HersfelöerTageblatt
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hersfel-er Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
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Nr. 253
Dienstag, den 98. Oktober 1930
80. Jahrgang
Die Beschießung des Dampfers „Baden"
26 Fahrgäste tot, 43 verletzt — Kein Verschulden des Kapitäns
Sühneforderung Deutschlands
Mdim gegen Versailles!
„Wer kann wollen, daß diese Komödie endlos weitergeht?"
Rom, 28. Oktober.
Mussolini hielt vor den Vorständen der Faschistischen Provinzverbände ganz Italiens eine Rede, in der er an seine im Mai in Florenz und Mailand gehaltenen Reden erinnerte, in denen er jenem alten heuchlerischen Europa, das in Gens vom Frieden stammele und überall zum Kriege rüste, die Maske habe herunterreißen wollen. Diese Reden seien als eine Kriegserklärung aufgefaßt worden, während man vergessen habe, daß der Krieg gegen das faschistische Regime seit 8 Jahren von den Männern, Gruppen, Parteien und Sekten geführt werde, auf die er in Florenz angespielt habe. „Faschisten töten, weil sie Faschisten sind, das faschistische Regime verleumden, um ihm jeden Kredit zu nehmen, ist das nicht eine Kriegshandlung?" fragte Mussolini.
„Dieser geistige krieg bereitet den militärischen krieg gegen das faschistische Regime vor. Bald werden wir auch Kindern die Hände abgehackt haben, wie dies den Deutschen im Jahren 1914 nachgesagt wur-1, was nicht ausschloß, daß sich jede Spur dieser verstümmelten Kinder verlor.
Jede Verleumdung, auch die infamste, wurde gegen den Faschismus geschleudert, um den Haß gegen das faschistische Italien, der von Millionen und aber Millionen gepredigt wird, zu schüren. Wir kämpfen gegen eine untergehende Welt, die jedoch noch die mächtige Vertreterin gebundener Interessen ist. Indessen werden neben dem geistigen Krieg die Vorbereitungen des materiellen Krieges an unseren sagte Mussolini,^f',nd' Tag für Tag bereitungen ausgezeichnet, die seit 1927 gegen Italien unternommen worden sind, hier ist die Liste der aufgestellten Batterien, der errichteten Forts, der vorbereiteten und angelegten Armierungen. Konnte ich noch länger warten, um das italienische Volk wachzurütteln? Natürlich haben diejenigen, denen die Maske heruntergerissen wurde, versucht, Italien als die einzige Gefahr für den europäischen Frieden hinzustellen, als den einzigen Wolf unter einer Herde friedlicher Lämmer. Dieses Spiel ist kindisch. Das faschistische Italien wird in dem Maße rüsten, wie alle rüsten. Es wird adrüsien, wenn alle abrüsten. Das faschistische Italien wird niemals die Initiative zu einem Kriege ergreifen. Auch unsere Politik der Revision der Vertrüge, die nicht von gestern datiert, sondern schon im Juni 1928 in Aussicht genommen wurde, ist darauf gerichtet, einen Krieg zu verhüten.
Die Revision der Friedensverträge liegt im Interesse Europas und der Welt.
Das ist nicht sinnlos oder undurchführbar, da diese Revi- sionsmöglichkeit auch im Völkerbundspakt vorgesehen ist. Sinnlos ist nur die Behauptung der Unbeweglichkeit der Verträge. Wer verletzt den Völkerbundspakt? Diejenigen, die in Genf zwei Kategorien von Staaten geschaffen haben und für alle Ewigkeit aufrechterhalten wollen, nämlich bewaffnete und waffenlose. Welche juristische und moralische Gleichberechtigung kann zwischen einem Bewaffneten und einen Waffenlosen bestehen? Wie kann man wollen, daß diese Komödie endlos weitergeht, wenn die Hauptdarsteller selbst anfangen, ihrer müde zu werden?
Nun auch Polizeizuschutzsperre für Braunschweig?
Reichsinnenminister und die Angelegenheit Franzen.
Berlin, 28. Oktober.
Der Reichsminister des Innern hat an die Brannschwei- gische Staatsregierung ein Schreiben gerichtet, in dem er darauf aufmerksam macht, daß er sich eine Entscheidung hinsichtlich der Auszahlung weiterer Zuschüsse aus Relchs- mitleln zum Zwecke des polizeilichen Schutzes an die Braun- schweigische Staatsregierung vorbehält.
Ueber die Begründung zu diesem Schritt war Näheres noch nicht zu erfahren, doch wird man in der Auffassung nicht fehlgehen, daß er in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entwicklung steht, die der Fall Franzen in den letzten Tagen genommen hat.
