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Nr. 250
Freitag, den 24. Oktober 1930
80. Jahrgang
RlsSorfs Tolenliste noch nicht abgeschlossen
251 Tote sind bereits geborgen — Die Zahl der Vermißten ungewiß
Ergebnis der Woche
H. St Die tiefe Spannung der politischen Lage in ganz Europa, die man bekanntlich durch mehr oder minder s wirkungsvoll stilisierte Friedensreden in Genf zu verhüllen > gewohnt ist, tritt mit besonderer Deutlichkeit zutage, wenn man sich den Ausspruch einer maßgebenden polnischen Zeitung, die direkt von Pilsudski beeinflußt wird, vergegenwärtigt. „Die Einverleibungganz Ost Preußens in Polen und die Hinausverlegung unserer Westgrenze an die Neiße und die Oder sind unser Ziel. Es zu erreichen, ist in diesem Augenblick die große Aufgabe des polnischen Volkes. Unser Krieg gegen Deutschland wird die Welt staunen machen." Nach den stürmischen Aus- brüchen des tschechischen wie des polnischen Nationalismus, hinter denen, wie immer wieder betont werden muß, in jedem Falle die ganze Nation als ein geschlossenes Ganzes steht, kann die monumentale Deutlichkeit dieses Ausspruches nicht weiter Wunder nehmen. Herr Pilsudski plaudert in einem besonders offenherzigen Moment eben nur einmal aus, was feit Gründung des polnischen Staates in Polen jedes Herz bewegt und was er nur hin und wieder einmal zu verschweigen für nützlich hielt, wenn es gerade die Rücksicht auf die außenpolitische Lage forderte. Wenn Polen heute mit begrüßenswerter Offenherzigkeit den Krieg gegen Deutschland ankündigt, so liegen die Gründe dafür auf der Hand. Die polnische Nation, die bekanntlich durch eine tragikomische Verkettung der Verhältnisse zu einer ephemeren Macht emporgestiegen ist, scheint deutlich zu empfinden, daß ihr Stern im Sinken begriffen und daß eine Auflockerung der Friedensdiktate nicht mehr zu umgehen ist. Es entspricht dem polnischen Charakter, in solchen Fällen AW^
Schimpfkanonaden undRenommistereienabzureagieren. Man wird in Deutschland ohne Zweifel diese Geständnisse einer schönen Seele mit lebhafter Heiterkeit begrüßen. Aber was sagt der Völkerbund, der, wie man sich entsinnt, Kriegsäch- tungsverträge in seinem Archiv registriert hat, dazu, daß Herr Pilsudski mit dem — französischen Säbel in der Luft herumfuchtelt?
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Wie sehr aber auch in Frankreich die Krise der Friedensdiktate empfunden wird, geht in sehr charakteristischer Weise aus der in Deutschland vielbesprochenen Friedensoffensive des Herrn Hervo hervor. Heros tritt mit einer immerhin nicht alltäglichen Entschiedenheit für eine nahezu vollständige Aufhebung der Friedensdiktate ein, empfiehlt eine ehrliche Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich und hat sogar die allerdings recht selb same Idee gehabt, daß der französische Stahlhelm sich direkt mit dem deutschen in Verbindung setzen und eine Einigung über die Einzelheiten eines deutsch-französischen Ausgleiches herbeiführen soll. Der Erfolg ist denn auch nicht ausgeblieben: Hervo hat sich vom französischen Stahlhelm eine geradezu wütende Absage geholt, und im übrigen braucht nicht gesagt zu werden, daß seine Anregung die ganze maßgebende französische Presse auf den Plan gerufen hat, die mit erhobener Stimme erklärt, von irgendeiner Revision der Verträge könne gar nicht die Rede sein. Es wäre un= recht, wenn wir in Deutschland über Heros, der sich offenbar aus einem blinden Gefühlspolitiker zu einem kritischen Betrachter der Dinge entwickelt hat und ohne Zweifel mit seinen Vorschlägen die wirklichen Interessen seines Vaterlandes zu wahren versucht, ein billiges Gelächter an- stimmen würden. Aber er ist und bleibt ein Prediger in der Wüste, und seine Anregungen werden praktisch ohne jeden Erfolg bleiben. Heros bedeutet in Frankreich nichts: Briand bedeutet wenig: Poincarö und fein Platzhalter Tardieu, der soeben erst wieder erklärt hat „erst Sicherheit dann Abrüstung" — was praktisch eine grundsätzliche Verneinung des Abrüstungsgedankens bedeutet —, dürfen allein als die wirklichen Exponenten der öffentlichen Meinung Frankreichs gelten. Frankreich wird, daran ist kein Zweifel, feine antideutsche Politik fortsetzen. Daran können selbst wohlwollende und verbindliche Worte nichts ändern.
