HersfelöerTageblatt
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Nr. 254
Mittwoch, den 99. Oktober 1930
80. Jahrgang
"Unwetterkatastrophe in Schlesien
Talsperren lausen über — Die Damme bersten — Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten — Riesige Sachschäden
3er Notgroschen
Gedanken zum Wellsparkag am 30. Oktober.
So oft ist im Leben jedes einzelnen vorn Notgroschen gesprochen worden. Viel hat man davon geredet, ohne sich ganz der sozialen und volkswirtschaftlichen Bedeutung dieses Wortes bewußt geworden zu sein. Aber wie viele erfahren es gerade jetzt in bitterer Notzeit, was es mit diesem Notgroschen für eine segensreiche Bewandtnis hat. In Deutschland hat das Sparen für die Not immer eine wichtige Rolle in der Volkswirtschaft gespielt. Das Zurücklegen eines Spar- notgroschens hatte zu einer Kapitalbildung' geführt, deren volkswirtschaftliche Bedeutung wir heute erst ganz zu ermessen vermögen, wenn wir uns dessen erinnern, daß die Sparkasseneinlagen Deutschlands Ende 1913 nahezu 20 Milliarden betrugen. Mit diesem Sparkapital marschierte Deutschland an der Spitze der ganzen Welt. Durch den Krieg und vor allem durch die Inflation sank dieses Sparkapital im Jahre 1922 auf ein Minimum, man kann sagen' auf Null zurück. Die Statistik gibt für 1923 in Deutschland als er st es Sparkapital nach dem Kriege 25 Mil - U o nen Mark an. H e u t e hat sich dieses Kapital bereits wieder auf rund 1 0 Milliarden vermehrt! 10 Milliarden aus dem deutschen Volksvermögen heute zurückgezogen, nicht vorhanden, müßte den deutschen wirtschaftlichen Wiederaufbau als völlig aussichtslos gelten lassen.
Diese 10 Milliarden sind das Ergebnis der kleinen S p a r g r os ch e n , die vom schulpflichtigen Kind bis zum alten Mütterchen sorgsam und mit innerer Befriedigung Woche um Woche, Monat um Monat zusammengetragen wurden in der bestimmten Hoffnung, daß sie einst, wenn die Not es erforderlich machen sollte, zur Verfügung stehen werden, um über vorübergehende Schwierigkeiten hinweg- KAS-»ÄL!Si^L LKimLk'^MAW. auch der feste Glaube an Deutschlands Zukunft dazu, um trotz der furchtbaren Rückschläge der Inflationszeit wieder an dem Aufbau des deutschen Lolksvermö - g e n s und damit an der Sicherung der deutschen politischen und wirtschaftlichen Zukunft mitzuarbeiten. Wenn man diese Zahlen deutschen Spürsinns, der gerade in bei. Kreisen der kleinen Leute, der Arbeiterschaft und des Mittelstandes, an» zutreffen ist, mit den zerrütteten politischen Verhältnissen Deutschlands vergleicht, dann gewinnt man die Ueberzeugung, daß es um" den Aufbauwillen und den Zukunftsglau- ben des deutschen Volkes weit besser bestellt ist, als es das parteipolitische Durcheinander zu beweisen scheint. Das deutsche Volk hat sich mit seinem Sparsinn zwar noch nicht wieder an die Spitze der sparenden Völker zu setzen vermocht, es hat aber bereits den grö^n Teil der europäischen Völker damit überflügelt. Es ist nicht ohne Interesse, daß Frankreich, das schier im Goldzufluß zu ersticken droht, in seinem Sparguthaben etwa die Summe in Papier- franken aufweist, die Deutschlands Sparer in G o l d m a r k aufgestapelt haben. Andererseits ist Italien auf dem besten Wege, im Vertrauen auf seine wirtschaftliche und politische Geschlossenheit zu den sparsamsten Völkern Europas aufzulaufen. Nur Deutschland hat es trotz allem noch nicht erreicht.
