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Amtlicher /inzeiger für den Kreis Hersfeld "
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Nr. 235
Dienstag den 7. Oktober 1930
80. Jahrgang
Schwarze Tage für die Luftfahrt
Die furchtbare Katastrophe des englischen Grohlustschiffes „V 101" — Deutsches Verkehrsflugzeug abgestürzt, 8 Todesopfer
Die Kataltrsphe des „R101“
Bestürzung in England.
London, 7. Oktober.
In England ist man sowohl in den zuständigen als auch in Bevölkerungskreisen geradezu gelähmt von der Schwere der nicht für möglich gehaltenen Katastrophe. In der Presse wird das Unglück als ein schwarzer Tag für England bezeichnet, der es der unermüdlichen loyalen Dienste von zwei Männern, wie Lord Thomson und Sir Brancker, beraubt. „New Chronicle" sagt, die Katastrophe sei nur der furchtbare Abschluß einer Menge von Beweisen, die fast alle nach derselben Richtung deuteten. Die „Morningpost" hält es nach eingehender Würdigung und Bewunderung der Geschicklich- keit und des Mutes der an dem Unternehmen Beteiligten für ihre Pflicht, zu erklären, daß der Staat unklug sei, so viele Leben und Werte in einem so gefährlichen und kostspieligen Unternehmen, das so wenig Aussicht auf Erfolg biete, aufs Spiel zu setzen. „Times" fordert, daß das Schicksal der „R. 101" nicht auch nur um eine Minute die Entwicklung der Luftfahrt im allgemeinen verzögern dürfe. „Birming- Hampost" erwartet einen beträchtlichen Rückschlag auf die britische Luftschiffentwicklung, da alle mit dem „R. 101" verlorenen Menschen Personen waren, von denen die unmittelbare Zukunft der Luftschiffe in England zum sehr großen Teile abhing. „Manchester Guardian" hebt hervor, daß „R. 101" für das sicherste bisher gebaute Luftschiff angesehen wurde.
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Suche nach der Ursache.
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Die Gasventile des Luftschiffes wurden durch die Explosion aus dem Wrack herausgeschleudert. Es ist bisher noch nicht feftgeftellt worden, ob die Navigatoren eine Warnung erhalten hatten, bevor sie in das Sturmgebiet hineinfuh:
8 Todesopfer
Die erste in Deutschland eingetroffene Aufnahme der furchtbaren Katastrophe. — Der Abtransport der Opfer der Katastrophe, die unter den Trümmern des Luftschiffskelettes hervorgezogen wurden.
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allen Kräften bemüht, die Ursache der Katastrophe teln. Ein Sachverständiger im Londoner Luftschi klärte, die einzige Ursache für das niedrige Fliegen des Luftschiffes könne — abgesehen von etwa beschädigten Kontroll- vorrichtungen — ein Entweichen von Gas gewesen sein.
Das scheint bestätigt zu werden durch eine Reutermeldung aus Beauvais, wonach das Luftschiff bei der Explosion von einem Ende bis zum andern in eine Riesenflamme gehüllt gewesen sei. Danach stehe außer Zweifel, daß das Wasserstoffgas des Luftschiffes explodierte und nicht etwa der schwere Oelbrennstoff.
Das Skelett des völlig zerstörten ,,R. 101“.
Nach einer Aussage des geretteten Ingenieurs Leach soll die Explosion des Luftschiffes auf das Zerreißen von elektrischen Leitungsdrähten zurückzuführen fein. Unter dem Aufprall dürfte das Luftschiff offenbar zerbrochen sein, die elektrischen Leitungsdrähte zerrissen, und dabei dürfte ein elektrischer Funke übergesprungen sein. Das Luftschiff war mit Wasserstoffgas gefüllt. Das Gas war in etwa 40 Zellen enthalten, aber es war unvermeidlich, daß es undichte Stellen gab. Der Funke genügte, um eine Explosion hervorzurufen und das bedeutete sofort Brand.
Dr. Eckener soll sich über die mutmaßliche Ursache der Katastrophe dem Leipziger Sonderkorrespondenten der „Morningpost" dahin geäußert haben, daß „R. 101" für den ersten Teil seines Fluges zu stark belastet war, um so stürmischem Wetter widerstehen zu können, zumal das Luftschiff durch den heftigen Regen eine weitere Belastung erhalten hatte. Diese Auffassung würde eine Bestätigung finden durch die noch nicht geklärte Behauptung der Ueber- lebenden der englischen Luftschiffkatastrophe, daß in dem Augenblick des Unglücks 58 Passagiere sich an Bord befunden hätten, während der Luftfahrtminister nur von 54 Perso- LM spricht.
Rahmenbruch die Katastrophenursache?
