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kersfelöerTageblaÜ

Hrrsfelöer Kreisblatt

Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö

Nr. 1T8

Freitag, den 1. August 1930

80. Jahrgang

Schroffe Gegensätze in der Saarfrage

Frankreich hofft immer noch aus ein

kMhms der Woche

1«. Sr. In Italien bebte die Erde. Tausende Häuser stürzten ein und begruben ihre Bewohner. Mit eins sind Tausende Menschenleben ausgelöscht. Ihre Lebenskraft ist dem Krüftespiel der Menschheit entzogen. Ein Augenblick des Entsetzens, und weiter geht das Lebensspiel, als wäre nichts geschehen.

Gas strömt in die Grube. Hunderte von Berg­leuten werden mitten aus ihrer Arbeit um kärglichen Lohn in den Tod gerissen.

Mitten in dem überschwänglichen Freudenrausch des geräumten Rheinlandes schrillt ein Schreckensschrei. Eine Brücke brach. In wenigen Minuten sind ein halbes Hundert Menschen ertrunken, erstickt.

Grausam rasen die Elemente gegen Menschen und ihre Gebilde. Trotz aller Fesseln, mit denen der Mensch die Ur- kräfte der Erde gebändigt, immer wieder reihen sie sich los und stürzen die Menschheit in jammervolle Katastrophen.

Der gleiche ewige Kampf des Menschen gegen die un­faßbaren Elemente tobt in seiner Brust selbst. Wehe, wenn sie die Bande frommer Scheu, der verständigen Erziehung, des Glaubens und der gemeinschaftlichen Treue durchbrechen und der Mensch den Menschen bedroht, die gesellschaftliche Ordnung zerstört. Immer treiben unberechenbare Kräfte das geruhsam gewordene Leben auf zu Neuem, Anderem. In ewigem Wechsel, in ewiger Wandlung. Ein Glück, wenn der Verstand diese Kräfte leitet zu höheren Zielen. Ein maßloses Unglück, wenn die Kräfte hemmungslos zum Um­sturz alles Daseins treiben.

Wer auf die Signale unserer Zeit achtet, der kann sich nicht dem Eindruck verschließen, daß wir in Deutsch­land mitten in einer gewaltigen Umwand­lung stehen. Die Entscheidung, wohin diese Wandlung letzten Endes führen soll, ist in die Hände jedes einzelnen jjÄMjliMtilä wiedergewinnen oder ob unser Gemeinschaftsleben nach un- erprobten Ordnungszielen ausschlagen soll.

Wir haben aufgeregte Zeiten genug hinter uns. Vieles ist endgültig vernichtet, was nicht mehr erscheinen kann. Neue Kräfte hinwiederum sind frei geworden, entfalten sich und geben unserem Leben neuen Glanz. Jetzt heißt es, den neuen Bestand ordnen. Den neuen Staat so gestalten, daß alle seine Mitglieder, gleich berechtigt, aber auch gleich ver­pflichtet, ihres Lebens froh werden. Gesetze sind schnell ge­macht, wenn sie nur einem Teil der Staatsbürger genehm sind. Ausgaben sind schnell bewilligt, wenn ein anderer sie zahlen soll. Solches kann nicht der Sinn einer ernsthaften Staatspolitik fein. Zu einer wirklichen Staats­politik und keiner Interessenpolitik muß das deutsche Volk seine Führer zwingen. Das kann es durch die Wahl. Jeder prüfe deshalb ernsthaft das, was seine Partei nicht nur sagt und verspricht, sondern was sie getan hat, um daraus zu erkennen, was sie tun wird. Das ist Staatsbürgerpflicht eines jeden, mag er einer Partei an­gehören, der er will. *

Nicht nur in Deutschland stehen wir vor großen Wand­lungen, hervorgerufen durch den katastrophalen Niedergang der Wirtschaft, sondern allüberall droht die Katastrophe. Wir Deutschen müssen nur sehen, daß wir zuerst aus der Katastrophe herauskommen. Denn wir müssen Mittel schaffen, um unseren Verpflichtungen gegen­über den anderen nachzukommen. Sonst kann es uns noch blühen, daß unser ganzes Staatsgebäude zusammenkracht. Nicht umsonst beschäftigt sich PoincarL angelegentlich mit dem Zustand in Deutschland. Was würde geschehen, wenn Deutschland seine Young-Zahlungen nicht mehr leisten könnte? Ist das auszudenken? PoincarS stände wieder am Rhein!

