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HersfelöerTageblatt

Hersfelöer Kreisblatt

- Amtlicher /inzeiger füt den Kreis Hersfeld

Nr. 233 «Erstes Mach

Sonnabend den 4. Oktober 1930

so. Jahrgang

140000 Metallarbeiter vor dem Streik

Die Einigungsversuche haben nur geringe Aussichten auf Erfolg

Neuer Poincarismus?

Als vor etwa sechs Wochen Poincarö seinen 70. Ge­burtstag feierte, schrieb ein deutsches Blatt, PoincarL gehöre der Vergangenheit an, da er den Anschluß an die neue Zeit nicht gefunden habe.Im neuen Europa, zu dem Briand den Grundstein gelegt hat, ist für seine Politik und seine Methoden kein Platz mehr." Diese Auffassung ist verschie­dentlich auch im Auslande zum Ausdruck gekommen. Die intimsten Freunde Poincares dagegen glaubten nicht daran, daß Poincare schon endgültig der Politik entsagen würde. Er hat sich selbst darüber nie geäußert, doch kündigten seine äußerst rührige schriftstellerische Tätigkeit in den letzten Wochen und nicht zuletzt seine inzwischen wieder aufgenom­menen Sonntagsreden an, daß er nicht gewillt ist, sich aus der Politik ausschalten zu lassen.

Dennoch hat die Nachricht von dem politischen Früh- stück in B a r - l e - D u c mit Maginot, Tardieu und Poin­care überrascht. Und trotzdem wollen Kenner der Verhält­nisse wissen, daß dieses Frühstück gewissermaßen nur die offizielle Anerkennung jener Besprechungen und Verhand­lungen gewesen sei, die seit Wochen in den politischen Zir­keln gepflogen wurden in der Absicht, die französische Außen­politik wieder aktiver in die Erscheinung treten zu lassen. Man wird durch diese Vorgänge an jene Bemerkungen beim Ausscheiden Poincares aus der Politik erinnert, daß Tar­dieu lediglich als Platzhalter Poincares ange­sehen werden dürfte. Tardieu hat der französischen Havas- Agentur zu den Mutmaßungen über die Zusammenkunft in Bar-le-Duc eine Erklärung gegeben, wonach die Folgerun­gen, die in der Presse an diese Zusammenkunft geknüpft würden, falsch seien. Weder käme eine Umbildung des Kabinetts noch irgendein politischer Kurswechsel in Frage.

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dern in den Hauptstädten der europäischen Politik ausge­fallen, in welcher Eile Briand Genf verließ, um nach Paris zurückzukehren. Der Empfang, der ihm in Paris zuteil wurde, war nicht nur äußerst kühl, es kam sogar zu recht unfreundlichen Demonstrationen. Briand hatte jeden­falls in Genf das bestimmte Gefühl, daß sich während feiner Abwesenheit in Paris Dinge zugetragen haben, die sich un­mittelbar gegen seine Politik richten. Die mehrfach von Tardieu gehaltenen Reden zur französischen Außenpolitik waren hierfür nur ein Beweis. Jedenfalls ist es bezeichnend, daß Tardieu und Poincare gerade jetzt unmittelbar vor dem Zusammentreten des französischen Parlaments sich so rührig zeigten. Daß Briand selbst diese Dinge nicht leicht nimmt, geht aus der Tatsache hervor, daß seine letzte Rede in Genf über die Abrüstung den poincaristischen französischen Krei­sen stark entgegenkam.

Am Freitag war der französische Ministerrat versam­melt, um den Genfer Bericht Briands entgegenzunehmen und im Zusammenhang damit in eine vorsichtige Sondie­rung der außenpolitischen Situation innerhalb des Minister­rats einzutreten. Ueber den Verlauf selbst wird man kaum Näheres hören; an der Tatsache aber wird nicht zu zweifeln sein, daß Briand nicht in der französischen Öffentlichkeit, sondern auch im französischen Ministerrat eine neue Lage vorfand, die unmittelbar durch das Wiederauftauchen Poin­cares herbeigeführt worden ist. Man wird sich erinnern, daß die französische Presse nach der deutschen Reichstags­wahl die These aufstellte, daß an der Radikalisierung des deutschen Volkes die Nachgiebigkeit der Briand- schen Außenpolitik, vor allem gegenüber Deutschland, die Schuld trage. In Deutschland weiß man, und im Ausland hat man es sogar sehr deutlich gesagt, daß gerade das Gegenteil der Fall ist. Hätten die Alliierten für die Lage des deutschen Volkes und für das ihm in Versailles angetane Unrecht mehr Verständnis gehabt, hätte man in den Poung- Verhandlungen jenen Geist der Verständigung bewiesen, den man so oft zitiert, das deutsche Volk hätte sich nicht so gegen das System der Unterdrückung und Ausbeutung aufge­bäumt, wie es am 14. September tatsächlich geschehen ist.

