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HersfelöerTageblaü

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Hersfel-er Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfel-

Nr. 192 Montag, den 18. August 1930 so. Jahrgang

Reorganisation im Völkerbund?

Die Befugnisse im Völkerbund müssen eingeschränkt werden 40 Prozent der höheren Beamten sind Engländer und Franzosen

LshtlkSmhie oder Preissenkung?

# Der Beschluß des Zechenverbandes für den Ruhr- bergbau, die Lohnordnung zum 30. September zur Herbei­führung einer Produktionskostensenkung zu kündigen, wird in den Kreisen der Bergarbeiterverbände außerordentlich heftig kritisiert.

Man sagt leidenschaftliche Kämpfe voraus, da die Berg- arbeiterorganisationen gewillt seien, sich einer Lohn­senkung mit allen Mitteln entgegenzustellen.

An sich kommt der Beschluß des Zechenverbandes kaum über­raschend, nachdem schon im Zusammenhang mit den Pro- duktionssenkungsbestrebungen der Eisenindustrie von einer ähnlichen Aktion im Ruhrbergbau gesprochen wurde. Auch die mehrwöchigen Verhandlungen, die im MaiJuni d. I. in Verbindung mit der Ausgabensenkungsaktion der Re­gierung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern geführt wurden, hatten eine Senkung der Produktionskosten mit Auswirkungen auf Lohn- und Preisgestaltung zum Ziele.

Ueberrascht hat an dem Beschluß des Zechenverbandes zunächst seine Formulierung, da sie weder von einer Lohn- noch von einer Preissenkung, sondern allgemein nur von einer Produktionskostensenkung spricht. Es kam aber schon vorher

in dem Kündigungsschreiben der Wunsch zum Ausdruck, mit den Gewerkschaften in eine Erörterung über eine Lohn- und Preissenkung einzukreten, dergestalt, daß, da eine zehnprozentige SenkungderLöhne eine Lohnersparnis von rund 67 Ps. pro Tonne bringe, der Kohlenpreis um 1 M. pro Tonne ermäßigt werden solle.

Ein solcher Beschluß, wenn er zustande käme, müßte selbst­verständlich von weittragender Bed-utung für die Preis-

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Industrie und in Auswirkung davon für die gesamte kohle- verbrauchende Wirtschaft preissenkend auswirken.

Solange sich der Zechenverband noch nicht näher über die mit der Kündigung des Lohnabkommens verfolgten Ab­sichten geäußert hat, läßt sich eine Stellungnahme hierzu kaum begründen. Daß sich die deutsche Kohlenindustrie bei der starken Auslandskonkurrenz in schwieriger Lage befindet, ist bekannt und bei früheren Lohnverhandlungen auch von den behördlichen Stellen festgestellt worden. Die augen­blickliche allgemeine Notlage der deutschen Wirtschaft muß gleichwohl alle Wirtschaftsfaktoren zu eingehender Prüfung ihrer Maßnahmen veranlassen, wenn sie ehrlich an einer Besserung der Verhältnisse mitarbeiten wollen. Alle ein­sichtigen Elemente sind sich heute darüber einig, und der wirtschaftspolitische Ausschuß des Reichswirtschaftsrates hat in der Frage der Preissenkung diesen Gesichtspunkt stark unterstrichen, daß alle Maßnahmen behördlicher und privat­wirtschaftlicher Art auf eine durchgreifende allge­meine Preissenkung gerichtet sein müssen. Wenn die Bergarbeiterverbände sich scharf gegen eine Lohn­senkung wenden, so wird man dies von ihrem Standpunkt verstehen müssen, solange nicht die Gewähr gegeben ist, daß eine Lohnsenkung nur einen Teil der Preis- senkungsaktion darstellen soll. Wenn aber beide Maßnahmen in voller Erkenntnis der Lage und in klarer Festlegung der Ziele zusammenwirken, können auch die jetzt beabsichtigten Produktionskostensenkungsvorkehrungen in der Ruhrkohlenindustrie die Neugestaltung unserer wirtschaft­lichen Verhältnisse nur fördern. Wie notwendig das ist, zeigen die eben bekannt gewordenen Zahlen über den deutschen Außenhandel im Monat Juli, die wie­derum einen bemerkenswerten Ausfuhrüberschuß aufzuweisen. Die systematische Steigerung unserer Ausfuhr ist aber nur zu erreichen, wenn die deutschen Waren nicht nur qualitativ, sondern auch preismäßig sich den Auslands­markt zu sichern vermögen.

