Aus her Wahlbewegung
Hugenbergs Stellung.
# Berlin. 26. Juli.
In der Freitagssitzung der Parteivertretung der Deutschnationalen Volkspartei, behandelte Dr. Hu gen- b e r g die Stellung der Partei im bevorstehenden Wahlkampf. Die Partei habe sich, so erklärte er, zu ihren ursprünglichen Grundlagen zurückgefunden. Die Geschlossenheit, mit der sie dadurch in den nächsten Reichstag einziehen werde, erleichtere ihr die Lösung der dann bevorstehenden Aufgaben. Die Mitte unterstütze die Sozialde- mokratie und gehe dabei ihrer eigenen Auflösung entgegen. Der Nationalsozialismus werde die jetzige Entwicklung der Deutschnationalen Volkspartei nicht als Stärkung empfinden. Das Verhalten der Westarp-Gruppe wurde in der Sitzung scharf kritisiert.
Demokratische Spitzenkandidaten.
Außer den Deutschnationalen tagten am Freitag noch die Deutsche V o I k s p a r t e i, die ihre Parteibeamten zusammenberufen hatte, und die Deutsche Demokratische Partei, deren Wahlkreisvorsitzende erschienen waren. An sicherer Stelle kandidieren bei den Demokraten Koch- Weser im Wahlkreis Weser-Ems, Staatssekretär a. D. Dr. Meyer, Dr. H e u ß und Dr. K ü l z. An der Spitze der Reichsliste stehen Frau Dr. B ä u m e r und L e m m e r.
Liberale Einheitsfront?
Wenn man die gegenwärtige Lage auf der Rechten überblickt, so drängt sich einem unmittelbar der Gedanke auf, daß durch die Kräfteverschiebungen auf der Rechten eine augenblickliche Verwirrung entstanden ist, die es trotz der erfolgten Gründung der Konservativen Volkspartei und der Einheitsfront des Landvolkes noch nicht gelungen ist, vollständig zu beseitigen. Auch wer gehofft hat, daß die beiden genannten Gruppen aufs engste zusammengehen würden, sieht sich vorläufig enttäuscht. Es besteht noch ein gewisser Gegensatz zwischen Stadt und Land den zu Überdrücken. Graf Westarp als seine vornehmste Aufgabe bezeichnet hat. Die Form des Zusammengehens zwischen Konservativen und Landvolk im Wahlkampf ist noch nicht gefunden. Man hofft, daß dies bald geschieht.
Was wird nun aus der übrigen Rechten? Da steht im Vordergründe der politischen Erörterungen die Möglichkeit eines Zusammenschlusses von Deutscher Volkspartei, Wirtschaftspartei und Demokraten zu einer liberalen Einheitsfront im Gegensatz zur erstrebten konservativen Einheitsfront, die in Gestalt einer großen Rechtspartei in Erscheinung treten soll. Ob es aber möglich sein wird, als Ergebnis des Sam- melrufes der Deutschen Volkspartei, für den die deutschnationalen Nachfolgegruppen bereits ausgeschieden sind, mehr als eine Art Burgfrieden und Nichtangriffspakt zu erreichen, muß bezweifelt werden.
Sie Erde beot.
Blick auf Amalfi (nahe Neapel), das von dem Erdbeben betroffen wurde.
DieLersm. ' in Koblenz
Koblenz, 25. Juli.
Die Bergungsarbeiten im Lützeler Hafen wurden auch am Freitag emsig fortgesetzt. Weitere Leichen sind aber nicht gefunden worden. Bei den zuständigen Stellen ist man nunmehr der Ansicht, daß nach dem Ergebnis der Nachforschungen kaum mehr als 37 Opfer, die bereits geborgen wurden, zu beklagen sind und daß die Vermißtenanzeigen im Laufe der nächsten Tage zurückgenommen werden.
Es stellt sich heraus, daß ein Teil der Vermißtenmeldun- gen schon aus der Zeit vor dem Unglück stammen: auch dürfte ein Teil der Vermißtenmeldungen zu denen gehören,' die erfahrungsgemäß häufig nicht wieder zurückgenommen werden, aber erledigt sind.