Frankreichs unversöhnliche Haltung uns gegenüber erscheint nun allerdings manchmal etwas befremdend, wenn man sich die andauernd wachsende Spannung zwischen Frankreich und Italien vergegenwärtigt. Die Flottenverhanolungen haben zu keinem Abschluß geführt, die Gegensätze bleiben weiterfortbestehen, und die italienische Politik sucht fortwährend neue Trümpfe gegen die Ueber- macht Frankreichs in die Hand zu bekommen. Zu den hier in Betracht kommenden Tatsachen gehört in erster Linie die Verlobung des Königs von Bulgarien mit einer italienischen Königstochter, der sich nach nicht ganz unglaubwürdigen Meldungen die Hochzeit einer weiteren Königstochter mit dem Kronprätendenten Otto von Habsburg anschließen soll. Die Bemühungen Italiens um Bildung eines gegen Frankreich bezw. Jugoslawien gerichteten Balkanblockes werden immer deutlicher. Allerdings wird man den Erfolg der italienischen Aktion nicht optimistisch beurteilen können; denn die Gegensätze, die zwischen den einzelnen Valkanstaaten bestehen, sind eben allzu groß, als daß hier irgendein Ausgleich möglich wäre.
251 Tote!
Noch immer Ungewißheit über die Zahl der vermißten
Alsdorf, 23. Oktober
In der Frühe des Donnerstag wurden die Rettungsar- beiten für einige Stunden unterbrochen, da man bis zum Ende sämtlicher Reviere vorgedrungen ist. Von den Rettungs Mannschaften wird gemeldet, daß die Strecken teilweise 300 bis 500 Meter zu Bruch gegangen sind. Es läßt sich noch nicht mit Sicherheit feststellen, ob sich in den zu Bruch gegangenen Strecken noch Verschüttete oder Abgeschlossene befinden. Dagegen vermutet man noch weitere Tote unter den Trümmern des Schachtgerüstes.
Die Rettungsarbeiten wurden deshalb am Donnerstag- morgen mit vereinten Kräften gegen die oberirdischen Trümmerstätten angesehl. Unter den Trümmern des För- derlurmes wurden inzwischen zwei Leichen geborgen. Damit wird die Zahl der Toten von der Grubenverwaltung auf 251 angegeben. In der Bevölkerung von Alsdorf hat sich eine starke Erregung darüber entwickelt, daß es bisher nicht möglich war, eine genaue Liste der Toten Herauszu- geben. Auch eine Aufstellung der bisher noch Vermißten konnte nicht erfolgen.
Bisher wurde die Persönlichkeit von 149 Toten festge- stellt. Die Zahl der Verletzten in den Krankenhäusern ist auf 107 gestiegen. Neun^ von ihnen ringen mit dem Tode.
