KersfelöerTageblatt
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Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö
Nr. 200
Mittwoch, den 27. August 1030
80. Jahrgang
Der BombenlegerProzest
Die Angeklagten verweigern vor dem Schwurgericht die Anssaaen
Die Breisitetalg
Berlin, 27. August.
Die Auswirkung der Preissenkung für die von der Reichsbahn vergebenen Aufträge macht sich bereits in er* freulichem Ausmaß bemerkbar. So hat der Stahlwerkverband in seinen Verhandlungen mit der Reichsbahnverwaltung die Preise für Schienen und eiserne Schwellen über das Ergebnis des Oynhaufener Schiedsspruchs hinaus weiter gesenkt. Für Sicherungsanlagen, Signale und Stellwerke ist ein Preisnachlaß von 10 Prozent gewährt worden. Bezüglich der Schwachstromkabel und der Fernmeldeanlage ist die gleiche Preisermäßigung wie bei den Lieferungen für die Reichspostverwaltung vereinbart bzw. gefordert worden.
Auch die Preissenkung für Zement kommt ebenso mit den Beschaffungsstellen des Reiches auch der Reichsbahnverwaltung zugute. Die Syndikatsmarken sind mit einem Rabatt von 30 Mark sür 10 Tonnen bei einer Abnahme von mehr als 400 000 Tonnen belegt worden. Diese Abnahmemenge wird ohne Zweifel erreicht werden, da alle Reichs» stellen ebenso wie die Reichsbahn Zementlieferungen vergeben. Außer dem Rabatt sind die Listenpreise für Süd- deutschland, wo Außenseiterwerke nicht mehr bestehen, von 560 auf 540 Mark für 10 Tonnen ermäßigt. Bei den übrigen Vergebungen hat die Reichsbahn einen Preisnach- laßvon8bis 10 Prozent erreicht. Ueber eine Reihe weiterer Lieferungen, insbesondere über Fahrzeuglieferungen finden noch Verhandlungen wegen Gewährung eines Preisnachlasses statt.
Berschärster Senilst an der Ruhr
August.
Die zwischen dem Zechenverband und den Bergarbeiter- gewerkschaften geführten Lohnverhandlungen sind ergebnislos abgebrochen worden. Auch die anschließenden Schlich- tungsverhandlungen unter dem Vorsitz von Professor Brahn führten zu keiner Verständigung, so daß man die Vertagung auf den 4. September beschloß.
Von gewerkschaftlicher Seite wird zu den Verhandlungen folgendes mitgeteilt: Die Unternehmervertre- t e r begründeten die Kündigung des Tarifs mit dem Hinweis auf die allgemeine wirtschaftliche Krise und auf die Notwendigkeit eines allgemeinen Preisabbaues, der nur in Verbindung mit der Herabsetzung der Produktionskosten erfolgen könne. Deshalb verlangten sie einen 10prozentigen Lohnabbau, zumal der Kohlenabsatz in den letzten Monaten erheblich zurückgegangen sei und die Betriebe nur teilweise ausgenutzt würden, die Unterhaltungskosten aber gleich blieben. Demgegenüber betonten die A r b e i t n e h m e r o e r t r e t e r , daß ein Abbau der Kohlenpreise zur Behebung der Wirtschaftskrise nicht mit einer Lohnherabsetzung für die Bergarbeiter verbunden zu werden brauche,, denn gerade für die Ruhrkohle zeigen die Geschäftsabschlüsse des letzten Jahres sehr gute Ergebnisse. Andererseits seien die Bergarbeiter durch eine außerordentlich große Zahl von Feierschichten in eine große Notlage geraten. Da auch der abzu- chließende Lohntarif eine längere Laufzeit aufweisen würde, ei trotz der augenblicklich gedrückten Konjunktur eine For- )erung auf Lohnerhöhung von 50 Pfennig pro Mann und Schicht durchaus berechtigt.
Arbeitszeitschiedsspruch in Gruppe Nordwest
In dem Arbeitszeitstreit in der Eisen- und Stahlindustrie der nordwestlichen Gruppe wurde ein Schiedsspruch gefällt, in dem für etwa 2000 bis 3000 Arbeiter die Arbeitszeit zum Teil von 57, 54 und 52 Stunden auf 48 Stunden herabgefetzt wurde. Das Abkommen läuft ein Jahr. Die Arbeiter haben sich zu einem Lohnausgleich bereit erklärt. Die Erklärungsfrist läuft bis zum 1. September.
Rotopser auch der Abgeordneten?
Berlin, 27. August.
Im Zusammenhang mit der Verordnung über das Notopfer der Beamten haben die Demokraten im Preußischen Landtag einen Antrag eingebracht, der verlangt, daß für die Dauer des durch die Verordnung der Reichsregierung bestimmten Notopfer der Beamtenschaft die Aufwands- entschädigung der Landtagsabgeordneten u m 10 P r o z e n t ge k ü r z t werde. Für den Preußischen Landtag allein würde die Annahme dieses Antrages eine jährliche Ersparnis von mehr als einer halben Million Reichsmark bedeuten.
