hersfel-erTageblatt
Herssel-er Kreisblatt
Amtlicher Muzeiger für den Kreis Yersfel-
Nr. 241
Dienstag den 14. Oktober 1930
80. Jahrgang
Auftakt im neuen Reichstag
Gewaltiger Publikumsandrang zur Eröffnungssitzung — Die Nationalsozialisten erscheinen in Uniform
Bewegter Auftakt!
# Berlin, 13. Oktober.
Die Eröffnung des neuen Reichstages spielte sich unter einem noch nie dagewesenen Massenandrang des Publikums ab. In weitestem Umkreise des Reichstages mußte die Po- llzei mit größeren Verstärkungen die Absperrungen vor- nehmen, ohne daß es zunächst gelang, die nach Tausenden und Abertausenden zählenden Massen zurückzudrängen. Auch im Reichstag selbst hatte sich eine außerordentlich starke Zuhörerschaft eingefunden. Auf der Publikumstribüne sah man u. a. auch den Prinzen August von Preußen. Auf der Pressetribüne herrschte eine drangvolle Enge.
Fast sämtliche in Berlin vertretenen ausländischen Zeitungen hatten ihre Korrespondenten in den Reichstag entsandt. Vielfach bemerkte man auch Sonderkorrespondenten, die für die ersten Tage des neuen Reichstages nach Berlin entsandt worden waren.
Mmifter Breit zurSSgerosen
Bevor die Sitzung ihren Anfang nahm, wurde bereits bekannt, daß die Wirtschaftspakte! in ihrer um 2 Uhr wieder aufgenommenen Fraklionsfihung die Zurückziehung ihres Kabinetksmitgliedes Dr. Bredt beschlossen hatte.
In einem Schreiben an den Kanzler erklärte der Frak- tionsoorsitzende Dr. Drewitz, seine Fraktion sei einerseits der Auffassung, daß dem Ergebnis der Wahl vom 14. Sep- tembei durch Umbildung oder Neubildung des Kabinetts politisch Rechnung getragen werden muh, andererseits scheine es dringend notwendig, die Z a h l der M i n i st e r i e n zu verringern und die Vollmachten der im besonderen die Wirtschaft beeinflussenden Ministerien in der Hand von Fachleuten zu vergrößern. Um die Durchführung dieser Maßnahmen zu erleichtern, habe die MHWWWMMjjiGOMW»^ len. Sollte bei der Neubildung des Kabinetts die Mitwirkung von Dr. Bredt unabhängig von reinen Parteigesichtspunkten erwünscht oder notwendig erscheinen, so glaube er versichern zu dürfen, daß seine Fraktion etwaige Bedenken gegen eine solche Beteiligung an der heute ganz besonders schwerwiegenden Verantwortung zurückstellen würde, wenn die Gewähr dafür geboten ist, daß den grundlegenden Gesichtspunkten für Gesundung von Staat, Volk und Wirtschaft bei allen Maßnahmen einer künftigen Regierung Rechnung getragen werde.
Die ErWnungrsitzmg
Als die klingeln im Reichstag die Eröffnung der Sitzung bekanntgaben, marschierten die Nationalsozialisten in ihrer Uniform in den Plenarsitzungssaal ein, was von kommuni- stifcher Seite mit Hallo-Rufen und einzelnen Pfiffen beant- wortet wurde. Dann nahm unter dem Vorsitz des Alterspräsidenten Herold die Verlesung der Abgeordneten ihren im wesentlichen ungestörten Veriauf. Nur bei der Verlesung einzelner in den letzten Wochen stärker hervorgelre- tenen Namen machte sich vor allem auf den kommunistischen Bänken entsprechender Begleittumult bemerkbar. „Rot- 5 tont'*- wechselten mehrfach mit „Bluthund"-Rufen ab. Bemerkenswert war, daß die Nationalsozialisten musterhafte Disziplin und parlamentarische Ordnung hielten.
Der Alterspräsident des Reichstags Abg. Herold (Z.) nimmt den Platz des Präsidenten ein, während die Kommunisten rufen:' „Erst den Belagerungszustand vordemReichstagaufheben!" Abg. Herold stellt fest, daß er 82 Jahre alt sei, und fragt, ob ein Abgeordneter älter sei.
