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KersfelöerTageblatt

Nr. 239 Erster AM Sonnabend den 11. Oktober 1930 80. Jahrgang

Hindenburgs zweite Rheinlandfahrt

Begeisterter Empfang durch die Bevölkerung Ehrenbürger der alten Kaiserstadt Aacheu

Sindenbnrg im freien Aacheu

hindenburg Ehrenbürger der Stadt Aachen.

Aachen, 11. Oktober.

Reichspräsident von Hindenburg traf in Begleitung des Staatssekretärs Dr. M.e i h n e r Freitagvormittag um 10,16 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Aachen ein, wo sich zu seiner Begrüßung der Oberpräsident der Rheinprovinz, Dr. Fuchs, Regierungspräsident S t i e l e r - Aachen, Ober­bürgermeister Dr. R o m b a ch - Aachen, Generalleutnant F ö h r e n b a ch als Vertreter der Reichswehr, Reichsbahn­präsident von Guerard - Köln und andere hohe Beamte eingefunden hatten.

Die Fahrt ging zunächst zur Technischen Hochschule. Der Rektor, Prof. Dr.-Ing. R ö t s ch e r, begrüßte den Reichspräsidenten mit einer Ansprache, in der er die Be­drückungen schilderte, unter denen die Hochschule in den Jahren der Besetzung, insbesondere während des Separa­tistenaufstandes zu leiden hatte.

Bei dem großen Empfang im Aachener Rathaus wurde der Reichspräsident zunächst durch den Aachener Regierungspräsidenten S t i e l e r begrüßt, der auf die große Freude der rheinischen Bevölkerung in den ärmsten Gebirgs- dörfern der Eifel wie in den Städten und Dörfern der Wurm- und Ruwerniederung über den Besuch des Reichs­präsidenten hinwies.

Der Oberbürgermeister von Aachen, Dr. R o m b a ch, erklärte, daß sich jeder Versuch wirkungslos erwies, das ur= deutsche Herzensgefühl dieser Stadt mit dem vermeintlichen Zauber westlicher Kulturpropaganda einzufangen. Oberbür- die für bktBTfreuingoeliimn-tnTan^

gesetzt hätten, der Lebenden und Toten, vor allem Gustav Stresemanns. Besonderen Dank aber erteilt Aachen dem Reichspräsidenten. Sein Besuch gerade in diesen Tagen, sei ein sinnfälliges Zeichen dafür, daß die ver­antwortlichen Leiter der deutschen Politik trotz aller Wirr­nisse die Zukunft unseres Volkes mit Zuversicht und festem Vertrauen beurteilten. Aachen glaube, dieser engen Ver­bundenheit, die sich dadurch zwischen dem Oberhaupt des Reiches und Aachen ergeben habe, durch Ueberreichung des Ehrenbürgerbriefes besonderen Ausdruck zu verleihen.

Die Ansprache schloß mit einem hoch auf den neuen Ehrenbürger der Stadt Aachen.

hindenburg antwortet.

Auf die begrüßenden Worte und die Ueberreichung des Ehrenbürgerbriefes von Aachen dankte Reichspräsident von Hindenburg mit einer längeren Ansprache. Er fuhr dann fort:

Ich will in dieser Stunde nicht mehr die vergangenen schweren Jahre harten Leidens in Ihre Erinnerung zurück­rufen.

Aber eine Zeit lebt gerade in diesem Ihrem altehrwür- digen Rathaus vor unseren Au^en wieder auf: jene sor­genschweren Tage, in denen sich Ihr Bürgersinn uner­schrocken und opferbereit zur Wehr setzte gegen landes- verräterische Umtriebe, tapfere Männer aller Stände waffenlos dieses Rathaus stürmten und die üblen Ele­mente entfernten, die von hier aus ihren Anschlag auf Abtrennung deutschen Bodens vom Mutterlands durch­führen wollten.

Jüngst haben Sie, die trotz aller äußeren Bedrückung inner­lich freie und unabhängige Bürger von Aachen blieben, das stolze Vorrecht für sich in Anspruch genommen,

in treuem Dienst am Vaterland dem ganzen deutschen Volk ein leuchtendes Vorbild zu sein. Sie haben da­mit der Stadt Aachen auch einen Ehrenplatz in der neuen deutschen Geschichte errungen!