Neuer BroteM in Worschk»
Berlin, 27. August.
Wie wir erfahren, ist wegen Ueberfliegens der deutschen Ostgrenze bei F l a t o w durch ein polnisches Militärflugzeug durch den deutschen Geschäftsträger in Warschau der polnischen Regierung ein Protest der deutschen Regierung übergeben worden.
Die Vombegattentate gor Gericht
Die Angeklagten verweigern die Aussage.
Altona, 26. August.
Vor dem Schwurgericht Altona begann der Prozeß gegen die sogenannten Holsteinischen Bombenleger. Die Anklage richtet sich gegen 21 Personen. Bisher sind etwa 60 Zeugen allein durch die Staatsanwaltschaft geladen. Die Zahl der Zeugen dürfte sich im Laufe der Verhandlungen noch vermehren. Man rechnet mit eine Prozeßdauer von etwa vier Wochen. Die Anklage laufet im wesentlichen aus Verbrechen gegen § 5 des Sprengskoffgesetzes.
Angeklagt sind der Hofbesitzer Klaus Heim, dem fünf Attentate zur Last gelegt werden, der ehemalige Hauptmann Nickels, der ehemalige Offizier V o l ck, der Kunstmaler Schmidt aus Altona, Hofbesitzer R a t h j e n, Juwelier R e h l i n g . Kraftwagenbesitzer D i e b o r g , Kaufmann I o h n s e n , Syndikus W e s ch k e, der Landvolksführer H a m k e n s, der Hauptschriftleiter Bruno von S a - -lomon, die Hofbesitzer Matthes, Hennings, Vieck, Luhmann, Becker, Holländer und Frau und die Angestellten R i e t e r und M a n e ck e. Den Vorsitz führt Landgerichtsdirektor Dr. Zdenka. Die Anklage vertritt Oberstaatsanwalt Dr. Golinick-Altona, der von dem Berliner Staatsanwalt Dr Eichholz unterstützt wird. Verteidiger der Angeklagten ist Rechtsanwalt Dr. Lüttgebrunne (Göttingen), der als Syndikus die Landvolkbewegung berät.
Nach Verlesung des Eröffnungsbeschlusses begann die persönliche Befragung der Angeklagten. Der Angeklagte R e h l i n g gab einige Auskünfte über die Entstehung seiner Beziehungen zu den übrigen Angeklagten. Den ihm zur Last gelegten Diebstahl der Sprengstoffe in Mülheim (Ruhr) bestreitet er. Ueber sDnon Aufenthalt zur Zeit, der— ten erklärten, sie wollten nichts sagen. Die Angeklagten sähen in dem Gericht den Exponenten eines Systems, das sie bekämpften, und so hätten sie die Ueberzeugung, daß den Richtern das Verständnis für ihre Lage und ihr Handeln fehle.
Danach wurde die Verhandlung auf Mittwoch vormittag vertagt.
Polnisch-litauischer Grenzzwischenfall Ein litauischer Slaatsdampfer von Polen durchsucht.
Sowno, 27. August. Der Dampfer „Klaipeda", an des. sen Bord sich Professor Kolupaila auf einer Jnspektionsreis, des Wemelstromes befand, wurde längs der Demarkationslinie von einem polnischen Grenzoffizier und vier Soldaker auf eine große Strecke hin verfolgt und durch Schüsse ange- halten. Der Dampfer mußte auf polnischer Seite anlegen Darauf erschien der Staroste von Grodno und nahm eine Durchsuchung des Dampfers vor. Nachdem der Dampfei freigegeben war, brach Professor Kolupaila seine Inspektionsreise ab und kehrte nach Kowno zurück.
Die Litauisierung -es Memellan-es Der Wemelländifche Landtag tagt. — Landespräsident
Reisgys stellt die Vertrauensfrage.
Biemel, 27. August. Der Memelländische Landtag trat gestern zu seiner angekündigten Sitzung zusammmen, zu der das neue Direktorium erschienen war. Gleich nach Eröffnung der Sitzung verlas Landespräsident Reisgys eine Regierungserklärung, in der zu den Fragen nicht nur des wirtschaftlichen, sondern auch des kulturellen Lebens Stellung genommen wird. Daraus ist zu entnehmen, daß d i e G e» richtsverfassung vollständig umgeändert werden soll. Es sollen nur Richter im Memelgebiet tätig sein, die in Litauen ausgebildet worden sind. Von sämtlichen Beamten soll verlangt werden, daß sie beide Amtssprachen in Wort und Schrift beherrschen. Natürlich soll die Litauisierungsarbeit vor den Schulen nicht halt machen. Denn hier will das Direktorium bestrebt fein, mehr litauische Staatsangehörige als Lehrer zu berücksichtigen.
