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Hersfel-erTageblatt

Hersfel-er Kreisblatt

- Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö *

Nr. 232 Freitag den 3. Oktober 1930 80. Jahrgang

Derstarke Kurs" in Frankreich

Ränkeschmied Pnincaree, der alte Gegenspieler Briands, sucht wieder Einfluß in die Politik seines Landes zu gewinnen

Ergebnis der Woche

H. St. Es gehört schon ein ungewöhnliches Maß von Optimismus und Vertrauen in den endlichen Sieg des Guten und Vernünftigen auf der Welt dazu, um nicht an­gesichts des Bildes, das die heutige Welt und insbesondere Europa darbietet, ein für allemal jede Hoffnung aufzu- geben. Gewiß war vor dem Jahre 1914 auch nicht alles in Europa vollendet, aber Europa bot doch immerhin nicht geradezu das Bild eines Tollhauses, wie es heute der Fall ist. Die großen europäischen Mächte hielten einander po­litisch die Wage; große und einheitliche Wirtschaftsgebiete ermöglichten das Gedeihen der Wirtschaft und einen pari­tätischen Austausch der Güter zwischen den Nationen, und wenn auch gewiß zwischen den einzelnen Staaten genügend Konfliktstoffe vorhanden waren, so hätte es doch ohne Zweifel gelingen können, das Unheil des Welt­krieges zu vermeiden, wenn nicht auf französisch-russi­scher Seite ein erhebliches Quantum kriegerischer Ent­schlossenheit, auf englischer Seite Verantwortungslosigkeit und Indolenz und auf deutscher Seite eine diplomatische Ungeschicklichkeit vorhanden gewesen wäre, von welcher Fürst Bülow nicht ohne Recht gesagt hat, er würde jeden wegen Beleidigung verklagen, der behauptete, daß er im Juli 1914 die Geschäfte so ungeschickt geführt hätte, wie das Bethmann-Hollweg getan hat. Heute bietet dagegen das im vollsten Sinne des Wortes balkanisierte E u' r o p a einen wahrhaft tragikomischen Anblick. In Prag, einer Stadt, die ihre wesentlichsten kulturellen und geistigen Werte dem Deutschtum verdankt, wird eine wilde Deut- s ch e n h e tz e entfaltet, und wenn auch die leitenden Män- ner der Tschechoslowakei in mehr oder minder gewunde- nen Erklärungen von den beschämenden Ausschreitungen

Bei dem allen ist es recht belustigend, zu beobachten, wie sich hin und wieder die Einheitsfront all dieser deutsch- feinlichen Staaten lockert, wenn einer der Kriegsgewinnler einmal andeutet, daß vielleicht einer seiner Komplizen auf einen Teil seiner Beute verzichten könne. In diesem Sinne findet das Interview, das M a f a r y k der WienerNeuen freien Presse" gegeben hat, in dem er für den tschechischen Standpunkt einer friedlichen Re­vision der Friedensverträge eintritt und die Berechtigung des polnischen Korridors angreift, in der polnischen Oeffentlichkeit und Presse ein bestürztes Echo. Natürlich hat man sofort Berichtigungen der tschechischen Gesandtschaft in Wien und Budapest gebracht, in denen selbstverständlich nichts von dem polnischen Korridor stand. Man wird dieser Berichtigung in Deutschland wohl kaum den Glauben versagen können, denn es ist in der Tat nicht leicht anzunehmen, daß der Präsident der Tschecho­slowakischen Republik gerade in dem Moment der Präger Deutschenhetze derartige Ansichten der Oeffentlichkeit unter­breitet. Aber schon die bloße Möglichkeit, daß Herr Ma- saryk etwas derartiges gesagt aben könnte, bringt die Polen, die sich bekanntlich seit Jahren redlich bemühen, den Tschechen die Palme der Deutschfeindlichkeit zu ent­reißen, völlig außer sich, und die führenden polnischen Blätter nennen denn auch das Interview Masaryks einen unerhörten Vorstoß gegen Polen, da es keinen polnischen Korridor, sondern nur ein polnisches Pommerellen gebe. Demgegenüber sei die Tschechoslowakei nur ein künstliches Gebilde aus einem Völkergebiet, das in widerlicher Weise an das alte Oesterreich-Ungarn erinnere. Pommerellen sei polnisch, in dem Augenblick aber, da der letzte tschechische Gendarm aus Preßburg, der Slowakei und Schlesien zurückgezogen würde, würde auch dieses Machwerk voller Unverständlichkeit eines Pastellbildes, nämlich der heutigen Tschechoslowakei, verschwinden. Ma- Kgehe also nur nach dem alten GrundsatzHalte den

