Einzelbild herunterladen
 

KersfelöerTageblaü

Vel

^ Amtlicher Anzeiger für den Kreis yersfel- * 1^^^

Nr. 207 Donnerstag, den 4. September 1930 80. Jahrgang

---------------------^^====^===============^ -^------- ^---------^^_^^^^^^_----------^^^ --------------

Außenpolitischer Kurs gesichert

Das Reichskabinett einmütig für Fortsetzung der bisherigen Autzenpolitik

Revanche"

Die große öffentliche Meinung hat wieder einmal eine Sensation: der bekannte amerikanische Zeitungsver- leger Hearst wurde aus Frankreich ausgewie­sen. Es ist den französischen Behörden offenbar nicht leicht geworden, diesen Schritt zu tun, obwohl er schon vor vier- ^hn Tagen vom französischen Kabinett beschlossen wurde. Damals kam Hearst nach Paris, hielt sich aber nur kurze ^eit auf und reiste nach Deutschland weiter. Er hatte es offenbar darauf abgesehen, die französischen Behörden zu einem solchen Schritt zu veranlassen, nachdem er vor zwei Jahren, als sein Vertreter wegen Veröffentlichung des französisch-englischen Flotten-Geheimabkommens ausgewie­sen wurde, erklärt hatte, daß dieser nicht für die Veröffent­lichung verantwortlich zu machen sei, sondern nur er, da sein Vertreter, Horan mit Namen, nur den Auftrag aus- führte, den er ihm erteilt hatte. Mit seiner offenbar bewußt herbeigeführten Ausweisung wollte er die Oeffentlichkeit erneut auf diese damalige französisch-englische Geheimpolitik aufmerksam machen. Wenn er es gerade in dem Augenblick tat, wo die europäischen Staatsmänner sich in Genf ein Stelldichein geben wollen, um Briands Paneuropa- P l a n zu studieren, so scheint er damit eine bestimmte Ab­sicht zu verfolgen.

Für die große Oeffentlichkeit interessiert nicht so sehr die Person des Herrn Hearst, sondern die politischen Hintergründe, die zu der Ausweisung des amerika­nischen Zeitungskönigs führten. Man wird sich erinnern, daß die damaligen Veröffentlichungen über das französisch- englische Geheimabkommen in der ganzen Welt ungeheures "änenSTffleffoerlfflSfi^St^e^en^lenffiS^^^Bl^lMliy fikation hinzustellen. Aber trotz aller heiligen Versicherungen der beiderseitigen Offiziösen hat man vom ersten Dementi ab doch an die Echtheit der in der Hearst-Presse veröffent­lichten Dokumente geglaubt. Chamberlain hatte da­mals nicht nur im Kabinett Baldwin, sondern in der ganzen englischen Presse einen recht schwierigen Stand. Man warf ihm vor und nahm es ihm ernstlich übel, daß er sich so rest­los in das Schlepptau der französischen Poli - t i k hatte nehmen lassen. Der Sinn dieses Abkommens war nicht mehr und nicht weniger als eine Stützung der fran­zösischen Abrüstungsthese, wie sie auf der vorbereitenden Abrüstungskonferenz von Paul Boncour vertreten wurde. Sie sieht bekanntlich vor, daß bei der Bewertung des mili­tärischen Rüstungsstandes eines Landes die ausgebil - beten Reserven nicht angerechnet werden sol­len. Damit würde erreicht, daß, abgesehen von der effektiven Heeresstärke Frankreichs, ein Vergleich zwischen den deut­schen und französischen Heeresstärken angestellt werden könnte, was deshalb zu Ungunsten Deutschlands ausfallen muß, weil es bekanntlich Reserven nicht ausbilden darf.