Lentscher Autzenhandel im Juli 1930

Berlin, 17. August.

Im Monat Juli stellte sich im reinen Warenverkehr der deutsche Außenhandel in der Einfuhr mit 909,2 Mil­lionen Rm. um 95,6 und in der Ausfuhr mit 960,5 Mil­lionen Rm. um 40,3 höher als im Vormonat. Es ergibt sich mithin ein Ausfuhrüberschuß von 41,3 Millionen Rm. im Juli. Von der Ausfuhr entfallen im Juli 65,1 Millionen Rm. gegen 51,7 im Vormonat auf Reparationslieferungen.

Die Steigerung der Ausfuhr entfällt mit 36,7 Millionen Rm. auf Fertigwaren und mit 11,8 Millionen Rm. auf Rohstoffe, wogegen die Ausfuhr von Hafer und

Roggen um 8 Millionen Rm. zurückgegangen ist.

Die Einfubrsteigerung ist hauptsächlich durch die, wie üblich, im ersten Ouartalsmonat für die vergangenen Monate statt- findenden Zollabrechnungen aus dem Lagerverkehr bedingt, Die im ersten Halbjahr 1930 126 Millionen Rm. betragen haben. Im einzelnen entfallen von der Einfuhrsteigerung 58,4 Millionen Rm. auf Lebensmittel und 38,1 Millionen Rm. auf Rohstoffe.

Reform des Wlkerbnndssekretariats?

Zurückdrängung des englisch-französischen Einflusses

Paris, 18. August.

Das aufsehenerregende Memorandum Italiens an den Völkerbund über die notwendige Reorganisation des Gene- lalsekretariats dürfte möglicherweise bereits bei der Sep­tembertagung zur Erörterung kommen. Ueber den bisher geheimgehaltenen Text des Memorandums will derExcel- sior" erfahren haben,

daß die italienische Regierung amtliche Einwendungen gegen die Organisierung des Internationalen Arbeits­amts und gegen den Internationalen Schiedsgerichtshof im Haag vorbringe und eine völlige Reform des Völker­bundssekretariats ins Auge fasse.

Die italienische Regierung betrachte die Befugnisse des Generalsekretärs Sir Eric Drummond (England) und des stellvertretenden Generalsekretärs Avenol (Frankreichs) als zu ausgedehnt und kritisiere, daß 40 Prozent der höheren Völkerbundsbeamten Engländer oder Franzosen seien.

Die italienische Regierung wünsche die Schaffung einer Art Ministerrat unter dem Vorsitz von Sir Eric Drum­mond, dem auch Dufour-Feronce (Deutschland), Paulucci (Italien) und Sugimura (Japan) zur Seite stehen sollen. Die Zahl der stellvertretenden Völkerbundssekretäre solle auf acht erhöht werden. Von diesem neuen Organismus sollen alle politischen und finanziellen Fragen behandelt werden.

Frankreichsbedrohte" Sicherheit

Paris, 17. August.

Das Journal veröffentlicht Erklärungen des französi­schen Kriegsministers M a g i n o t über die französische Heeresreform und über die Sicherheit Frankreichs. Maginot erklärte, es gebe Ausgaben, die eben nicht zurückgeschraubt werden könnten; manche Ausgaben würden automatisch in die Höhe gehen, wie 3. B. die für den Unterhalt der Trup­pen, andere wieder könnten infolge der Einführung der ein­jährigen Dienstzeit nicht vermieden werden. Auch koste die Motorisierung des Heeres Geld. Deshalb lägen die vom Kriegsministerium ausgearbeiteten Vorschläge für die Aus­gaben des kommenden Etatsjahres etwas höher als in den Vorjahren.