' vor, wenn er in der Befürchtung, im eigenen von Minderheiten gezierten Lande die Ordnung nicht aufrecht erhalten zu können, Beunruhigungen in die Nachbarstaaten trage. Aus diesem polnisch-tschechischen Streit ergibt sich aber das eine mit großer Gewißheit, daß die tschechoslo­wakischen Angriffe gegen Polen genau so begründet sind, wie die polnischen gegen die Tschechoslowakei. Es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß Räuber sich über die Verteilung der Beute in die Haare geraten, und sich dabei allerhand Liebenswürdigkeiten sagen. *

Herr Briand, der mit recht so beliebte Zauber­künstler, hat für alle Krankheiten, an denen Europa leidet, und insbesondere für die unhaltbaren Zustände Deutsch­lands ein Heilmittel entdeckt und es der Delegation der internationalen Frauenvereinigung in Genf denn auch aus­geplaudert: es soll eine Art europäischer Finanz- mechanismus geschaffen werden, der den in schwieriger Situation befindlichen Staaten, vor allem Deutschland, Dienst erweisen, d. h. ihm Anleihen zur Verfügung stellen und auf diefe Weise den zurzeit in der Welt vorhandenen Geldüberfluß richtig verteilen soll. Offenbar denkt Briand dabei an eine ähnliche finanzielle Hilfsaktion der Inter­nationalen Finanz, durch welche seinerzeit Oesterreich ge- Bt wurde. Natürlich weiß ein so überlegener Kopf wie and ohne Frage selbst am besten, daß das Beispiel

Oesterreichs auf Deutschland in keiner Weise anwendbar ist, und daß Deutschland nicht mit Anleihen geholfen werden kann, sondern nur durch eine Beseitigung des Versailler Diktates, das Deutschland jede Lebensmöglichkeit unterbindet.

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Nein, wir werden uns nicht auf die Vorschläge des Herrn Briand, nicht auf eine angebliche Solidarität der europäischen Völker verlassen können, sondern nur auf unsere eigene Kraft, auf unseren eigenen Willen, der un­haltbaren Zustände Herr zu werden, in die wir nicht ohne eigene Schuld hineingeraten sind. In diesem Sinne verdient das soeben veröffentlichte Wirtschosts- und Finanzprogramm der Regierung besondere Beachtung. Ueber seine Einzelheiten mag man diskutieren, als Gesamteindruck wird man aber immerhin feststellen können, daß die Regierung versucht hat, mehr als jemals bisher an die Wurzel der finanziellen und der wirtschaft- lichen Nöte heranzukommen, die zahllllen, seit Jahren immer wieder gerügten Mißstände unserer Wirtschaftspolitik rücksichtslos bloßzulegen und die Dinge so unbürokratisch wie möglich zu sehen.

Bruft mit demKrMismus?

Das Ergebnis eines politischen Frühstücks in Barle-duc.

Paris, 3. Oktober.

In politischen Kreisen hat ein politisches Frühstück star­kes Aussehen erregt, das am Mittwoch der Kriegsminister Maginot in Bar-le-duc dem französischen Ministerpräsiden­ten Tardieu und Poincare gab. Offiziell schweigt man sich über dieses Zusammentreffen der drei Vertreter desstar- vevorstehenoenWiedereröffnung der Parlamentssession in Verbindung zu bringen und es als natürlich hinzustellen, daß sich führende Politiker über die politische Lage und über eine Reihe schwebender Probleme unterhalten wollen, die auch in den Parlamentsdebatten eine Rolle spielen werden.