Das französisch-englische Marineabkommen hatte einen ziemlich bedeutsamen Einfluß auf die englischen Wah­len. nachdem sich auch die Liberalen mit aller Schärfe gegen diese Chamberlainsche Geheimpolitik ausgesprochen hatten. Frankreich wurde aber dadurch gründlich das Kon­zept verdorben, weil die Regierung Macdonald das Ab­kommen nicht ratifizierte bzw. nicht anerkannte. Der Haß Frankreichs gegen Hearst ist somit durchaus verständlich. Die französischen Beamten, die ihm seine Ausweisung über- brachten, sollen ihm erklärt haben, daß erein Feind Frankreichs und somit eine Gefahr in ihrer Mitte" sei. Hearst bezeichnet das alsein bißchen dumm, aber sehr französisch". In einer Besprechung mit englischen und amerikanischen Journalisten hat er sich im übrigen einige Bemerkungen über Frankreich erlaubt, die beißenden Humor, aber auch eine ausgezeichnete Beobach­tung der französischen Politik verraten. Er sagte u. a., daß die französische Politik und die französische Nationalidee sich seiner Ansicht nach in dem WorteRevanche" kristalli­siert. Er ist noch weiter gegangen und hat den Franzosen einige Wahrheiten gesagt, an die man in Paris sicherlich nicht gern erinnert wird, die nämlich, daß Frankreich jetzt eines der reichsten Länder der Welt sei und mindestens einen Teil der deutschen Tribute dazu verwenden könnte, um seine Schulden an Amerika abzubezahlen. Denn ohne Amerika würde Frankreich jetzt Tribute be- zahlen müssen, statt solche zu erhalten."

Die Bemerkung Hearsts von der Revanchepolitik Frank­reichs gewinnt gerade in diesen Tagen besondere Bedeutung, da Minister Treviranus in seiner Antwort an Poincarö diesen daran erinnert hat, wie er die Revanche für Elsaß-Lothringen Jahrzehnte hindurch vorbereitet und schließlich mit Entfachung des Weltkrieges auch wirk­lich genommen hat. In diesen Tagen begeben sich die Staatsmänner von 24 europäischen Ländern nach Genf, um sich u. a. auch mit der Paneuropa-Idee zu beschäftigen. Wenn Hearst gerade in diesem Augenblick die Aufmerksam­keit der Welt auf die trotz all- -^erringen und inter­nationalen Abmachungen von , -ich unentwegt betrie­bene Geheimpolitik hinlenkt, ^nn i|| es bestimmt nicht ohne Absicht in Verbindung mit - Paneuropa-Konferenz ge- schehen. Selbst in französisci Kreisen wurde in diesen Tagen darauf hingewiesen, daß der Paneuropa-Gedanke Briands bzw. der Entwurf des unter französischem Einfluß stehenden Internationalen Iuristenverbandes stark nach

Fortsetzung der bisherigen Antzenpoiitil

Einmütigkeit des Reichskabinetts

Berlin, 3. Sepetember.

Ueber den Verlauf der Kabinettssitzung am Mittwoch wird mitgeteilt: Anläßlich der bevorstehenden Abreise der deutschen Delegation zur Genfer Völkerbundstagung fand unter Vorsitz des Reichskanzlers Dr. Brüning eine Aus­sprache über die auf der Genfer zur Erörterung kommenden Fragen, sowie die damit zusammenhängenden außenpoliti­schen Probleme statt. Die eingehende Aussprache in dem Ministerkreise führte zu einer völligen Uebereinstimmung mit dem Vortrage des Reichsministers des Auswärtigen Dr. Curtius.

Der Reichskanzler stellte abschließend die einmütige Zu­stimmung des Reichskabinetts zu den Ausführungen seiner Trierer Rede fest, wonach Kanzler und Außenminister ver­fassungsmäßig für die Führung der Außenpolitik allein ver­antwortlich sind, und Voraussetzung für Stabilität und Kon­sequenz einer erfolgreichen Außenpolitik das Weiterschreiten aus der bisherigen grundsätzlichen Linie bildet.

neuen Bündnisvorschlägen aussieht, womit der Gedanke des Völkerbundes torpediert würde. Es ist viel­leicht ganz gut, daß Hearst durch sein Vorgehen erreichte, daß man sich nicht nur in der Oesfentlichkeit, sondern auch in den Kabinetten Europas erneut mit der französischen Geheimpolitik beschäftigt. Es wird jedenfalls immer offen­barer, daß Frankreichs Politik jetzt darauf gerichtet ist,

halTbargeivordenenBi ren Frieden in Europa nicht aufkommen lassen.

Wahl-Men

Immer wiedergeheimnisvolle politische Komplotte"

Berlin, 4. September.