In unauslöschlicher Dankbarkeit gedenken wir in dieser Stunde aller, die in der Not der vergangenen Jahre Leben, Freiheit und Heimat aufs Spiel setzten, um dem Vaterland und seiner Ehre nicht untreu zu werden.

Lassen Sie uns mit freudigem Mut, allen Schwierig­keiten zum Trotz, die gerade Sie im Grenzgebiet noch immer so stark bedrücken, gemeinsam weiter Hand anlegen an den Wiederaufbau des Reiches.

Die Versammlung stimmte begeistert in das hoch ein und bekräftigte das Treuegelöbnis mit dem Deutschlandlied. Die Feier schloß mit dem Vortrag von BeethovensSieges­macht" aus dem OrchesterwerkDie Schlacht von Vittoria".

Immer wieder ertönten Hochrufe aus der Versammlung, als der Reichspräsident den Festsaal verließ, um sich noch einmal von der Balustrade des Rathauses aus der draußen harrenden Menschenmenge zu zeigen und ihr in kurzer An- spräche für die ihm dargebrachten Huldigungen zu danken. Dabei forderte das Reichsoberhaupt nochmals zur Einigkeit und zur Treue zum Vaterland auf. Nach einem Dankeswort an die vereinigten Aachener Sängerchöre bestieg sodann der Reichspräsident seinen Wagen und setzte unter den Klängen

& Deutschlandliedes seinen Weg zum Kurhaus fort, wo ierungsprästdent Stieler zu Ehren des Gastes ein Früh- im kleinsten Kreise gab.

Hindenburg im Aachener Walbstadio«

Aachen, 11. Oktober.

Am Nachmittag des Aachener Hindenburgtages veran- stalteten die Aachener Turn- und Sportverbände gemeinsam mit der Aachener Schuljugend eine große Kundgebung zu Ehren des Reichspräsidenten von hindenburg in dem herr­lich gelegenen Aachener Walchtadion. Rad- und Motorrad­verbände, Turner, Schwimmer, Kraftsportler, Kegler und Schützenverbände nahmen vor über 20 000 Zuschauern in der Form einer großen lateinischen H-Aufstellung. Im Namen der Interessengemeinschaft der Aachener Turn- und Sportverbände hielt Studienrat Emonds eine kurze An­sprache an den Herrn Reichspräsidenten, die in einem hoch auf das deutsche Vaterland ausklang. Der gemeinsame Ge­sang des Deutschlandliedes beendete die Huldigung der Turn- und Sportverbände. Dann fuhr der Herr Reichspräsident auf der Läuferbahn unter dem Jubel der vieltausendköpfi­gen Menge um den grünen Plan, um dann die Rückfahrt zur Stadt anzutreten,

Um 17.30 Uhr besichtigte der Reichspräsident unter Füh­rung des Stiftprobstes, Weihbischof Dr. Straeter, das jüngst zur Kathedrale erhobene Aachener Münster, in dem die deutschen Kaiser gekrönt wurden. Die Kathedrale erstrahlte in festlicher Beleuchtung.

KhMtleier der KSrntnerMiMMNng

Als nach dem Weltkriege jugoslawische Freischaren ins Kärntner Land drangen, erhoben sich die seit vierzehnhundert Jahren dort angesiedelten Deutschen iD einmütigem Abwehr- uLUeo^Wächst. ohne Gewalt anzuchenden. Erst als durch mer weiter vordrang, griff das Volk unter dem Landes- befehlshaber Oberst Hülgerth zu den Waffen. Von Mitte Dezember 1918 bis Anfang Juni 1919 dauerten die anfangs stets siegreichen Abwehrkämpfe, die jedoch zu einem Rück­schlag führen mußten, als kriegsstarke reguläre serbische Re­gimenter eingriffen, denen die auf sich allein gestellten Kärnt­ner nicht mehr standhalten konnten. Sie mußten den Fein­den schließlich sogar Klagenfurt und den Wörther See über­lassen. Durch das hinausziehen dieser Kämpfe war aber er­reicht worden, daß man sich bei den inzwischen begonnenen Friedensoerhandlungen Oesterreichs mit der Lage in Kärn- ten besonders befaßte und dem Lande die Entscheidung über seine staatliche Zugehörigkeit durch Volksabstimmung selbst überließ. .Das Ergebnis war trotz ungünstiger Bedingungen der mit großer Mehrheit kundgegebene Wille für ein freies und ungeteiltes,zu Oefter reich gehö­riges Kärnten.