In parlamentarischen und diplomatischen Kreisen da­gegen sieht man hinter dieser Zusammenkunft etwas mehr. Darüber äußert sich der Pariser Korrespondent derTimes" ziemlich rückhaltlos, wenn er anschließend an das politische Frühstück von Bar-le-duc u. a. folgendes schreibt: Es ist anzunehmen, daß Poincares offizielles Inkognito bald ein Ende finden wird. Die französische Politik ist allen Vor­gängen in Deutschland gegenüber äußerst empfindlich. Auf den Ausbruch des Nationalismus in Deutschland folgt eine ähnliche Bewegung in Frankreich mit der gleichen Unver- meidlichkeit wie die Nacht dem Tage. Das große Zuge­ständnis, das Tardieu unter Hintansetzung von Parteirück­sichten dem nationalen und internationalen Empfinden machte, bestand darin, daß er das Außenministerium in den Händen Briands ließ. Die führende Rolle, die Briand in Europa bei der Förderung der Versöhnung und der Ab­rüstung spielte, war zu einer Einrichtung geworden, an der im allgemeinen Einverständnis nicht gerüttelt werden durfte.

Es machen sich aber jetzt Zeichen einer Veränderung bemerkbar. Briands Kritiker sind angesichts der etwas kühlen Aufnahme seines Paneuropaplanes mit ihren Angriffen mutiger geworden, da sie glauben, daß Briand zu weit gegangen ist. 3n Kreisen, die Tardieu nahestehen, wird jetzt vermutet, daß der Bruch mit demBriandismus" nicht mehr ferne ist.

Der Korrespondent weist noch darauf hin, daß Briand in einer Genfer Rede die von Tardieu gebrauchte Reihenfolge )er WorteSicherheit, Schiedsgerichtsbarkeit und Abrit- tung" geändert undSchiedsgerichtsbarkeit" an erster Stelle genannt habe. Aus diesen kleinen Anzeichen, so schreibt der Korrespondent, schließen viele Beobachter, daß ein neuer Wind in der französischen Po- l i t i k weht, der für Briand vollkommen ungünstig ist Tar- dieus Frühstück mit Poincar^ ist vielleicht das Borspiel neuer Kombinationen und einer neuen Haltung Frankreichs in Europa.

Tardieu über die Zusammenkunft in Bar-le-Due

Streng privater Charakter."

Paris, 3. Oktober.

Ministerpräsident Tardieu erklärte über seine Reise nach Bar-le-Duc, daß er nur seine Erklärungen über den streng privaten Charakter des Frühstücks, das er gemeinsam" mit Herrn und Frau Poincare und Kriegsminister Maginot ein­genommen habe, bestätigen könne. Die politischen Folgen, die gewisse Zeitungen in dieser Unterredung sähen, nämlich eine Umbildung des Kabinetts oder irgendein politischer Kurswechsel, seien vollkommen falsch. Der heutige Minister­rat wird noch nicht den Zeitpunkt für den Zusammentritt des Parlaments, der frühestens am 28. Oktober erfolgen werde, festsetzen, sondern zum größten Teil dem außenpolitischen Exposee gewidmet fein, das Briand über den Verlcwf der Völkerbundstagungen erstatten würde. ,._^..

Die Wirtschastrfragen in Ge»i

Eine Rede von Rheinbabens.

Genf, 3. Oktober.

Die Vollversammlung des Völkerbundes setzte ihre Aussprache über die wirtschaftliche Tätigkeit fort. Im Ver­laufe der Debatte sprach auch der deutsche Delegierte Frei­herr von Rheinbaben, der die Haltung der deutschen Dele­gation zu den drei wichtigsten Fragen, der Meistbegünsti­gung, des Dumpings und der Preferenz, darlegte. Er führte u. a. aus: Deutschland wird nach besten Kräften an der Frage der Meistbegünstigung mitarbeiten, um sie den modernen Bedürfnissen anzupassen.

Was das Dumping betrifft, so möchte ich nur sagen, daß die deutsche Regierung zu jeder Untersuchung beitragen will, um in dieser wichtigen und komplizierten Frage Klar­heit zu schaffen. Auch die internationalen Sachverständigen sind ganz verschiedener Meinung über den wahren Sinn des Dumpings.

