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HersfelSerTageblatt

Nr. 213 Donnerstag, den 11. September 1930 80. Jahrgang

Warum hat GranSi Genf verlassen?

Italien ist wahrscheinlich im augenblicklichen Stadium gegen Verhandlungen m t Frankreich

Frauen und Wahlen

Von Oberstudiendirektorin Dr. E. Matz

In steigendem Maße hat sich die berufstätige Frau im öffentlichen Leben durchgesetzt. Die Zahl von 11% Millionen berufstätiger Frauen, die überwiegend im wahlfähigen Alter stehen, bedeutet einen Faktor von nicht zu unter­schätzender Bedeutung, ebenso wie die Zahl von 9 Millionen Hausfrauen, deren Arbeit mit Recht auch als Beruf ge- wertet wird.

Die berufstätigen Frauen haben im Laufe von 11 Jah­ren staatsbürgerlicher Gleichberechtigung die überraschende Erfahrung machen müssen, daß diese staatsbürgerliche Gleichheit ihnen in ihrer Berufsbahn wesentliche Vorteile und Erleichterungen nicht gebracht hat. Im Gegenteil: Ge­hälter und Löhne sind vielfach gedrückt und der beruflichen Leistung der Frau nicht angemessen, und die Aufstiegs­möglichkeiten im Beruf sind sehr gering. Die von der Frau noch schwerer als vom Mann getragene Einspannung in eine Arbeit, die man nicht als Beruf Berufung emp­findet, die Mechanisierung vieler Berufe, das laufende Band, das im geistigen Sinne eine sehr große Zahl von Berufs- tätigen erfaßt, verstärkt das Gefühl des Unbefriedigtseins.

Diese Erkenntnisse müssen die Frauen veranlassen, sich stärker als bisher politisch zu interessieren und zu betätigen.

Die berufstätige Frau gehört meist den Kreisen der Arbeitnehmer Beamte, Angestellte, Arbeiter an, die naturgemäß erwarten, daß ihre Berufsintereslen W auch in positiven Forderungen ausw-rken. Darüber hinaus empfindet die Frau, oft stärker als der Mann, die Bindung an die politische Idee, an das Volks­ganze, dem sie ihr Einzelschicksal unterordnet. Sie versteht nicht den Kuhhandel mancher Parteien, mit dem diese Grup­pen ihre besonderen Interessen untereinander aushandeln, weil sie- aus ihrem Frauentum heraus nach der Totalität strebt.

Die berufstätige Frau ist um des Gayzen willen auch zu persönlichen Opfern bereit (Ledigensteuer, geringeres Wohnungsgeld), fordert aber für fidj, auch weil sie mit dem Gewinn ihrer Arbeit oft Familienangehörige erhält, f o ziale Gerechtigkeit. Sie ist sich über die Bedeutung und die Notwendigkeit deutscher Sozialpolitik klar und ist stolz darauf, daß Deutschland seit jeher auf diesem Gebiete führend war. Sie kämpft aber um der Allgemeinheit willen gegen die mißbräuchliche Ausnutzung der Sozialversicherungen und erkennt besonders solche Refor­men an, die geeignet sind, das Verantwortungsgefühl der Einzelnen zu stärken.

Sie ist in ihrem persönlichen Leben auf Sparsam­keit eingestellt und fordert diese Sparsamkeit auch von der öffentlichen Verwaltung. Die berufstätige Frau erkennt die Richtigkeit des Grundsatzes, daß Aufgaben Ausgaben bedeu­ten, versteht aber nicht, wie man in Reich, Ländern und Gemeinden Jahre hindurch so aus dem Vollen heraus hat wirtschaften können. Sie, die im Wirtschaftsleben steht, muß grundsätzlich eine Verwaltungsreform begrüßen, die das Ziel der Vereinfachung verfolgt; denn sie bedauert die ziel- und zwecklose Doppelarbeit, die im Nebeneinander- arbsiten der Behörden des Reiches und der Länder vielfach geleistet wird. Sie erkennt auch die Schwierigkeit in der Gesetzgebung, bei der die Interessen des Reiches und der einzelnen Länder oft nicht ausgeglichen werden, weil die zahlreichen Parlamente in Deutschland völlig unabhängig voneinander arbeiten und über 1500 Parlamentarier das deutsche Volk mit den Segnungen ihrer Gesetzgebung über­schütten. Darum wird die berufstätige Frau den Weg ru­higer organischer Entwicklung zum Einheits- st a at wünschen, der Deutschlands Zerrissenheit überwinden und ein starkes Reich schaffen kann.

