HersfelöerTageblatt
Hersselöer Kreisblatt
Amtlicher Anzeiger für den Kreis Hersfelö • '
Nr. 166 Freitag, den 18. Juli 1930 80. Jahrgang
Immer noch keine Entscheidung
Aufhebung der Notverordnung beantragt — Verhandlungen
mit den Deutschnationalen
Was geschieht nun?
Verhandlungsbereitschaft der Deutschnationalen.
# Die große Spannung, die in den letzten Tagen auf dem Reichstag und der gesamten Oeffentlichkeit lastete, hat etwas nachgelassen Trotzdem erhebt sich bald nach Veröffentlichung der Notverordnungen auf Grund des Artikels 48 im Reichsgesetzblatt, wodurch sie Gesetzeskraft erhalten, nunmehr die Frage, welchen weiteren Verlauf die Dinge nehmen werden. Bekanntlich will man bis zum 19. Juli die gesamte politische Arbeit zum Abschluß bringen.
Riesig ist das bis dahin noch zu bewältigende Pensum. Neben der zweiten Lesung einiger noch ausstehender Etats muß die dritte Lesung aller Etats erfolgen. Die Sozialgesetze müssen neben dreizehn Auslandsverträgen, unter denen sich der deutsch-finnische und der deutsch-österreichische Handelsvertrag befinden, verabschiedet werden. Hinzu kommen die drei Lesungen des Straffreiheitsgesetzes, das Gesetz über die Westhilfe und die dritte Lesung des Osthilfegesetzes. Die Sozialdemokraten verlangen die Verabschiedung des Gesetzes über die Pensionskürzung. Dazu kommen die sozialdemokratischen Anträge auf Aufhebung der Notverordnun
an
gen und das sozialdemokratische Mißtrauensvotum gegen das Kabinett. Die Abstimmung über diese beiden Anträge wird also die eigentliche und letzte Entscheidung in dieser Aufregungen so reichen Reichstagssession bringen. Wie werden sich nun die Dinge abspielen? Nun,
nach allem, was bisher bekanntgeworden ist, kann man schon jetzt sagen, daß es kaum zur Auflösung des Reichstages, zu der der Reichskanzler bekanntlich die Vollmacht hat, kommen dürfte.
Es wird allerdings noch einmal hart auf hart gehen, und groß, wmtz--wie SrimmenmehrhM zugunsten der Reichsregierung nicht fein Aber sie wird ausreichen, auch wenn einzelne Abgeordnete aus dem Regierungslager der Regierung ihre Unterstützung versagen sollten. Der Wirrwarr um die Schankverzehrsteuer, die bei der Trennung des Steuerbündels in den Notverordnungen aus politischen Gründen etwas stiefmütterlich behandelt worden ist, war bis zum Freitag noch nicht geklärt. Obwohl mit der Notverordnung, die die Unterschrift des Reichspräsidenten trägt, zweifellos die Autorität des Reichspräsidenten engagiert ist, will die Reichsregierung die Annahme eines Antrages auf Aufhebung der Schankverzehrsteuer nicht mit der Auflösung beantworten, worüber Demokraten und Sozialdemokraten höchst ungehalten sind.
Wäre aber die Trennung nicht erfolgt, so bestünde für die Regierung die Gefahr, daß die Gegner der Schank- verzehrsteuer der Aufhebung aller Verordnungen zn- stimmen und der sozialdemokratische Antrag die Wehr- Heit fände. Die Ablehnung der Schankverzehrsteuer ist aber nahezu gewiß.
Alles sieht in diesen Tagen nach den Deutschnationalen und ihrer Stellungnahme gegenüber dem Kabinett. Hugenberg hat den Reichskanzler am Donnerstagabend zu Verhandlungen über die politische Gesamtlage aufgefordert. Die Deutschnationalen wollen also der Regierung die Bedingungen für eine eventuelle Unterstützung stellen, ja, man munkelte sogar am Donnerstag von einem Eintritt der Deutschnationalen in das Kabinett. Das Organ des Reichslandbundes, die „Deutsche Tageszeitung", wandte sich in beschwörenden Darlegungen an die Deutschnationalen, doch der Regierung an die Seite zu treten in einer Zeit, die für die Landwirtschaft am allerkritischsten ist.