So feiert Kärnten und mit ihm ganz Oesterreich jetzt stolz und freudig die zehnjährige Wiederkehr des Tages der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920, durch die das Land von fremder Besatzung befreit wurde und der deutschen Heimat erhalten blieb. Besondere Festlichkeiten zur Erinnerung an dieses Ereignis finden in Klagenfurt bis Sonntag statt. Zur Teilnahme sind Ver­treter der Bundesregierung und Abgeordnete der anderen Bundesländer, der deutsche Gesandte Graf Lerchenfeld sowie viele Mitstreiter an den Abwehrkämpfen vor zehn Jahren in der reichbeflaggten Landeshauptstadt Klagenfurt einge­troffen.

Am Freitag nachmittag wurde für die gefallenen Ab­wehrkämpfer auf dem Kirchhof in Klagenfurt ein Ehren- gottesdienst abgehalten. Nach einer Festsitzung des Ge­meinderats enthüllte der Oberbürgermeister von Wiesbaden, Dr. Krücke, eine von der Stadt Wiesbaden gewidmete Ge­denktafel.

Festsitzung im Kärntner Landtag

Der Kärntner Landtag hielt eine Festsitzung zum Ge­denken an die Volksabstimmung vor 10 Jahren ab. Nach der Festrede über die Bedeutung der Volksabstimmung hielt der Landtagspräsident eine Ansprache, in der er ganz be- sonders jener Helden des Freiheitskampfes gedachte, die ihr Leben dafür geopfert haben. Mit warmen Worten ge^ dachte er auch der Bevölkerung des ehemaligen Abstim­mungsgebietes ohne Unterschied der nationalen Zugehörig­keit. Diese Grüße, sagte er, gelten auch jenen, welche da­mals bei der Volksabstimmung für Jugoslawien gestimmt haben, jedoch das Ergebnis der Abstimmung dann aner- sannt und sich dadurch als Oesterreicher und zugleich als Kärntner bekannt haben. Wir erkennen sie als gleicyberech- tigte Landesbürger an, getreu dem Grundsatz der nationa­len Versöhnung und der Gerechtigkeit.

DieColumbia" in Landuiihe

London, 11. Oktober.

Das FlugzeugColumbia", das, wie gemeldet, in Har- bour Grace (Neufundland) zu einem Fluge nach England gestartet war, wurde von einem englischen Dampfer ungefähr 360 Kilometer westlich von Penzance (Lornwall) gesichtet.

Die Fraktionssitzung der Deutschen Volkspartei

Berlin, 11. Oktober.

Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei hielt am Freitag nachmittag und abend die angekündigte Sitzung ab, um das Finanzprogramm der Reichsregierung zu bera­ten. Die Beratungen wurden schließlich auf Montag vertagt. Inzwischen soll mit anderen Parteien über die Stellung zum Sanierungsprogramm verhandelt werden. Es wurde ein Ausschuß gewählt, der Vorschläge zur Ausgestaltung des Re- gierungsprogramms machen soll.

Von unterrichteter Seite wird ausdrücklich festgestellt, daß ein Antrag auf Zurückziehung des Reichsministers L u r t i u s aus dem Kabinett überhaupt nicht vorgelegen hat.

Am Montag vormittag findet im Reichstag auch eine Fraktionsführerbesprechung beim Präsidenten Löbe statt, die den für den neuen Reichstag noch nicht vorhandenen Aelte- stenrat einsetzt. Einen ruhigen Verlauf der ersten rein for- nialen Sitzung vorausgesetzt, wird man vielleicht am Montag noch eine zweite Plenarsitzung abhalten, in der die Präsiden­tenwahlen vorgenommen werden.

Um die Zukunft der Stuatsvartei

Berlin, 11. Oktober.