Die Untersuchung der Alsdorfer
Am Donnerstag fetzte der Unfallausschuß seine Untersuchungen fort. Weitere von der Explosion erfaßte Reviere wurden befahren. Auch in diesen Revieren konnten Ursprungsherde der Explosion nicht festgestellt werden. Während am Mittwoch noch angenommen werden konnte, daß über Tage eine Benzin- oder Benzolexplosion als Ursache vermutet werden könnte, scheidet auf Grund des Ergebnisses der fortschreitenden Aufräumungsarbeiten über Tage diese Annahme aus, weil alle Behälter unversehrt vorgefunden, wurden. Im Interesse der beschleunigten, restlosen Aufklärung der Ursache der Explosion ist es als erforderlich beze ch-, net worden, daß alle Personen, die über Tage irgendwelche Wahrnehmungen über den Explosionsvorgang gemacht ha- ben, sich unverzüglich beim Bürgermeisteramt in Alsdorf melden. I
Die Bergungsarbeiten gestalten sich in ihrem letzten Stadium äußerst mühsam, obwohl mit Anspannung aller Kräfte gearbeitet wird, um die letzten noch Vermißten aus^ der Grube herauszuholen. Es ist begreiflich, daß die Größe des Unglücks und der langsame Fortschritt in der Beseitigung der letzten Hindernisse bei der draußen harrenden Menge Nervosität und Erregung hervorruft. Im benachbarten Aachen wehen in allen Straßen die Flaggen auf halbmast1 Auch Alsdorf selbst gibt auf diese Weise seiner Trauer Aus-, druck. Hin und wieder kommt ein Wagen, mit Tannengrün geschmückt, mit Särgen durch das Werktor. Am Verwais tungsgebäude ist man eifrig damit beschäftigt, die Trümmer, zu beseitigen; eine Arbeit, die noch Tage erfordern wird. Im Gewerkschaftszimmer debattieren Belegschaftsangehörige über die Katastrophe. Auf der Dorfstraße hasten die Ret- tungsmannschaften zu neuer Arbeit. An einem Schalter der. Grübe werden von den Angehörigen die noch Vermißten gemeldet. Zahlen schwirren durch die Luft. Kaum sind die 250 Opfer bestätigt, so wird schon von 270 gesprochen. Das erhöht die Unruhe. Jeder Angehörige möchte Gewißheit über die Seinigen haben, die vorläufig in vielen Fällen noch nicht zu erlangen ist. I
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Die Gemeinde Alsdorf hat einen Friedhof abstecken lasten, der von 200 Arbeitern vorbereitet werden wird. Das Gelände liegt zwischen Tannenwald und Weidenbäumen. Es sind vier große Gräberreihen vorgesehen, durch deren Mitte ein Weg führen wird. Diese Stätte wird der Mittel-' Punkt des zukünftigen Gemeindefriedhofes fein. — An eine Trauerfeier, die am Sonnabend vormittag um 9.30 Uhr im Verwaltungsgebäude der Grube „Anna I" stattfindet, wird sich die Beerdigung anschließen. Der Westdeutsche Rundfunk wird die ganze Trauerfeier auf alle deutschen Sexider über- tragen. — Die Beisetzung der Toten wird, soweit nicht auswärtige Friedhöfe in Frage kommen, am Nachmittag des selben Tages erfolgen.
Holland leitet eine Hilfsaktion ein.
Amsterdam, 24. Oktober.
Der Gouverneur der holländischen Bergwerksprovinz Limburg hat an die Oberbürgermeister seiner Provinz einen Aufruf gerichtet, in dem er sie zur Organisierung von Sammlungen zugunsten der Hinterbliebenen der großen Bergwerkskatastrophe in Alsdorf anspornt. Der Bürgermeister von Heerlen hat bereits die Errichtung eines Hilfskomitees in die Wege geleitet, während die Ortsgruppe Heerlen des holländischen Roten Kreuzes für die Sammlung der zur Verfügung gestellten Geldbeträge sorgen wird. ,
Keine Rettungsmannschaften verschüttet
Die Meldung eines Berliner Morgenblattes, wonach eine aus einem Steiger und 20 Mann bestehende Rettungs- * kolonne durch einen Zusammenbruch von Stollen völlig . von der Außenwelt abgeschnitten worden sei, entspricht, wie wir von der Grubenverwaltung erfahren, nicht den Tatsachen.
Weitere Spenden
Die Städte Saarbrücken und Köln, sowie der Hamburger Senat haben für die Hinterbliebenen der Opfer des Bergwerksunglücks von Alsdorf die Summe von je 10 000 Mark gespendet. Der Reichskanzler hat 6000 Mark zur Verfügung gestellt, die Regierungskommission des Saargebiets 200 000 Franken und der Kyffhäuserbund 5000 Mark.
Revisionsmöglichkeiten der deutschen Schulden
Neue amerikanische Erklärungen zu dieser Angelegenheii.