Der Wahlkampf zeichnet sich diesmal durch einen beson­deren Erfindungsreichtum in bezug auf die Bil­dung geheimer politischer Komplotte aus. Nachdem man zuerst sogar versucht hatte, die Person des Reichspräsidenten von Hindenburg mit einem angeblich von Hitler geplanten Putsch in Verbindung zu bringen, ist das neueste Erzeugnis auf diesem Gebiete eine Nachricht, die von einer engen Freundschaft des Staatssekretärs im Auswärti­gen Amt, Dr. von Bülow, mit Minister Treviranus und von einemG e h e i m b u n d" Wilhelmstraße-Treviranus- Reichswehrministerium wissen will, wobei unter Wilhelm­straße Herr von Bülow gemeint ist. Wenn auch nicht der Reichspräsident selbst, so soll doch diesmal wenigstens sein Sohn, der Oberstleutnant von Hindenburg", gewisser­maßen als Mittelspersons beteiligt sein.

Von maßgebender Stelle wird hierzu erklärt, daß Herr von Bülow Herrn Treviranus nur flüchtig kenne und eben­sowenig, was weiter behauptet worden war, mit General von Schleicher im Reichswehrministerium eng befreundet sei. Entschieden bestritten wird amtlicherseits, daß der Staats­sekretär von Bülow die bekannten Treviranus-Reden vor ihrer Bekanntgabe gelesen habe.

Kriegsgefangene aus der Tenselrinsel?

Gerüchte, die nicht verstummen wollen.

Berlin, 4. September.

Kürzlich ging durch die Presse die Nachricht, daß 800 ehemalige Angehörige der Mittelmächte jetzt aus franzö­sischer Gefangenschaft auf der Teufelsinsel (Cayenne, Franz.-Guayana) zurückgekehrt seien. Eine Erwiderung des Auswärtigen Amts besagte, daß diese aus Prag und Belgrad herrührenden Nachrichtenin der vor­liegenden Form"unwahr" sein müßten. . Es liege nirgendwo ein Anhalt dafür vor, daß Frankreich Kriegs­gefangene von europäischen Kriegsschauplätzen nach Ostasien geschafft habe.

In diesem Zusammenhang verdient eine Erklärung des französischen Pensionsministeriums Beachtung. Danach be­fanden sich am 8. Februar 1927 in Guayana 33 Leute, die angaben, deutscher Staatsangehörigkeit zu sein. Davon wa­ren 26 zu Zwangsarbeit verurteilt und 7 zum Aufenthalt in der Kolonie. Ein einziger war vorher deutscher Kriegs­gefangener; er wurde 1918 wegen Doppelmords, begangen an zwei Zivilisten, zum Tode verurteilt; diese Strafe wurde in lebenslängliche Zwangsarbeit umgewandelt. 26 dieser Deutschen sind verurteilt, als sie Fremdenlegionäre waren. Aber wieviele von ihnen, bevor sie in die Fremden­legion kamen, Kriegsgefangene waren, hierüber besitzt das Kolonialministerium keine Aufzeichnungen!

Die Arbeitsgemeinschaft der Vereinigungen ehemaliger Kriegsgefangener Deutschlands richtet an die Oeffentlichkeit die Bitte, Personen, welche Nachrichten von einer Zurück­haltung von Kriegsgefangenen verbreiten, zur Wiederholung ihrer Angaben vor einer öffentlichen Behörde zu veranlassen oder den Fall umgehend der Arbeitsgemeinschaft zu melden.

Evangelisches Konloröat fertig

Berlin, 4. September.

Wie wir von unterrichteter Seite hören, ist der Ent­wurf eines Staatsvertrages zwischen Preußen und den evan­gelischen Landeskirchen, der analog dem Konkordat auch den evangelischen Kirchen die Berechtigungen und Verpflichtun­gen gegenüber dem Staat gesetzlich bindet, bis zur Unter­schrift fertiggestellt.

Zwischen den Verhandlungspartnern wurde über alle wesentlichen Fragen nach langwierigen Besprechungen ein Einverständnis erzielt. Das bezieht sich vor allem auch auf die Erhöhung der außerhalb desZufchuffes zu denPfarrergehältern zu leistenden finanziellen Subvention für die evangelischen Kirchen, sowie andererseits auf ein gewisses Mitbestim- mungsrecht des Staates bei der Besetzung führender Po­sitionen in der evangelischen Kirchenorganisation. Die Unter­zeichnung des Staatsvertrages wird im Augenblick lediglich noch dadurch verzögert, daß hierzu eine Plenarsitzung des Staatsministeriums erforderlich ist, die zurzeit wegen der Sommerurlaube und Wahlinanspruchnahme der Minister kaum zustande zu bringen wäre.