Das Volk wolle die Sicherheit ebenso, wie es den Frie­den wolle. Es nähre keine Angriffsabsichten gegen irgend jemanden, es suche niemanden zu provozieren, es wolle aber feine Unabhängigkeit und wünsche, daß sein Gebiet nicht von neuem von einem Einfall bedroht werde. Wenn es sich um die Gewährleistung der Sicherheit handele, also um das Leben eines Volkes, dessen Friedenswille unter den gegenwärtigen Umständen keine ausreichende Schutzmaß­nahme darstellen könnte, müsse man zwar Einsparungen vornehmen, aber nicht da, wo sie gefährlich sein könnten.

Maginot führte weiter aus, man könne niemals be­haupten, daß die militärische Organisation eines Landes vor jeder Gefahr schütze. Die Vervollkommnung, die Deutschland seinerzeit seinem Heer gegeben habe, habe ihm doch nicht den Sieg verschafft. Dabei spielten viele andere Umstände mit. Die Herabsetzung der Dienstzeit auf ein Jahr habe das französische Heer nicht gestärkt, auch nicht die Aufgabe der Landesverteidigung erleichtert. Es sei nur allzu gewiß, daß die Deckung der Grenzen heute nicht stark genug sei, ohne die Einberufung der ersten Reserven, die auf Schwie­rigkeiten stoßen könnte und eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen würde.

Unter diesen Umständen wäre es schwer, im Falle eines plötzlichen Angriffs eine Eventualität, die man nicht als unmöglich ansehen dürfe einen feindlichen Einfall auf französisches Gebiet zu verhindern. Das solle jedoch nicht die Schlußfolgerung bedeuten, daß die jetzige französische Mi­litärorganisation nicht einem Angriff widerstehen und nach einer gewissen Zeit, wenn alles normal vonstatten gehe, die Oberhand über den Gegner gewinnen würde. Bis man eine neue militärische Formel ausarbeiten könne, Die den Bedürfnissen und Mitteln Frankreichs besser entspreche was Zeit und Vorsicht erheische - müsse man die gegen­wärtige Organ ilation. so gut es gehe, vervollkommnen.

Kein türkischer Vormarsch in Persten

Teheran, 18. August. Das persische Außenministeriun bestreiket die Richtigkeit der Nachricht vom Vormarsch türki­scher Truppen auf persischem Gebiet und ebenso die Nach- richt, daß sie eine Note von der Türkei erhallen habe.

Tschanghsueliang nicht ermordet

Paris, 18. August. Havas berichtet aus Peiping, daß einer aus zuverlässiger Quelle stammenden Nachricht zufolge das Gerücht von der Ermordung Tschanghsueliangs sich nichl bestätigt.

Hetzreden bei polnischen Siegerseiern

Warschau, 17. August.

In Warschau fanden zwei Feiern statt, um den zehnten Jahrestag des polnischen Sieges über die Bolschewiken, des sogenanntenWunders an der Weichsel" festlich zu begehen. Die offizielle Feier der ehemaligen Kriegsteilnehmer, an der sich der Ministerpräsident und andere Vertreter der Regie­rung beteiligten, fand vor dem Grabe des Unbekannten Sol­daten statt. Hierbei hielt General Gorecki eine Rede, in der er nicht nur des russisch-polnischen Krieges und der Weichsel­schlacht gedachte, sondern auch auf die polnischen Grenzen und dieRededesReichsministersTreviranus zu sprechen kam. Als Gorecki hierauf den ersten Vers des deutschfeindlichen Hetzliedes Rota zitierte, stimmte die Menge das Lied an, um es bis zu Ende zu singen.