Die Wahlen am 14. September werden darüber zu entscheiden haben, ob die Entwicklung in diesem Sinne oder rrach dem Wunsch radikaler Parteien ims Chaos gehen wird, und die berufstätige Frau muß sich darüber klar werden, daß jede Stimme hierfür bedeutsam ist, daß sie sich selbst entscheiden muß. Sie gehört meist weder zu den Nichtwäh- lern, noch wählt sie Splitterparteien; nur wird die Betti- Aguna ihres politischen Interesses leider oft durch starke derufuche Anspannung gehemmt. Die gegenwärtige politische

Not, die traurige Zerrissenheit, die bei dem Wahlkampf so schroff in Erscheinung tritt, sollte die Berufsfrau erkennen lassen, daß sie nicht nur ihre W a h l p f l i ch t ausüben muß. sondern daß in Zukunft keine berufliche Ueberlastung sie abhalten darf, am politischen Leben teilzun ? b- men, sich in einer Weltanscha;uungspsri»i zu betätigen

Die Mkerbun-roersammlima

Ehrung Skresemanns

Genf, 11. September.

In der Völkerbundsversammlung haben die deutschen Delegierten entsprechend der Sitzordnung in der Reihen­folge des französischen Alphabets wiederum ihre Plätze in der ersten Reihe eingenommen. Unmittelbar vor der Prä­sidententribüne, auf der der Generalsekretär des Völkerbun­des mit dem stellvertretenden Generalsekretär, den drei Untergeneralsekretären sowie dem Direktor des Jnternatio- len Arbeitsamtes Platz genommen haben. In der Ver­sammlung sieht man u. a. den belgischen Außenminister Hymans, den südafrikanischen Ministerpräsidenten, Ge­neral Hertzog, den Premierminister von Australien, S c u l l i n und den österreichischen Bundeskanzler Scho­ber. Für England sind außer Henderson wie im Vorjahre der Präsident des Handelsamtes G r a h a m und Lord Ro­bert Cecil erschienen. Griechenland ist durch den Minister­präsidenten V e n i z e l o s und P o l i t i s vertreten. Ungarn durch den ehrwürdigen Grafen Albert Apponnyi. Alle europäischen Staaten sind durch ihre Außenministervertreter, die chon mit Rücksicht auf die europäische Konferenz nach Gen gekommen sind.

Die Eröffnung

In der Eröffnungsansprache warf der vorläufige Prä­sident der Völkerbundsversammlung Z u m e t a einen Rück­blick auf die Arbeit des Völkerbundes seit der letzten Völ­kerbundsversammlung.

Er gedachte mit Worten der Zustimmung der Initiative Briands zur Befriedigung der Beziehungen der europäischen >HWL«W>SO'«»a?8Äe?n^^S«»ndes, vor allem dem deutschen

Außenminister Stresemann,

herzliche Worte der Anerkennung. 3m letzten Jahre, so führte er aus, betrat Skresemann dieses Podium, um uns wiederum seinen Glauben an das Werk auszusprechen, dessen entscheidende Augenblicke dieser Versammlung in historischer Stunde miterlebt hat. Als Patriot wußte er, daß das Wohl jeden Landes seit 1914 unauflöslich verbunden ist mit dem Wohl der Gesamtheit der Nationen, und wir wissen, wie sein Patriotismus gestärkt und geadelt wurde durch seine männ­liche und aufrichtige Hingabe an die Sache der Völkerver­ständigung. Die Erinnerung an ihn bedeutet die höchste Steigerung der Innigkeit der Wünsche für die Vollendung der unausweichlichen Aufgabe, die sein Leben verkürzte und seinen Ruhm vermehrte.