Deutscher SotSolifentag 1930

Münster, 3. September.

Der Deutsche Katholikentag 1930 begann am Mittwoch mit zwei Referaten. Als erster Redner sprach Pater Schroeteler - Düsseldorf über das ThemaDas katho­lische Bildungs-, Schul- und Erziehungsideal und die mo­dernen Erziehungsgrundfätze". Er kennzeichnete zunächst die' große Gegenwartsaufgabe im Bertrauec^au^Jok^?^ herzt anzupacken, schloß das Referat.

Die zweite Rede hielt Pater D. Defiderius Breiten- stein O.F.M. Paderborn, über die sozialistische Erziehung, deren Grundlagen, Entwicklung, Aufbau und Weltanschau­ung er umriß. Die Erkenntnis, daß Marx in grundlegen­den Fragen geirrt habe, habe auch hier bereits ihren Nieder­schlag gefunden. Das Gesamturteil über die geistigen Grundlagen der sozialistischen Erziehungstheorie lasse sich dahin formulieren, daß man überall die Grundsätzlichkeit als Neuerziehungsbegriff durchleuchten sehe. Man könne das Leben in den sozialistischen Kinderlagern nicht mehr schwarz in schwarz malen. Ein bedeutender Teil der Ar­beiterjugend stehe ganz auf dem Boden des ethisch begründe­ten Sozialismus, der aber die transzendente Welt ignoriere. So sei der Sozialismus vom Marxismus in den Liberalis­mus eingebogen.

Die dentsch-irilchrn Mefyttngen

London, 4. September.

Die Londoner Presse widmet den deutsch-irischen Be­ziehungen, wie sie durch die Errichtung einer deutschen Gesandtschaft in Dublin einen lebendigen Ausdruck fanden, große Aufmerksamkeit. DieTimes" halten es für notwen­dig, die bei der Ueberreichung des Beglaubigungsschreibens des ersten deutschen Gesandten gewechselten Reden aus­führlich wiederzugeben. Danach sagte Gesandter Dr. Dehn, daß Beziehungen zwischen Deutschland und Irland seit Jahrhunderten bestunden. Augenblicklich ergänzten sich die irische und deutsche Wirtschaft und die irische Landwirt­schaftskunde und die deutsche Erfahrung aufs glücklichste. Er werde sich bemühen, die wirtschaftlichen Beziehungen zwi­schen den beiden Ländern zu fördern und die zwischen ihnen bestehenden Bande zu stärken. In seiner Antwort an den deutschen Gesandten erwiderte der Generlagouverneur,

das irische Volk bewundere, was Deutschland zur Kul­tur und Zivilisation der Welt beigetragen habe. Ins- besondere erinnerten sich die Iren mit Dankbarkeit der Arbeiten, die von deutschen Gelehrten geleistet worden seien, um der Welt die Schönheiten und den Reichtum der irischen Literatur bekannt zu geben. Zimmer und Kuno Meyer hätten das Band zwischen Deutschland und Irland geknüpft, das ewig dauern werde, und die Geltung der irischen Sprache sei in hervorragendem Maße der Arbeit der deutschen Gelehrten zu danken.

Rachtlang tat Auslösung des Sejm Diäkensperre für Parlamentsbehörden.

Warschau, 4. September.

Der Sejmmarschall stellt in einem Schreiben an den Staatspräsidenten fest, daß das Zurückhalten der Gehälter für das Präsidium von Sejm und Senat und die Beamten und Angestellten des Parlaments verfassungswidrig sei. Darauf ist von der Regierung die Anweisung gegeben wor­den, beA Beamten und Angestellten ihr Gehalt auszuzahlen, was auch geschehen ist.

Dagegen haben der Sejmmarschall, der Senatsmarschall und die Vizemarschälle der beiden Häuser bisher die ihnen bis zur Konstituierung des neuen Parlaments gesetzlich zu- stehenden Diäten noch nicht erhalten