So überschattet die allgemeine Krise uns Deutsche dunkler als die anderen Staatsvölker, die wenigstens noch eigene Kapitalkraft besitzen, die nur eine neue Verteilung vorzu- nehmen haben. Auch bei ihnen geht das unter Sümpfen und Schmerzen vor sich. Nicht umsonst sendet Tardieu seine Mahnungen an das französische Volk, das Parlament zu zwingen, nicht die Interessen einzelner zu vertreten, sondern die der Gesamtheit.

Nicht weniger dunkel steht das Schicksal über England. Auch dort werfen sich die einzelnen Parteien immer den Ball der Verantwortung zu, die auf jeder lastet, nämlich die Verantwortung für die Lösung der furchtbarsten Wirtschaftskrise, die England je durchgemacht hat. Der Eng­länder hat noch immer nicht die Zeichen der Zeit begriffen. Er kann sich noch immer nicht vorstellen, daß der Handel der Welt, der mehr oder weniger durch seine Hand gegangen war, plötzlich zusammengeschrumpft ist und daß deshalb die Provisionen nicht mehr so in die englischen Kassen fließen wie ehedem. Auch die Engländer jeglicher Partei doktern an den Folgen herum, greifen nicht an des Uebels Wurzeln. Und so wird auch England noch einige Zeit sich in partei­politischen Kämpfen herumschlagen, bis die Katastrophe da ist. *

Wie dieLandvolknachrichten" erfahren, ist der aus der Deutschnationalen Volkspartei ausgeschiedene Reichstagsab­geordnete Hemeter zur Christlich-Nationalen Bauern- und Landvolkpartei übergetreten.

günstiges Abstimmungsergebnis Deutsch!«

Der KanA um die Saar

Erklärungen des Führers der deutschen Delegation

Köln, 1. August.

Der Führer der deutschen Delegation für die deutsch­französischen Saarverhandlungen, Staatssekretär a. D. von Simson, erklärte in einer Unterredung über den Stand der Saarfragen u. a.:

Die Verhandlungen sind wegen der Unmöglichkeit einer Einigung in der Grubenfrage suspendiert worden. 3n der Grubenfrage standen sich die französische These, die eine Lösung auf der Grundlage einer französischen Beteiligung am Betrieb der Saargruben zum Ziele hakte, und die deutsche These, derzufolge die Gruben ungeschmälert wieder in das Eigentum und den Betrieb ihrer früheren Besitzer, des preußischen und des bayerischen Staates, zurückgeführt werden sollten, unvereinbar gegenüber. Der Bedarf der französischen Industrie an Saarkohle hätte sich sehr wohl durch langfristige Lieferungsverträge sicherstellen lassen.

Die deutsche Delegation wäre zum Abschluß solcher Verträge bereit gewesen, hat aber keine Gelegenheit gehabt, ihre Vorschläge näher zu entwickeln.

Die deutsche Delegation hatte nicht nur eine Frage der reinen Kohlenwirtschaft zu lösen, sie hatte vor allem die Stellungnahme der Saarbevölkerung zu berücksichtigen. Es war nur der selbstverständliche Ausdruck des Gefühls der nationalen Zusammengehörigkeit, wenn die deutsche Re­gierung und die deutsche Delegation sich bei den Verhand­lungen in engster Uebereinstimmung mit der Saarbevölke­rung hielten und nur solche Lösungen ins Auge faßten, die der Zustimmung dieser Bevölkerung sicher waren. Bei den Verhandlungen bin ich auf französischer Seite wiederholt der Ansicht begegnet, daß dos Ergebnis der Voltsabstirn- mung im Saargebiet keineswegs so sicher sei, wie deutscher­seits angenommen werde. Ich weiß nicht, auf welchen Quellen die französischen Informationen über die ooraus- sschtliche Haltung der Saarbevölkerung beruhen. Jedenfalls

Auf deutscher Seite besteht die felsenfeste Gewißheit, daß sich bei einer Abstimmung eine Stimmenmehrheit von nahezu 100 Prozent für Deutschland ergeben würde.