Eine aus englischen und französischen Sachverständigen zusammengesetzte Enquetekommission hat bereits am frühen Montagmorgen ihre Ermittlungsarbeiten begonnen, um die Ursache der furchtbaren Katastrophe festzustellen. Der Chefmonteur, der wie durch ein Wunder am Leben geblieben ist. erklärte.
daß die Navigationsoffiziere die Herrschaft über das Schiff vollkommen verloren gehabt hätten und deshalb wohl den Versuch machten, irgendwo über Frankreich eine Notlandung durchzuführen, da es unmöglich erschien, den Pariser Flughafen Le Bourget zu erreichen. Das Schiff sei von dem Sturm derartig hin- und hergerissen worden, daß es absolut nicht mehr zu steuern gewesen wäre. Gegen 2 Uhr morgens habe einer der Navigationsoffiziere Notsignale mit Raketen abgegeben, um die Bevölkerung darauf aufmerksam zu machen, daß das Luftschiff eine Notlandung versuchen wolle.
Die Anlage der drahtlosen Telegraphie hätte bereits kurz vorher versagt. Wie sich dann die eigentliche Katastrophe abspielte, konnte der Chefmonteur nicht angeben. Er behauptete aber, daß die Brennstofftanks explodiert seien.
Der englische Luftgeneral Holt erklärte den englischen Pressevertretern in Beauvais, daß das Luftschiff wahrscheinlich abgestürzt, weil
in der Luft ein Rahmenbruch erfolgt
sein müsse. Jedenfalls habe man Teile des Luftschiffes 8 Kilometer von der Unfallstelle entfernt gefunden. Danach würde der englische Sachverständige Turner recht haben mit seiner Auffassung, daß die zu schweren Motore trotz Verlängerung des Luftschiffes Einknickungen und Rahmenbruch verursacht haben.
Paris, 7, Oktober.
An der Unfallstelle des Luftschiffes „R 101" bei Beauvais ist eine Untersuchungskommission, die aus dem Attaches
Bone, Ma>or Holt, Maior Couva und Montgomery Moere sowie einem Vertreter des französischen Luftfahrtministeriums besteht, eifrig an der Arbeit. Obwohl die Schlußfolgerungen der Kommission, deren Mitglieder äußerst zurückhaltend sind, noch nicht bekanntgegeben wurden, will der „Temps" bereits über gewisse Tatsachen berichten können, die die Aufmerksamkeit der Kommission besonders in Anspruch genommen haben.
Unter anderem soll die Funkstation von Le Bourget Sonnabend abend über die Fahrt des „R 101“ sehr besorgt und sogar beunruhigt gewesen sein. Sie habe die ganze Nacht hindurch bei dem Lecker der Luftsahrtstation von Beauvais angerufen und mit immer größerer Ungeduld, aber vergeblich um Nachrichten über das Luftschiff gefragt.
Die Trümmer, die in Laversine, 10 Kilometer nordöstlich von Beauvais aufgelesen wurden, seien bereits von der Kommission untersucht worden. Nicht gelöst sei die Frage, ob es sich hierbei um Gegenstände handele, die während der Fahrt des Luftschiffes abgestürzt seien. Die Gendarmerie ist im Begriff, festzustellen, ob längs der von „R 101" über dem
Departement Oise zurückgelegten Strecke sich nicht noch an» Bestandteile des Luftschiffes finden. Die Bevölkerung >urch die Presse aufgefordert werden, der Gendarmerie
dere
soll durch die Presse aufgi, sämtliche derartige Funde zu übergeben. Die Enquete- Kommission habe den Rumpf des Luftschiffes sehr eingehend untersucht. Innerhalb der Kommission scheine eine ziemlich lebhafte Auseinandersetzung stattgefunden zu haben.
London, 7. Oktober.
Gegenüber einer Meldung der Nachmittagspresse, nach der der an der Unglücksstätte weilende Direktor der technischen Versuchsabteilung des Luftfabrtministeriums, Commodore Holt, angeblich erklärt habe, bie Katastrophe des Luftschiffes sei auf den Bruch eines Teiles des Gerippes des Luftschiffes zurückzuführen, hat Commodore Holt bekannt gegeben, daß er keinerlei Erklärungen über die Ursache der Katastrophe abgegeben habe. Die Untersuchung sei noch im
Gange und der Untersuchungsausschuß sei noch nicht gebildet worden. Er sei lediglich Vorsitzender eines Ausschusses, der den Auftrag habe, Beweismaterial zu sammeln.
war ein blinder Passagier an Bord?
