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hersfelöer Kreisblatt
- Amtlicher Anzeiger für -e« Kreis yersfel-
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Nr. 238
Freitag den 10. Oktober 1930
80. Jahrgang
Diskonterhöhung der Reichsbank
Von 4 auf 5 Prozent herausgesetzt — Die großen Devisen- und Goldabzüge die Ursache
Ergebnis der Woche
H. St. Das Frühstück in Bar le duc, auf dem die führenden französischen Politiker die Zurückdrängung B r i a n d s (man spricht bereits von einem Briandismus) und die Wiedereinsetzung Poincares in die Macht beschlosst zu haben scheinen, fügt sich ausgezeichnet in eine Entwu lung ein, die bereits seit längerer Zeit zu beobachten war. In, der Tat ist die Resonanz, die der geschmeidige und geschäftige Briand bei seinen Landsleuten findet, stark im Abklingen begriffen, und man sehnt sich ganz offensichtlich in Frankreich nach einer zielklaren und strafferen Führung der politischen Geschäfte, wie sie sicher nicht mit Unrecht von Poincare erwartet wird. Natürlich tun jene überaus zahlreichen Kreise in Frankreich, die Briand einer Nachgiebigkeit Deutschland gegenüber oder einer auf der Basis der Gleichberechtigung aufgebauten Verständigungspolitik mit Deutschland beschuldigen, ihm sicher unrecht. Was ihn von .Poincare unterscheidet, ist im Grunde wohl mehr wie Geschmeidigkeit und Eleganz der Form, sowie das Bestreben, die nackte Gewaltpolitik Frankreichs Deutschland gegenüber, hin und wieder schamhaft mit einem Völkerbunds- mäntelchen zu bekleiden. Selbst eine derartige Tendenz ist der überwiegenden Mehrzahl des französischen Volkes schon zu viel: Man bevorzugt, wie gesagt, die schlichte Einfachheit Poincares, der wie ein peinlicher Anwalt die einzelnen Klauseln des Versailler Vertrages von der Gegenpartei zu erzwingen sucht und sein endgültiges Ziel, die Verewi- gung der Friedensverträge und der deutschen Machtlosigkeit klar und offen proklamiert. Wir Deutsche könnten einem Regierungswechsel in Frank- “ " ' " ' " ' es für uns
en ick-
Reichsbanldrstsnt erhöht
Heraufsetzung 4 von auf 5 Prozent
Berlin, 10. Oktober.
Die Reichsbank hat mit Wirkung vom 10. Oktober den Wechfeldiskontsatz um 1 Prozent von 4 Prozent auf 5 Prozent und den Lombardzinsfuß von 5 Prozent auf 6 Prozent erhöht.
Im Zentralausschuß begründete der Vorsitzende, Reichsbankpräsident Dr. L u t h e r, die Erhöhung des Diskontsatzes wie folgt:
In Uebereinstimmung mit der zunehmenden Erleichterung der wichtigeren ausländischen Geldmärkte wie auch des inländischen Geldmarktes konnte die Reichsbank seit dem Herbst vorigen Jahres ihren Diskontsatz allmählich von 1% Prozent auf 4 Prozent ermäßigen. Dabei war stets klar, daß ein Diskontsatz von 4 Prozent in Anbetracht der allgemeinen Zinsverhältnisse in Deutschland ein sehr niebri» ger war; seine Aufrechterhaltung war aber so lange gerechtfertigt, als trotz des niedrigen Satzes dauernd noch Gold und Devisen zuströmten und die inneren deutschen Anlagen sich dauernd verringerten. Dieser Zustand hat sich in den letzten Wochen geändert, die Reichsbank sah sich bei gleich- zeikiger erheblicher Steigerung der von ihr zu befriedigenden Sredstanfpruche zu beträchtlichen Devisen- und Goldabgaben genötigt, so daß sie nunmehr glaubt, vorsorglich die in solchen Fällen angezeigte Maßnahme der Diskonterhöhung, und zwar im Ausmaße von 1 Prozent zur Anwendung bringen m sollen.
Daladier über Sicherheit und Abrüstung
Grenoble, 10. Oktober.