Das bisherige Ergebnis der Verhandlungen ist gewiß un­befriedigend. Hätte Deutschland auch die weitergehenden französischen Forderungen angenommen, so hätte es Zuge­ständnisse gemacht, die noch weit über den Versailler Ver­trag hinausgingen und von der Saarbevölkerung einmütig abgelehnt worden wären. Die Verhandlungen waren aber doch nicht wertlos. Das Problem mit all feinen, zum Teil technisch, wirtschaftlich und juristisch außerordentlich schwieri­gen Fragen ist aufgeworfen und eingehend erörtert worden, auch haben sich in einigen Fragen bereits annehmbare- jungsmöglichkeiten abgezeichnet. Ich gebe daher die Hoff­nung nicht auf, daß es gelingen wird, die Verhandlungen auf einer neuen erfolgversprechenden Grundlage wieder auf- zunehmen. Daß der deutsche Standpunkt nicht geändert werden kann, liegt auf der Hand.

Sein gerne"" Wohlausrul

Berlin, 1. August.

Das Redaktionskomitee der Parteien der Iltisse, das über die Abfassung eines gemeinsamen Wahlaufrufes ver­handeln sollte, hielt eine Sitzung ab, doch sino die Verhand­lungen ergebnislos verlaufen, so daß der Plan des Abgeord­neten Scholz in seiner bisherigen Gestalt als gescheitert an­gesehen werden muß.

Abgeordneter Koch-Weser erklärte, daß ein solches Zu­sammengehen nicht möglich sei, ohne daß auch das Zentrum und die Bayerische Volkspartei hinzugezogen würden. Wenn es sich um die Neubildung einer Partei der Mitte handele, so sei die Staatspartei bereits vorhanden, der man sich ja anschließen könne.

Seine Einigung bei Nordwest

Am Widerstand des Mekallarbeikerverbandes gescheitert.

Essen, 1. August.

Zwischen dem Arbeitgeberverband der nordwestlichen Gruppe und den Gewerkschaften war eine Vereinbarung formuliert worden, die das Ziel hatte, eine Kündigung des Lohn- und Arbeitszeitabkommens zu vermeiden. Diese Ver­einbarung wurde von der Vertretertagung des Christlichen Metallarbeiterverbandes einstimmig angenommen. Es wurde beschlossen, das Lohn- und Arbeitszeitabkommen nicht zu kündigen. Auch der Gewerkverein Hirsch-Duncker hat der Vereinbarung zugestimmt.

Dagegen haben die Funktionäre des Deutschen Metall­arbeiterverbandes sich gegen die Annahme der Vereinbarung ausgesprochen und die Kündigung des Lohnabkommens nur diese war vom Deutschen Metallarbeiterverband ange­kündigt beschlossen. Die offizielle Zustimmung des Ar­beitgeberverbandes zu der Vereinbarung, an der nicht zu zweifeln ist, steht noch aus.

wird auf keinen Fall nachgeben

Snorregiernng nnb Reichswehr

Saarbrücken, 1. August.

Der Präsident der Regierungskommission des Saar- gebiets hat dem Landjägerkorps den Befehl erteilt, an den einzelnen Orten festzustellen, wieviel Rtichswehrsöldalen bis zum 15. Iuli in Uniform gesehen worden sind.

Grund und Ursache zu dieser Maßnahme sind ohne weiteres nicht ersichtlich. Einerlei, wie es auch sei, die Ein­reise und der Aufenthalt unserer Söhne, die im Reichsheer Dienst tun, in ihrer deutschen Saarheimat muß angesichts dieser Verfügung eine Neuregelung finden, so daß ohne Schwierigkeiten und ohne besondere Einreiseerlaubnis das Verbringen der Urlaubstage auch in Uniform gestattet ist. Es wäre ein Unrecht, wenn der deutsche Soldat in seiner Heimat sich nicht sehen lassen dürfte, wo doch schon jahrelang wesensfremde ausländische Uniformen geduldet werden. All­wöchentlich kann man im Grenzbezirk französische Urlauber, besonders Marinesoldaten, feststellen. Ob auch schon einmal die Söhne der im Saargebiet ansässigen Franzosen gezählt und der Saarregierung namhaft gemacht worden sind, ent­zieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls sieht man sie schon all die Jahre hier in Uniform herumgehen. Der Landes­rat wird die Süche sicherlich aufgreifen und mit dafür Sorge tragen, daß eine endgültige, für die Saarbevölkerung zufriedenstellende Lösung gefunden wird.