Solange das deutsche Volk noch dieses Zielstreben hinsichtlich seiner Sparpolitik des kleinen Mannes aufzuweisen hat, solange darf es auch die Hoffnung haben, daß es die gegenwärtige wirtschaftliche und soziale Notzeit eben durch dieses Selbstvertrauen mit gutem Erfolg überwinden wird. Zweifellos wäre die Auswirkung der gegenwärtigen Wirtschaftskrise noch fühlbarer, wenn nicht das in den letzten Jahren neugebildete Sparkapital vielen einen gewissen Rückhalt geboten hätte und noch bietet. Gerade in Notzeiten wie den gegenwärtigen zeigt sich deutlich, daß die Hilfe, die die Allgemeinheit dem einzelnen gewähren kann, immer nur begrenzt sein wird und durch eigene Vorsorge ergänzt werden muß. Ein Land, das eines Teils seiner natürlichen Erwerbsquellen beraubt und vor die Aufgabe gestellt ist, sich eine neue wirtschaftliche Existenzgrundlage zu schaffen, muß mit allen Kräften danach streben, einen Kapitalfonds aus eigenen Mittel anzusammeln , wenn es sich nicht selbst die Hoffnung auf einen Wiederaufstieg zunichte machen will.
Die Beziehungen zwischen Sparkapitalbildung und Wirtschaftskrise haben jedoch noch eine andere wichtige Seite. Von überallher ertönt der Ruf nach Kapital zur Ueberwindung des wirtschaftlichen Tiefstandes. Es wird Kapital zur Ankurbelung der Wirtschaft, zur Durchführung des Arbeits- beschaffungsprogramms und zur Wiedereingliederung des Arbeitslosenheeres in das Erwerbsleben gefordert. Da genügend Kapital nicht zur Verfügung steht, müssen Kredite aus öffentlichen Mitteln, also letzten Endes aus Steuern, gewährt werden, oder man richtet den Blick auf das Aus- land, das jedoch selbst unter Krisenerscheinungen zu leiden hat. So ergibt sich von selbst die Notwendigkeit der h e i m i s ch e n K a v i t a l b i l d u n g bei den inländischen Sparinstituten; sie ist die geeignetste und billigste Form der Kapitalbeschaffung. Sie gewährleistet auch die richtige Verwendung der Kapitalien an der richtigen Stelle So erweist schon diese kurze Ueberlegung die Berechtigung des Welt- spartages auch in diesem Jahr. Der Weltspartag soll zum Nachdenken über die Lebensfrage unserer Wirtschaft, die Sparkapitalbildung, anregen.
Kiesige hochvasierschäde»
Schwere Ueberschwemmungen in Schlesien.
Görlitz, 29. Oktober.
Die infolge der anhaltenden Regenfälle eingetretenen Ueberschwemmungen haben in vielen Teilen Schlesiens katastrophale Ausmaße erreicht. Die Neiße erreichte hier heute früh um 5 Uhr einen Höchststand von 3,98 und ist seither langsam im Fallen begriffen. In Görlitz sind mehrere Straßen überflutet.
Am Brückenbau Penzig—Deschka wurde bis spät in die Nacht hinein an der Bergung des wertvollen Gerätes gearbeitet. Gegen drei Uhr nachts kam eine Flutwelle, die die weiteren Arbeiten unmöglich machte und einige Motoren und Maschinen und einen Teil des Brückengerüstes forl- schwsmmte. Große Gefahr besteht für die Posottendorfer Reihebrücke. 3m Heidebezirk ist die Tschirne zu einem reißenden Strom angeschwollen.
Im LLwenberger Kreis erreichte das Hochwasser seinen Höhepunkt. Wild schäumend raste» die gewaltigen Wassermassen talwärts, Zäune, Hausgerät und Tierkadaver mit sich führend. Das ganze Bober-Tal bildete einen langgestreckten See, aus dem einzelne Gehöfte als einsame Inseln hervorragen.
Das Dorf Nieder-Görisfeifen bietet ein grauenhaftes Bild der Zerstörung. Alle Gärten und Felder sind verwüstet, zahlreiche Gebäude unterspült und dem Einsturz nahe.
Der besonders in Görisseifen betriebene Gemüsebau ist auf Jahre hinaus durch die Abschwemmung des Bodens vernichtet. Aus fast allen anderen Gemeinden des Kreises liegen ähnliche Meldungen vor.
Eine Zerstörung der Stauanlage am Schönberger Biehverlnste ein; der Schaden an Erntevorräten ist ungeheuer.
