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HersfelöerTageblatt

^BBBl Hersfelöer Kreisblatt

^,^* ^>^E^5 * Amtlicher Anzeiger für den kreis Hersfelö "

Nr. 237

Donnerstag den 9. Oktober 1930

80. Jahrgang

Erdbeben in Güddeutschlanb

Heftige Erdstöße jagen die Bevölkerung aus dem Schlaf Erhebliche Schäden sind nicht entstanden

Tridutrevikon?

Das Reichskabinett hat sich am Dienstag mit der deut­schen Außenpolitik in Vergangenheit und Zukunft beschäftigt. Nach der über diese Sitzung ausgegebenen amtlichen Mit- teilung hat das Kabinett einmütig den Ausführungen des Reichsaußenministers zugestimmt. Da der neue Reichstag in der kommenden Woche Zusammentritt, das Reichskabinett also in einer Regierungserklärung dem Reichs­tag fein Regierungsprogramm entwickeln muß, so wird man auf Grund dieser amtlichen Mitteilung annehmen können, daß die Dienstagsitzckng des Reichskabinetts der Vorbe­reitung des außenpolitischen Teiles der Re­gierungserklärung gewidmet war. Man wird also nicht fehl­gehen in der Annahme, daß das Reichskabinett zu den ein- zelnen vor und nach den Wahlen erörterten außenpolitischen Forderungen Stellung genommen hat. Im Vordergrund dieser Forderungen stand und steht das immer stärker her- vortretende Verlangen nach Revision des N o u n g - P l a n s , da nach Auffassung zahlreicher Wirt­schaftssachverständiger des In- und Auslandes nicht nur die ungünstige Wirtschaftslage Deutschlands, sondern die ge­samte weltwirtschaftliche Depression auf diese ungerechtfertig­ten und untragbaren Tributlasten zurückzuführen ist.

Wenn man berücksichtigt, daß an der fraglichen Kabi­nettssitzung auch die Minister Treviranus, Schiele und Dr. Bredt als Exponenten jener Parteien.teilgenommen haben, die die Beseitigung des Tributplanes nicht nur zur Wahl­parole, sondern zu ihrem Parteiprogramm machten, dann muß man eigentlich annehmen, daß mit dem amtlichen Com- muniqu^ zum Ausdruck gebracht werden sollte, daß inner- WMMDWWMmMWWMMO Revision besteht. Man wird daher mit einiger Span­nung der Regierungserklärung entgegensehen können, um so mehr, als bekanntlich eine Reihe von Parteien, deren Ver­treter der Reichskanzler in den letzten Tagen empfangen hatte, ausdrücklich erklären, daß sie ihre endgültige Stel­lungnahme zu dem Sanierungsprogramm der Regierung ausschließlich abhängig machten von der Einstellung des Kabinetts zur T r i b u t f r a g e.

Aus den verschiedenen Erklärungen von Mitgliedern der Reichsregierung in Wahlreden und bei anderen Gelegenhei­ten gewinnt man nur ungenügende Anhaltspunkte dafür, in welcher Weise sich die Regierung mit dieser die Wirt­schaftsentwicklung, die Lebenshaltung und die politische Stel­lung des deutschen Volkes im Rate der übrigen Völker be­rührenden Tributfrage abzufinden gedenkt. Ausführungen, die der deutsche Außenminister kürzlich in Genf gemacht hat, lassen zwar erkennen, daß die deutsche Legierung diese Frage nicht einfach ruhen läßt, sich vielmehr ressortmäßig und di­plomatisch damit beschäftigt, nicht aber in welchem Ausmaß sie diese Frage eventuell in Angriff nehmen will. Der Reichsfinanzminister Dr. Dietrich hat vor mehreren Wochen bei Darlegungen über die Notwendigkeit umfassender Ein­sparungen bei der öffentlichen Verwaltung angedeutet, daß Deutschland einen Anspruch auf Herabsetzung der deutschen Tributzahlungen nur dann erheben kann, wenn es den Nachweis zu erbringen vermag, daß alle denkbaren Spar­maßnahmen in Verwaltung und Wirtschaft durchgeführt sind. Aehnliche Gesichtspunkte hat auch der Kanzler mehr­fach vertreten. Daraus kann man vielleicht schließen, daß die Reichsregierung die Auffassung vertritt, daß an die Frage einer Tributrevision oder eines Moratoriums nur herange­treten werden kann, wenn dem Ausland ein von allen ir­gendwie einzusparenden Ausgaben befreiter und ausbalan- cienter Haushalt unterbreitet werden kann.

