kersfelöerTageblatt
Hersfelöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-
Nr. 208
Freitag, den 5. September 1930
80. Jahrgang
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Aranzosenmanöver gegen Deutschland
Die großen Manöver in Lothringen — Das linke Rheinuser als theoretisches Aufmarschgebiet
Ergebnis der Woche
R. P. Die große Sternfahrt de r Staatsmänner und Diplomaten von rund 50 Staaten der Welt nach G e n f hat begonnen. Annähernd 30 Außenminister werden dort versammelt sein, um wieder einmal über den allgemeinen Weltfrieden, über Menschen- und Völkerrecht, über Fragen des sozialen und kulturellen Fortschritts usw. zu beraten Man wird etwas kleinmütig, wenn man diesen Aufwand staatsmännischer Weisheit und diplomatischer Kunst mit den wirklichen Zuständen in der Welt vergleicht. Die Dielen Worte und die umfassenden Berichte über die verschiedensten Probleme stehen leider in zu schroffem Gegensatz zu der Wirklichkeit. An allen Ecken und Enden der Welt b r o d e I t,'s und b r a n d e t s, kaum ist man in der Lage, die einzelnen Vorgänge auseinander zu halten, vielfach will man garnichts mehr con diesen Dingen wissen. In China, in Indien, in Kurdestan, in Aegypten, in Marokko, in Peru, in Argentinien, und wer weiß wo noch, haben sich Aufstände entwickelt, die sich teils schon monate- und jahrelang hinziehen und keine Macht der Welt ist in der Lage, hier Frieden und Ordnung zu schaffen.
Es erscheint sast paradox, daß in dieser Zeit der Un« ruhe und der zugespitzten Lage in Genf e in neues Problem entwickelt werden soll, das angeblich dem Frieden zu dienen bestimmt ist: Paneuropa. Wenn der Völkerbund wirklich das Allfriedensinstrument wäre, das er nach seinen Statuten sein soll, dann erübrigte sich tatsächlich die Einsetzung einer neuen Organisation, wie sie der Paneu- lan Briands darstellen würde. Man mrhjn Deutsch» SS
Vertrag so untermauern will, daß fein Diktat mit der Zeit zu einer freiwilligen Vertragsabmachung wird.
Auf der anderen Seite will man offenbar damit unbequeme Verpflichtungen, die sich aus dem Völkerbundsstatut für alle Mitgliedsstaaten ergeben, übergehen. Das gilt vor allem von der allgemeinen Abrüstung, die ein wesentlicher Bestandteil der Friedensarbeit sein soll, die dem Völkerbund aufgetragen ist. Seit dem 6. Mai 1929, also seit vollen 16 Monaten ruht die Arbeit des vorbereitenden Abrüstungsausschusses des Völkerbundes vollständig, obwohl die vorjährige Vollversammlung in Genf in einer Entschließung die Notwendigkeit betonte, „in möglichst kurzer Zeit den ersten Schritt zur Rüstungsbe- grenzung zu vollziehen" Formell hat man jetzt den Fortgang der Beratungen dieses Ausschusses auf den 3. November festgesetzt, eine ganze Reihe von Mächten versucht aber, diese Arbeiten bis zum Frühsommer des kommenden Jahres zu verschleppen. Wie wenig in der Frage der allgemeinen Abrüstung getan worden ist, beweistt die Tatsache, daß die R ü st u n g s a u s a a b e n d e r W e l t in den letzten zehn Jahren sich auf rund 150 Milliarden Goldmark belaufen; sie sind seit 1926 trotz der Beratungen des Abrüstungsausschusses in Europa um über 1,5 Milliarden gestiegen Die vier Nachbarn Deutschlands, Frankreich, Belgien, Polen und Tschechoslowakei, haben in dieser Zeit ihre "Rüstungsausgaben allein um fast eine Milliarde auf über 3 Milliarden gesteigert!