Der Ratspräsident gedachte weiter Fritjof Nansens, des unerschrockenen Vorkämpfers des Fortschrittes der Mensch­heit und des Friedens und des Fürsorgers für Millionen von Kriegsopfern, ferner Lord Balfours, eines der ersten Staatsmänner, der rückhaltlos den Völkerbund mit seiner großen Autorität unterstützt habe.

Zum Präsidenten der Versymmlung wurde in geheimer Wahl der erste rumänische Delegierte, Tilulesku, mit

46 von 50 Stimmen gewählt.

Derdeutsche log in Gens

London, 11. September.

Der Verlauf der ersten Genfer Beratungen gibt der LondonerMorningpost" Veranlassung, festzustellen, daß Deutschland entschlossen sei, seinen Standpunkt in den Fragen der Minderheiten, der Berichtigung bestehender Grenzen und der Revision der Friedensverträge durchzu- drücken. Es herrsche in Genf die starke Ueberzeugung, daß der von Dr. Curtius vertrete-ne Standpunkt unter den Völkerbundsdelegierten Boden gewinnt und sich schließlich durchsetzen werde. Italien würde bereits jetzt als deutscher Verbündeter in der Frage der Revision der Verträge genannt. Die von Dr. Curtius bei der Erörterung der Frage der Union zwi­schen Tanganjika und den britischen Besitzungen Kenya und Uganda zutage getretene Geste werde in Genf als ein Warnung-signal hingenommen, daß Deutschland in einem günstigen Augenblick die Frage seiner verlorenen Ko­lonien im Zusammenhang mit seinen Forderungen nach Revision der Friedensverträge aufwerfen könnte. Der Korrespondent hebt hervor, ziemlich allgemein herrsche die Ueberzeugung, daß Dr. Curtius in Genf einen Sieg da­von getragen habe.

Auch Der PariserMatin" beschäftigt sich mit dem Auf­treten Dr. Curtius' in Genf und erklärt, man würde die französische öffentliche Meinung täuschen, wenn man der Annahme Ausdruck gäbe, daß irgendeine deutsche Regie­rung nach etwas anderem strebe, als nach allmählicher friedlicher Revision gewisser Bestimmungen der Verträge. Man würde sich täuschen, wenn man annehme, daß die deutschen Linksparteien anders dächten. Wenn sie auf die Hoffnung verzichten wollten, daß Deutschland eine Verbesserung am Statut des Versailler Friedens erreichen könne, dann würden sie die Mehrheit in Deutschland nicht hinter sich haben.

Stollen weicht aus

Politische Gründe für Grandis Abreise aus Genf?

In Genf und in den westlichen europäischen Haupt­städten beschäftigt man sich sehr eifrig mit der unerwarte­ten Abreise des italienischen Ministers Grandi aus Genf. Vielfach führt man sie auf die Bemerkung des englischen Außenministers Henderson in der Völkerbundsrats­sitzung zurück, daß die italienisch-französischen Sonderbesprechungen über die Flotten» frage ohne die angebotene Beteiligung von England von- statten gingen und daß er hoffe, über ihren gegenwärtigen Stand noch während der jetzigen Vollversammlung eine Erklärung abgeben zu können. Aus einer Bemerkung des Genfer Berichterstatters desCarriere della Sera" muß man entnehmen, daß diese Andeutung Hendersons in der italienischen Delegation einige Verlegenheit hervorge- rufen habe, weil in Wirklichkeit die italienisch-französischen Verhandlungen ruhen. Henderson hat somit, wie man an* nimmt, mit seiner Bemerkung den Anstoß zu einer Wieder­aufnahme der Verhandlungen geben wollen, wozu aber offenbar auf italienischer Seite keine Neigung vorhanden ist. Die Bemerkung Hendersons war so gehalten, daß Grandi als bevollmächtigter Minister Mussolinis die Mög­lichkeit gehabt hätte, im Sinne des englischen Außenmini­sters auf die Wiederbelebung der italienisch-französischen Flottenverhandlungen einzuwirken.