Auf dem hier eröffneten radikalen Kongreß sprach der Parteivorsitzende Daladier. Er betonte den unentwegten oppositionellen Standpunkt der Radikalen Partei gegenüber jeder Regierung, die so zusammengesetzt sei, wie die jetzige. Eine Regierung,, die gewissen Interessengruppen ganz besonders diene, habe nicht das Rechi der Kartells der Linken einer $i
it, die Politik der Regierung
erzichtpolitik zu beschuldigen. Auch die Regierung Tardieu habe Deutschland Konzessionen machen müssen, besonders durch die Räumung des Rheinlandes. Was das augenblickliche Unbehagen in Europa aus» mache, müsse die Aufmerksamkeit aller in Anspruch nehmen. Sei etwa die auswärtige Politik und die Stellung Frankreichs in ihr befriedigend? Sei Frankreichs Sicherheit garantiert und könne das französische Volk sich in Ruhe und Frieden seiner Arbeit zuwenden?
könne das behaupten! Die B>
Wer
eunruhigung und das Unbeha-
gen in Europa seien von einem Tage zum anderen im Wachsen. Nachdem der Redner auf die zunehmende Gefahr des Faschismus in allen Ländern verwiesen hatte, fuhr er fort: Man darf nicht vergessen, daß die deutschen Wahlen auch ein Beiweis dafür sind, daß in Deutschland auch an Klarblick und Autorität überlegene demokratische Kreise vorhanden sind, die die volle Sympathie der französischen Republikaner genießen. Unsere Pflicht ist es, sie in ihrem Kampfe gegen den Kriegs- geist zu unterstützen. Wir lehnen es ab, Patriotismus mit nationalistischer Demagogie zu verwechseln. Für uns hängt die Sicherheit eines Landes von den beiden wesentlichen Elementen ab: einerseits Organisierung der eigenen nationalen Verteidigung, so lange sie nötig ist, aellrdings unter Anwendung moderner Methoden, und andererseits unbeirrbarer Wille, eine Politik internationaler Verständigung, aufgebaut * e vroarellio und
eutsche konnten einem Regierung: it aller Gelassenheit entgegensehi
e Dr. Schachts
New Dort, 10. Oktober.
Sache aber
Mit seinen wohlklingenden Reden in Genf, mit der Vernichtung der italienischen Hoffnung auf eine Einigung in der Flottenabrüstungsfrage, mit seiner Verhöhnung der Minderheitsbeschwerden, in denen Italien Deutschland assistierte, hat Briand in Italien ein Feuer entzündet, und eine Empörung ausgelöst, die sich noch deutlicher zeigen würde, wenn Italien nicht eine durch Regierungszensur beeilt lußte Presse hätte und wenn Mussolini es nicht offenbar ür verfrüht hielte, schon jetzt Frankreich gegenüber schrof aufzutreten. Für uns Deutsche, die wir an Frankreich schon mehr als eine Enttäuschung im Laufe der letzten Jahre erlebt haben, ist es sehr interessant, die Verbitterung in Italien zu beobachten. Gerade aus ihrer Intensität kann man am besten schließen, wieviel man sich in Italien innerlich doch von Frankreich versprochen haben muß. Insbesondere darf man den italienischen Außenminister Grandi, ohne ihn gerade als Franzosenfreund zu bezeichnen, als einen Exponenten jener Richtung ansehen, die jedenfalls nichts unversucht lassen wollte, um die italienisch - französisch« Spannung durch Verständigung zu überwinden, eine Tendenz, die durchaus verständlich erscheint, da Italien es in Frankreich mit der größten Militärmacht der Welt zu tun hat. Die Empörung der ganzen slawischen Welt gegen Italien, die in Jugoslawien, Polen und in der Tschechoslowakei mit geradezu elementarer Gewalt anläßlich der Erschießung der vier slawischen Spione und Landesverräter zum Ausbruch gekommen ist, dürfte Italien aufs Neue in der Ansicht bestärkt haben, daß eine Verständigung mit Frankreich und seinen Vasallenstaaten für Italien selbst unter erheblichen Opfern und Konzessionen nur schwer möglich ist. Immer mehr scheint man auch in Italien zu begreifen, daß der französische Imperialismus nicht nur Deutschland, sondern auch jede andere selbständige Macht in Europa zu unterdrücken bestrebt ist.