Ich darf an die Situation erinnern, in der sich Deutsch­land befindet. In der sozialen Struktur meines Landes sind große Aenderungen eingetreten. Aus dieser besonderen Lage, insbesondere auch durch die internationalen Ver­pflichtungen Deutschlands, erklären sich die Maßnahmen, die Deutschland in der letzten Zeit zur Rettung seiner Wirtschaft ergreifen mußte.

Deutschland hat Verständnis für die Lage der osteuro­päischen Staaten und für ihre Bemühungen, für einen bes­seren Absatz ihrer Agrarprodukte zu sorgen. Deutschland wird sich an den weiteren Arbeiten der Wirtschaftsorganisa­tionen des Völkerbundes beteiligen. Nach einem Schluh- wort des Berichterstatters De Mickelis wurde.der Mirt^

Amerika zum Briiumg-Wsgramm

Deutschland wirds schaffen.

Rewyork, 3. Oktober.

In amerikanischen Finanz- und Wirtschaftskreisen be­schäftigt man sich sehr eingehend und sachlich mit dem Fi­nanzprogramm der Reichsregierung. Besondere Beachtung findet hier ein Aufsatz des früheren Präsidenten Coolidge, in welchem er sich als'wahrer Freund Deutschlands und des Fortschritts der Menschheit bekennt und als solcher der Hoffnung Ausdruck gibt, daß Hindenburg und Brüning bei ihren Bestrebungen, das Budget auszugleichen und die Reichsfinanzen zu stabilisieren, Erfolg haben. Parker Gilbert habe erklärt, daß dies bei einer Entschlossenheit möglich sei. Reparationszahlungen unter 400 Millionen Dollar könnten für ein Volk von 65 Millionen ohne erheb­liche äußere Schuld und ohne eine große Armee und Flotte keine unerträgliche Last sein.

Deutschland habe rasch wieder die Welt gewonnen. Die verantwortliche Regierung der deutschen Republik er­fülle ihre Verpflichtungen. Dadurch erscheine Deutsch­lands Zukunft gesichert.

Der Wirtschaftsberater der Chase National Bank, Dr. Benjamin A n d e r s o n , erklärte in einer Versammlung von Wirtschaftlern in Chicago, daß er die Befürchtungen, die seit den Wahlen in Deutschland geäußert wurden, nicht teilen könne. Das deutsche Bolk habe seit 1918 schon viel schlimmere Zeiten durchgemacht.

Die beruhigenden Erklärungen von Seiten deutscher Bankiers hätten große Bedeutung, da erfahrungsgemäß die deutschen Bankiers wüßten, wovon sie sprächen und die amerikanische Bankwelt wisse, daß sie die Wahrheit sagten. Er fürchte nichts für die politische Stabilität Deutschlands, selbst wenn eine extreme Partei zur Macht gelangte.

Abschied tun Einten

Ehrungen für den scheidenden Botschafter

London, 3. Oktober.

Der deutsche Botschafter und Frau Sthamer sind heute aus London abgereist. Die Einmütigkeit, mit der in der englischen Oeffentlichkeit die großen Verdienste gewürdigt worden sind, die sich Botschafter Sthamer in zehn Jahre langer geduldiger, taktvoller und kluger Arbeit um die Wie- deranknüpfung und Festigung der durch den krieg zerrisse­nen Bande zwischen beiden Ländern erworben hat, ist der beste Beweis für den vollen Erfolg seiner zu Ende gegan­genen Mission, deren Bedeutung im Laufe der Entwicklung immer klarer zutage treten wird.

Zum Abschied hatte der König und die Königin, die bei der Ueberreichung des Abberufungsschreibens durch den deutschen Botschafter diesen und Frau Sthamer ihre Bild­nisse mit Namenszug gewidmet hatten, den Marschall des Diplomatischen Korps, Generalmajor Sir John Hanbury- Williams als Vertreter entsandt, der eine Abschiedskund­gebung des Königs überbrachte. Außerdem waren erschie­nen als Vertreter des Staatssekretärs des Aeußeren Mr. Monck vom Foreign Office, die Botschafter und Gesandten der fremden Mächte, der gesamte Stab der deutschen Bot­schaft und zahlreiche persönliche Freunde..