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HersfelöerTageblatt

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p Hewfelöer Kreisblatt

j Amtlicher Anzeiger für öen Kreis Hersfelö

Nr. 252 Montag, den 27. Oktober 1930

: Monatlicher Bezugspreis: durch die Post bezogen 1.50 : Reichs-Mark, ausschließlich Bestellgeld, für Hersfeld ; 1-20 Reichs-Mark bei freier Zustellung, für Abholer : 1-00 Reichs-Mark. Druck und Verlag von Ludwig ; Kunks Buchöruckerei in Hersfeld, Mitglied öes vSZV. '^^^^^^^^^^^^^^^^^^4^^^^^^^^^^

80. Jahrgang

Trauertag des deutschen Volkes

In Alsdors wurden 262 tote Bergknappen unter Teilnahme des ganzen Volkes zur letzten Ruhe bestattet

Die Totenfeier von Aisdork

Alsdorf, 26. Oktober.

Die herbstliche Stimmung der Jahreszeit paßte zu der Trauer, die Alsdorf und das ganze Aachener Land erfüllt. Am Sonnabendvormittag wurden die 262 Särge vom Ver­waltungsgebäude der Grube Anna auf von Taufenden und aber Taufenden trauernder Menschen umsäumtem Wege zu dem Sonderfriedhof für die Opfer der Alsdorfer Gruben- katastrophe geleitet. Schon um 8 Uhr morgens begannen die Glocken in Alsdorf und der Umgebung den Trauertag ein- zuläuten. Unübersehbare Menschenmassen, schwarz geklei­det, in stiller Trauer, Hunderte von Leidtragenden und Hin­terbliebenen in tiefem Schmerz fanden sich auf dem Gru- bengelände ein, um dieser Trauerstunde beizuwohnen.

Der Reichspräsident, der Reichskanzler und die Reichs­regierung hatten den Reichsarbeitsminister Stegerwald als ihren offiziellen Vertreter entsandt, für die preußische Regierung nahm Handelsminister Dr. S ch r e i b e r teil; die Nachbarländer Holland und Frankreich, ferner Jugoslawien hatten besondere offizielle Vertreter entsandt. Nach einer kurzen Ansprache des Generaldirektors des Eschweiler Berg­werkvereins, Dr. Westermann, der den Hinterbliebenen das Beileid, den Rettern den Dank der Verwaltung aussprach, nahm Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald das Wort, um zunächst die innige Anteilnahme des Reichspräsidenten, des Reichskanzlers und der übrigen Mitglieder der Reichsregie­rung den Leidtragenden auszusprechen und dann zu erklä­ren:

Die Bergbaukatastrophe, deren unglückliche Opfer wir in dieser Trauerstunde ehren, hat nicht nur unter Tag gewütet, sondern auch über Tage zerstört und vernichtet un5 so in gleicher We,,e .-^MMMM ,'l'Or wie Büro- beamte, Angestellte, Arbeiter und ^r^rfertttlfift^b^^ Sage dahingerafft. Wiederum haben Frauen ihre Männer, El­tern ihre Söhne, Kinder den Vater oder die Mutter ver­loren. Trotz der Opferfreudigkeit und Todesverachtung der getreuen Helfer konnten leider so viele, die man noch immer lebend zu retten hoffte, nicht mehr gerettet werden. Eine unendliche Trauer liegt über ganz Deutschland, und mit un­serem Volke trauern fast alle Völker der Welt um die Hel­den der Arbeit, vor deren Särgen wir aufs tiefste erschüttert stehen. Unser herzliches und aufrichtiges Mitgefühl gilt vor allem den Hinterbliebenen und den Verletzten. Was irgend getan werden kann, um ihr Leid zu lindern, sie vor Not zu bewahren, soll und wird geschehen. Die Hilfe wird nicht nur auf die gesetzlich vorgeschriebenen Unterstützungen be­schränkt, sondern darüber hinaus sind besondere Hilfsmaß­nahmen eingeleitet.

Ihr, die Ihr jetzt im Tode ruht, standet im Bewußt­sein des Schicksals, das Euch täglich ereilen konnte, in Eurer ernsten harten Arbeit. Ihr fielt in treuer Pflichterfüllung im Dienste Eures Volkes! Mit dem Kranze, den ich im Auf-

Die Särge der Opfer werden in die Gruft getragen, trage des Herrn Reichspräsidenten und der Reichsregierung überbringe, ehrt das ganze deutsche Volk in dankbarem Ge­denken Euer Wirken, Euer Streben!