Mit dieser Taktik will also anscheinend die Regierung jenen Forderungen auf sofortige Revision des Poung-Plans entgegentreten. Die Verhandlungen, die zurzeit vom deut­schen Reichsbankpräsidenten Dr. Luther in Amerika geführt werden, deuten ferner darauf hin, daß die Regierung sich auf Grund seines Berichtes über die Auffassungen in ameri­kanischen Kreisen daraus berufen will, daß der gegenwärtige Zeitpunkt nicht geeignet erscheint, die Revisionsfrage aktiv zu gestalten. Daß man in amerikanischen Kreisen zur­zeit einer Verminderung der Reparationsleistungen abhold ist, ist erst in diesen Tagen vom Präsidenten Hoover aus­drücklich hervorgehoben worden, als er erklärte, daß es einem 65-Millionen-Volk bei entsprechender sparsamer Wirtschaft nicht allzu schwer fallen könne, bis 400 Millionen Dollar jährlich zu zahlen. Er berief sich dabei auf Parker Gilbert, der bje Verhältnisse in Deutschland eingehend studiert habe. Auch der langjährige amerikanische Botschafter in Berlin, Schurman, hat sich in ähnlichem Sinne geäußert. Bei real­politischer Betrachtung wird man sich allerdings auf den Standpunkt stellen müssen, daß ohne Unterstützung durch Amerika eine deutsche Revisionsforderung kaum Aussicht auf Erfolg haben würde. Das ist selbst von Hugenberg an­erkannt worden, der in seinem bekannten Briefe an ame­rikanische Wirtschaftsführer ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht hat, daß eine künftige deutsche Politik nur in engster Zusammenarbeit mit Amerika er­folgreich wirken könne.

Bekanntlich haben auch englische Finanz- und Wirt­schaft spolitiker den Versuch unternommen,. in Amerika das Feld für eine Herabsetzung der alliierten Schulden zu son­

dieren. Die Amerikaner haben darauf sehr sauer reagiert und auf die auch in Amerika immer stärker drückende Wirt- schaftsdepression hingewiesen. Um so mehr muß es daher Aufgabe der deutschen Regierung sein, durch sehr sorgfältiges Abtasten der Front festzustellen, wann der geeignete Zeit­punkt gekommen ist, um mit aller Entschiedenheit eine Her­absetzung, und zwar fühlbare Herabsetzung, der Tributlasten zu verlangen. Wenn es ihr gelingen sollte, bis dahin Ordnung in den Haushalt zu bringen, so wird zwei­fellos eine solche Aktion erleichtert werden. Nur darf im Ausland gar kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß Deutschland den Poung-Plan nie und nimmer als endgültige Regelung des Reparationsproblems ansieht. #

Sie groben internationalen Nöte

London, 8. Oktober.

Auf der Konferenz der englischen Arbeiterpartei in Llandudno wurde das Tadelsvotum der Unabhängigen Ar­beiterpartei, das die Arbeitslofonpolitik der Regierung kri­tisiert und in Form eines Abänderungsantrages eingebracht worden war, mit 1 803 000 Stimmen gegen 434 000 Stim­men abgelehnt.

Die Rede, die Premierminister M a c d o n a l d auf der Konferenz hielt, war eine Antwort auf die an feiner Politik geübte Kritik. Er erklärte, die Regierung habe das Ver­trauen, das bei den letzten Wahlen in sie gefegt wurde, er­füllt. Er habe nicht den geringsten Grund, sich zu ent­schuldigen. Er betonte, die Arbeitslosigkeit sei -»N.**«w*ii|ii UM W-MMÄMW von Graham in Genf vorgeschlagen worden ist, erklärte der Premierminister: Wir haben einen Zollfrieden unterzeichnet, weil wir damit die anderen industriellen Nationen der ÄZelt ersuchen wollten, zu einer Vereinbarung über die Zölle zu gelangen. Aber wenn diese denken, sie hätten uns damit in der Hand, so machen sie einen großen Fehler. Der Zoll­frieden ist nur unterzeichnet worden, um den Beginn der Verhandlungen zu ermöglichen, und die Regierung wird, wenn diese Verhandlungen nicht erforderlich sind, sicher ihre Freiheit wiedergewinnen, um den nächsten Schritt zu tun, der ihr durch die Weigerung einer Beteiligung der anderen Nationen auferlegt worden ist.