Bekanntlich hat der preußische Justizminister sich veranlaßt gesehen, beim Reichsminister des Innern zu beantragen, daß beim Reichstag die Genehmigung zur Strafverfolgung Dr. Franzens in feiner Eigenschaft als Reichstagsmitglied wegen des Vergehens der Begünstigung eingeholt wird. — In Berliner politischen Kreisen wird in diesem Zusammenhang hervorgehoben, daß es Bedenken auslösen muß, wenn ein Minister des Innern, der ja in dieser Eigenschaft der oberste Träger der Polizeigewalt in seinem Bezirk ist, in eine Angelegenheit verwickelt erscheint, in der es sich um einen Versuch der unrechtmäßigen Haftbefreiung eines wegen Verletzung der Bannmeile Inhaftierten handelt.
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Eine Einigung über die Verlängerung der internationalen Rohstahlgemeinschaft ist immer noch nicht erzielt worden.
Die Beschießung der „Baden"
Der erste Bericht des Kapitäns
Hamburg, 28. Oktober.
Vom Kapitän des Dampfers „Baden" ist bei der Hamburg—Amerika-Linie folgendes Telegramm über die Beschießung des Dampfers eingetroffen:
„Baden" auslaufend, alle Kriegsfahrzeuge und Forts durch Senken der Flagge grüßend, mit besonderer Ausfahrt- erlaubnis des Hafenkapitäns versehen, vor Passieren des Forts Santa Eruz Pfeifensignal gebend, wurde, nachdem bereits Insel Eokunduba passiert hatte, beschossen. Granatvolltreffer, Hintermast über Bord 26 Tote und 43 Verwundete, Hamen deutscher Passagiere bereits abgesandt. Zwecks provisorischer Reparatur und Ablegen der Verklarung ist Verbleiben bis Monlagmitlag erforderlich.
Wie Associated Preß aus Rio de Janeiro berichtet, geben sowohl die Regierung wie auch die Presse ihrem Bedauern über die folgenschwere Beschießung des deutschen Dampfers „Baden" Ausdruck. Die Zahl der Todesopfer der Beschießung belauft sich bisher auf mindestens 26. Die brasilianische Regierung hat nunmehr den Bericht des Hafenmeisters von Rio de Janeiro herausgegeben. Danach seien alle Schiffskapitäne seit zwei Wochen angewiesen worden, bei der Ausfahrt ihre Absicht entweder durch Signale bekantzugeben oder in nächster Nähe des Forts Santa Cruz vorbeizufahren. Nur unter diesen Bedingungen sei ihnen die Ausfahrt gestattet gewesen. Das Fort habe über-
Der Kommandant des Forts Santa Eruz erklärte, er habe zunächst zwei Warnunasichüsie abaeaeben und dann
mit einem teichken Geschütz scharf geschossen. Alle diese Schüsse wären in der Rähe des Dampfers „Baden" ein- geschlagen, doch habe das Schiff daraufhin seine Geschwindigkeit nur erhöht, hierauf habe er zwei schwere Granaten abfeuern lassen, um die „Baden" zum halten zu bringen. Auch diese Schüsse hätten den Dampfer nicht getroffen, wohl aber ein vom Fort Vigia abgefeuerter Schuß, der den Vordermast des Dampfers umlegte. Durch den herabstürzenden Mast seien dann viele Personen an Bord es Dampfers getötet und verletzt worden.
Das brasilianische Außenministerium hat der deutschen, der spanischen und der polnischen Gesandtschaft das Bedauern der Regierung über den Zwischenfall zum Ausdruck gebracht. Die Regierung läßt den Verletzten jede Hilfe angedeihen. Die Zeitung „Correio da Manha" hat eine öffentliche Sammlung zugunsten der Hinterbliebenen der Opfer eingeleitet.
Bereits am Sonntag fand in Rio de Janeiro das Begräbnis der 26 Todesopfer statt.
Deutsche Sühneforderung
Die deutsche Ge s a n d t s ch a f t in Rio de Janeiro hat sofort nach Bekanntwerden der Beschießung des Hapag- Dampfers „Baden" eine Untersuchung eingeleitet und zu diesem Zwecke eine deutsche Kommission an Bord des Dampfers geschickt. Zugleich hat sie sich mit den zuständigen brasilianischen Stellen in Verbindung gesetzt. Die-bra- silianischen Behörden haben ohne weiteres zugesichert, alles zur Aufklärung des Falles Notwendige einzuleiten und schuldige Personen zur Rechenschaft zu ziehen. Die Gesandtschaft ist angewiesen worden, auf Grund des festzustellenden Sachverhalts angemessene Genugtuung und vollen Schadenersatz zu fordern.