Daß er jedoch plötzlich abreiste, ohne in dieser Richtung die Initiative zu ergreifen, läßt zwei Möglichkeiten zu: entweder wollte er sich neue Instruktionen seines Chefs einholen, oder er wollte durch feine Abreise zu erkennen geben, daß Italien keine Möglichkeit sieht, auf der jetzi­gen Grundlage die Verhandlungen mit Frankreich wie- der italienischen Presse über das plötzliche Verschwinden Grandis aus Genf überrascht, teils geradezu bestürzt ist.

SilWIi regiert!

Verhaftung bet Oppositionsführer.

Warschau, 11. September.

Die Parteien der Linken und des Zentrums hatten in einer gemeinsamen Erklärung mitgeteilt, daß 5 Parteien, und zwar die Polnische Sozialistische Partei, die Bauern­partei Wyzwolenie, Piaste und Bauernbund und die Na­tionale Arbeiterpartei, einen gemeinsamen Wahlblock, den Zentrolinksblock, gebildet hätten, der auf Grund eines ge­meinsamen Programms unter der LosungV e r t e i d i» gung des Rechts und der Freiheit des Vol - k e s" mit gemeinsamen Listen in die Wahl treten werden. An erster Stelle der gemeinsamen Liste würde Sejmmar­schall Daszynski stehen.

Nachdem dieser Aufruf gestern veröffentlicht worden war, wurden heule in früher Morgenstunde insgesamt 7 führende Persönlichkeiten dieser 5 Parteien auf An­weisung des polnischen Innenministers in Warschau verhaftet, und zwar der Vorsitzende des Zenkralvollzugs- ausschusses der Sozialistischen Partei Polens, Bar - i i ck i, Dr. L i e b e r m a n n, Dr. dragier sowie der Redakteur desRobotnik". Dubais, weiter der frü­here Abgeordnete B a g i n s k i von der Partei Wyzwo­lenie, Dr. 6 i e r n i k von der Piastenpartei und schließ­lich der mehrfach hervorgetretene Führer der Nationalen Arbeiterpartei, D o m s k i. Diese Verhaftungen erregen in ganz Polen ungeheures Aufsehen, da man darin den Versuch der Pilsudski-Regierung erblickt, die Oppo­sitionsparteien aktionsunfähig zu machen.

Man befürchtet, daß diese Maßnahmen zu Unruhen führen werden, da nicht anzunehmen ist, daß die Massen der so­zialistischen Arbeiterschaft und der linken Bauern sich ein­fach ausschalten lassen werden. Allerdings scheint nach verschiedenen anderen Meldungen die Regierung durch Verhaftungen der Führer auch in der Provinz diese Par­teien völlig führerlos machen zu wollen.

Auch holländischer »oykolt?

Haag, 11. September.

In der Zweiten Kammer beantwortete der Minister des Innern und für Landwirtschaft eine Anfrage über den deutsch-finnischen Handelsvertrag dahin, daß dieses Ueberein- kommen zurzeit durch die Regierung geprüft werde. Der Minister hielt es auf Grund von Besprechungen für ausge­schlossen, daß die Nachbarländer Hollands dessen einseitige Bindung durch ein Uebereinkommen ausnutzen würden. Es sollen Schritte unternommen werden, damit die

Niederlande am 1. Juli 1931 ihre Freiheil in ihrer Ein­und Ausfuhrpolitik zurückerlangen.

Auf die Frage eines Abgeordneten, welche Maßnahmen die Regierung zu ergreifen beabsichtige gegenüber der Ausfuhr von Waren aus den Ländern, die durch hohe Einfuhrzölle die holländische Ausfuhr erschweren, wie dies insbesondere von feiten Deutschlands geschehe, antwortete der Minister, daß Sie Regierung sich in der Wahl einer ausländischen Lieferanten nur durch sachliche Erwägungen leiten lassen könne, da sie sonst der Meistbegünstigungsklausel zu-

^ widerhandeln würde.