Ein anderes Gebiet, das der Völkerbund trotz feiner statutarischen Verpflichtungen vernachlässigt hat, ist das des Minderheitenschutzes. Rund 40 Millionen Menschen sind als nationale Minderheiten in 15 Staaten mit Angehörigen von 14 Völkern verstreut. Das Versailler Diktat hat allein in Europa mehr als 10 Millionen neue Minderheiten geschaffen, sie zum Teil Staaten zugeteilt, die als Staatenvolk den Minderheiten gegenüber in der Minderheit sind. Gerade diesen Minderheiten sollte der Schutz des Völkerbundes zur Seite stehen, damit sie nicht der Willkür der auf Stabilisierung ihres neuen Staatengebildes bedachten Staatenvölker ausgeliefert sind. Wie wenig sich jedoch der Völkerbund dieser Verpflichtung erinnerte, hat der verstorbene deutsche Außenminister Dr. Stresemann vor zwei Jahren mit seinem Vorstoß gegen die bisher in Genf beliebte Methode des Minderheitenschutzes bewiesen. Wenn in diesen Tagen in Genf der 6. Minderheitenkongreß zusammengetreten ist, um in gemeinsamer Arbeit zu versuchen, auf dem Wege der Selbsthilfe die Lage der Minderheiten zu bessern, dann ist das gleichfalls keine Empfehlung für den Völkerbund, dem diese Aufgabe von Rechts wegen obliegt. *
In die Unvollkommenheit europäischer Friedenssarbeit leuchtete in diesen Tagen eine Maßnahme der französischen Regierung hinein, die sich gegen den amerikanischen Z e i - lungskönig Hearst richtete. Er hat vor zwei Jahren durch Veröffentlichung vertraulicher Dokumente den Nachweis erbracht, daß die G e h e i m d i p l o m a t i e weiter besteht und trotz Völkerbund, Locarno- und Kelloggpakt Ge- Heimbündnisse zur Sabotierung wirklicher Friedensarbeit im Verborgenen blühen. Man hat die Echtheit dieser Doku- mente damals bestritten, bestätigt sie heute aber mit der Ausweisung des unbequemen Zeitungsmannes.
Sie Lothringer Schlacht
Paris, 5. September.
Für die großen französischen Herbstmanöver in Lothringen, die in der Nacht zum Donnerstag ihren Anfang nahmen, wird jetzt als angenommene Kriegslage folgende mitgeteilt: Seit mehreren Tagen tobt eine Schlacht auf der Front Vitburg — Trier — Saarbrücken zwischen den blauen Armeen (Osten) und den roten Armeen (Westen). Eine Abteilung der blauen Armeen (südliche Heeresgruppe) konzentriert sich im Oberelsaß und soll die rechte (südliche) Flanke der roten Armeen angreifen. Die 5. blaue Armee überschreitet die Vogesen südlich von Donon und erreicht am 3 September den Abschnitt Charmes—Rambervillers— Raon-l'Etape. Sie hat die Aufgabe, am 4. September nach Norden vorzustoßen und sich des Höhenzuges bei Morhange, der Höhe Delnec und der Ortschaften Sainte Genevisve und Domövre zu bemächtigen. Der Befehlshaber bildet eine 10. Armee mit dem Hauptquartier Metz, die unverzüglich gegen Süden vorstoßen soll, um diesen Aufmarsch zu decken.
Diese Manöveridee bestätigt unsere bereits ausgesprochene Vermutung, daß man die Lothringer Manöver allein auf den Fall eines deutsch-französischen Krieges abgestellt hat.
Dabei ist bemerkenswert, daß sich die französische 21la- növerleitung nicht nur als Manövergelände jenen Frontabschnitt ausgewählt hat, der zu Beginn des Weltkrieges eine große Rolle spielte, sondern daß man auch eine ähnliche Lage angenommen hat, wie sie sich vor der Entwicklung der lothringischen Schlacht 1914 ergab.
Neu ist dabei lediglich die Annahme, daß blaue Truppen „aus der Linie Bitburg—Trier—Saarbrücken gen Südwesten fyerjSSffRISar98rroD§-^^
gewicht auf die Bewegungsschlacht, nicht aber auf den Stellungskrieg gelegt, weshalb' man nicht nur eine Kavalleriedivision von insgesamt 8000 Mann hinzuzog, sondern dieser Division rund 600 Motorfahrzeuge beigab, um sie zu Ueberraschungsvorstößen cn den verschiedensten Stellen einsetzen zu können. Durch diese Lothringer Manöver soll u. a. auch festgestellt werden, wie die einzelnen Abteilungen auf das verschiedene Tempo der beteiligten Truppengattungen eingestellt werden können. Den Manövern wohnen zahlreiche Militärattaches europäischer und außereuropäischer Militärstaaten mit Ausnahme deutscher Abordnungen bei. Die polnische, schweizerische und spanische Armee haben besondere Militärmissienen entsandt.