Nach dem Reichsarbeitsminister sprach im Namen der Preußischen Regierung Handelsminister Dr. Schreiber. Er führte aus:

Tief erschüttert stehen wir an den Särgen all der bra­ven Bergleute, die mitten in ihrer friedlichen Arbeit, von furchtbarer Katastrophe überrascht, so jäh dem Leben und ihren Lieben entrissen wurden. Die Erde gibt die Schatze, die sie birgt, nichther ohne schwere Opfer, die der Bergbau in allen Ländern immer wieder ordert Aber selten war das Opfer so groß, wie es bei diesem Schicksalsschlag von deutschen Bergleuten gefordert wurde. Das, was die An­gehörigen der Verstorbenen in diesen Stunden des Grauens verloren haben, vermag niemand ihnen zu ersetzen. Möge es den Witwen und Waisen ein Trost sein daß mit ihnen das ganze deutsche Volk und über Deutschlands Grenzen hinaus auch der Bergbau, und die Bergleute des Auslandes aufrichtig Anteil nehmen an der Trauer, in die sie versetzt

Wieder eine Bergwerkskata- strophe. Nber 100 Tote!

Saarbrücken, 27. Oktober.

Noch steht die ganze Welt unter dem Eindruck der ent­setzlichen Bergwerkskatastrophe von Alsdorf und kaum hat sich die Erde über die Särge der 262 toten Bergleute geschlos­sen, da trifft aus dem Westen Deutschlands schon wieder die Schreckensnachricht von einer neuen Grubenkatastrophe ein.

Einer Schlagwetterexplosion ist am Sonnabend nachmittag im Hauptquerschlag der vierten Tiefbausohle der bei Z riedrichsthal gelege­nen Schachtanlage M a y b a ch eine erschreckend große Anzahl wackerer Bergleute zum Opfer gefallen. Bis Sonntag, 17 Ahr, wurden 85 Tote geborgen, im Laza­rett sind drei Verletzte gestorben. Unter Tage liegen an einer Stelle, die nicht zugänglich ist, vier Tote. Außer diesen 92 Toten fehlen noch sieben Bergleute, die an einer Stelle liegen, wo die Wetter noch brennen, die aber ebenfalls tot sind. Drei verletzte Bergleute konnten sich durch den benachbarten Zugenwald-Schacht retten. 20 Bergleute werden noch vermißt, und es besteht keine Hoffnung, daß sie noch am Leben sind. 18 Verletzte befinden sich im Krankenhaus.

Nach den Erzählungen des Fahrsteigers der betroffenen Abteilung ist zu vermuten, daß eine Benzollokomotive aus der vierten Sohle explodierte, was die Entladung der schla­genden Wetter zur Folge hatte.

Die Rettungsarbeiten gestalteten sich Sonntag srüh besonders schwierig, da sich im Stollen eine große Hitze entwickele, so daß es kaum möglich ist, mit den Rettungsgeräten vorwärts zu kommen. Die von der Explosion betroffene Grubengegend galt von jeher ^iL^Lrk schlagxoetterhaltig, Die Abteilung IX, der fast sämt- nmo 'Berimgiüctte ""yiwrw >«k-°»»-7^-i- >^^7 b«innhären Aussicht des Fahrhauers Meiser, der sich unter den noch nicht geborgenen Toten befindet. Die bergpolizeiliche Untersuchung, die sofort eingeleitet wurde, hat bis jetzt noch keine Klärung der Ursache der Explosion erbringen können.

Beileid der Reichsregierung.

Berlin, 27. Oktober.

Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s hat namens der Reichsregierung dem Präsidenten der Regierungskommission des Saargebiets anläßlich des Unglücks auf Grube Maybach die aufrichtigste Teilnahme ausgesprochen und gebeten, diese Teilnahme auch den Verletzten und Hinterbliebenen über­mitteln zu wollen.

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Beileid der französischen Regierung an die Saarkommission.

Saarbrücken, 27. Oktober.

Der französische Außenminister B r i a n d sandte dem Präsidenten der Regierungskommission ein Beileidstele­gramm, in dem er im Namen der Regierung der Republik, die sich in Ehrfurcht vor den Opfern der Katastrophe auf der Grube Mapbach verneige, den betroffenen Familien die innigste Anteilnahme und den am Rettungswerk Beteiligten seine Anerkennung ausdrückte.

Desgleichen sprach der Minister für öffentliche Arbeiten, P e r n o t, den Familien der Verunglückten und den Ver­wundeten seine Anteilnahme aus.

Der Regierungspräsident von Trier, Dr. Saaßen, übersandte ebenfalls ein Beileidstelegramm.

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kommunistische Kundgebungen gegen die Bergwerksleikung.

Jotbad), 27. Oktober.

Die Kommunisten haben in der Nacht zum Sonntag gegen die Betriebsleitung der Bergwerke demonstriert. Saarländische Gendarmerie mußte eingreifen.

worden sind. Noch ist die Ursache dieser Katastrophe ein Rätsel. Möge es der sorgfältigen Untersuchung gelingen, sie zu klären und neue Mittel und Wege zu finden zur Ab­wendung der Gefahren, die immer noch den Bergbau um­lauern. Meine Verwaltung wird in Gemeinschaft mit allen Beteiligten alle ihre Kräfte für dieses hohe Ziel einsetzen, und es wird alles geschehen, was irgend in Menschenhand liegt, um die Wiederkehr ähnlicher Katastrophen zu ver­hüten.