Das ganze auf die Initiative
Hindenburgs zurückzufüh- Frühjahr wäre neben der ls gefährdet.
rende Agrarprogramm vom t Osthilfe ebenfalls gi
Auch auf das Stimmungsmoment wurde hingewiesen, web ches in dem mehrmaligen Eingreifen ^?es^ Reichspräsidenten liegt, dem man nicht den Dank bun' ' Hebungsantrages abstatten dürfe. . . die Lage sich fortgesetzt ändert, trotz allem nicht ausge-
mrd) die Annahme des Auf- !. Ueberraschungen sind, da
schlössen.
Wird der Reichstag doch aufgelöst?
Die Verhandlungen mit den Deutschnationalen gescheitert.
Berlin, 18. Juli. Wie wir aus parlamentarischen Kreisen erfahren, sind die Verhandlungen der Deutschnationalen Volkspartei mit dem Reichskanzler Brüning als gescheitert zu betrachten.
Die Forderungen der Deutschnationalen, die von den Abgeordneten Hugenberg und Oberfohren vorgetragen wurden, bezogen sich, wie zu erwarten war, zum Teil auf Preußen: es ist jedoch bekannt, daß der Reichskanzler schon immer jegliche Beeinflussung der preußischen Zentrumsfraktion von vornherein abgelehnt hat. Wenn der Reichskanzler zu der Besprechung, deren zweiter Teil nur von kurzer Dauer war, den demokratischen Reichsfinanzminister Dietrich hinzugezogen hat, so geschah das, um jeder späteren Mißdeutung von vornherein vorzubeugen. v
Die Entscheidung über Fortbestand oder Auslosung des Reichstages wird bereits für heute vormittag gegen 10.30 Uhr erwartet. Wenn es gelingen sollte, über den Wiß-
krauensankrag der Sozialdemokralischen Partei zuerst ab- skimmen zu lassen, dann wird man bereits über die Haltung der Deutschnationalen unterrichtet sein. Natürlich ist das vor allen entscheidenden Abstimmungen beliebte Zahlenspiel bereits wieder im Gange. So hört man, daß etwa 28 deutschnationale Abgeordnete, die die bäuerliche Bevölkerung vertreten, anders als ihre Partei stimmen werden.
Es bleibt dabei, daß es auf die Besetzung des Hauses und auf jede Stimme ankommen wird.
Zu den Besprechungen mit dem Reichsanzler teilt die Deutschnationale Pressestelle mit:
Im Verfolg der deutschnationalen Anfrage, ob der Reichskanzler zu sofortigen Verhandlungen über die politische Gesamtlage bereit wäre, fand in den Nachmittagsstunden
eine längere Aussprache zwischen Dr. Hugenberg und einerseits und Reichskanzler Dr. B r ü -
Dr. O b e r f o h r e n
n i n g und dem von ihm hinzugezogenen Reichsfinanzminister Dietrich andererseits statt. Von den deutschnationalen Führern wurden die Verhandlungen auf folgender Grundlage und mit folgenden Zielen geführt:
Das Abgleiten Deutschlands in neue schwere Zuckungen kann nur durch Stärkung des rechten Flügels und durch eine — zwar auf der ganzen Linie arbeitnehmerfreundliche — aber klar antimarxistische deutsche Freiheits- und Friedenspolitik vermieden werden, die Kultur, Wirtschaft und Finanzen rettet. Zur Erreichung dieses sachlichen Zieles müßte außer einer Umbildung des Reichskabinetts im Sinne der Bildung einer wirklichen Rechtsregierung die Gewähr für eine entsprechende Parteigruppierung und
Umgestaltung der Regierung in Preußen gegeben werden.