In Deutschland wogt jetzt der W a h l k a m p f. Die Parteien ziehen bereits ihre letzten Reserven heran, um die Massen aufzurütteln. Ob das in dem erforderlichen Maße gelingen wird, vermag bei der sprichwörtlichen Gleichgültigkeit des deutschen Bürgertums niemand zu sagen. Man überläßt das Wählen gern den anderen, wundert sich dann, wenn die Dinge in den Parlamenten und in den Regierungen anders laufen, als Stammtischweisheit sich gedacht, schimpft und — tut bei der nächsten Wahl dasselbe. Man hat deshalb auch schon erwogen, die Wahlpflicht einzuführen und jene W a h l f a u l e n , die eine klare Willensbildung des deutschen Volkes verhindern, etwa durch einen Steuerzuschlag daran zu erinnern, daß Wahlrecht Wahlpflicht bedeutet. Heute, wo das deutsche Volk um seine wirtschaftliche Existenz, um seine staatspolitische Zukunft und um seine außenpolitische Gleichberechtigung ringt ,hat niemand ein Recht, durch Fernbleiben von der Wahlurne radikalen El-menten die Möglichkeit zu staats- zerstörenden Experimenten zu geben. Das sollte jeder überlegen und auch ohne dringende und dringendste Aufforderung durch die Wahlpropaganda der Parteien sich freiwillig entschließen, am 14. September mit dazu beizutragen, daß Ruhe, Ordnung, Arbeitsmöglichkeit und damit wirtschaftlicher und politischer Aufstieg gesichert werden.
Dumpmg-FeldM gegen England
Rußland sucht Absatzgebiete
London, 5. September
Die Sowjetregierung soll beabsichtigen, in der nächsten Zukunft einen Dumping-Feldzug gegen Großbritannien zu eröffnen. Einer der Gründe sei die Geldknappheit der Sowjetregierung, die die langfristigen Kredite nicht habe erhalten können, die für den Erfolg des Fünfjahresplanes notwendig seien. Rußland hoffe, durch Unterbietung auf den Märkten Europas, insbesondere Großbritannien Niedergang und Arbeitslosigkeit zu verursachen, um dadurch die Arbeit der kommunistischen Agitatoren zu erleichtern
Die liberale Daily Chronicle schreibt, die Sowjekregie- rung laufe eine sehr ernste Gefahr, wenn sie den Schiedsspruch im Konflikt mit den Lenawerken kurzerhand ablehne. Die „schmutzige Kapitalistenwelt" werde es sich sicher sehr überlegen, bevor sie wieder eine russische „Konzession" übernehme, und der Fünfjahresplan scheine nicht so gut zu arbeiten, daß die Sowjetregierung mit irgendwelchen angemessenen Vertrauen sich entschließen könnte, auf die gesamte Kapikalistenwett zu pfeifen.
Platz an der Sonne
Der frühere Kronprinz über Fragen deutscher Politik
Wien, 5. September
Das „Neue Wiener Journal" teilt Ausführungen des zurzeit in Wien weilenden früheren deutschen Kronprinzen mit, die dieser einem Vertreter des Blattes auf Wunsch gemacht hat. Er erklärte, daß er an drei Dingen interessiert sei: amMilitär, an der P o l i t i k und an der T e ch n i k. Die Betätigung auf den beiden ersten Gebieten sei ihm verschlossen. Er werde aber überall, wo er auftauche, über Politik gefragt. Von den jetzigen deutschen Wahlen hoffe er, daß sie, einen ganzstarkenZusammenschlußaller bürgerlichen und staatserhaltenden Parteien bringen werden, damit sie die unbedingt notwendige Reform auf finanziellem und wirtschaftlichem Gebiet tatkräftig durchführen könnten. Deutschland und Oesterreich litten ganz besonders unter der augenblicklichen Weltwirtschaftskrise, die als Auswirkung des Versailler Vertrages anzusehen fei. Seine Urheber konnten damals allerdings wohl nicht die wirtschaftlichen Auswirkungen dieses Vertrages überblicken. Die Abänderungen durch den Dawes- und Poung-Plan seien der beste Beweis für die Unmöglichkeit seiner buchstabenmäßi- gen Durchführung. Der Kronprinz befaßte sich auch mit innerpolitischen Fragen und berührte das Problem der A r« beitslosenfürsorge und der hohen Verwaltungs- kosten. Erstere müßte ihres Charakters als Rente oder Pension entkleidet werden Zur Frage der Berwaltungskosten müsse man überlegen, ob es zweckmäßig sei, die in Deutschland bestehenden 18 Parlamente und die 18 fachen Länderministerien und die zahlreichen Kommunalvertretungen in der bisherigen Form bestehen zu lassen. Jedem Deutschen sei es gleich ihm nur darum zu tun, dem Lande jenen Platz an der Sonne zurückzuerobern, der ihm auf Grund seiner stolzen Weni)tdne gevugiL............. « ,^^
Braaatweiaaerbot für Den Wahltag
Berlin, 5. September.