Den Verletzten wünschte der Minister baldige und völ­lige Genesung, den Rettungsmannschaften sprach er beson­dere Anerkennung und wärmsten Dank aus. Sie hätten durch ihr tatkräftiges Eingreifen manchem Kameraden das Leben gerettet und die alte Treue bewährt, die im deutschen Bergbau von jeher eine Stätte hatte. Den Toten weihte er. als Abschiedsgruß zur letzten Grubenfahrt den alten Berg­mannsgruß: Glück auf!

Ergreifende Abschiedsworte sprachen hierauf die Ver- ireter der drei Konfessionen. Abschiedsgrüße überbrachten die Vertreter des Gewerkvereins Christlicher Bergarbeiter, der Bergarbeiter-Internationale und schließlich ein hollän­discher Abgeordneter des niederländischen Roten Kreuzes, der zugleich die Anteilnahme der niederländischen Königin and des niederländischen Volkes zum Ausdruck brächte.

Die Geistlichkeit am Masfengrab-

Dann wurden unter Orgelspiel die 262 Särge aus dem Zechengebäude herausgebracht. Kopf an Kopf stand die Menge in dichten Reihen auf dem Wege nach dem Friedhof, um den Toten die letzte Ehre zu erweisen.

Die Beisetzung

Die Ueberführung der Opfer nach dem Kirchhof erfolgte in geschlossenem Zuge, nachdem die letzten Särge auf die riesigen Vafttraftroagen- geiuben worden WEM.. UßMt_Öem Läuten der Totenglocke und den Klängen des Chopinschen Trauermarsches setzte sich der endlose Zug um 11.15 Uhr in Bewegung. Auf den Straßen, die der Zug passierte, herrschte eine lautlose Stille. Hinter den mit Kränzen und Blumen völlig bedeckten Wagen, die den Zug eröffneten, folgte die Geistlichkeit, dahinter in ununterbrochenem Zuge die Wagen mit den sterblichen Ueberresten der so jäh aus dem Leben Gerissenen, dazwischen wieder Blumen und Tau­sende von Kränzen. Zur Seite die Bergknappen mit trauer- umflorten Lichtern.

Der Regen, der zu Beginn der Trauerfeier herniederge­strömt war, hatte inzwischen ausgehört, und die Herbstsonne brach durch die Wolken, als Wagen nach Wagen an den gesenkten Fahnen der Vereine und Abordnungen aus dem ganzen Reiche und an der vieltausendköpfigen Menge vorbei- fuhr. 40 ganz große Lastkraftwagen waren notwendig, um allein die 150 Alsdorfer Toten zur letzten Ruhestatt zu bringen.

In Reihen neben- und hintereinander waren die Särge aufgestellt. Die brennenden Scheinwerfer der Wagen waren mit Trauerflor verhängt. Hinter den Wagen folgten die Angehörigen: alte Mütterchen, von ihren Kindern geführt, Eltern, die die Söhne, Frauen, die ihre Männer, Kinder, die ihre Väter verloren haben, einfache Leute alles, eine unübersehbare Menge.

Nach endlos scheinender Zeit kamen die Toten aus Schaufenberg und Hellersdorf unter Vorantritt der Beamten und der Belegschaft des Eschweiler Bergwerkvereins, die engsten Freunde und Mitarbeiter der Toten, die Kamera­den, die zum Teil unter eigener höchster Lebensgefahr ihre verunglückten Freunde aus der Grube geborgen hatten.

Die Alsdorfer Toten wurden nach dem eigens für sie angelegten Friedhof gebracht, die von Schaufenberg und Hellersdorf in ihre Heimatsorte.

Auf dem neuen Gemeindefriedhof von Alsdorf wurden rund 140 Opfer der schweren Grubenkatastrophe bestattet. An den Gräbern spielten sich herzzerreißende Szenen ab.

Die Zahl der an den Trauerfeierlichkeiten teilnehmenden Personen dürfte an 150 000 betragen haben. Erst gegen 14 Uhr war der offizielle Tranerakt beendet, und nur ganz allmählich entfernten sich die Angehörigen von der letzten Ruhestätte ihrer Toten.

kommunistische Kundgebung

Während des Traueraktes auf dem Friedhof versuchte die revolutionäre Gewerkschaftsorganisation (RGO.), eine Kundgebung zu verunstalten, indem mehrere hundert Mit­glieder dieses Verbandes mit Fahnen und Kränzen die Straßen durchzogen Einige Musikkapellen spielten kom­munistische Lieder. Auf dem Marktplatz kam es zu Zusam­menstößen mit der Polizei, die damit endeten, daß die Kom­munisten ihre Kränze auf dem Marktplatz niederlegten.

Die Trauer in Berlin

Während in Alsdorf die Trauerfeier für die Opfer der Katastrophe im Wilhelms-Schacht stattfand, gedachte auch Äe Reichshauptstadt Der Toten. Um 10 Uhr wurden zu ihren Ehren alle Glocken geläutet; alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser hatten die Reichs- und die Landesfarben halbstock gefetzt.