MMungrkonferenzvielleicht" 1931!

London, 8. Oktober.

Lord Cecil, der aus Genf zurückgekehrt ist, drückte die Ansicht aus, die Weltabrüstungskonferenz aller Nationen werde vielleicht nächstes Jahr stattfinden. Die Vorberei­tende Kommission, die wieder im November tagen werde, entwerfe ein Vertragsskelett, daß, wie man hoffe, die Ab- rüstungsgrundsätze verkörpern werde, denen von allen füh­renden Mächten'der Welt zugestimmt worden sei. Deutsch­land lege Wert darauf, daß die Abrüstungskonferenz 1931 stattfinde,und", so fuhr er fort,wir alle würden dies gern sehen, aber nach Schluß der Arbeiten der Vorbereiten­den Kommission muß ein gewisser Zeitraum vergehen, da die internationalen Verhandlungen für die Vorbereitung der Konferenz, die notwendig sind, um ihren Erfolg sicherzustel­len, nicht leicht durchzuführen sind". Weiter führte Lord Cecil aus: Sowohl Amerika als auch Rußland sind, obgleich sie nicht Mitglieder des Völkerbundes find, an den Arbeiten der Vorbereitenden Kommission beteiligt und wer­den daher, wie wir hoffen, auf der Konferenz vertreten sein.

Rationale Wachsamkeit notwendig"

Lhaukemps über die politische Lage in Europa

Paris, 9. Oktober.

Auf dem Parteitag der Radikalen in Grenoble berichtete der Abgeordnete Chautemps über die gegenwärtige außenpolitische Lage. Er erklärte, wie dieEre Nouvelle" berichtet, die wirtschaftliche Anarchie, die in der ganzen Welt die Nachkriegsperiode kennzeichne, und das ungeheure Stei­gen der Produktionsmittel, während die politische Unruhe in mehreren Ländern Elend und eine Währungssenkung her- beiführe, hätten die Industrie in eine fürchterliche Ueber- produktionskrise und Arbeitslosigkeit gebracht. Inmitten dieser Krise verschärfe sich die Rivalität der Nationen unter­einander, während die Lage der Landwirtschaft, die einmal schlechte, einmal gute Ernte habe, schwierig sei.

Gleichzeitig gestatte das Anwachsen des Rationalismus in Deutschland die Drohungen des italienischen Faschis­mus und die wiederauflretenden Konflikte an den ver­schiedenen Punkten Europas den Frieden unsicherer und mache nationale Wachsamkeit notwendiger.

Angesichts dieser ernsten Lage erwarte das Volk von den Staatsmännern keine doktrinären Kontroversen, sondern klare, bestimmte Lösungen für alle dringlichen Probleme, die die Zukunft des Landes betreffen.

Erdbeben in Siiddentschland Glücklicherweise keine Schädenwirkung.

München, 9. Oktober.

In München wurden kurz nach Mitternacht zwei leichte und ein ziemlich heftiger Erdstoß verspürt, durch den die Be­wohner teilweise aus dem Schlafe geweckt wurden. Der Erdstoß wurde auch in den Alpen, so in Garmisch-Parlen- kirchen und Oberammergau, wahrgenommen.

Auch in Karlsruhe und in Heidelberg wurde um die gleiche Zeit ein leichter Erdstoß wahrgenommen. Aus Ober­hessen und der Bodenseegegend wurden ebenfalls zwei Erd- stöße gemeldet. In Singen am Hohentwiel dauerte die Be­wegung etwa 2 Sekunden und verlief in der Richtung von Süden nach Norden. Die Erdstöße, die auch in Donauejchin- gen wahrgenommen wurden, waren so stark, daß die Be­wohner aus dem Schlafe geweckt wurden.

In Nürnberg wurde das Erdbeben besonders stark ver­spürt. Fast in allen Straßen, hauptsächlich in den höheren Stockwerken, wurden die Erschütterungen wahrgenommen.