Die Untersuchung des Koblenzer Unglücks
Koblenz, 26. Juli. Die polizeilichen Ermittlungen über den Brückeneinsturz haben ergeben, daß es sich um einen tragischen Unfall handelte, der sich bei der Verkettung unglücklicher Umstände jeder menschlichen Voraussicht entzog. ' Eine Anzahl Zuschauer wählte, um schneller vorwärts zu kommen, den Leinpfad, der im Zuge der Brücke liegt und der, weil er kein öffentlicher war, auch keine Beleuchtung hatte. Die Brücke, die nicht für den öffentlichen Verkehr bestimmt war, hätte diese Verkehrsbelastung ausgehalten, wenn nicht der über die Brücke abmarschierende Menschenstrom durch einen sich von der Seite her keilförmig einschie- benden Trupp junger Leute verwirrt und zusammengeballt worden wäre. Dieses wirkte um so verhängnisvoller, als außerdem irgendein Ereignis auf der Mosel oder am gegenüberliegenden Ufer die Aufmerksamkeit der auf der Brucke befindlichen Passanten erregte, die infolgedessen unvermittelt stehen blieben während von den Nachkommenden scharsstens nachgedrängt wurde. Infolge der Ueberlastung wurden die Schwimmer der Brücke vollständig unter Wasser gedruckt und die Brücke kenterte.
Das Erdbeben in Italien
Ä Ganz Deutschland, das soeben von zwei furchtbaren Katastrophen heimgesucht worden ist, der Neuroder Bergwerkskatastrophe und dem Koblenzer Brückeneinsturz, hat mit Erschütterung die Nachrichten von dem furchtbaren Erdbeben in den süditalie- nischen Provinzen Benevent und Potenza verfolgt, das Tausende von Menschenleben gefordert und ungezählte Tausende ihrer ganzen Habe beraubt, von Haus und Hof vertrieben hat. Ganze Städte und Dörfer sind zerstört worden, darunter Melfi, das bereits vor 80 Jahren durch ein tekto- nisches Beben zerstört worden ist.
Auch bei dieser Naturkatastrophe in dem an Erdbeben so reichen Mittelmeergebiet handelt es sich um ein sogenanntes tektonisches im Gegensatz zu den Erdbeben vulkanischer Art. Diese Unterscheidung" trifft die Wissenschaft, je nachdem, ob ein Erdbeben in unmittelbarem Zusammenhang mit tätigen Vulkanen zu stehen scheint oder nicht. Letzten Endes haben aber alle Erdbeben natürlich ihre Ursache in dem rätselvollen Erdinnern und in dem fortschreitenden Ab- aungs- und Schrumviunasvro^eü der Erdkuael—wwm
Italien ist schon seit Menschengedenken immer wieder von verheerenden Erdbebenkatastrophen heimgesucht worden. Die erste offizielle Aufzeichnung von durch einen Vulkanausbruch hervorgerufenen entsetzlichen Verheerungen besitzen mir aus dem Jahre 79 n. Chr., wo durch einen Ausbruch des Vesuvs bei Neapel blühende Städte vernichtet wurden. In späterer Zeit hat der Vesuv noch viele Tausende von Menschenleben gefordert. Besonders reich an solchen Naturkatastrophen war in Italien das vergangene Jahrhundert, das nicht weniger als sechs große Vulkanausbrüche auf- weist. Zum letzten Mal hat ein Vesuvausbruch im Jahre 1906 achthundert Menschenleben vernichtet und riesigen Materialschaden angerichtet. Die größte Katas ophe in geschichtlicher Zeit, die Italien traf, war das Erdbeben von M e s s i n a im Jahre 1908, das in Sizilien und Kalabrien 90 000 Opfer forderte. Aber noch 1915 ver. htete ein Erdbeben am Südhang der Abruzzen zahlreiche Ortschaften.
Machtlos ist der Mensch gegenüber diesem furchtbaren
Walten der Naturkräfte, aber niemals läßt er sich davon abhalten, an der gleichen Stätte, an der er eben so Furchtbares erlebt, sich eine neue Heimstätte zu errichten. Das Leben triumphiert über den Tod. Und so wird auch in kurzer Zeit wieder aus den Ruinen der zerstörten Städte und Dörfer Süditaliens neues Leben emporblühen.
Aus dem italienischen Erbbebengebiet
1883 Todesopfer bisher amtlich festgestellt
Rom, 25. Juli.
Nach der neuesten amtlichen Mitteilung hat sich die Zahl der Toten bei der Erdbebenkatastrophe auf 1883 erhöht. Die Zahl der Verletzten steht noch nicht endgültig fest, beträgt jedoch ein Vielfaches der Toten.
Die letzten Meldungen aus dem Erdbebengebiet lassen darauf schließen, daß die Zahl der Toten sich auf ungefähr 3000 beläuft. Es ist aber immer noch nicht zu übersehen, ob es bei dieser Zahl bleiben wird, solange die Trümmer nicht aufgeräumt sind und nicht festgestellt worden ist, wie viele Leichen unter den eingestürzten Häusern begraben sind. In den Krankenhäusern sind zahlreiche Verletzte gestorben.