Jetzt glaubt man in Frankreich, Befürchtungen haben zu müssen, als könnte Deutschland tatsächlich auf den Ge­danken kommen, alle Revisionsmöglichkeiten auszunützen, die ihm in den einzelnen Verträgen ge­blieben find. Solche Befürchtungen hat man in Paris um so mehr, als sich die Stimmen im Ausland immer stärker hervorwagen, die eine Revision der Versailler und der Tributabmachungen im Interesse des Friedens und im In­teresse der Weltwirtschaft verlangen. PoincarL hat selbst vor kurzem erklärt, daß mit dem Versailler Vertrag Deutsch­land auch das Recht auf Revision gegeben sei. Er hat zugestehen müssen, daß Artikel 19 des Versailler Vertrages eine Grenzregulierung im Osten durch Beschluß des Völkerbundes formalrechtlich durchaus möglich mache. Poincare hat aber andererseits auch mehrfach er­klärt, daß er niemals in eine Rückgabe des Korridors an Deutschland einwilligen werde.

Das deutsche Volk hat allen Anlaß, an seiner Forde­rung nach Revision all jener Verträge festzuhalten, die ihm in und seit Versailles aufgezwungen wurden. Dazu gehört auch der Poungplan, der weit über das hinausgeht, was für Deutschland tragbar ist. Auch ein neuaufkommender Poincarismus darf uns nicht zurückhalten, unser Recht, Unsere Freiheit zu fordern.

Streifgefafir in Berlin

140 000 Metallarbeiter wollen die Arbeit niederlegen

Berlin, 4. Oktober.

Ueber den Tarifstreit der Berliner Metallindustrie wurde im Arbeitsministerium vor dem Sonderschlichter Boel- kers (Bremen) bisher leider ohne Ergebnis verhandelt.

Die Verhandlungen sind aus dem Grund außerordent­lich schwierig, da die Standpunkte der beiden Parteien sehr weit auseinander gehen und die kaum überbrückbaren Gegensätze eine Beilegung des Lohnkonfliktes kaum erwarten jjlassen. Die Arbeitgeber fordern einen Lohnabbau in Höhe von 15 Prozent, wohingegen die Arbeitnehmer eine Er­höhung der bisherigen Lohnsätze als dringend notwendig erachten.

Falls eine Verständigung nicht zustande kommt, wird ein Schiedsspruch gefällt werden müssen, von dessen An­nahme, bzw. Ablehnung der soziale Frieden abhängt. Im­merhin ist seitens der Gewerkschaften bereits Vorsorge dahin­gehend getroffen worden, daß ein Streik auch auf längere Sicht durchgeführt werden kann.

Berliner Metallarbeiterverhandlungen v vertagt >

Berlin, 4. Oktober.

Die von dem Sonderschlichter für die Berliner Metall­industrie geführten Verhandlungen dauerten den ganzen Freitag nachmittag und abend an. In der 11. Abendstunde wurde beschlossen, die Weiterverhandlung auf den 9. Oktober zu vertagen.

»Das konnte gar nicht anders kommen!"

Paris, 4. Oktober.

Außenminister Briand und Handelsminister Flandin find am Donnerstag aus Genf wieder in Paris eingetrof­fen. Als Briand aus dem Zuge stieg, trat, wie Havas be­richtet, plötzlich ein Mann auf ihn zu und machte ihm mit erregter Stimme Vorwürfe, wobei er u. a. behauptete, Briand führe den Krieg mit Deutschland wieder herbei. Es handelte sich um einen 36 Jahre alten Architekten, einen Feldzugsteilnehmer, der zu 65 Pro­zent kriegsverletzt ist. Er wurde festgenommen, während Briand ausrief:Das konnte gar nicht anders kommen!" Der Architekt hat, wie sich aus einer bei ihm vorgefundenen Fahrkarte ergab, denselben Zug von Genf nach Paris be­nutzt wie Briand.

Bor dem Bahnhof hatte sich eine Anzahl Camelots du Roi versammelt, um eine Kundgebung gegen Briand zu veranstalten. Die Polizei schritt ein und verhaftete mehrere von ihnen.

Schacht in Amerika

Er hält Deutschlands Lage nicht für kritisch

Rewyork, 4. Oktober.

* Der frühere Reichsbankpräsident Dr. Schacht traf am Donnerstag in Rewyork ein, um vor einer Reihe einfluß­reicher Wirtschafts- und Universitätsgremien Vorträge in der Hauptsache über das Reparationsproblem zu halten. Seine Ankunft in Amerika bildete für die dorte Oeffent- lichkeit eine Sensation. Er wurde schon auf dem Dampfer von amerikanischen Journalisten überlaufen, die von ihm Erklärungen über Deutschland, über die deutschen Reichs­tagswahlen, über Hitler, über seine Stellung zur Repara- tions- und Schuldeyrevisionsfrage zu haben wünschten. Schacht erklärte u. a

daß seiner Ansicht nach Deutschland nicht in der Lage sei, seinen Verpflichtungen aus dem Poungplan nach- zukommen. Unter den Auswirkungen der Reparations­zahlungen sei Deutschlands Wirtschaft blutleer, so daß man von ihr nicht diese ungeheuren Zahlungen verlan­gen könne. Das Wahlergebnis bezeichnete er als das Ergebnis der langjährigen Demütigungen, die man Deutschland zugemutet habe. Jetzt sei der Punkt er­reicht, wo die Geduld des deutschen Volkes am Ende sei.