An einem Essen, an dem 500 Personen aus führenden Bankkreisen teilnahmen, sprach der frühere Reichsbankpräsi- । dent Dr. Schacht. Er sagte u. a.: Er habe leider feststel- I len müssen, daß in Amerika im Augenblick ein unbehagliches
Gefühl angesichts der deutschen Zustände herrsch:
geradezu übermenschliche Geduld des deutschen Volkes gegen» 'über aller wirtschaftlichen Not und außenpolitischen Bedrängnis objektiv beobachte, könne unmöglich überrascht davon sein, daß ein so rechtschaffenes Volk wie das deutsche seiner Empörung Ausdruck gebe. Daß dies nicht durch Gewalktiten, sondern durch Stimmzettel geschehen sei, sei nur ein neuer Beweis dafür, daß das deutsche Volk das ordnungsliebendste der Welt sei. Diejenigen oeutschen Zeitungen, die falsche Nachrichten über eine bevorstehende Revolution in Deutschland berichten, begingen ein Verbrechen an der Welt. Es ginge in Deutschland lediglich darum, ob das deutsche Volk genügend Beschäftigung finden könne, um am Leben zu bleiben. Noch sei die wirtschaftliche Potenz Deutschlands uner- schüttert. Aber die Reserven seien teils durch falsche Finanz-
le. Wer die
über
nis objektiv
politik, teils durch die Reparationen aufgebraucht, die nicht aus dem Ueberschuß der Wirtschaft, sondern durch Aufnahme neuer Kredite geleistet worden seien. Im kommenden W' ter müsse Deutschland auf eine Arbeitslosenzahl von vier Millionen Menschen gefaßt sein, ohne dabei auf irgendwelche Finanzreserven zurückgreifen zu können. Die Wahrheit sei,
;in-
Warum öffnet nicht Frankreich vor allen Abrüstungsakten? Warum, wenn es Deutschland beschuldigt, insgeheim zu rüsten und sich über die faschistische Miliz, die neben dem regulären italienischen Heere bestehen soll, beunruhigt, befaßt es nicht die öffentliche Meinung der Welt mit seinem eigenen Abrüstungswillen? Und warum ergreift es nicht die Initiative zu einem allgemeinen Abrüstungsplan? Wird dadurch seine Sicherheit abgeschwächt? Es ist eben immer mehr die Rede von den gewohnten Rüstungen noch alten Methoden, bis Europa eines Tages durch eine Art Fatalismus, den niemand gewollt, aufs neue in den Abgrund
gestürzt werde, diesmal mit der Gewißheit, lebendig aus dem höllischen Abgrund nicht wieder herauszukoi Allerdings führte der Redner zum Schluß
it wieder herauszukommen.
aus, wolle
Der europäische Brandherd fährt inzwischen fort seine warnenden Flammen gen Himmel zu senden. Vor allem ist es Polen, dessen Bevölkerung bekantlich aus nationalen Minderheiten besteht, und das geradezu Orgien in der Unterdrückung seiner Minderheiten feiert, dem man die Schuld an der Zerrüttung und dem Unfrieden Europas zuschieben muß. Der Aufstand in de r U k r a i n e, die von Polen in der rücksichtslosen Weise ihrer vertraglichen Rechte beraubt und terrorisiert wurde, hat von Seiten der polnischen Regierung blutige Gegenmaßnahmen ausgelöst, und über dem ganzen Lande waitet das Standrecht. Es ist nicht ohne Interesse, sich dabei der Tatsache zu erinnern, daß nicht einmal die Entente in Versailles bereit war, die reinrussische West-Ukraine den Polen zuzusprechen, und ein ausdrückliches Verbot erließ, die Truppen des Generals Haller für den Kampf gegen die Ukrainer zu verwenden. Erst vor einigen Wochen hat die Welt erfahren, wieso die Hallertruppen trotzdem zur Eroberung der West-Ukraine verwendet werden konnten. Der ehemalige Vorsitzende des Außenausschusses des polnischen Sejms, Grabstci, bekennt in feinen soeben veröffentlichten Erinnerung»!, daß er das diesbezüglich amtliche Verbotstelegramm, das an seine Adresse aus Paris in Warschau eintraf, e i n f a ch u n t e r s ch l a g e n hat, wodurch Polen die militärische O k k u- »ation des ganzen West - Ukrain ischen Ge- vietes möglich wurde. "
daß Deutschland aus eigener Kraft die Annuitäten des Noung-Planes nicht werde zahlen können. Es müßte auf Kosten der übrigen Länder sonst seinen Außenhandel fast um die Hälfte steigern. Er glaube nicht, daß die übrigen Völker gewillt seien, Deutschland und die Zahlung der Annuitäten dadurch zu ermöglichen, daß sie zu solcher Steigerung des deutschen Warenexportes auf eigene Kosten beitrügen. Es könne deshalb nur eine Frage der Zeit fein, wann das Re- parationsproblem erneut zur internationalen Diskussion stehe. Wie auch immer das Schicksal der Reparationen sein möge, Deutschland werde keinen seiner ausländischen Geldgeber jemals enttäuschen. Darin sei auch die Poung-Anleihe mit einbegriffen, unbeschadet ihres politischen Ursprungs.