Um eine ruhige Verhandlung über die sich hieraus ergebenden Fragen zu ermöglichen, würde die Deutjchnationale »MMM-M-f iWeWr.in. gememfan. ewMwRSieinerim«spurteten zu beantragen und zu beschließen, daß die Verhandlung und Abstimmung über den Antrag auf Aufhebung der erlassenen Verordnungen auf einen der letzten Septembertage vertagt wird.
Nach einer Aussprache über diese Anregungen wurde vereinbart, daß der Reichskanzler Mitteilung über seine endgültige Stellungnahme machen würde. Diese Mitteilung erfolgte durch den Staatssekretär der Reichskanzlei in dem Sinne, daß eine Vertagung der Beschlußfassung über den sozialdemokratischen Antrag nicht möglich erscheine, daß vielmehr die Auffassung dahin gehe, daß eine sofortige Entscheidung zweckmäßig sei Demgemäß wurde unmittelbar darauf unter Zustimmung der Regierungsparteien der sozialdemokratische Antrag auf Aufhebung der Notverordnungen als erster Punkt auf die Tagesordnung der heutigen Reichstagssitzung gesetzt.
Der von der nationalen Opposition gemachte Versuch, die Grundlage für eine Zusammenarbeit zu finden, hat sich simit erledigt.
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Rheinlandfeiern finden programmäßig statt
Berlin, 17. Juli
Der preußische Ministerpräsident Braun hat im Laufe des Donnerstag vormittag dem Reichspräsidenten zusammen mit dem Reichskanzler Dr Brüning einen Besuch abgestattet, um den Reichspräsidenten in aller Form zu bitten, auf seiner Reise durch die befreiten Gebiete auch die preußischen Gebietsteile zu besuchen.
Da das Stahlhelmverbot für Rheinland und Westfalen von der preußischen Staatsregierung aufgehoben worden ist, entfällt der Grund, der bisher den Reichspräsidenten veranlaßt hat, nicht in die preußischen Gebietsteile des befreiten Gebietes zu reifen. Die Reife des Reichspräsidenten wird nunmehr in der ursprünglich geplanten Form und Ausdehnung siattfinden.
Englands vorläufige Antwort an Briand
London, 18. Juli. Die englische Regierung hat in Paris eine Antwort auf Briands Europa-Memorandum überreichen lassen. In der Einleitung wird mit besonderem Nachdruck betont, daß sich die englische Regierung eine weitere eingehende Prüfung des Problems in Gemeinschaft mit den übrigen Regierungen des britischen Reiches vorbehalten müsse, und daß daher der überreichten Antwort nur der Charakter einer vorläufigen skizzenhaften Aeußerung zukommen könne.
In der Antwort begrüßt die britische Regierung das von der französischen Regierung verfolgte Ziel, eine engere Zusammenarbeit der europäischen Pölker zu fördern und wirksamere Maßnahmen gegen den Ausbruch eines Krieges zu ergreifen, auf das lebhafteste. Unabhängigkeit und Souveränität jedes Landes müßten jedoch unangetastet bleiben wie gewisse Bande, die zwischen Gruppen von Nationen bestehen. Insoweit die politische Aktion dieses Ziel verfolge, stimme die britische Regierung dem Vorschläge für ein Zusammenwirken der wirtschaftlichen und politischen Behörden zu. Es bestehe die Gefahr, daß eine rein europäische Union Rivalitäten und Feindseligkeiten von Kontinent zu Kontinent hervorrufen würde. Das Ziel, das man verfolge, könne sehr gut innerhalb des Völkerbundes erreicht werden.
Ein Steuben-Relies, welches am Sonntag in der Ehrenhalle der Ausstellung in Magdeburg eingeweiht wird.
Rotizrisireit vor dem StaatsseriAsW
Leipzig, 18. Juli.