Landespräsident Reisgys verlangte unter Hinweis auf die Geschäftsordnung des Landtages, sofort zur Erledigung der Vertrauensfrage zu schreiten. Da aber die Mehrheitsparteien zu der Erklärung nicht sofort Stellung nehmen konnten, wurde die Sitzung auf Donnerstag vertagt.
Zwischenfall auf dem Internationalen Genofjenfch aftskongretz
Wien, 27. August. Ein Zwischenfall ereignete sich in der gestrigen Sitzung des Internationalen Genoffenschafts- kongresies, als über einen von Thomas eingebrachten Ent- schließungsantrag der französischen Delegation abgestimmt werden sollte. Die englische Abordnung erhob Einspruch, well diese Resolution nicht rechtzeitig eingebracht worden sei. Bei der Abstimmung stimmte die Wehrheil des Kongresses für den deutschen Antrag auf Schluß der Debatte. Das Abstimmungsergebnis nahmen die Franzosen mit heftigem Pro- test auf. Thomas erklärte,die französische Delegation werde den Kongreß verlassen, wenn man das nicht gut mache. Der Zwischenfall wurde, nachdem die Sitzung unterbrochen worden war, indessen bald beigelegt.
In Berlin fand die Hochzeit des Reichswehrministers Groener mit Frau Ruth verw. Glück, geb. Naeher statt. Unser Bild zeigt Reichswehrminister Groener mit seiner Gattin vor der Alten Garnisonkirche, in der die Trauung stattfand.
Die Frage der Lftgrenre«
Völlige Uebereinstimmung lm Kabinett.
Königsberg i. Pr., 27. August.
Reichsminister Treviranus nahm in einem kleinen Kreis von Volkskonservativen und Deutschen Volksparteilern erneut Gelegenheit, sich über die Frage der Revision der Ostgrenzen zu äußern. Er ging dabei von seiner im Ausland so scharf kritisierten Rede aus und erklärte u. a. folgendes: Es ist kein Zweifel mehr, daß die Auffassung, wie ich sie in meiner Rede anläßlich des Abstimmungstages vertreten habe, Gemeingut des deutschen Volkes werden müßte. Ich darf darauf Hinweisen, daß ich ausdrücklich keine Forderungen angemeldet, sondern nur eine Feststellung getroffen habe:
Die Grenzziehung im Osten ist derart, daß beide Völker, Deutschland und Polen, beunruhigt werden und daß der Friede Europas durch sie in Gefahr kommen kann. Selbstverständlich weiß ich, daß der Anspruch auf eine Revision lediglich von der verantwortlichen Regierung bei dem zuständigen Gremium, also dem Völkerbund, angemeldet werden kann. Natürlich darf man von einem so alten Brauch nicht abweichen, schon um nicht anderen Wächten die Gelegenheit zu geben, ähnliche Wege zu gehen. Diese Feststellung ist eine einfache
Selbstverständlichkeit.
Für so notwendig ich bei meiner Gegnerschaft gegen die bisherigen außenpolitischen Bindungen eine Revision der Verträge halte, so kann der Zeitpunkt für eine solche Aktion doch erst dann bestimmt werden, wenn die innere Stärke unseres Volkes uns die Gewißheit gibt, daß wir Atemkräfte genug haben, um einen solchen Anspruch durchzuhalten. Sonst ist der Schaden viel größer als der Nutzen. In unserem Wahlaufruf fordern wir die
Revision des Poungplans und die Revision der Ost- grenzen,
weil wir es für notwendig halten, die Wahrheit immer so zu sagen, wie wir sie sehen. Aber ich würde selbst als Außenminister nicht daran denken, Polen die Gelegenheit zu geben, dieses Problem jetzt in Genf aufzurollen und es abzudrehen. In dieser Frage besteht nicht der leise st e Gegensatz zwischen uns und dem Kabinett.
Die Nettungsarbeiten auf
dem Hildebrand-Schacht
Kakkowih, 27. August. Zu dem Grubenunglück auf dem Hildebrand-Schacht erfahren wir noch folgendes: Die Ret- tungsarbeiten gestalten sich durch die dauernd nachstürzenden Gesteinsmassen außerordentlich schwierig. Auf dem Hilde- brand-Schacht wurden bisher neun Opfer zutage gefördert.
Von ihnen sind sechs tot, die übrigen schwer verletzk. Zu den drei noch in den Gesteinsmassen Eingeschlossenen wird man bestenfalls erst heute abend gelangen können, sie geben auf Klopfzeichen keine Antwort mehr.
Aus Kreisen der Bergverwaltung wird mitgeteilt, daß das Unglück auf ein tektonisches Beben zurückzuführen fei, das den Pfeilereinsturz veranlaßt habe. ,