Die Berichte der Morgenblätter aus dem Erdbebengebiet geben ein anschauliches Bild von der eingeleiteten Hilfsaktion, für die die einzelnen Heeresverbände mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Menschenkräften herangezogen worden sind. Nicht weniger als 60 000 Ueberlebende müssen im Hauptbebengebiet unterstützt, verbunden, verpflegt und mit Nahrungsmitteln versorgt werden. Militärambulanzen und Hilfsspitäler wurden eingerichtet, Medikamente aller Art in großen Mengen herbeigeschafft.
Den traurigsten Anblick bietet Melfi, das ganz wie eine völlig zerschosfene Stadt hinter einer Kampffront aus- sieht. Bis jetzt sind 150 Leichen im Dom von Melfi eingesegnet und zur Bestattung freigegeben worden. Da der Friedhof von Melfi die Toten nicht fassen kann, mußte ein Zug mit der traurigen Last von 200 Toten nach Potenza geleitet werden. Man fürchtet, daß aus den Trümmern, besonders in den bis jetzt nur schwer zugänglichen Dörfern, noch eine erhebliche Anzahl von weiteren Opfern geborgen werden müssen. Aus allen Gemeinden wird gemeldet, daß die Häuser, soweit sie dem Erdbeben nicht sofort zum Opfer gefallen sind, vielfach von Einsturzgefahr bedroht und damit unbewohnbar sind. Auffallend viele Kirchen mußten wegen Einsturzgefahr geschlossen werden.
In Neapel hat unter lebhafter und zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung und der Behörden die Beerdigung der vier Erdbebenopfer Neapels stattgefunden.
Ein Agrarbloik im Svdolten?
Bukarest, 25. Juli.
Wie aus offizieller Quelle verlautet, bedeutet die soeben abgeschlossene Bukarester Sachverständigenkonferenz die Ein- leitung einer Reihe bedeutsamer internationaler Beratungen ^Lr-Agrarstaaten zur Linderung der Agrarkrise. Vor allem soll am 28. Juli in Sinaja eine Konferenz der südslawischen und der rumänischen Minister der wirtschaftlichen Ressorts zusammentreten, um die Grundlagen einer engeren wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Staaten der Kleinen Entente im Sinne eines hier überreichten Memorandums des südslawischen Außenministers Marinkowitsch festzulegen.
Schließlich finden zwischen den Regierungen der Staaten der Kleinen Entente diplomatische Verhandlungen über die Beteiligung an der Warschauer Konferenz zur Bildung eines Agrarblockes statt. Die Ergebnisse der Bukarester Konferenz eröffnen nach Ansicht hiesiger offizieller Kreise günstige Aussichten für weitere Verhandlungen der Agrarstaalen.
Aus Nanking wird gemeldet, die Regierungstruppen hätten nach einer Erklärung Tschiankaischeks Putschau erobert und marschierten auf Honau. Die Nordtruppen seien an der Eisenbahnlinie Peking—Hankau unter großen Verlusten geschlagen worden.
„TOTE ÄUGEN,
_ROMAN VON ERIKA RIEDBERG—
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale)
14
Vor Weras Blick ward seine Seele hell, groß und andachtsvoll der Schöpfung aufgetan. Was jemals aus überschäumendem Jugendblut als unedle Flamme auflohen gewollt, sank zusammen und brannte still und feierlich, wie Altarkerzen brennen.
Sie zählten nicht die Tage und Jahre, bis sie sich ganz gehören konnten. Nah oder fern — sie waren beisammen für Zeit und Ewigkeit...
So liebten sie sich ... Wera Hagen und Friedrich Wieland. * * *
Schon konnte kein Sonnenstrahl mehr in dieser Gassen Gewirr dringen, als Wieland mit ein paar Sätzen die dunkle, ächzende Treppe hinaufsprang.
Sein Jubel war so groß, daß er stehenbleiben und bte Hand auf das heftig pochende Herz pressen mußte.
Und dann stand er drinnen — und das kleine Stübchen war mit einem Male hell von seinem freudeleuchtenden Antlitz.
Mit beiden Händen hob er den Frauen seine Mappe entgegen ... „Hier halte ich unser Glück! Unseres Glückes Erfüllung!"
Auf den Knien feiner Mutter breitete er die Zeichnungen aus...