Wie von der Talsperre Marklissa mitgeteilt wird, sind die beiden Talsperren von Marklissa und Goldentraum gefüllt und laufen über. Der Abfluß beträgt zurzeit aus beiden Sperren 100 Kubikmeter in der Sekunde.
In Alk-Beckern ist der Katzbachdamm gebrochen. Die Wafsermaffen stürzten mit rasender Schnelligkeit und ungeheurer Gewalt ins Land. Der Damm hinter der Schleuse, der den gewöhnlichen Wasserspiegel der Kahbach um etwa 6 Meter überragt, war unterspült worden. Das Wasser hatte tiefe Risse in den Dammrand gegraben. Da man einen Dammbruch befürchtete, wurde die Feuerwehr alarmiert. Mit vereinten Kräften wurden die Risse mit Sandsäcken ausgefüllt, doch spü te die Wucht des Wassers die Sandsäcke weg. Das Wasser kürzte den Damm hinunter und setzte Klein-Beckern vollständig unter Wasser.
Ein einziger See von 7 Kilometer Länge und 300 bis 500 Meter Breite zieht sich in der Queisniederung von Haugsdorf nach Naumburg (am Queis) hin. Sächsisch- und Schleswig-Haugsdorf find vollständig voneinander getrennt; das Wasser ist auch hier in die Keller eingedrungen.
Von dem schweren Unwetter ist auch der K r e i s S a - g a n heimgesucht worden. Die Flüsse Vober und Queis führen Hochwasser und weite Strecken sind überflutet. Die Schiffsbrücke bei Bergisdorf ist von den Fluten fortgerissen. In Sagan ist ein Pegelstand des Bober von über 3 Metern festgestellt, ein starker Windbruch wird von der Heide gemeldet.
Die Pressestelle der Reichsbahndirektion Halle a. S. teilt mit: Durch Hochwasser der Weißen Schöps (Nebenfluß der Spree) ist die Bahnstrecke zwischen Horka und Uhsmanns- dorf gesperrt. Der Durchgangsverkehr Cottbus—Görlitz wird umgeleitet über Cottbus — Sorau — Kohlfurt. Der Ortsverkehr wird durch Pendelverkehr aufrechterhalten.
Die Oder führt ebenfalls starkes Hochwasser, besonders im oberen Teil. So ist das Wasser in Ratibor innerhalb 24 Stunden um 4,28 Meter auf 6,28 Meter gestiegen und steigt weiter. Wie vom Observatorium Krietern gemeldet wird, ist es weiterhin zu außergewöhnlich kräftigen Nieder- schlägen gekommen. Aus dem Hochgebirge wird orkanartiger Sturm gemeldet. Auch im Flachland sind vielfach Böen bis zu 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit aufgetreten.
In der Gegend von Freystadt stehen die Ortschaften Skreidelsdorf, Lulsdorf und Teichhof vollkommen unter Wasser und sind von der Außenwelt abgeschnitten. Pioniere aus Glogau sind damit beschäftigt, die Orte zugänglich zu machen.
MW«erlatastrovhe in Stambul
12 bis 15 Tote?
Konstantinopel, 29. Oktober
Unter den Einwirkungen des starken anhaltenden Regens stürzte im Hafengebiet Galata in Stambul ein Arbei- lerwohnhaus ein. Die Hausbewohner wurden zum Teil von den Trümmern verschüttet; nähere Einzelheiten fehlen noch, man befürchtet aber, daß mindestens 12 bis 15 Todesopfer zu beklagen sind. Das Haus war schon sehr baufällig, aber mit Arbeiterfamilien stark besetzt.
Reichrladinett und Milkt
Minister Treviranus in Ostpreußen
Berlin, 29. Oktober.
i Die Beratungen des Reichskabinekts über die Osthilse sind unterbrochen und werden voraussichtlich erst im Laufe der kommenden Woche fortgeführt werden können. Inzwischen ist der Reichskommissar für die Osthilfe, Reichsminister Treviranus, nach O st p r e u ß e n gefahren, um noch genauere Erhebungen anzustellen. Er wird diese Untersuchungen auch in Pommern durchführen, um so an Ort und Stelle ein genaues Bild der Notwendigkeiten und Möglichkeiten einer erfolgreichen Unterstützung des notleidenden Ostens zu gewinnen.