Es sei idiotisch, anzunehmen, daß ein Volk, das zwölf Jahre lang mißhandelt wurde, ruhig bleiben könnte. Es fei un­verständlich, daß man überall die Worte höre,Deutschland solle vernünftig sein".Ich", so erklärte Schacht,antworte darauf: Die Welt soll vernünftig sein!" Im übrigen be­merkte er, daß die Lage Deutschlands nicht so kritisch sei wie vor den Wahlen. Eine Antwort auf die Frage der Streichung der Kriegsschulden lehnte er mit dem Hinweis darauf ab, daß er in seinen Vorträgen hierauf eingehen werde.

Die amerikanische Presse beschäftigt sich sehr eingehend mit den Auslassungen Schachts, vor allem auch mit seinen Bemerkungen über das schnelle Wachstum der Hitler-Bewe- gung als eine Folge der Unzufriedenheit.

vom Geburtstag hindenburgs.

Reichspräsident von Hindenburg verläßt in Begleitung seines Gastgebers, des Herrn von Schilcher, am Morgen seines 83. Ge­burtstags das Schloß in Dietramszell zu einem Spaziergang.

Die Besserung Seopolbs von Bayern

München, 4. Oktober.

Unter großer Beteiligung aller Bevölkerungskreife fand die Beisetzung des Prinzen Leopold von Bayern statt. Unter den Klängen des Präsentiermarsches wurde der Sarg von sechs Reichswehroffizieren zur Ehrenlafette getragen und mit der weiß-blauen Hausflagge der Wittelsbacher bedeckt. Unter Vorantritt des militärischen Ehrengeleits fetzte sich so­dann der Trauerzug in Bewegung.

Hinter dem Sarg schritten die Fürstlichkeiten. In großer Zahl war die Generalität der alten Armee und der Reichswehr vertreten.

Unter dem Geläut der Glocken von St. Ludwig durchschritt der Zug das Siegestor und bewegte sich zur St. Michael- Hofkirche,

wo sich unterdessen Reichspräsident von Hindenburg mit dem Ministerpräsidenten Dr. Held und dem Landtags- Präsidenten Slang eingefunden hakte.

Gegen 10 Uhr traf der Trauerzug vor der Kirche ein. Der Sarg wurde auf einem katafalkartigen Aufbau vor dem Hoch­altar aufgestellt. Hinter dem Sarg nahm Reichspräsident von Hindenburg Aufstellung. Der Trauergottesdienst wurde von Erzbischof Kardinal von Faulhaber unter Assistenz der Domgeistlichkeit zelebriert. Unter dem Donner des Ehren- saluts wurde sodann der Sarg in die Gruft getragen und dort unter geistlichen Gesängen und Gebeten beigesetzt.

Reichspräsident von Hindenburg wurde beim Verlassen der Kirche von der harrenden Menschenmenge mit ft-irmi- P"' prüfen begrüßt.

Bangoins Programm

Kampf gegen den Marxismus

Wien, 4. Oktober

Bundeskanzler Vaugoin umschrieb in einer Unterre­dung mit einem Vertreter desNeuen Wiener Journal" fein Programm dahin, daß er vor allem daran arbeite, alle vaterlandsliebenden Kreise im Kampf gegen den Mar­xismus zu sammeln. Während des Wahlkampfes werde die Regierung darauf achten, daß die «Ruhe und die Ordnung nirgends gestört und das Vertrauen des Auslandes zu Oesterreich gestärkt werde. Der Bundeskanzler heiße jeden in seinem Kampfe willkommen und achte jeden, der in Glaubenstreue und Heimatliebe ihm zur Seite stehe.

Für Bertragsreoision

Rom, 3. Oktober.

In einer Betrachtung über die schwierigen Verhältnisse auf dem internationalen Geld- und Handelsmarkt empfiehlt der frühere italienische Finanzminister Stefani imCarriere della Sera" u. a., die internationale Verschuldung sowie die Reparationen zu revidieren, die sich nicht nur für die Welt­wirtschaft als sehr gefährlich erwiesen hätten, sondern auch für jene Staaten, deren Wirtschaft zunächst Vorteile daraus zu ziehen schien. Das sei für alle klar, die eine konkrete Vorstellung von den wirtschaftlichen Erscheinungen haben, selbst wenn dann auch die Bank für Internationalen Zah­lungsausgleich wieder eingehen sollte.