1 Das Erdbeben wurde hier in drei Wellen verspürt. Die Be­wegung war stärker als im Iahre 1913.

In Stuttgart äußerte sich das Beben in einem mehrere Sekunden dauernden Stoß, der die Fenster zum Klirren und die Wände zum Erzittern brächte. In dem alten Erd­bebenherd auf der Schwäbischen Alb in Ebingen sowie in Sigmaringen machte sich das Erdbeben gleichfalls bemerk­bar. In Kempten im Allgäu folgten dem ersten heftigeren Stoß nach etwa einer Stunde einige schwächere Stöße. In Augsburg ist das Beben nur in einigen Stadtteilen beobach­tet worden. Dagegen trat es im Jura-Gebiet stärker auf.

Nach den vorliegenden Meldungen war das in ganz ^MMM>>M>^«*MwteMfrBdHMW»lwwW>*<w*wi;* ii»'-^«»-^, »»r, 'Irlur seit langem verzeichnet wurde. Die Erdbebenwarte Hohen- Heim, die ziemlich im Zentrum des Erdbebengebiets liegt, verzeichnete als genauen Zeitpunkt des Einsetzens des Le­bens 0Uhr 27 Minuten 38 Sekunden. Durch die heftige Be­wegung wurden die Meßgeräte ausgeschaltet. Hohenheim charakterisiert den Erdstoß als ein Nahbeben mittlerer Stärke, dessen Herd und Entfernung noch nicht festgestellt werden konnten. Zur Ermittlung des Epizentrums sind die Ergebnisse dreier Stationen notwendig. Soweit bisher fest­gestellt werden konnte, scheinen die Erdstöße am heftigsten im Alpengebiet ausgetreten zu sein. In Ehrwald in Tirol wollen Leute, die sich auf der Straße befanden, einen starken Licht­schein beobachtet haben, der den Eindruck machte, als ob ein Meteor vom Himmel falle. Bedeutendere Schäden sind bis­her nirgends gemeldet worden. An einigen Gebäuden zeig­ten sich kleine Risse im Mauerwerk. Verschiedentlich fiel der Putz von den Wänden. Auch die Erdbebenwarten in Ra- vensburg und München melden, daß die Instrumente ent­weder in Unordnung gerieten oder, wie in München, die Registriernadeln zerbrachen. Auch das Geodätische Institut auf dem Brauhausberge in Potsdam hat das Erdbeben ver­zeichnet und festgestellt, daß es sich in einer Entfernung von etwa 500 bis 800 Kilometern südlich von Berlin abgespielt haben muß.

Auch die Instrumente der Reichsanstalt für Erdbeben­forschung in Jena verzeichneten das starke Nahbeben. Die Energie der Bodenbewegung, besonders in der Nordsüdrich­tung, wurde dann so groß, daß nach wenigen Sekunden die Schreibarme der Hauptinstrumente aus den Lagern geworfen und diese für mehrere Stunden außer Betrieb gesetzt wurden. Wegen Ueberlagerung der Auf­zeichnungen infolge der kurz aufeinanderfolgenden Stöße läßt sich die genaue Herdangabe aus den Registrie­rungen einer einzelnen Station nicht ermitteln. Je­doch lassen die Aufzeichnungen den Herd in einer Entfer­nung von 350400 Kilometern vermuten.

Sie Annäherung Italien-Bulgarien Auswirkungen der italienisch-bulgarischen Verlobung.

Paris, 8. Oktober.

Zu der Verlobung des Königs von Bulgarien mit der italienischen Prinzessin Giovanna wird demPetit Pari- sien" aus Belgrad gemeldet, die offizielle Ankündigung die­ser Verlobung lasse die Annahme zu, daß die Hindernisse, die durch die Forderungen der italienischen Diplomatie her­vorgerufen wurden, nunmehr beseitigt seien. Man müsse also damit rechnen, daß demnächst der Pakt unterzeichnet werde, der das neue Bulgarien in eine gewisse Abhängigkeit von Italien bringen werde, wie schon Albanien. In südslawischen Kreisen verhehle man nicht die Besorgnisse, die diese Tatsache auslöse.

Rumänien; neue Regierung

Bukarest, 8. Oktober.

Wie aus unterrichteten Kreisen verlautet, hat Miro- nescu dem König ein Verzeichnis der Mitglieder des neuen Kabinetts vorgelegt, das folgende Namen enthält: Mi­nisterpräsidentschaft Mironescu, Auswärtiges V a i d a, Inneres Iunian, Industrie und Handel Manoilescu, Verkehr Madearu oder Mirto. Die übrigen Ministerien behalten ihre bisherige Besetzung.