Der Alterspräsident Herold eröffnet darauf die erste Sitzung des neuen Reichstags und beruft als Schriftführer die Abgg. T a u b a d e l (Soz.), G ö r i n g (Nat.-Soz.), Rauch- München (Bayer Bp.) und Frau Tausch (Z.). Als Abg. Göring den Schriftführerplatz einnimmt, kommen von den Kommunisten einige ironische Heil-Rufe.
* Alterspräsident Herold ersucht den Schriftführer, den Namensaufruf der Abgeordneten vorzunehmen.
Abg. Torgler (Komm.) ruft: „Draußen werden die Arbeiter niedergeknüppelt, so wird der Reichstag eröffnet!"
Abg. Dr. Albrecht- Hannover, der als erster Natio- nalsoziattst aufgerufen wird, antwortet: „h i e r, h e i l h i t- ler!" Gelächter links ist die Antwort. Beim Aufruf des Reichskanzlers Dr. Brüning rufen die Kommunisten: „Der Hungerdiktator!" Beim Aufruf des Abg. Dr. Goebbels (Nat.-Soz.): „Nieder mit dem Mörder!" Dr. Goebbels betritt erst nach dem Aufruf seines Namens den Saal. Er wird von den Nationalsozialisten mit stürmischen Heil- Rufen und mit Klatschen begrüßt. Die Kommunisten machen Zurufe, die sich auf Goebbels Prozesse beziehen. Dr. Goebbels antwortet: „Ja, ich sabotiere eure bürgerliche Justiz!"
Als der kommunistische Abg. Maddalena aufgerufen wird, rufen die Kommunisten: „Der sitzt in haft, der hat kein Magenleiden wie Goebbels!" Ein Antrag auf Haftentlassung Maddalenas wurde angenommen.
Abg. Torgler (Komm.) protestiert dagegen, daß der Dienstag sitzungsfrei bleiben solle. Offenbar wolle man Reit
gewinnen für den Kuhhandel über Präsidium und Regierung. Er beantragt, am Dienstag eine Sitzung abzuhalten und auf die Tagesordnung eine ganze Reihe kommunistischer Anträge zu setzen, darunter einen Mißtrauensantrag gegen das Kabinett Brüning und einen Antrag auf sofortige Einstellung derNoung- Zahlungen.
Abg. Dr. F r i ck (Nat.-Soz.), der darauf das Wort nahm, wurde von den Kommunisten mit lauten Zurufen empfangen. Von seinen Ausführungen war bei dem Lärm wenig zu verstehen. Er wandte sich gegen die kommunistischen Anträge.
Zwischen den Nationalsozialisten und Kommunisten im Saale hakte sich inzwischen ein heftiger Streit entwickelt!
Schließlich trat aber wieder Ruhe ein und das Haus beschloß, die nächste Sitzung am Mittwoch, 3. Uhr, abzuhalten. Auf der Tagesordnung steht die Wahl des Präsidiums und der sozialdemokratische Antrag auf Kürzung der Abgeordnetendiäten um 20%.
Set parlamentarischen Grotzkämpfen Mittwoch Präsidentenwahl — Donnerstag Regierungserklärung
Da ein Aelteftenrat in dem neugewählten Reichstag naturgemäß bisher noch nicht bestellt werden konnte, versammelte Reichstagspräsident Löbe die Fraktionsführer zu einer Besprechung über die Dispositionen der nächsten Tage. Man kam überein, den Dienstag sitzungsfrei zu lassen, damit die Parteien Zeit für Verhandlungen miteinander, namentlich über die Präsidentenwahlen gewinnen. Am Mittwoch um 3 Ahr sollen dann diese Wahlen vorgenom- men werden. Ferner wurde in Aussicht genommen, in der SBiSiSÄ Genauere Bestimmungen soll jedoch erst der neu zu bestellende Aelteftenrat treffen, der am Mittwoch zu feiner ersten Sitzung zusammentreten wird. Nach dem Verlauf der Besprechung ist anzu- nehmen, daß mit der Regierungserklärung auch die B e - ratung der Mißtrauensanträge, der Anträge auf A u f h « b u ng" z u m B o u n g p l a n verbunden werden wird. Unmittelbar nach Entgegennahme der Regierungserklärung dürfte sich der Reichstag am Donnerstag vertagen. Für die große politische Aussprache würden dann der Freitag und Sonnabend zur Verfügung stehen.
