele Tote gab. Diese beiden Nachrichten waren bisher von der Zensur unterdrückt worden.
Die politischen Unruhen in Aegypten.
Die Wafdpartei hat zum 31. Oktober eine große Demonstration gegen die Regierung angekündigt. Der Ministerpräsident Gibst) Pascha hat die gesamte Polizei mobilisiert und ist entschlossen, die schärfsten Maßnahmen zu ergreifen, um die Unruhen zu unterdrücken. U. B. z. von links: Ministerpräsident Sidky Pascha; die Führer der nationalistischen Opposition: Adly Pascha und Nahas Pascha.