Der Reichsminister des Innern hat bei sämtlichen außerpreußischen Landesregierungen angeregt, sich dem Vorgehen des preußischen Ministers des Innern anzufchlie- ßen und für den Zag der Reichstagswahl den Ausschank von Branntwein und den Kleinhandel mit Trinkbranntwein zu verbieten.
Bei der durch den Wahlkamps sehr erregten leidenschaftlichen Stimmung in weiten Volkskreisen erscheint nach Ansicht der Regierung ein solches Verbot besonders dringend. Das neue Gaststättengesetz vom 28. April 1930 gibt den obersten Landesbehörden die Ermächtigung zu einem solchen Verbot.
6. Ratisualitötenloggretz
Alitz kritisiert den Paneuropa-Plan.
Genf, 5. September.
Der 6. Nationalitätenkongreß beschäftigte sich mit den europäischen Einigungsbestrebungen. Der Führer der Leutchen in Ostoberschlesien, Äbg. Ulitz, betonte in einem gps= ührlichen Referat die grundsätzliche Zustimmung der Minderheiten zu dem Gedanken eines europäischen Staatenbundes.
Der Plan Briands enthalte eine große Lücke, da er nur Staaten kenne und nicht die Völker als Völker.
Wenn Briand in seinem Memorandum betone, daß die Zeit 'günstig sei, zeige er damit einen Optimismus, der im Hinblick auf gewisse Vorfälle vielleicht nicht ganz begründet sei.
Wenn in einzelnen Staaten die Erörterung der Anschlußfrage als Kriegsgrund angesehen werde, so spreche das gegen den Grundsatz der Gleichberechtigung der
Völker.
Solange es Staatengruppierungen gebe, die ihre deutliche Stütze gegen andere europäischen Staaten richten, könne man wohl sagen, daß die Staatsmänner Europas vom Flügelschlag der neuen Zeit noch nicht berührt feien.
Der Assimilakionstheorie, die Poincare vertrat, würden die Minderheiten ihren unbeugsamen Lebenswillen gegenüberstellen.
Herrn Briand müsse man zurufen, nicht nur französisch zu denken, indem er Staat und Volk gleichsetzt, sondern europäisch. Der jetzt eingeschlagene Weg führe noch nicht zum Ziele.
Das Ziel müsse sein: Der Friede Europas auf der Grundlage des Friedens unter den europäischen Völkern.
Die Rede wurde von der Versammlung wiederholt mit großem Beifall ausgenommen.
Der Präsident des 6. Nationalitätenkongreß, Dr. Wilfan, teilte in der Vollversammlung mit, daß die jugoslawischen Behörden den deutschen und ungarischen Delegierten nun doch die Pässe zur Teilnahme an dem Kongreß ausgehän- digt hätten. Die jugoslawische Regierung wolle eine Teilnahme der Kongreßmitglieder an der Genfer Tagung nicht verhindern. An Stelle von Dr. Stephan Kraft, der erkrankt sei, sei Dr. Georg Graßl zu den Verhandlungen erschienen. Leider sei damit zu rechnen, daß die Delegierten der ungarischen Minderheit Jugoslawiens wegen der verspäteten Paß- ausgabe nicht mehr rechtzei! 'rden eintreffen können.