Eine neue Reichstagssraltion
Die Reichstags-Gruppe des Christlich-Sozialen
V o l k s d i e n ft e s hat der Bildung einer technischen F r a k t i o n mit der Reichstagsgruppe der K o n f e r v a t i - ven Volkspartei und den ihr angeschlossenen Deutsch-Hannoveranern einstimmig zugestimmt. Diese Fraktion führt den Namen „Fraktion des Ehristlich- Sozialen Volksdienstes und der konservativen Volksparkei".
Nur vier Konieroatioe
Wie wir erfahren, bestehen zwischen den Konservativen und der Landvolkpartei Meinungsverschiedenheiten über den letzten auf der gemeinsamen Reichs- liste beider Parteien gewählten Abgeordneten. Auf Grund der ursprünglichen Vereinbarungen der Parteien galten fünf Konservative Abgeordnete als gewühlt, nämlich die Abgeordneten Graf Westarp, Treviranus, von Lindeiner-Wildau, Lambach und Hartmann. Das war nur dadurch möglich, daß die vorher auf der Reichsliste gewählten Landvolkabgeordneten, wie vereinbart, zum Teil auf ihr Mandat verzichteten. Nun hat aber der Abgeordnete Mönke nicht auf ein Mandat verzichtet. Dadurch hat der konservative Abgeordnete hartmann kein Mandat mehr erhalten. Die Kon- ervativen zählen also zunächst nur vier Abgeordnete im Reichstag.
Wer wird Präsident des
neuen Reichstages?
Reichsjustizminister und Wirtschaftspartei.
Berlin. 14. Oktober.
In politischen Kreisen beschäftigt man sich jetzt vor allem mit dem Verbleiben des Reichsjustizministers Dr. B r e d t im Kabinett. Im Augenblick läßt sich noch nicht prophezeien, ob Dr. Bredt aus der Fraktion ausscheidet, oder ob sie sich damit abfindet, daß er dem Wunsche des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers gefolgt ist; die Entscheidung dürfte in der heutigen Fraktionssitzung der Wirtschaftspartei fallen. ,
Ferner wurde die Frage der Besetzung des Reichstagspräsidiums lebhaft erörtert. Das geht auch aus dem Beschluß der Deutschen Volkspartei hervor, deren Bedingungsform erkennen lassen soll, daß die Fraktion ihren Vorsitzenden nur zur Verfügung stellen will, wenn wirklich Aussicht auf eine Mehrheit vorhanden ist. Sie wäre ohne weiteres gegeben, wenn auch das Z e n t r u m für Dr. Scholz stimmen würde. Es ist aber sicher damit zu rechnen, daß es sich für Code entscheidet, um an denk Prmzip festzuhalten, daß die größte Fraktion den Präsidenten stellt, außerdem will man im Zentrum vermeiden, die Sozialdemokratie bereits in diesem Augenblick vor den Kopf zu stoßen. Ohne das Zentrum erscheint die Mehrheit.vorläufig noch sehr prgbleiyatisch. Hat
aber immerhin gewisse Aussichten, da die 77 Stimmen der Kommunisten von vornherein ausfallen und deshalb In der Stichwahl nur etwas mehr als 250 Stimmen erforderlich sind. Unter diesen Umständen würde die Kandidatur Scholz' auch dann aufgestellt werden, wenn das Zentrum sich für Löbe, die rechts davon stehenden Parteien und Gruppen aber für Dr. Scholz erklären. Jedenfalls sieht man der Wahl des ersten Präsidenten des Reichstages mit großer Spannung entgegen.
Gefährliche Ausschreitungen ü-l:onalfozialislen und Kommunisten demolieren jüdische Geschäfte.
Berlin, 13. Oktober.
Im Zentrum Berlins kam es anläßlich der Reichstags- eröffnung am Monkagnachmiltag zu Demonstrationen, die teilweise sehr ernste Formen annahmen. Die Polizei drängte die Demonstranten mit der Zeit immer mehr zum Tiergarten ab und fetzte, als die Menge mit Steinwürfen gegen sie vorging, Berittene ein. Die Demonstranten, die hauptsächlich aus Nationalsozialisten und Kommunisten bestanden, wurden quer durch den Tiergarten bis zur Lennestraße ab- gedrängt, wo sie die Fensterscheiben in dem Kaffee Dobrin einschlugen. Die Gäste zogen sich sofort in das Innere des Kaffees zurück. Das gab den Demonstranten Anlaß, das Kaffee mit Steinen zu bombardieren. Faustgroße Steine fielen durch die Doppelfenster auf die Tische des Kaffees, wobei auch drei Gäste verletzt sein sollen.