Der StcMsgerichtshof für das Deutsche Reich verhan- «Wß-ch««^ ^»«nw--^» ^tofc^u^-^ ‘-eM——
Bumse in der verfassungsrechtlichen Streitsache des Landes Thüringen gegen das Deutsche Reich über den Erlaß einer einstweiligen Verfügung in der Frage der Weikergewährung der vom Reich an Thüringen zu leistenden Polizeizuschüsse.
Als Vertreter Thüringens waren Ministerialrat Guyet und der Staatsrechtslehrer an der Universität Jena, Ober- oerwaltungsgerichtsrat Prof. Dr. Koellreuther, erschienen, während das Reich durch Staatssekretär Dr. Zweigert und Ministerialdirigent Haentzschel vertreten wurde.
Thüringen beantragte zur Sache, festzustellen, daß die Sperre der Polizeizuschüsse an Thüringen unzulässig und das Reich verpflichtet ist, die Thüringen zustehenden Zuschüsse weiterzuzahlen. Ferner beantragte Thüringen, durch einstweilige Verfügung, festzustellen, das Reich habe bis zur endgültigen Entscheidung des Staatsgerichtshofes an das Land Thüringen wie bisher monatlich 285 403 Rm. zur Bestreitung der Ausgaben zum Zwecke polizeilichen Schutzes zu gewähren.
Da zunächst nur eine vorläufige Regelung angestrebt ist, regte der Vorsitzende Dr. Bumke an, eine solche vorläufige Regelung durch ein Einvernehmen zwischen den Parteien herbeizuführen. Staatssekretär Zweigert sah jedoch politisch keine Möglichkeit hierzu, solange die gegenwärtigen Verhältnisse in Thüringen bestehen. Ministerialrat Guyet erklärte, daß nach dem Beschlusse des thüringischen Staatsministeriums keine Zusage für eine Aenderung der gegenwärtigen Verhältnisse gemacht werden könne.
Die Entscheidung soll am Freitagnachmittag, 1 Uhr, verkündet werden.
Wieder mehr WohIfahrtrerwerbLlose
Berlin, 18. Juli
Nach der monatlichen Statistik des Reichsstädtebundes sind in etwa 1200 kleinen und mittleren Städten am 30. Juni etwa 70 000 Wohlfahrtserwerbslose ermittelt worden, d. h S unterstützte Parteien (ohne Zuschlagsempfän- ger) auf 1000 Einwohner. Am 31. Mai betrug die Zahl der unterstützten Wohlsahrtserwerbslosen rund 63 000 oder 8 auf 1000 Einwohner, so daß im Juni eine Steigerung von 12% Prozent eingetreten ist. Seit dem 30. September 1929 hat sich die Zahl der laufend unterstützten Wohlfahrts- erwerslchen in den kleinen und mittleren Städten mehr als verdreifacht. Besondere Beachtung verdient die Tatsache, daß die Zahl der Unterstützten in der Arbeitslosenversicherung Zurückgegangen ist.
Lotzmrdda« in 6er SolMuftrie?
Berlin, 18. Juli
Nachdem der Arbeitgeberverband der Deutschen Holzindustrie die Lohnabkommen zum 1. August 1930 gekündigt hat, trat die Zentrale Verhandlungskommission zusammen. Die Arbeitgeber fordern, daß die bisherigen Ecklöhne auf den stand vom 1. Oktober 1928 zurückversetzt werden.
Das bedeutet eine Reduktion der Spitzenlöhne in den einzelnen Lohngebieten um 6 bis 9 Pfg. pro Stunde.
Vo,i diesen reduzierten Löhnen soll für die Musikinstrumenten- und Stuhlindustrie ein weiterer Abzug von 12 % Prozent gemacht werden. Das würde für diese Industriezweige einen Lohnabbau von 17 bis 23 Pfennigen pro Stunde be= deuten Die Verhandlungen sind noch n' ht abgeschlossen.