Mener Protest in Warschau

Fortgesetzte Grenzverletzungen durch polnische Flieger

Berlin, 1. August.

Von den zahlreichen, gemeldeten Fällen von Ueberflie- gungen der deutschen Grenze durch polnische Militärslug­zeuge hat, wiq -ooy -unterrichteter Seite erklärt wird, die größere Zahl sich als zweifelhaft herausgestellt, weil die Zeugenbeobachtungen nicht einwandfrei waren.

Im ganzen sind als einwandfrei im Iuli etwa sechs Fälle festgestellt worden.

Während man im vorigen Jahre den Eindruck systemati­scher Verstöße haben konnte, ist in diesem Jahre ein System nicht festzustellen. Immerhin ist es für die deutsche Oeffentlichkeit eine Unmöglichkeit, diese Ueberfliegungen zu ertragen. Wegen der sechs Fälle im Juli sind Vorstellun­gen in Warschau erhoben worden. Die polnische Regie­rung hat darauf geantwortet, sie werde die Fälle unter­suchen und wenn sich eine Verletzung der deutschen Grenze durch polnische Militärflieger herausstelle, diese bestrafen.

Am Mittwoch ist wiederum an einer Stelle rechts der Weichsel südlich von Kurzebrack ein polni ches Militärflug­zeug gesehen worden Die Erkundigungen bei dem Oberpräsidium in Königsberg ergaben, daß dieses Flugzeug tatsächlich von mehreren Landjägern als Militärflugzeug erkannt worden sei. Die Gesandtschaft in Warschau ist daraufhin angewiesen worden, auch diesen Fall zum Gegen­stand eines Protestes zu machen.

Merbübungen auch in Polen

Warschau, 31. Juli.

Der Wirtschaftsausschuß beim polnischen Ministerrat hat zur Behebung der polnischen Landwirtschaftskrise fol­gende neue Zollerhöhungen auf die Einfuhr von landwirt­schaftlichen Produkten beschlossen: für 100 Kilogramm Wei­zen auf 17,50 Zloty, für 100 Kilogramm Weizenmehl aus 25,50 Zloty, für 100 Kilogramm Graupen, die im Zolltarif nicht besonders ausgeführt find, auf 24 Zloty, für 100 Kilo­gramm Schmalz auf 100 Zloty, für 100 Kilogramm Fleisch­speck auf 80 Zloty und für 100 Kilogramm Räucherspeck auf 120 Zloty. Gleichzeitig wird für die polnische Fettproduk­tion eine Zollerleichterung von 60 v. H. erteilt. Die Ge- treideausfuhrprämien sind in diesem polnischen Agrarpro- gramm mit einbegriffen und gelten zunächst bis zum 31. Db tober d. J. Ferner wurde beschlossen, die Ausfuhrprämie für 100 Kilogramm Schweine und Bacon auf 25 Zloty zu erhöhen.

Spaltung der polnischen Legionäre

Warschau, 1. August.

Eine Legionärgruppe, die ihren Austritt aus dem Ver­bände der Pilsudski-Legionen erklärt hatte, fordert alle ehe­maligen Legionäre, die noch im Legionärverbande sind und die nun zum Zentralem gehören, auf, an der Tagung der Pilsudski-Legionäre in Radom nicht teilzunehmen, sondern sich am gleichen Tage, dem 10. August, zu einer einleitenden vertraulichen Besprechung in Warschau zusammenzufinden, um einen neuen demokratischen Legionärverband zu gründen.

Dieser Aufruf ist von mehreren führenden Abgeordneten und Senatoren der polnischen sozialistischen Parkei und u. a. auch von dem ehemaligen Führer der Wyzwolenie-Partei, Thugukt, unterzeichnet.

Vor kurzem belief sich die Mitgliederzahl des Pilfudfki- schen Legionärverbandes auf rund 25 000 Mann. In gut­unterrichteten Kreisen wird die Gesamtzahl aller ehemaligen Legionäre auf rund 40 000 Mann geschätzt. ____^