Inzwischen hatten die Nationaldemokraten eine beson­dere Kundgebung veranstaltet, die mit einem Gottesdienst begann, der im Dom vom Kardinal zelebriert wurde. Dann zogen sie in Stärke von etwa 10 000 Personen durch die Stadt. Die ursprüngliche Absicht, über den Sächsischen Platz beim Grabe des Unbekannten Soldaten vorbeizuziehen, wurde von den offiziellen Stellen, die dorthin die ehemali­gen Kriegsteilnehmer zusammengerufen hatten, vereitelt. Der nationaldemokratische Umzug endete mit Reden, in denen betont wurde, daß man jetzt seine Front gegen den Westen richten müsse.

36le|ti ins Stammbuch

Paris, 16. August.

Wahrung gegen Die Rede des Stet^sminlfters Trevitanus, wenn in Polen sozialistische Zeitungen die polnische Regie­rung kritisierten, dann würden sie beschlagnahmt. Pilfudski Habe das Parlament auf unbestimmte Zeit in die Ferien geschickt. Diese Vorgänge seien für die Aufrechterhaltung des Friedens viel gefährlicher, als die notwendigerweise plato­nischen Proteste der deutschen Nationalisten. Zaleski habe eine ausgezeichnete Gelegenheit, seinen Mund zu halten, ver­paßt. Er habe den Nationalisten durch seine Erklärung die Gelegenheit geliefert, eine ernstliche Kampagne gegen den Versailler Vertrag zu unternehmen.

Wenn Deutschland gegen jede Rede Poincares oder Maginots protestiert hätte, dann wäre man niemals mit der Regelung von diplomatischen Zwischenfällen fertig geworden.

Diktatur im Memelland

Memel, 17. August.

Landespräsident Reisgys hat nunmehr entsprechend sei­ner Ankündigung sein Landesdirektorium unter völliger Ausschaltung der Mehrheitsparteien zusammengestellt. Er berief zu Landesdirektoren den Landesobersekretär Dugnus und den Versicherungsagenten Ezeskleba, die ebenso wie Reisgys großlitauisch eingestellt sind. Die Uebergabe der Geschäfte an das neue Direktorium erfolgte Sonnabend mittag.

Die Mille

Schnelle Durchführung der beschlossenen Maßnahmen.

Berlin, 18. August.

In einer Unterredung mit einem Journalisten erklärte Reichsernährungsminister Dr. Schiele über die Durchfüh­rung der Osthilfe u. a.: Alle Maßnahmen, die in der Bei­ordnung des Reichspräsidenten vorgesehen werden konnten, werden so schnell als möglich in Gang gesetzt werden. Die Auszahlung der Umschuldungshilfen setzt frei­lich die Durchführung der vorgeschriebenen Prüfungen vor­aus; auch diese werden nach Möglichkeit beschleunigt werden. Die Umschuldungskredite werden in der nächsten Zeit etwa zu gleichen Teilen von der Rentenbankkreditanstalt und der Preußischen Zentralgenossenschaftskasse zur Verfügung ge­stellt. Daher werden diese beiden Institute paritätisch zur praktischen Mitarbeit herangezogen werden.

Die Verordnung des Reichspräsidenten sieht vor, daß das Anwendungsgebiet weiter ausgedehnt werden kann. Für die Umfchuldung wird die Reichsregie­rung gern von dieser Befugnis Gebrauch machen, sofern nur sichersteht, daß ausreichende Mittel zur Verfügung stehen. Erst wenn die Umfchuldung gesichert ist, kann ein V 0 l l - streckungsschutz gewährt werden, da dieser die Um= schuldungsmöglichkeit zur Voraussetzung hat.

Alles in Allem bin ich der festen Ueberzeugung, daß es trotz aller Schwierigkeiten, die auch ich durchaus nicht ver­kenne, gelingen wird, schon in den nächsten Wochen die für den Osten vorgesehenen Hilfen in beträchtlichem Umfange an- zusetzen.