Major Holt hat erklärt, daß es möglich sei, die Leichen zu identifizieren, und daß man erst in England in Anwesenheit der Familienangehörigen einen erneuten Versuch dazu machen könne. Major Holt wies weiter darauf hin, daß die Zahl der von der Presse gemeldeten Opfer nicht mit der offiziellen Schisfsliste, die nur 54 und nicht 58 Passagiere auf» weist, llbereinstimme. Wenn man zu den 47 geborgenen Leichen die acht Geretteten, von denen bekanntlich einer inzwischen gestorben ist, hinzurechne, komme man zu der Zahl von 55 Passagieren. Infolgedessen ist erneut die Vermutung aufgetaucht, daß
ein blinder Passagier an Bord war. Allerdings wird diese Vermutung nur mit allem Vorbehalt geäußert, weil die Leichen sich in einem Zustand befunden haben, der noch nicht einmal ein einwandfreie Zählung der einzelnen Toten zuließ. Im Laufe des Nachmittags ist der englische Botschafter in Paris, Tyrrel, an der Unglücksstätte eingetroffen.
Reuter meldet aus Beauvais: Um den Hinterbliebenen der Verunglückten den Anblick der unkenntlichen Leichen zu ersparen, sind alle Kleiderreste, Gebrauchsgegenstände usw., die bei den Toten gefunden wurden, in numerierten Posten gesammelt worden,'von denen je einer zu jedem Sarg gehört. Diese Arbeit wurde von drei britischen Fliegeroffizieren be- sorgt. Die Angehörigen haben auf diese Weise Gelegenheit, auf Grund der gefundenen Gegenstände die Toten zu er- kennen.
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Sämtliche Särge mit den Opfern der Luftschiffkatastrophe wurden unter Glockengeläut und militärischen Ehren in das Rathaus von Beauvais übergeführt.
Zwei englische Torpedobootszerstörer sind nach Bou- logne ausgelaufen, um die Ueberreste der Opfer des Luftfcküff- unglücks nach Dover zurückzubringen. Von dort aus werden sie durch Sonderzug nach London übergeführt.
Deutscher Berlehrrslugzeug abgeWrzt
Dresden, 7. Oktober.
Das Flugzeug „D. 1930“, das sich auf dem Fluge Berlin—Wien befand und fahrplanmäßig um 9,15 Uhr in Dresden landen sollte, ist Wonkagvormiktag über einem Reichswehrschießplatz in der Dresdener Herde abgestürzt. Es war mit einem Piloten, einem Monteur und 7 Passagieren beseht.
Sieben Personen waren sofort tot, die achte ist auf dem Transport ins Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen.
Es handelt sich bei der Maschine um eine Messer- schmidt M 20, die für 15 Personen zugelassen ist. Dieser Typ ist bei der Deutschen Luft-Hansa seit langem im Dienst. Ueber die Ursache läßt sich im Augenblick noch nichts sagen. Die Maschine ist von dem Anprall vollkommen zerstört. Sie ist jedoch nicht verbrannt. Das Flugzeug war im Begriff, die übliche Schleife vor der Landung zu ziehen, um sich den Windverhältnissen entsprechend von Ost-Südost dem Boden zu nähern. Augenzeugen haben nur gesehen, daß es in der Schleife hinter den Bäumen eines Hügels verschwand. Im Wetter kann die Ursache nicht zu suchen sein, da die Sicht 10 Kilometer und die Wolkenhöhe 600 Meter betrug. Die Maschine ist erst vor einigen Tagen übernommen worden. Es handelt sich also um ein fast fabrikneues Flugzeug.
Die Liste der Toten: Pilot Pust, Flugzeugmaschinen- funker Lange; die männlichen Passagiere Blackwell (auf der Reise nach Prag), Foeldes (Reiseziel Wien), Dr. Küh- nelt (Reiseziel Wien), Knittel (Angestellter der Luft-Hansa), ferner Frau Graefe, die Gattin des Flugleiters der Luft- Hansa in Sofia und Fräulein Blllmel (Reiseziel Dresden).
Dr. Eckener über den NordM-Dg
Leipzig, 7. Oktober
Leipzig hatte ein Vertreter der
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Nach der Landung des Luftschiffes „Graf Zeppelin" in Leipzig hatte ein Vertreter der „Neuen Leipziger Volkszeitung" eine Unterredung mit Dr. Eckener. Dr. Eckener erklärte hierbei, daß er bereit fei, die ihm angebotene Führung der Expedition zum Nordpol zu übernehmen. Die Durchführung des Nordpolfluges fei mit großen finanziellen Schwierigkeiten verbunden. Nach dem Tode Nansens sei die Expedition führerlos geworden. Man habe ihm vor kurzem die Führung angeboten, doch habe er mit feiner Zustimmung immer gezögert. Erst als Professor Weickmann-Leipzig, der die meteorologischen Vorbereitungen leitet und auch am Fluge selbst teilnehmen wird, in ihn drängte, habe er ft» bereit erklärt, das angebotene Führeramt beim Flug nach dem Nordpol zu übernehmen. _
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