Nach einer Meldung der „Rew Park Times" belauft sich die Zahl der in den Krankenhäusern liegenden Schwerverletzten auf 40, die der Leichtverletzten auf 22. Die große
Zahl der Getöteten wird damit erklärt, daß die Granate das Vorderdeck getroffen habe, das mit spanischen und polnischen Auswanderern für Buenos Aires dicht besetzt ge- * wesen sei.
„New Park Times" schreibt weiter, die provisorische Regierung Brasiliens sei sehr bestürzt über den Vorfall und verbiete die Absendung -von Kabelnachrichten darüber, weil sie offenbar einen nachteiligen Eindruck im Ausland be fürchte.
Brasilianische Hasen werden nicht angelausen
Die politischen Wirren in Brasilien zwingen die europäischen Reedereien, die mit Brasilien verkehren, zu äußerster Vorsicht. Schon vor der Beschießung des Hapag- Dampfers „Baden" haben mehrere, darunter auch deutsche - Reedereien, mitgeteilt, daß sie ihre Abfahrten aufschieben müßten: So erklärt die Hamburg-Süd, daß alle ihre Abfahrten nach südbrasilianischen Häfen einstweilen nicht statt- finden würden Die im Verkehr nach Nordbrasilien arbeitende englische Booth Line hat ihre Oktoberexpedition nach Nordbrasilien einstweilen auf unbestimmte Zeit verschoben. Nach dem Zwischenfall mit der „Baoen" werden wahrscheinlich noch mehr Reedereien von Verschiffungen vorläufig ab=x sehen.
3er Feftungslommmdant in Ich«!»
Die Untersuchung der Beschießung der „Baden'".
Rewyork, 28. Oktober.
... »«Kr« K» ^«..»»w schaff und vom Kapitän der „Baden" gesammelte Beweis- material ein Verschulden des Festungskommandanten fest- stellt, der den verhängnisvollen Schuß abgeben ließ. Diesem Offizier, einen Hauptmann Rollin, wird vorgeworfen, daß er die militärischen Befehle sowie die schriftlichen Instruktionen des Hafenkapitäns bezüglich der Re ^clung der Dampferausfahrten mißverstanden habe.
Brasilien bleibt seiner Außenpolitik treu
Eine Erklärung des Generals Tasso Fragoso.
Rio de Janeiro, 28. Oktober.
General Tasso Fragoso erklärte, daß die Regierungs- junta rein provisorischen Charakter tragen und die Regie- rungsgewalt den bereits nach Rio de Janeiro einberufenen Vertretern der nationalen Bewegung übergeben werde. Die Ernennung Mello Francos zum Außenminister beweise die Absicht der provisorischen Regierung, die herzlichen Beziehungen Brasiliens zu sämtlichen Ländern der Welt aufrechtzuerhalten.
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Am Montag fielen im Zentrum der Stadt Schüsse, ohne daß man erfuhr, von wem sie abgegeben wurden und welche Bedeutung der Schießerei zukam, da die Einwohner von Offizieren vor dem Betreten der Hauptstraßen gewarnt worden waren.
Der Justizminister hat bekanntgegeben, daß das Gerücht, wonach ein Teil der Militärpolizei gemeutert habe, falsch sei. gleichzeitig erklärte er, die provisorische Regierung beherrsche die Lage vollkommen.
Spanien und der „Baden"-Zwischensalt.
Madrid, 28. Oktober.
Der spanische Außenminister veröffentlicht eine Note, in der zum Schluß erklärt wird, daß, ohne die Anerkennung der neuen brasilianischen Regierung zu präjudizieren, der spanische Gesandte in Rio de Janeiro beauftragt worden sei, mit den de facto-Behörden Verhandlungen über den „Ba- den"-Zwischenfall aufzunehmen.
Eine heheezigenrwerte Anregung
Einschränkung der gesellschaftlichen Veranstaltungen.
Berlin, 28. Oktober.
Bei der großen wirtschaftlichen Not, mit der weiteste Kreise des deutschen Volkes zu kämpfen haben, muß jedes Uebermaß an Feiern und Vergnügungen vermieden werden. Aus diesem Grunde haben die Reichs- und die preußische Staatsregierung beschlossen, Einladungen gesellschaftlicher Art nur beim Vorliegen besonderer Anlässe Folge zu leisten, und ihre gesellschaftlichen Veranstaltungen auf das Mindestmaß dessen einzuschränken, was mit pflichtgemäßer Repräsentation vereinbar ist. Der Herr Reichspräsident hat diesen Beschluß ausdrücklich gutgeheißen.
Die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung richten angesichts des Ernstes der Zeit an alle Kreise die dringende Aufforderung, doch ihrerseits die gesellschaftlichen Veranstaltungen einzuschränken und insbesondere von öffentlichen Festlichkeiten möglichst abzusehen.