Washington, 24. Oktober.
Uebereinstimmend mit dem von uns gemeldeten Dementi Dr. Schachts, der vor seiner Abreise nach New Bork ausdrücklich betonte, die Reparationsfrage hier nicht erörtert zu haben, gibt das Schatzamt folgende Erklärung aus:
Das Schatzamt hatte keine offiziellen Besprechungen, weder mit offiziellen noch mit inoffiziellen Vertretern fremder Staaten über die Revision der deutschen Schulden an Amerika und von keiner Seite sind dem Schatzamt Anregungen zur Revision der Schuldenabkommen mit den'alliierten Regierungen zugegangen.
„United States Daily", das hiesige Organ für amtliche Bekanntmachungen, fügt dieser Erklärung hinzu, man be- vor als streng getrennt und halte an dem Standpunkt fest, daß die Bezahlung der letzteren nicht von der Erfüllung der ersteren abhänge. In ähnlichem Sinne äußert sich ein inspirierter Leitartikel „Washingtoner Post", der u. a. mit Rücksicht auf die gegenwärtig hier herrschende Depression an die bereits von Hoover betonte Notwendigkeit erinnert, einen Teil der alliierten Schuldenraten zur Balancierung des Budgets zu verwenden.
Eine Anregung zum Waffenstillstandstag
London, 24. Oktober.
Die britische Regierung hat bei den europäischen und bei der amerikanischen Regierung angeregt, die Uebung aufzu- geben, bei offiziellen Anlässen Kränze an dem in den meisten Hauptstädten errichteten „Grab des unbekannten Soldaten" niederzulegen.
Tschiankaischeks Übertritt zum Christentum
Schanghai, 24. Oktober.
Der Ueberirilt des Staalspräsidenten Tschiankaischek zum Christentum, der sich in aller Stille vollzog, hat in Nanking und Schanghai großes Aufsehen erregt.
Nach dem wechselvollen Feldzug, aus dem Tschiankaischek gerade jetzt siegreich hervorgegangen ist, ist die Taufe ein Schlag gegen die Kommunisten, die im Jangtse-Tal Chri- stenoerfolgungen veranstalteten. Die Taufe bildet einen Präzedenzfall, der weitreichende Folgen für die Gestaltung der politischen Verhältnisse Chinas haben dürfte. Tschiankaischek ist durch die Taufe in die Methodisten-Gemeinde ausgenommen worden.
Um die Pensionierung des
Oberbürgermeisters Bötz
Das Vorgehen des Magistrats wird nicht gebilligt.
Berlin, 24. Oktober.
In der gestrigen Stadtverordnetensitzung wurden nach längerer Debatte zwei kommunistische Anträge, die die pen- sionslose Dienstentlassung des früheren Oberbürgermeisters verlangten, mit 97 gegen 59 Stimmen bei 41 Stimmenthaltungen und ungültigen Stimmen abgelehnt. Ein nationalsozialistischer Zusatzäntrag, der die vorläufige Zurückhaltung des Zurruhesetzungsbesch'eides an Böß verlangt, bis eine neue Untersuchung ergeben habe, ob nicht etwa weitere Dienstoerfehlungen vorlägen, wurde mit 142 Stimmen gegen 59 Stimmen bei einer ungültigen Stimme abgelehnt.
Dagegen wurde ein deutschnalionalex Ankrag, der das Vorgehen des Magistrats mißbilligt, und eine ordnungsmäßige Vorlage über die Pensionierung des Oberbürgermeisters verlangt, mit 101 gegen 95 Stimmen bei drei ungültigen Stimmen angenommen.
Entscheidung im MetaNarbeiterKonsliKi
Berlin, 24. Oktober.
In dem Lohnstreit in der Berliner Metallindustrie fanden am 23. Oktober im Reichsarbeitsministerium Nc )er- Handlungen über den Antrag aäf Verbindlichkeitserk ung des Schiedsspruches vom 10. Oktober 1930 statt. D^ Verhandlungen zogen sich bis in die späten Abendstunden hin. Schließlich wurden die Verhandlungen vertagt, sie sollen ie- doch in Kürze fortgesetzt werden. j