Bei den letzten Beratungen des Kabinetts handelte es sich u. a. um die Frage, ob die Antragsfristen für den Voll st reckungs schütz, die am 31. Oktober ablaufen, verlängert werden sollen. Die Ansichten darüber find geteilt. Insgesamt liegen bisher nur etwa 500 Anträge vor, wovon ein sehr erheblicher Teil aus Kreisen kommt, die gar nicht unter den Vollstreckungsschutz fallen. Aus Pommern sind nur 80 Anträge eingegangen. Die Bedenken richten sich nun dagegen, daß die Verlängerung des Vollstreckungsschutzes den Anschein eines Moratoriums erwecken und kreditschädigend wirken könnte. Andererseits haben sich die betroffenen Gebiete trotz der Tatsache, daß von dem Schutz nur in verhältnismäßig geringem Umfange Gebrauch gemacht worden ist, sehr stark für die Verlängerung eingesetzt. Man kann wohl annehmen, daß Reichsminister Treviranus auch dieses Problem durch persönliche Fühlungnahme zu stören beabsichtigt
Eine weitere wesentliche Frage ist die räumliche Ausdehnung der Osthilfe auf ganz Pommern, Mecklenburg- fn smi Hilft M^teQ. M^Kfl IIPt
Hierbei spielt vor allem die Aufbringung der Mittel eine ) Rolle. Ausgeschlossen ist sie offenbar für die Ausdehnung der Lastensenkung auf das erweiterte Gebiet. Ein weiterer Vorschlag des Reichsministers Treviranus geht dahin, auf Grund des Reichsgesetzes über die Arbeitslosenversicherung und die Fürsorgepflichtverordnung im Osthilfegebiet Unter- stützungsempfänger in größerem Umfang zu Meliorationsarbeiten heranzuziehen. Der Minister hat für diesen Zweck 6 Millionen Mark aus der produktiven Erwerbslosenfürsorge angefordert. Die Entscheidung darüber dürfte jedoch erst im Zusammenhang mit den anderen Einzelfragen der Osthilfe erfolgen.
Berliner Metallarbeiterstreik beigelegt 4
U Endgültiger Schiedsspruch Anfang November.
Berlin, 29. Oktober.
Unter dem Vorsitz des Reichsarbeitsministers Dr. Ste- gerwald fanden am Dienstag im Reichsarbeitsministerium Verhandlungen mit Vertretungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer der Berliner Metallindustrie statt, die mit folgender Vereinbarung endeten:
1. Die Arbeit wird sofort unter den alten Bedingungen wieder ausgenommen. Maßregelungen aus Anlaß dieses Streiks finden nicht statt.
2. Die Entscheidung der im Schiedsspruch vom 10. Oktober behandelten Fragen erfolgt durch Schiedsspruch einer Schlichtungsstelle. Diese besteht aus drei Unparteiischen, die vom Reichsarbeitsminister nach Benehmen mit den Parteien ernannt werden.
3. Die Verhandlungen vor der Schlichtungsstelle sind möglichst bald zu beginnen. Die Entscheidung hat spätestens in der ersten Woche des Novembers zu erfolgen und ist endgültig.
Am Mittwoch, dem 29. Oktober, setzen sich die Betriebsräte mit den Firmen wegen der Wiederaufnahme der Arbeit in Verbindung.
Trauer um die toten Sasrbrrzleste
Flaggen auf Halbmast — kenn öffentlichen Tanzveranstaltungen
Berlin, 28. Oktober.
Aus Beschluß des preußischen Staatsministeriums sind heute anläßlich der Beisetzung der Opfer des Grubenunglücks von Maybach, die staatlichen und kommunalen Dienstgebäude, die Gebäude der übrigen Körperschaften des öffentlichen Rechts sowie die Gebäude der öffentlichen Schulen halbmast zu flaggen. Auch haben alle öffentlichen Tanzveranstaltungen an diesem Tage zu unterbleiben.
Auf Anregung der christl. Kirchenbehörden wird während der Trauerfeier für die Verunglückten der Grube Maybach von allen Kirchen geläutet. Außerdem zeigen die Kirchen Trauerbeflaggung.
Der Reichskanzler hat an das deutsche Mitglied der Re- gierungskommission des Saargebiets 4000 Mark zur Linderung der ersten Not der von der furchtbaren Katastrophe auf der Maybach-Grube Betroffenen überweisen lassen.