Um 4.30 Uhr nachmittags ist die Lage vor dem Brandenburger Tor und vor dem Reichstag sehr bewegt. Es fie- ten Schüsse, und die Polizei nahm etwa 80 Sistierungen
____„ ....... > ^,^rr jMiuge ram es zu Krawallen. Große Mengen von Kommunisten und Nationalsozialisten zogen durch die Friedrich-Eberk-Skraße und die Leipziger Straße und schlugen in zahlreichen Geschäften die Fensterscheiben ein. So wurden im großen Warenhause Wertheim am Leipziger Platz, im Kaufhause Grünfeld, bei Bette, Bud und Lachmann, bei Blusen-Lohn die Schaufensterscheiben größtenteils eingeschlagen. Die Menge rief dauernd „Deutschland erwache" und „hoch Sowjekrußland".
Um 5 Uhr nachmittags befanden sich die Ruhestörer am Dönhoffplatz, wo sie Miene machten, die Schaufenster des Kaufhauses Tietz zu demolieren. Es gelang der Polizei, die auf die ersten Alarmmeldungen hin mit Ueberfallwagen, Schnellastkraftwagen und berittenen Abteilungen herbei- eilte, die Demonstranten zu zerstreuen, so daß sie ihr Zerstö- rungswerk am Dönhoff-Platz bei Tietz und anderen Ge- ichäften nicht fortsetzen kannten. In der ganzen Leipziger Straße vom Potsdamer Platz bis zum Dönhoff-Platz patrouillierten zahlreiche Schupopatrouillen zu Fuß und zu Pferde und fuhren mehrere Schnellastkraftwagen hin und her, um weitere Ausschreitungen sofort unterbinden zu können. Zahlreiche Mmschenansammlungen, in denen die Ereignisse lebhaft insistiert wurden, wurden von der Polizei immer wieder sofort aufgelöst. Alle Geschäfte hatten die Schutzgitter angebracht und teilweise die Rolläden vor ihren Schaufen-. ^ern bsrabaelcG-m.
Die Begleitmusik zur
Reichstags-Eröffnung
Berlin, 14. Oktober.
Zu den Unruhen vor dem Reichstagsgebäude und in der Stadt teilt der Polizeipräsident mit: Nachdem vor dem Reichstagsgebäude stärkere Menschenansammlungen durch das Eingreifen der Schutzpolizei zerstreut worden waren, strömte ein beträchtlicher Teil der dort abgedrängten Personen durch die Friedrich-Ebert-Straße in Richtung Pots- | immer Platz und Leipziger Straße ab. Etwa um 16.10 Uhr wurden zunächst beim Cafee Dobrin mehrere Fensterscheiben durch Steinwürfe zerstört und fast unmittelbar anschließend in der Leipziger Straße die dortige Schaufensterfront des Kaufhauses Wertheim eingeworfen bzw. eingeschlagen. Ferner wurden bei den Firmen Grünfeld, Bette, Coris und Adam mehrere Schaufenster zerstört. Außerdem wurden in der Ch..clottenstraße bei der Firma Behrendt und in der Kro- nenstraße bei der Darmstädter Bank mehrere Fenster eingeworfen.
Die sofort eingesetzten Polizeistreitkräfte zerstreuten die Ansammlungen und nahmen insgesamt 53 Personen fest, die der NSDAP. angehören. Die Festgenommenen wurden zur Strafverfolgung der Abteilung II eingeliefert. Weitere Zwischenfälle sind nicht mehr eingetreten.
Memels neuer Landtag
Kowno, 14. Oktober.
Die Wahlen zum Memelländischen Landtag haben folgendes Ergebnis gehabt: Landwirtfchaflspartei 9 Sitze, Volkspartei 9, NationAlilauer 5, Sozialdemokraten 4, Kommunisten 1. Es ist noch nicht entschieden, ob der letzte, der 29. Sitz, den Sozialdemokraten, den Kommunisten oder den Na- lionallilanern zufällt.
Nach dem „Matin" bestätigt es sich, daß das französische Parlament am Dienstag, den 4. November, wieder zusam- mentritt.