Und alles, was an lautem Jubel aus übervollem Herzen über die Lippen gewollt, verstummte in der Ueber- fülle ihrer Seligkeit. Der Mutter tropften große Tränen über die Wangen ... Leise streichelte sie ihres Sohnes Hand ...
„Wenn das Vater hätte sehen können." — Weras schönes Antlitz war bleich geworden. Die Hände sanken ihr herab. Tief neigte sich das Antlitz über die Pracht des Entwurfes. —
Eine Weile war es ganz still im Zimmer — und dann hob Wera den Kopf — wie verklärt schaute sie empor...
„Oh, Friedrich, das ist schön! Es ist so wundervoll, so wundervoll!"
Mit einer Gebärde voll unaussprechlichem Stolz und Dank nahm sie sein Haupt in beide Hände.
Die Mutter sah zu ihnen auf und dann wieder auf ihres Sohnes Werk.
Nun hatte der lange Leidensweg, den sie gegangen, doch noch sein Ziel gefunden.
Der tägliche, manches liebe Mal wohl stündliche, schwere Kampf um Entsagung und Ergebung in ihr Geschick hatte dem Sohn die Schaffenskraft erhalten.
Ihre verschwiegene Arbeit hielt ihm die Not fern — und Weras holde, lebensvolle Gegenwart war ihm die Quelle, aus der er immer neuen Mut und neues Vollbringen schöpfte.
So arbeiteten sie zusammen an des einen — und damit an ihrer aller Glück, jeder in seiner Art, und voch alle nur auf das eine Ziel hin.
Es war geschafft! — Schönste Erfüllung war da!
Ueber die Zeichnung hinweg, streckte die Mutter den beiden jungen, glückversunkenen Menschen die Arme hin - und beide neigten ihr Haupt tief in ehrfurchtsvollem Dank über die treuen, mutigen Mutterhände.
Wenn je in heiligen Minuten ein Engel um die Menschen so schwebt, gewillt, ihren Dank zum Gottesthron zu tragen, so war dieser Sendbote jetzt mitten unter ihnen im ärmlichen Stübchen der Witwe.
Ganz von selbst legte sich der stürmische Jubel — nur tiefster Dank erfüllte sie.
Sie saßen um den Tisch, besprachen die Abreise und zählten ihre Barschaft.
„Zur Beschaffung des Passes ist es doch zu spät", sagte Friedrich, „so wollen wir denn noch ein paar Stunden froh zusammen sein."
„Und du mußt noch einmal deine Lieder singen", bat Wera.
„Noch einmal!" lächelte er. „Wie das so abschied nehmend klingt. Ich gehe doch nicht für immer fort ...'
„Ach! Rußland ist so groß", sagte Wera.
Es klang so kindlich, daß sie lachen mußte.
„Ja!" sagte Friedrich, „ich muß ziemlich weit hineit nach Rußland."
Er nahm das kleine, russische Saiteninstrument, das der Laute ähnlich, so gut in seinem melancholischen Tor zu den schwermutsvollen Weisen des Ostens paßte.
Dann erklang Friedrichs Stimme in selbsterfundener Weisen seltsam schön und eigenartig im Zimmer ... EL war wie ein Zauber, der lockte, verwirrte und bennod wundersam beruhigte — wie das Streicheln einer lieber Hand, wie ein Wehen von Engelsflügeln.
Was nur ein Menschenherz in Höhen und Tiefen, ar Lust und Leid, an Glück und tiefster Not erfahren kann ras gaben diese Töne kund in wunderbar betörender Süße, in ergreifender Gewalt.
Die Augen der Frauen waren unausgesetzt auf ihn gerichtet mit jener tiefen Leuchtkraft echter, reiner Liebe.
Mit dem letzten, verzitternden Ton senkte sich dunkler Ahnen wie schwarze Schleier auf der Frauen Gemüt — sie wußten selbst nicht, daß ihre Augen plötzlich voll Tränen standen.
Eine Weile herrschte Schweigen — dann legte Friedrich die Balalaika fort und nahm die Hände von Mutter und Braut in die seinen.
„Was ist das für ein dunkler Schatten?" fragte er sie, sie liebevoll anblickend.
„Trennungsweh bei allem Glück." : '
_ Weras schönes Haupt lehnte an seiner Schulter ... Still, wie verklungenen Tönen nachlauschend, saßen sie in allmählich hereinbrechender Dämmerung. —
Und gerade als Friedrich fortgehen wollte, klopfte es hart an die Tür, und ohne eine Aufforderung zu erwarten, trat ein Herr ein.
Seine hohe, breitschultrige Gestalt stand so ruhig da, als habe er hier Freundesrechte.
(Fortsetzung folgt.) ;