Die Forderung nach Beseitigung der sozialistischen Ver- schwendungswirtschaft und nach finanzieller Ordnung fei das
mit einbei
Hauptproblem des Augenblicks.
Sammelbeweguns im Reichstag
Gemeinsame Fraktion Volksdienst und konservative?
Berlin, 10. Oktober.
Wie wir erfahren, haben in der letzten Zeit Verhandlungen zwischen dem Christlichsozialen Volksdienst, der konservativen Volkspartei und den Hannoveranern mit dem Ziele der Bildung einer gemeinsamen Reichstagsfraktion stattgefunden. Es hat sich bisher nur um lose Besprechungen gehandelt. Die Verhandlungen sind aber aussichtsreich und sollen am Montag zum Abschluß gebrach' werden.
Auch mit den j u n g d e u t s ch e n Mitgliedern der Staatspartei haben Verhandlungen stattgefunden. Hier sind aber Schwierigkeiten insofern ausgetreten, als ber Christlich- soziale Volksdienst von den Iungdeutschen vor allem eine Aenderung in ihrer Haltung gegenüber der Reichswehr fordert.
auch feine Partei nicht, daß Frankreich allein und bevor feine Bemühungen um eine wirtschaftliche Verständigung Erfolg gehabt hätten, sich schwäche da es zu leicht die Beute des koalliierten Faschismus werden könne.
Die Lage in Brasilien ungeklärt
Buenos Aires, 10. Oktober.
Nachrichten von der Grenze zufolge, lassen die Aufständischen in Rivera wegen der Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Bundesregierung keine Nachrichten bekannt werden. Man erfährt jedoch, daß sie vom Kommandanten des 5. Bun- besbiftrifts ein Ultimatum erhalten haben, in dem die Unterwerfung der aufständischen Truppen von Rio Grande gefordert wird. Im Falle des Ungehorsams werden ihnen durch eine 3000 Mann starke Armee von Bundestruppen, verstärkt durch Seestreitkräfte und ein Bombengeschwader, eine schnelle Bestrafung zuteil werden.
Das revolutionäre Komitee teilt mit, daß zwei Kriegsschiffe der Bundesregierung, die nach Rio Grande entsandt wurden, sich der Aufstandsbewegung angeschlossen hätten, besgkdtm fünf nach Minas Geraes gesandte Fluazeuge. Das Komitee dementiert die Wiedereinnahme von P .imira im S: 'c Minas Geraes durch Bundestruppen. W .c verlautet, eine starke Abteilung Aufständischer aus bem Staate Minas Geraes sei aus dem Gebiet des S.irtes Espirkto Santa vorgerückt. Der Aufständischengeneral Costa hat mit 2000 Mann einen Angriff der Bundestruppen gegen Castro (Staat Parana) abgeschlagen. Die Aufständischen seien Herren des Staates Alagoas, dessen Regierung sich ergeben hat. Man behauptet, daß 20 Bataillone aus Sao Paulo, bestehend aus Polizeitruppen und Freiwilligen, gegen die Grenze von Parana vorrücken. '
In Buenos Aires und Montevideo sorgen die Bundesbehörden für die Einlagerung von Fleischvorräten, weil mit Lebensmittelknappheit rechnet.
Neuer vzeanslug
Harbour Grace (Neufundland), 10. Oktober.
Das Flugzeug „Columbia" ist zu einem Transatlantik flug mit dem Ziele, England zu erreichen, gestartet.
Die Piloten der „Columbia" sind Hauptmann Erra Boyd und Leutnant Herry Lonner.
Jn einigen Dörfern Süditaliens wurden am frühen Morgen erneut mehrere Erdstöße verspürt, die jedoch keinen nennenswerten Schaden anrichteten.