Finanzminister Höpker-Aschoff und Abgeordneter Oskar Meyer haben, den Blättern zufolge, an die Organisationen der Deutschen Staatspartei und der Deutschen Demokrati­schen Partei ein Rundschreiben gerichtet, in dem es u. a. heißt:

Wir sind davon überzeugt, daß es notwendig ist, die Staatspartei als solche aufrecht zu erhalten. Wir würden es lebhaft begrüßen, wenn die jungliberalen Kräfte bei uns bleiben würden. Wo Ortsgruppen der ^«a^El^wLLilL-MMLLr, Wurden, find sie unter allen

Weiter wird in dem Rundschreiben D^iHmTflneTlJru^ eingegangen, die zutn Auszug der Volksnationalen führten. Dabei wird gesagt:

Es stellte sich bald heraus, daß die Volksnationale Gruppe eine Erweiterung der Staatspartei gar nicht wollte. Dies war der erste Irrtum. In der Sitzung des Hauptak- tionsausschustes, die der Unterhaltung zwischen Minister Höpker-Aschoff und Dr. Scholz vorausging, wurde von der volksnationalen Gruppe die Forderung aufgestellt, jeden Versuch einer Verbindung mit Kräften der Deutschen Volkspartei aufzugeben. Minister Höpker-Aschoff mußte mit aller Deutlichkeit erklären, daß er sich keine Vorschriften für diese Verhandlung machen lasse, sondern sich volle Handlungsfreiheit Vorbehalte. Auch nach der Wahl wurde im Hauptaktionsausschuß von der Volksnationalen Gruppe mit Nachdruck gefordert, daß irgendwelche Verhandlungen mit der Deutschen Volkspartei nicht aufgenommen werden würden.

Staatsparteifrattion auseinandergegangen

Aus der Reichstagsfraktion der Deutschen Staatspartei haben die der volksnationalen Reichsvereinigung angehören­den Abg. Abel, Adolph, Balkrusch, Bornemann und heese zugleich im Namen des Abg. Dr. Prütz ihren Austritt er- klärt.

In dem Schreiben, das die genannten Abgeordneten an den Fraktionsvorsitzenden Dr. Weber gerichtet haben, begründen sie ihr Ausscheiden aus der Fraktion damit, daß im Hauptaktionsausschuß ihr Antrag auf föderati­ven Aufbau der Staatspartei abgelehnt worden sei, und daß Minister Dr. Höpker-Aschoff in einer Pressekonferenz den Iungdeutschen Orden beschuldigt habe, er hätte sich nur mit Hilfe der Demokratischen Organisation Mandate verschaffen wollen.

Verhandlungen über den Anfchluß an eine andere Fraktion sind von den ausgeschiedenen volksnationalen Ab­geordneten nicht geführt worden. Nach dem Ausscheiden dieser 6 Mitglieder zählt die bisherige Reichstagsfraktion der Staatspartei nur noch 14 Mitglieder, besitzt also nicht mehr Fraktionsstärke.

Memel wählt seinen Landtag

Ruhiger Verlauf keine wesentlichen Veränderungen.

Memel, 11. Oktober.

Die Wahlen zum Memelländischen Landtag sind nach den bisher vorliegenden Meldungen überall ohne Jwischen- fälle verlaufen. Die Wahlbeteiligung war größer als sonst. Das Hauptinteresse im gegenwärtigen Wahlkampf dreht sich darum, wie die neu aufgestellte Wirtschaftspartei, deren Hauptgegnerin die Memelländische Volkspartei ist, bei die­sen Wahlen abschneiden wird. Nach den aus einzelnen Stimmbezirken Memels vorliegenden Ergebnissen hat die Wirtschaftspartei den 10. bzw. 15. Teil der Stimmen der Volkspartei errungen, so daß im günstigsten Falle die Wirt­schaftspartei einen bis zwei Abgeordnete in den neuen Land­tag schicken dürfte. Im großen und ganzen dürften sich bei den einzelnen Parteien keine Mandaksverschiebungen erge­ben. Alle Parteien werden durch die größere Wahlbeteili­gung einen Stimmenzuwachs zu verzeichnen haben